Schwatzkasten

Schwatzkasten 22.06.2016

AMORPHIS - Schwatzkasten mit Tomi Joutsen (Amorphis)

Wenn AMORPHIS-Frontmann Tomi Joutsen sich auf der Bühne beherzt die Seele aus dem Leib growlt, käme wohl niemandem in den Sinn, dass der Finne in Wirklichkeit ein eher zurückhaltender Zeitgenosse ist. Für unseren Schwatzkasten schob Tomi, ganz Profi, seine Schüchternheit allerdings zur Seite und plauderte gut gelaunt über sein Leben.  

Tomi, wo bist du aufgewachsen?

»Ich bin 1975 in Lohja geboren, das ist ungefähr eine Stunde Autofahrt von Helsinki entfernt. Und da wohne ich bis heute.«

Warst du eher ein Musterkind oder ein kleiner Satansbraten?


»Ich glaube, ich war ein ziemlich soziales Kind. Ich hatte viele Freunde. Ich war sicher kein Satansbraten, aber natürlich tun kleine Jungs oft ziemlich bescheuerte Dinge (lacht). Große Probleme habe ich als Kind aber nicht gemacht.«

Was ist deine liebste Kindheitserinnerung?

»Ich erinnere mich noch gut an das erste Haus, in dem wir wohnten. Das war ein ziemlich altes Gebäude, in dem noch drei andere Familien wohnten. Es war keine Kommune, aber ein paar Ähnlichkeiten gab es schon. In der Umgebung lebten viele Kinder, und wir spielten ständig draußen, das war natürlich klasse. Ich habe noch eine drei Jahre ältere Schwester, und wir hatten eine wirklich tolle Kindheit.«

Welche Bands haben dich zum Metal gebracht?

»Hm, das ist schwierig. Von meinem achten bis zehnten Lebensjahr hörte ich typische Hardrock-Bands wie Kiss oder AC/DC. Dann gab es ein oder zwei Jahre, ich denen ich meine Diskomusik-Phase hatte. Ich glaube, das war wegen der Mädchen (lacht). Danach fing ich aber an, Metal zu hören. Ich glaube, die erste Metalband, die ich entdeckte, waren Metallica. Da war ich ungefähr zwölf Jahre alt. Danach kamen Slayer, und später wurde mein Musikgeschmack noch um einiges brutaler (lacht).«

Erinnerst du dich noch an deine erste eigene Metalband?

»Ja, da muss ich ungefähr 13 gewesen sein. Ich habe mit Schlagzeug angefangen und spielte in einer Coverband. Wir zockten zum Beispiel Van Halen, Europe und solche Sachen. Wir hatten diese Band ungefähr fünf Jahre lang und spielten sehr viele Shows in meiner Heimatstadt. Natürlich nahmen wir die Sache todernst (lacht). Aber es hat Spaß gemacht und war gewissermaßen meine Rock-Schule.«

Was war dein erstes selbst gekauftes Album?


»Hm... „Tales From The Thousand Lakes“ war es nicht, aber das war mein drittes oder viertes Album. Als Jugendlicher hatte ich nicht genug Geld, um mir Platten zu kaufen, und von meinen Eltern bekam ich Süßigkeiten und solche Sachen, aber keine Alben. Ich hatte zwar ein paar LPs von Kiss, aber die erste CD, die ich mir selbst kaufte, war entweder von Biohazard oder von einer finnischen Band namens Suburban Tribe.«

Erinnerst du dich noch an das erste Konzert, das du je gespielt hast?

»Ja, das war mit meiner ersten Band, von der ich schon erzählt habe. Wir traten in meiner Schule auf, wo irgendeine Feier stattfand. Ich weiß nicht mehr genau, was für eine Feier das war, aber wir spielten dort ein paar Songs, und ich war natürlich furchtbar nervös. Trotzdem war es ein fantastisches Gefühl, auf der Bühne zu stehen!«

Sind deine Eltern stolz auf dich, oder hätten sie dich lieber in einem normalen Beruf gesehen?

»Ich weiß nicht recht. Ich hatte sogar einen normalen Job, bevor ich bei AMORPHIS spielte. Ich habe ungefähr zehn Jahre lang mit jungen Leuten gearbeitet, in einem Jugendcafé. Nachdem ich bei AMORPHIS eingestiegen war, musste ich den Job allerdings aufgeben, weil mir einfach die Zeit fehlte, aber die Arbeit hat mir Spaß gemacht. Und falls mit AMORPHIS mal irgendetwas passieren sollte, kann ich immer noch in meinen Job als Jugendarbeiter zurückkehren.«

Was war der furchtbarste Job, den du je gemacht hast?

»Einen richtig miesen Job hatte ich eigentlich gar nicht, aber ich kann mich noch gut an einen ziemlich üblen Moment erinnern, als ich gerade als Bademeister am Strand jobbte. Eines Morgens kam ich zur Arbeit an den Strand und fand einen Haufen Scheiße in einer der Umkleidekabinen! Natürlich musste ich das saubermachen (lacht). Und während ich noch die Kabine reinigte, sah ich in vielleicht 100 Metern Entfernung einen Kerl, der sich gerade davonschlich. Jede Wette, dass der etwas damit zu tun hatte!«

Womit vertreibst du dir auf Tour die Langeweile?

»Eine gute Sache ist es immer, herumzulaufen und die Gegend zu erkunden, wenn der Club in der Stadtmitte ist. Manchmal liegen die Venues aber auch irgendwo im Nirgendwo, das ist dann wirklich langweilig. Spazierengehen, Joggen oder manchmal sogar Trainieren, mit Situps und solchen Übungen, sind für mich gute Möglichkeiten, mich zu entspannen.«

Hast du schon mal merkwürdige oder total abgefahrene Geschenke von Fans bekommen?

»Nicht unbedingt merkwürdig, aber das aufwendigste Geschenk bekam ich von einer jungen Dame, als wir in Russland spielten. Es war eine Matroschka, eine von diesen hölzernen Puppen. Genauer gesagt eine handgemachte AMORPHIS-Matroschka. Die war wirklich wunderschön, ein ganz tolles Geschenk.«

Hast du sie noch?

»Aber klar doch!«

Spielt ihr euch gegenseitig Streiche auf Tour?

»Nein, das machen wir kaum noch. Auf Tour versuchen wir, die Privatsphäre der anderen zu achten. Wenn jemand in seiner Koje liegt, lassen ihn die anderen in Ruhe. Jeder sollte das Recht haben, auch mal für sich zu sein. Wenn dir jemand einen Streich spielt und du gerade richtig müde bist, dann pisst dich der Streich vermutlich so richtig an, und aus diesem Grund machen wir das nicht mehr.«

Was war das schlimmste Konzert, das du mit AMORPHIS gespielt hast?

»Manchmal gab es schon richtig üble technische Probleme, und ich hoffe dann immer sehr, dass die Leute vor der Bühne das nicht so mitbekommen. Aber richtig schlimme Konzerte hatten wir eigentlich keine bisher. Obwohl – doch! Ich kann mich noch an eine Show in der Ukraine erinnern. Es regnete wie aus Kübeln, und auf der Bühne war jede Menge Wasser. Das stand locker fünf Zentimeter hoch, und natürlich haben wir auf der Bühne sehr viel technisches Zeug und Strom. Das war schon ziemlich besorgniserregend, aber zum Glück ging alles gut, und die Zuschauer bekamen von dem ganzen Schrecken gar nichts mit.«

Und was war das schlimmste Konzert, das du als Zuschauer besucht hast?

»Ich war im Jahr 2000 beim Roskilde Festival, als dieses schlimme, sehr tragische Unglück beim Auftritt von Pearl Jam passierte (neun Besucher starben dort, als sie auf dem matschigen Boden den Halt verloren, hinfielen und von den Menschenmassen erdrückt wurden - am). Ich war im Publikum, aber um ehrlich zu sein, war die Show echt scheiße, und wir gingen nach etwa zehn Minuten zurück zum Campingplatz. Ein oder zwei Stunden später hörten wir von dieser furchtbaren Tragödie. Danach war das ganze Festival sehr still, und die Leute standen unter Schock. Ich verstehe gar nicht, wie es zu diesem Tumult kommen konnte, denn der Auftritt war eher langweilig. Das war wohl die schlimmste Konzerterfahrung meines Lebens.«

Hast du jemals ein total blödes Gerücht über dich selbst gehört?

»Ich habe ja dieses ganz spezielle Custom-Mikrofon, und einige Leute denken echt, dass ich das Mikro benutzen und daran einen speziellen Knopf drücken muss, wenn ich growle. Es gibt so viele bescheuerte Diskussionen über mein Mikro. Und seit ich meine Dreads abgeschnitten habe, gibt es viele Spekulationen, ob die Dreads überhaupt jemals echt waren. Richtig dramatische Gerüchte gab es aber bisher nicht – oder zumindest sind sie mir noch nicht zu Ohren gekommen (lacht).«

Was war der seltsamste Bandvergleich, den du in Bezug auf AMORPHIS bisher gehört hast?

»Da gab es schon einige. Manche Leute denken, wir seien eine Gothic-Metal-Band, was wir eindeutig nicht sind. Andere sehen uns als Death-Metal-Band, was wir im Grunde auch nicht sind. Vielleicht sind in unserer Musik ja doch irgendwelche Goth-Metal-Elemente? Ich weiß nicht so recht (lacht).«

Wenn deine Teenager-Tochter einen Rockmusiker oder Metaller mit nach Hause bringen würde, wäre das okay, oder würdest du einschreiten?

»Ach, das wäre schon in Ordnung, denke ich. Ich sehe das Spielen in einer Metalband als Hobby an – genau wie Fußball oder so was in der Art. Du hast dabei Spaß mit deinen Freunden. Damit hätte ich gar kein Problem.« 

Hast du schon mal ein richtig schnulziges Liebeslied geschrieben, um eine Frau rumzukriegen?

»Nein, niemals! Ich habe zwar schon einige schmalzige Songs geschrieben, aber niemals, um eine Frau damit zu beeindrucken. Jedenfalls nicht nur (lacht). Ich hatte mal eine Grunge-Band, und mit der haben wir so einige wehleidige und auch kitschige Songs gespielt.«

Bist du ein religiöser Mensch?

»Nein, überhaupt nicht.«

Was ist deiner Meinung nach deine beste und was deine schlechteste Charaktereigenschaft?

(Er überlegt ziemlich lange:) »Ich glaube, meine beste Eigenschaft ist, dass ich ein Mensch bin, dem man vertrauen und auf den man sich verlassen kann. Zumindest versuche ich das. In puncto Band versuche ich, so professionell wie möglich zu sein. Aber ich lache auch sehr gern, vor allem über mich selbst, und nehme die Dinge nicht zu ernst. Meine schlechteste Eigenschaft ist vermutlich, dass ich nicht sehr kommunikativ bin. Bei Partys zum Beispiel oder auf Tour sitze ich oft allein in irgendeiner Ecke. Für mich geht das voll in Ordnung, aber es wäre schon besser, etwas offener zu sein.«

Na so was! Nach dem, was mir andere Musiker erzählt haben, dachte ich immer, ihr Finnen würdet unglaublich gern Party machen.

»Das stimmt auch! Ich gehe gern auf Partys, aber ich trinke dort nicht viel, vor allem, wenn wir am nächsten Tag ein Konzert spielen. Da habe ich zu viel Angst, dass meine Stimme am nächsten Morgen scheiße klingt oder einfach ganz weg ist. Wenn ich allerdings doch mal trinke, werde ich sogar noch schüchterner. Irgendetwas stimmt mit mir nicht (lacht).«

Mit welcher Berühmtheit, egal ob tot oder lebendig, würdest du gern mal einen Plausch halten?

»Ich fände es sehr interessant, Osama Bin Laden zu treffen oder auch irgendwelche Diktatoren. Die sind so absolut verrückt, deshalb würde ich mich gern mit ihnen unterhalten, um ihre irren Gedankengänge und Taten besser nachvollziehen zu können. Es wäre interessant zu sehen, ob sie überhaupt irgendwelche menschlichen Regungen zeigen.«

Was würdest du Bin Laden fragen?

»So etwas wie: „Was machst du da eigentlich? Was für einen Scheiß verzapfst du hier? Erklär mir das mal!“«

Welche Musikrichtung kannst du absolut nicht ausstehen?

»Ich mag keine Popmusik! Ich mag Rap und auch elektronische Musik, aber diese total kommerziellen Popsongs sind mir einfach zuwider. Die mögen zwar nette Melodien haben, aber für mich ist das keine ernstzunehmende Musik. Popmusik macht mich echt wütend (lacht).«

Wenn dir jemand eine horrende Geldsumme dafür bieten würde, in einer Boyband zu singen, würdest du es tun?


»Nein, auf keinen Fall! Ich würde dann lieber wieder mit Jugendlichen arbeiten.«

Was ist dir lieber: CDs, LPs oder mp3s?

»Ich würde gern CDs sagen, aber im Tourbus höre ich fast nur Spotify. Das ist zwar blöd, aber so ist es nun mal. Zu Hause habe ich aber um die 1.000 CDs. Ich glaube, es wird später mal eine Zeit kommen, in der ich mir jede Menge Platten kaufe. Momentan aber habe ich nicht einmal die richtige Anlage dafür.«

Was ist die peinlichste Scheibe in deiner Plattensammlung?

»Da fällt mir wirklich nichts ein. Ich besitze einige Madonna-CDs, aber das finde ich nicht peinlich, weil sie tolle Musik macht. Boybands oder andere fiese Sachen gibt es bei mir nicht. Ich habe nichts zu verbergen (lacht).«

Sammelst du noch irgendetwas anderes?

»Außer CDs? Nein, ich bin einfach kein Sammler-Typ.«

Gibt es etwas, ohne das du nicht leben kannst?


»Es wäre wirklich schwierig, mir die Welt ohne Liebe vorzustellen.«

Wärst du ein guter Hausmann?

»Na ja, solche Sachen wie Aufräumen, ein bisschen Kochen und Staubsaugen mache ich schon, aber ich würde nicht sagen, dass ich ein guter Hausmann wäre, dafür bin ich viel zu faul. Das ist wirklich nicht meine stärkste Seite (lacht).«

Wann hast du dich das letzte Mal komplett zum Trottel gemacht?


»Das war letzten Sommer. Eine Freundin von mir wurde 50 und hatte eine richtig fette Geburtstagsparty in meiner Heimatstadt. Wir haben da so eine Tradition: Wir sind in einem kleinen Raum und hören die Band Eläkeläiset. Alle sind total besoffen, und dann tanzen wir ein oder zwei Stunden Humppa. Ich weiß nicht, wieso, aber ich schlug dabei allen Leuten auf den Hintern. Offenbar hielt ich das für eine großartige Idee. Am nächsten Morgen dachte ich darüber nach, und da waren Leute dabei, die ich gar nicht kannte, vollkommen Fremde. Da wurde mir klar, dass es vielleicht doch nicht meine beste Idee gewesen war. Aber immerhin: Als ich es machte, hatte ich unglaublich viel Spaß (lacht).«

Mit welcher Dame würdest du gern mal im Aufzug stecken bleiben?


»Mit Juliette Lewis vielleicht. Da würde es bestimmt nicht langweilig, und außerdem ist sie eine tolle Schauspielerin, das könnte sehr interessant werden.«

Auch wenn du nicht religiös bist: Mal angenommen, du hättest die Gelegenheit, mit Gott oder dem Teufel zu plaudern – was würdest du ihn fragen?

»Oh, ich hätte einen Haufen Fragen an Gott. Vermutlich würde ich ihm die gleichen Fragen stellen wie Osama Bin Laden: Was zum Teufel soll der ganze Scheiß (lacht)?«

Wie sieht für dich ein perfekter Tag aus?

»Das wäre ein sonniger Sommertag in Finnland, mit Sauna, Bier, Freunden, guter Musik, ein bisschen Sport wie zum Beispiel Volleyball. Einfach Spaß haben, bescheuerte Dinge anstellen und eine gute Zeit haben. Ganz simple Dinge.«

In welchem anderen Land außer Finnland würdest du gern leben?

»Ich habe noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, in einem anderen Land zu leben, aber wenn ich umziehen müsste, dann am liebsten nach Dänemark oder in die Niederlande. Die Leute und die Atmosphäre dort sind wirklich entspannt und offen. Die Städte sind schön, und man kann dort prima Fahrrad fahren. In Finnland gibt es viel zu viele Regeln, alles ist genau durchstrukturiert, und wenn du mal etwas organisieren willst, musst du dich erst einmal durch diesen Wust an Regeln wühlen. Es ist wirklich schwierig, da überhaupt irgendetwas zu organisieren. Ich kann natürlich auch falschliegen, aber ich glaube, dass es in Dänemark oder den Niederlanden weniger streng zugeht.«

Was ist dein schlimmster Alptraum?

»Meine richtig guten Freunde und meine Familie zu verlieren. Ich brauche nicht wirklich viele materielle Dinge in meinem Leben. Häuser, Autos und solche Sachen sind mir nicht so wichtig. Ich könnte sogar richtig krank sein, Hauptsache, ich habe diese Menschen um mich herum. Ich will nicht allein sein.«

Wenn du nur noch eine Woche zu leben hättest, was würdest du tun?

»Ich würde natürlich Zeit mit meiner Familie verbringen. Es wäre toll, noch eine letzte große Party zu feiern. Und es wäre cool, mal Heroin auszuprobieren. Ich hätte ja nichts zu verlieren (lacht).«

www.facebook.com/amorphis

Pic: Ville Jourikkala

Bands:
AMORPHIS
Autor:
Alexandra Michels

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