Schwatzkasten

Schwatzkasten 17.03.2010

HEAVEN SHALL BURN - Schwatzkasten mit Marcus Bischoff & Maik Weichert

Bevor das Thüringer (Ex-)Metalcore-Kollektiv Heaven Shall Burn Ende Mai sein famoses, textlich erneut sehr ernstes Reifezeugnis „Invictus (Iconoclast III)“ in die Läden wuchtet, nähern wir uns der Band voyeuristisch und mit Augenzwinkern: Gitarrist MAIK WEICHERT und - Achtung: absolute Interview-Premiere! - Frontmann MARCUS BISCHOFF im Schwatzkasten.

Marcus, Maik, wo lebt ihr, wo seid ihr aufgewachsen?

Marcus: »Ich lebe in Saalfeld in Thüringen, das ist in der Nähe von Erfurt. In dieser Gegend bin ich auch aufgewachsen.«

Maik: »Ich wohne in Weimar, groß geworden bin ich in der kleinen thüringischen Stadt Blankenhain in einem normalen DDR-Plattenbau. Diese Wohnungen hatten durchaus ihren Charme. Ich glaube, der 1995 verstorbene Dramatiker Heiner Müller hat sie mal als „Fickzellen mit Zentralheizung“ bezeichnet (lacht). Arbeiterschließfächer halt. Aber das war eine schöne Zeit als Kind; man hatte alle seine Freunde in der Nähe.«

Auch wenn ihr es zur Zeit eigentlich nicht müsst: Womit verdient ihr neben der Musik eure Brötchen?

Maik: »Im Moment müssten wir wirklich nicht arbeiten, aber man kennt ja unsere Band-Philosophie (grinst). Ich schreibe gerade meine Dissertation und hoffe, dass ich sie meinem Professor noch dieses Jahr auf den Tisch knallen kann. Danach würde ich ganz gern an der Uni bleiben und den Studenten ein bisschen was vom Pferd erzählen. Das würde mir Spaß machen.«

Marcus: »Ich arbeite seit vier Jahren als Krankenpfleger. Vorher habe ich ein paar Semester Umwelttechnik studiert, das Ganze aber irgendwann abgebrochen. Das war doch nicht so ganz meins. Meine soziale Ader habe ich dagegen während des Zivildienstes entdeckt, als ich mit geistig Behinderten gearbeitet habe. Krankenpfleger ist also in der Tat mein Traumberuf - auch wenn in unserem maroden Gesundheitssystem natürlich nicht alles Gold ist, was glänzt.«

Maik: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt, aber alles, was braun ist, ist Scheiße (lacht).«

Marcus: »Egal, wie das mit der Band weiterläuft: Ich würde das wirklich nur ungerne aufgeben. Vielleicht kann man das ja irgendwann drehen, und ich jobbe quasi als Hobby weiter auf 16-Stunden-Basis (lacht). Ich gehe nun mal sehr gerne arbeiten.«

Verliebt, verlobt, verheiratet?

Maik: »Ich bin verliebt. Nicht verheiratet, nicht verlobt - aber sehr verliebt (grinst).«

Marcus: »Ich war mal verliebt, werde nie wieder lieben, werde somit nie verlobt sein und auch nie heiraten. Bei mir ist der Zug abgefahren. Ich habe diesbezüglich zu viele schlechte Erfahrungen gemacht.«

Maik (lachend): »Er stapfte mir vor einiger Zeit mal nachts entgegen und schnaubte wutentbrannt: „Ich kann nicht mehr lieben! Ich verletze ab jetzt nur noch!“«

Marcus: »Man kommt heutzutage ohne Beziehung besser klar. Gerade wenn man sich als Single umschaut, fällt einem auf, dass alles viel mehr Schein als Sein ist. Nach außen wirken die meisten Beziehungen perfekt, bohrt man tiefer, fällt allerdings auf, wie sehr ein Großteil der Paare mit sich im Unreinen ist. Zum Beispiel ist gerade eine gute Freundin von mir, die ein Kind bekommen hat, von ihrem komplett überforderten Mann verlassen worden. Wenn ich so was sehe, bekomme ich Angst. Ich müsste eine Frau finden, die Prinzipien hat und all das mitbringt, was ich mir vorstelle. Und die muss wohl noch gebacken werden.«

Maik: »Das sind ja auch Auswüchse unserer Zeit. Unsere Großeltern standen nach dem Krieg vor Unerbittlichem und hatten gar nicht die Wahl, sich bei Friendscout anzumelden.«

Marcus: »Das Fremdgehen wird einem leicht gemacht. So nach dem Motto: „Wenn´s nicht hinhaut, sehe ich mich halt in der nächsten Kontaktbörse um, und schon habe ich das nächste Date!“ Heutzutage sieht man sich, dann sucht man denjenigen oder diejenige über Facebook oder studiVZ, man mailt, und vielleicht findet dann ein Treffen statt. Ich bin dagegen noch ein Verfechter der alten Schule: Wenn mir eine Frau gefällt, spreche ich sie an. Als ich das vor kurzem tatsächlich noch mal getan habe, war die junge Dame denn auch völlig überfordert. Sie war gar nicht darauf gefasst und konnte überhaupt nicht damit umgehen (lacht).«

Maik: »Auf Darwins Lehre bezogen, also evolutionsbiologisch, müssten eigentlich die Individuen mit den längsten Armen die Nase vorn haben, denn sie können die coolsten MySpace-Selbstauslöser-Fotos machen. Sie müssten bei der Fortpflanzung im Vorteil sein. Irgendwann haben die Leute bestimmt einen deutlich längeren rechten Arm!«

Wer von euch nervt auf einer Heaven-Shall-Burn-Tour am meisten?

Marcus: »Oh, da sind wir uns alle einig!«

Maik: »Da sind wir uns wirklich einig: Das ist ganz klar Alexander (Dietz; g.). Aber nicht nur im Negativen, sondern auch im Positiven.«

Marcus: »Er belebt die Band, denn er ist in jeder Hinsicht extrem. Er kann sehr nervig sein, so dass man einfach nur die Batterie rausnehmen möchte; andererseits sorgt er nach einer anstrengenden Zehn-Stunden-Fahrt mit seiner Energie auch sofort wieder für gute Laune.«

Was kickt einen Veganer besonders: Rindersteak, Hähnchenschenkel oder Schweineschnitzel?

Maik: »Im Rahmen der Volksgesundheit würde ich sagen: Rindersteak. Aber das ist alles nicht so das Wahre. Wenn´s um Fleisch geht, plädiere ich am ehesten für Wildragout. Wer Fleisch essen will, soll mit Pfeil und Bogen in den Wald gehen und gucken, wer der Stärkere ist. Wenn er gewinnt: guten Appetit. Und wenn nicht, dann nicht (lacht).«

Sind Veganer bessere Menschen?

Maik: »Nee, auf keinen Fall. Ich würde sogar die Feststellung unterschreiben, dass Veganer nervigere Menschen sind. Auch ich habe Jahre gebraucht, um mir abzugewöhnen, den Leuten auf den Sack zu gehen. Mittlerweile kann ich an einem „normalen“ Tisch sitzen, ohne den anderen etwas über ihr Essen zu erzählen. Dadurch ist es heutzutage eher umgekehrt: Man erzählt mir meistens etwas über MEIN Essen. Da ist man dann allerdings auch als Veganer schnell genervt. Veganer sind also nicht besser, aber sie leben vielleicht bewusster, denn sie machen sich mehr Gedanken. Essen spielt im Tagesablauf eine viel wichtigere Rolle und löst ganz andere Glücksgefühle aus. Es ist zum Beispiel ein echter Traum, unerwartet ein veganes Törtchen zu finden.«

Marcus: »Wenn wir irgendwo vegane Cordon bleus entdecken, haben wir Tränen in den Augen und freuen uns wie kleine Jungs. Man wirft uns ja auch schon seit Jahren einen gewissen Fresstourismus vor. Egal, wo wir hinkommen: Wir checken alle veganen Restaurants.«

Maik: »Wir haben in Sydney sogar mal 250 Dollar für ein Taxi ausgegeben, um zu einer veganen Bäckerei zu kommen.«

Marcus: »Das sind für uns eben echte Glücksmomente, hahaha!«

Mit wem würdet ihr am liebsten mal im Fahrstuhl stecken bleiben? Mit Franziska Drohsel (SPD), Sahra Wagenknecht (Die Linke), Kristina Schröder (CDU), Silvana Koch-Mehrin (FDP) oder Claudia Roth (Die Grünen)?

Maik: »Auf jeden Fall Sahra Wagenknecht. Hätte Rosa Luxemburg so ausgesehen... Sahra Wagenknecht bewundere ich sehr - auch wenn ich bei weitem nicht so fundamentalistisch denke. Aber sie ist sehr interessant. Davon abgesehen: Jekaterina Gamowa wäre cool. Das ist ´ne 2,02 Meter große russische Volleyballspielerin. Ich würde gerne sehen, wie die in den Aufzug passt (lacht).«

Ärzte oder Hosen?

Maik: »Definitiv Ärzte. Campino ist für mich der deutsche Bono. Wenn ich den sehe, geht mir das Messer in der Tasche auf. Den kann ich gar nicht ab! Ich kenne ihn nicht persönlich, aber zusammen mit Fortuna-Trainer Norbert Meier ist Campino für mich der unsympathischste Mensch, den ich mir in Düsseldorf vorstellen kann (lacht).«

Marcus: »Ganz klar Ärzte. Das ist pure Unterhaltung!«

Ärzte oder Onkelz?

Maik: »Auch Ärzte, aber bis zur „Wir ham´ noch lange nicht genug“ hatten die Onkelz schon richtig Biss; das kann man nicht abstreiten. Wir haben Stephan Weidner sogar kennen gelernt. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, ihn scheiße oder zumindest suspekt zu finden, aber das ist ein sehr sympathischer Typ, und ich kann jetzt verstehen, dass er die Leute so für sich einnimmt. Er hat wirklich Charisma.«

Marcus: »Ja, das ist bewundernswert. Er kam zu uns in den Backstage-Raum, stellte sich vor und meinte, er hätte unsere Videos gesehen. Dann hat er uns noch in ´ne Nobeldisco eingeladen (lacht).«

Maik: »Auch seine Band ist cool. Aber man tut sich natürlich erst mal schwer. Gerade Leute wie wir, die aus dem Osten kommen, dort schon früh für die linksalternative Szene standen und öfters zu Onkelz-Musik im Hintergrund die Fresse poliert bekommen haben. Aber natürlich kann man das der Band nicht vorwerfen. Ich habe „Live in Vienna“ selbst im Auto. In Deutschland gibt es keine Band, die diese Art Musik besser macht. Wenn man sich mal anguckt, was danach kommt - Kneipenterroristen und so -, kann man wohl kaum von wirklichen Ersatzdrogen sprechen.«

Marcus: »Du hörst die Onkelz einmal, und beim nächsten Durchlauf kannst du alles mitsingen.«

Pepsi oder Coca-Cola?

Maik: »Mag ich beides gar nicht. Unser Drummer Matze ist dafür zuständig, dass wir auf den Pro-Kopf-Verbrauch kommen. Sein Spitzname ist auch King Cola. Wenn schon Cola, dann Vita Cola.«

Marcus: »Ich finde es faszinierend, dass du Coca-Cola in der hinterletzten Dschungel-Ecke bekommst - sogar da, wo es noch nicht mal ein Krankenhaus gibt.«

Maik: »Ein Kumpel von mir ist Geologe. In seinem Beruf wird Coca-Cola in entlegenen Gebieten benutzt, um Sachen aufzulösen, weil die Inhaltsstoffe genau zuzuordnen sind. Wasser wäre dagegen zu unterschiedlich.«

Marcus: »In der Medizin werden auch PEG-Sonden mit Coca-Cola freigespült.«

Maik: »Aber nicht in Saalfeld, oder?«

Marcus: »Nein, natürlich nicht (lacht).«

„Bild“ oder „taz“?

Maik: »Kennst du jemanden, der die „taz“ liest? „Bild“ lese ich wegen der Fußball-News ab und zu online, ansonsten eher die „Thüringer Allgemeine“ und die „Süddeutsche“.«

Marcus: »Mein Vater liest die „Bild“. Die schnappe ich mir also ab und zu, wenn ich bei meinen Eltern bin.«

Haltet ihr euch selbst für attraktiv?

Maik: »Ich finde mich überhaupt nicht attraktiv; ich weiß auch, dass ich das nicht bin. Ich war schon in Schulzeiten eher der Typ, der die Mädels mit der Intellektuellen-Karte zulabern musste. An die richtig geilen Bitches ist man damit allerdings auch nicht rangekommen. Aber die Mittdreißiger-Machtverschiebung hilft weiter, denn die Frauen schauen mittlerweile auch mal auf was anderes (lacht).«

Marcus: »Ich stehe ganz bestimmt nicht vor dem Spiegel und streichele mir über meinen tollen Körper, aber man sagt mir eine gewisse Attraktivität nach. Darüber mache ich mir allerdings keine Gedanken. Ich bin überhaupt nicht eitel; das ist mir alles nicht wichtig genug.«

Wann habt ihr zum letzten Mal gebetet?

Marcus: »Da war ich vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Das war wohl Weihnachten in der Kirche.«

Maik: »Ich war letztens bei der Kommunion des Bruders meines Patenkindes. Da habe ich zumindest so getan, als würde ich beten. Ehrlich gesagt habe ich aber ans Heimspiel von Carl Zeiss Jena gedacht (lacht).«

Sind eure Eltern stolz auf euch?

Maik: »Als mein Vater vor zwei Jahren gestorben ist, habe ich seine Hinterlassenschaften sortiert und bin auf jede Menge Hefte mit Interviews von uns gestoßen. Ich hätte gar nicht gedacht, dass er überhaupt weiß, dass es Magazine wie das Rock Hard gibt. Dann sitzt man halt da, liest seine eigenen Interviews und denkt darüber nach, was der eigene Vater aufgrund der Storys alles über einen gewusst hat. Das war wirklich krass. Er war immer stolz, dass wir die Welt bereisen konnten; dass er darüber hinaus auch Interesse an unserer Musik gezeigt hat, hat mich aber schon überrascht. Und meine Mutter ist sowieso stolz auf mich.«

Marcus: »Ja, meine Eltern sind auch stolz darauf, wie ich mein Leben bislang gemeistert habe. Mein Vater ist eh ein alter Rocker. Er hört bevorzugt Sachen wie Molly Hatchet oder Lynyrd Skynyrd; mit so ´nem Kram bin ich groß geworden. Meine Eltern haben jetzt auch das Internet für sich entdeckt und wissen stets ganz genau, wo ich gerade bin. Sie sind sehr interessiert, und meine Mutter sorgt dafür, dass ich in Saalfeld immer in aller Munde bin (lacht).«

Was soll euch mal nachgesagt werden?

Marcus: »Ich würde mir wünschen, dass es heißt: „Die waren immer bodenständig, die hatten Spaß auf der Bühne und haben die Nähe zu den Leuten nie verloren!“ Das ist das Wichtigste.«

Maik: »Man soll eines Tages vor sich hin grinsen und an eine gute Zeit denken, wenn die Sprache auf Heaven Shall Burn kommt. Es geht gar nicht so sehr um ein Statement, und wir werden auch künstlerisch nichts Großes erreichen oder neue Soundwelten erschaffen. Dazu sind wir gar nicht in der Lage. Die Leute sollen rückblickend einfach denken: „Wow, da gab es mal eine Band, die Typen waren genau wie ich!“«

www.heavenshallburn.com

www.myspace.com/officialheavenshallburn

DISKOGRAFIE

In Battle There Is No Law (EP, 1998)

Heaven Shall Burn/Fall Of Serenity (Split-LP, 1999)

Asunder (2000)

The Split Program (Split-CD mit Caliban, 2000)

Whatever It May Take (2002)

In Battle... (Re-Release der EP plus Bonus, 2002)

Antigone (2004)

The Split Program II (Split-CD mit Caliban, 2005)

Deaf To Our Prayers (2006)

Whatever It May Take (Re-Release, 2007)

Iconoclast (2008)

Bildersturm - Iconoclast II (The Visual Resistance) (DVD, 2009)

Bands:
HEAVEN SHALL BURN
Autor:
Boris Kaiser

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