Schwatzkasten

Schwatzkasten 28.06.2017

ANTHRAX - Schwatzkasten mit Frank Bello

Frank Joseph Bello stieß 1984 zu ANTHRAX und zählt seitdem neben Schlagzeuger Charlie Benante und Gitarrist Scott Ian zum harten Kern der Big-Four-Band. Im Gegensatz zu vielen anderen Bassisten kommt der US-Amerikaner nicht nur auf, sondern auch neben der Bühne aus sich heraus. So greift der 51-Jährige bei ANTHRAX nicht nur mit seinen Backing-Vocals ins Geschehen ein, sondern erkämpfte sich für einige Covertracks gar die Lead-Vocals, die er ebenfalls bei seinem Projekt Altitudes & Attitude übernimmt, das er mit Megadeth-Bassist David Ellefson gegründet hat. Auch in unserem Schwatzkasten macht Frank von seinem Mundwerk reichlich Gebrauch und offenbart einen liberalen Geist, der auch vor kritischer Selbstreflexion nicht zurückschreckt. ?

Frank, wo bist du aufgewachsen?

»In der Bronx, New York. Unsere Familie war untere Mittelschicht. Ich konnte mich glücklich schätzen, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, die mit Liebe erfüllt war. Wir hatten kaum Geld, dafür aber Liebe, das ist viel wichtiger als alles andere.«

Waren deine Freunde stolz auf dich, als du mit deiner Musikerkarriere angefangen hast?

»Die Jungs, mit denen ich abhing, bevor ich bei ANTHRAX einstieg, haben einen anderen Weg eingeschlagen. Viele von ihnen hatten mehr Interesse am Feiern, während ich mich lieber damit beschäftigt habe, mein Instrument zu erlernen und Riffs zu schreiben.«

Was sind deine schlechtesten Charaktereigenschaften?

»Meine Sturheit und meine Wut. Ich bemühe mich aber darum, dass sich beides bessert. Eines Tages, wenn ich groß bin, wird es besser werden (lacht).«

Was ist deine beste Charaktereigenschaft?

»Mein gutes Herz. Ich versuche, eine sehr nette Person zu sein. Ich liebe Menschen.«

Warst du schon mal im Gefängnis?

»Nein, es gab aber einige knappe Situationen. Viele meiner Freunde saßen im Knast, einige von ihnen immer noch. Die Musik hat mich vor diesem Schicksal bewahrt. Ich bin seit meinem 17. oder 18. Lebensjahr Mitglied bei ANTHRAX. Glücklicherweise habe ich mich auf die Band fokussiert und mich nicht zu Blödsinn hinreißen lassen.«

Warst du in der Schule ein ruhiges Kind, oder hast du zu den Troublemakern gehört?

»Nein, ich habe die Schule abgeschlossen, denn ich wusste, dass dies der einzige Weg ist, um Musik machen zu können. Ich habe die Highschool sogar mit Auszeichnung hinter mich gebracht. Statt des College-Besuchs habe ich dann aber lieber ANTHRAX als meine nächste Lebensstation gewählt.«

Hattest du schon mal einen Autounfall?

»Ja, schon einige. Vor zwei Jahren bin ich von einem Auto angefahren worden. Ich war auf der Hochzeit meines Cousins. Nach der Feier stand ich zwischen zwei Autos und half meiner Schwester, das Navigationsgerät einzurichten. Der Junge vom Park-Service verlor die Kontrolle über eines der Fahrzeuge, statt der Bremse trat er aufs Gas. Er rammte unser Auto, und ich wurde zwischen den beiden Wagen eingeklemmt. Gott sei Dank konnte ich mich noch in eine aufrechte Position begeben, wurde schnell befreit und ins Krankenhaus gefahren. Es hätte wesentlich schlimmer kommen können. Alle machten sich Sorgen. Ich musste die Woche darauf auf Tour gehen und hatte Angst, meine Teilnahme absagen zu müssen. Glücklicherweise mache ich Yoga, was mich in Form hält.«

Was war das Dümmste, das du je in deinem Leben angestellt hast?

»Ich mache immer noch dumme Sachen (lacht). In der Vergangenheit habe ich viele dämliche Dinge angestellt, ich versuche sie mittlerweile aber wieder geradezubiegen, was mir auch ausnahmslos gelungen ist. Es sind also keine Katastrophen dabei. Ich habe einen zehnjährigen Sohn, dem ich versuche, dieses Verhalten beizubringen: „Wenn du einen Fehler machst, lass dich davon nicht runterziehen, sondern korrigiere ihn!“«

Gibt es eine Musikrichtung, die du überhaupt nicht leiden kannst?


»Meiner Meinung nach hat jede Musik ihren Reiz und ihre Berechtigung. Musik ist ein Geschenk, egal welche Stilrichtung. Solange sich damit jemand gut fühlt, hat sie ihren Zweck erfüllt.
Natürlich gibt es Sachen, die ich mir nicht anhöre. Maschinelle Musik, alles, was aus einem Keyboard kommt, ist nicht mein Fall. Aber ich kann nachvollziehen, was die Leute daran toll finden. Mich treibt es allerdings in den Wahnsinn. Ich brauche etwas, das mich nach vorne treibt.
Ich möchte, dass alle Menschen glücklich sind. Und wenn einige von ihnen Elektro oder deutschen Schlager hören, kann ich gut damit leben. Deshalb bin ich wohl Musiker und Songwriter: Es gibt viel Traurigkeit in dieser Welt, und ich freue mich jeden Abend, dass Menschen zu unseren Konzerten kommen und für einige Stunden hoffentlich ihre Probleme vergessen können, eine tolle Zeit haben und mit einem Glücksgefühl nach Hause zurückkehren.«

Bist du ein guter Koch?

»Ich halte mich für einen guten Koch, meine Frau sieht das allerdings anders (lacht). Sie ist eine ausgezeichnete Köchin, und ich versuche, viel von ihr zu lernen. Wenn ich in der Küche stehe, gebe ich mein Bestes, um ein tolles Menü zu zaubern, aber von ihr ernte ich immer mitleidige Blicke. Ich habe ein Talent dafür, das Essen anbrennen zu lassen. Doch wenn ich mal groß bin, werde ich bestimmt ein toller Koch sein.«

Ernährst du dich vegan, vegetarisch oder karnivor?

»Meine Frau ist vegan, ich habe es einige Monate als Vegetarier versucht, bekam aber Bauchprobleme. Mein Doktor legte mir nahe, wieder tierische Proteine zu mir zu nehmen und Hühnchen zu essen. Derzeit steht also wieder Geflügel auf meinem Ernährungsplan, aber ich überlege, es mit dem Fleischessen irgendwann wieder ganz sein zu lassen. Momentan brauche ich allerdings die Nährstoffe, um meinen Körper für die Tourneen fit zu halten.«

Hast du ein Idol?

»Ich habe mich kürzlich mit dem Begriff „Idol“ beschäftigt: Für mich ist das eine Person, die für ihre Familie Verantwortung trägt. Meine größten Idole sind tolle Väter, denn ich sehe, wie schwer es sein kann, ein toller Vater zu sein. Mein größtes Ziel ist es, meinem Sohn der beste Vater zu sein. Ich hoffe, dass ich dazu in der Lage bin, denn mein Dad ließ uns im Stich, als ich zehn Jahre alt war.«

Kannst du dich an den ersten Gig deiner Karriere erinnern?

»Im L´Amour im Jahre 1985. Das war ein großer, angesagter Laden. Ich war fast 18 Jahre alt und spielte meine erste ANTHRAX-Show, was gleichzeitig auch mein allererster Gig überhaupt sein sollte. Ich war supernervös. Ich hatte noch recht kurze Haare und meinen neuen Bass, auf den ich sehr stolz war. Dafür hatte ich keine Ahnung, was ich tat. Ich kannte die Songs, hatte mir aber keine Stage-Performance zurechtgelegt. Alles, was ich machte, kam aus mir raus, ich war also fast permanent am Headbangen. Heute bange ich immer noch viel, es passiert aber noch einiges mehr drumherum.«

Hast du durch das Headbangen schon mal Nackenprobleme bekommen?

»Jeden Abend (lacht). Wir haben gerade fünf Shows hintereinander gespielt, und ehrlich gesagt brauchen wir einmal die Woche eine Masseurin, die uns in Form bringt. Ich praktiziere zwar Yoga, aber das hilft an der Stelle nicht so viel. Ich hoffe, dass ich nicht chronische Nackenprobleme wie einige meiner Freunde bekomme.
Man muss sich auf Tour auch einfach gesund ernähren, um fit zu bleiben. Auf unserem Tourrider wimmelt es nur so vor gesunden Sachen – mit Ausnahme von etwas Schokolade. Wir wollen unseren Fans die bestmögliche Performance liefern.«

Welches Buch liest du momentan?

»Ich habe gerade angefangen, „The Power Of Now“ von Eckhart Tolle zu lesen. Ich bin mittlerweile in einer Phase meines Lebens angekommen, in der ich mich für die Sicht aufs Dasein interessiere. Ein Freund von mir gab mir dieses Buch, nachdem er es durchhatte, und meinte zu mir: „Wenn du das gelesen hast, wirst du anders denken!“ Das bedeutet nicht, dass ich dieses Buch als meine neue Bibel ansehe und alles daraus befolgen werde. Mir geht es darum, meine Perspektive auf das Leben zu erweitern.«

Glaubst du an Gott?

»Ich habe einen inneren Frieden, das ist mein Gott, an den ich glaube. Gibt es etwas Göttliches da draußen? Die religiöse Weltanschauung in den USA und dem Rest der Welt ist etwas für andere Leute, ich habe meine eigenen Ansichten. Ich verurteile niemanden, jeder sollte das glauben, was er will. Es sollte niemanden geben, der dir diktiert, was du zu glauben hast.
Für mich ist jeder sein eigener Gott. Du bist für dich selbst verantwortlich.
Ich glaube an ein Leben nach dem Tod, ich hatte einige Erfahrungen, die mich dazu geführt haben. Es sind zum Beispiel einige Familienmitglieder gestorben, deren Präsenz ich auch noch nach ihrem Tod gespürt habe. Aber Religion im Allgemeinen verursacht so viel Schmerz auf dieser Welt. Jeder sollte glauben dürfen, was er will und was ihn glücklich macht. Aber ich bin ein Musiker, keiner schert sich darum, was ich sage. Das ist aber auch okay, ich bin in erster Linie hier, um die Leute zu unterhalten.«

Hältst du es für wichtig, dass Künstler politische Statements abgeben?

»Ich möchte klarstellen, dass ich mich nicht als „berühmte Person“ sehe. Ich bin ein Musiker, der Songs schreibt, die die Leute aufmuntern sollen. Ich finde es immer lustig, wenn berühmte Personen sich Themen wie Religion oder Politik widmen. Warum sollte ihr Wort mehr wert sein als das jedes anderen Menschen? Jeder sollte seine eigene Meinung haben. Wenn eine berühmte Person eine Rede hält, denke ich mir: „Okay, das ist eine Einzelmeinung, die nicht unbedingt repräsentativ ist.“ Jeder sollte sich sein eigenes Urteil bilden. Benutzt euren Verstand!«

Ist dir schon mal ein Die-hard-Fan auf die Nerven gegangen?

?»Nein, denn ich verstehe die Leidenschaft dahinter. Es ist das ultimative Kompliment, eine Band zu lieben. Ich bin selbst immer noch ein Fan, zum Beispiel von Iron Maiden, Judas Priest oder Black Sabbath. Die meisten Fans verhalten sich respektvoll, mich stört es nur, wenn die Leute zu sehr den Körperkontakt suchen. Aber das passiert nicht oft. Aber ich kann es nachvollziehen, und meistens gelingt es mir, die Leute mit meinen Worten zu beruhigen. Wir sind alle nur Menschen. Nur weil ich das Glück habe, mit Musik meinen Lebensunterhalt verdienen zu können, blicke ich nicht abschätzig auf andere herab. Ich begegne den Leuten lieber auf Augenhöhe.«

Hat dich schon mal eine Frau vor die Wahl gestellt: Ich oder die Musik
?
»Nein, mit so einer Frau würde ich auch nicht zusammen sein wollen.«

Was war die peinlichste Situation in deinem Leben?

»Da gibt es einige. Die peinlichste Bühnenerfahrung fand in den Achtzigern im Beacon Theatre in New York City statt. Ich hatte ein Magenvirus und über 39 Grad Fieber. Trotzdem ging ich auf die Bühne, weil wir die Show nicht ausfallen lassen konnten. Mein Darm hat diese Entscheidung allerdings nicht begrüßt: Nach einem dieser verrückten Sprünge musste ich während des Gitarrensolos in den Backstageraum flitzen, unter die Dusche springen und die Hosen wechseln. Das war kein guter Sprung (lacht).«

Welcher Song sollte auf deiner Beerdigung laufen?

»Das ist eine gute Frage. (Er überlegt.) Frank Sinatras ´My Way´ (lacht). Das passt zu mir, denn ich habe in meinem Leben auch alles auf meine eigene Art gemacht. Manches davon hat nicht so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber ich kann immerhin behaupten, es auf meine Art gemacht zu haben. Meine Entscheidungen kommen aus dem Herzen.«

?Danke für deine Zeit, Frank!

»Gute Fragen, das war mal was anderes, danke für dieses Interview!«

www.facebook.com/TheFrankBello/

DISKOGRAFIE

Mit Anthrax:

??Armed And Dangerous (EP, 1985)?
Spreading The Disease (1985)
?Among The Living (1987)
?I´m The Man (EP, 1987)?
State Of Euphoria (1988)?
Penikufesin (EP, 1989)?
Persistence Of Time (1990)?
Attack Of The Killer B´s (Compilation, 1991)
?Sound Of White Noise (1993)?
Live - The Island Years (live, 1994)?
Stomp 442 (1995)
?Volume 8 - The Threat Is Real! (1998)?
Return Of The Killer A´s (Compilation, 1999)
?We´ve Come For You All (2003)
?Music Of Mass Destruction (live, 2004)
?The Greater Of Two Evils (Re-Recordings, 2004)
?Alive 2 (live, 2005)?
Anthrology: No Hit Wonders (Compilation, 2005)
?Worship Music (2011)
?Anthems (Cover-EP, 2013)
?Chile On Hell (live, 2014)?
For All Kings (2016)

Mit Helmet:
Size Matters (2004)

Mit Altitudes & Attitude:
Altitudes & Attitude (EP, 2014)

Pic: Jimmy Hubbard

Bands:
ANTHRAX
Autor:
Ronny Bittner

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