Schwatzkasten

Schwatzkasten 17.02.2010

ACE FREHLEY - Schwatzkasten mit Ace Frehley

Wir wollen jetzt keine überflüssigen Diskussionen starten: Doch ACE FREHLEY kommt ohne Kiss einfach besser klar. Der 58-jährige Gitarrist ist seit seinem Abschied von der Simmons/Stanley GmbH endlich wieder als kreative Kraft in Erscheinung getreten, hat live mit seiner Soloband mehr Spaß als während der letzten Kiss-Jahre und ist zudem durch die Abkehr vom Alkohol gesundheitlich deutlich fitter. Rock Hard plauschte mit Ace über Gott, die Welt und - schließlich reden wir hier mit dem Spaceman - Ufos.

Ace, wo wurdest du geboren, und wo bist du aufgewachsen?

»Ich dachte, das sei inzwischen Allgemeinwissen, aber ich erzähle es gerne noch mal (grinst). Ich wurde in der New Yorker Bronx geboren und bin dort auch aufgewachsen. Als Jugendlicher bin ich aus der Gegend nie rausgekommen. Erst mit 21 bin ich in die Vorstädte gezogen, genauer gesagt nach Westchester. Später habe ich zwei-, dreimal in Kalifornien gelebt. Auch jetzt wohne ich dort - mit meiner Lady Rachel, was mir verdammt gut bekommt.« (Er kichert und guckt rüber zu seiner Herzdame, die in der anderen Ecke des Backstage-Raums im Rock Hard blättert und vor sich hin meckert, wenn sie Fotos von Aces Kiss-Nachfolger Tommy Thayer im Spaceman-Outfit sieht.)

Welche ist deine beste Erinnerung an die Bronx?

»Da fallen mir vor allem meine ersten Shows als Musiker ein. Ich war ein Teenager und spielte zum Beispiel auf Highschool-Tanzveranstaltungen. Das war eine gute Basis für meine spätere Karriere. Zu der Zeit war ich auch in Gangs und hatte tierischen Ärger mit der Polizei. Aber darüber will ich lieber nicht reden. Die Musik hat mich vor all dem gerettet. Durch sie konnte ich mich von dem schlechten Umgang lösen.«

Dein 1979er Kiss-Klassiker ´Hard Times´ handelt von den Gang-Erfahrungen.

»Das stimmt. Die Zeit hat mich sehr geprägt. Ich war erst zwölf oder 13 Jahre alt, als ich anfing, mit Gangs rumzuhängen. Wir haben ständig Ärger gesucht, uns geprügelt und Autos geklaut. Wir haben andere Leute regelrecht gejagt und verdroschen (lacht kurz). Es waren echt dumme Dinge. Aber später kam wie gesagt die Musik. Wenn die anderen dann meinten, dass am Abend mal wieder ein Fight geplant sei, sagte ich: „Sorry, keine Zeit, ich muss Gitarre spielen!“ Oder: „Tut mir leid, ich habe einen Auftritt auf dem Highschool-Ball!“ Das hat mich Schritt für Schritt von diesen Leuten weggebracht und mir letztendlich das Leben gerettet. Viele der damaligen Gangmitglieder hatten später richtig derbe Schwierigkeiten. Einige sind längst tot.«

Wie bist du überhaupt zur Musik gekommen?

»Ich bin in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen. Jeder hat ein Instrument beherrscht. Meine Eltern und meine Geschwister spielten Klavier bzw. akustische Gitarre. In der Bude eines Kumpels bekam ich dann eine E-Gitarre in die Finger. Als ich den ersten Akkord hörte, war es um mich geschehen. Ich konnte das Ding nie wieder aus der Hand legen.«

Welche Musiker haben dich damals am meisten beeindruckt?

»Elvis, die Beatles und die Rolling Stones.«

Was war der mieseste Job, den du hattest, bevor du Profimusiker wurdest?

»Am nervigsten war das Taxifahren.«

Kann Taxifahren so schlimm sein?

»Mitten in Manhattan ist das ein echter Scheißjob. Ich war auch mal Postbote und Schnapslieferant. Ich habe so gut wie alles gemacht.«

Glaubst du an eine höhere Macht?

»Auf jeden Fall.«

Ist es Gott im klassischen Sinne oder mehr eine spirituelle Kraft?

»Es ist Gott. Ich bin in solchen Dingen sehr konventionell. Ich bin schon immer Christ und praktiziere diese Religion nach wie vor.«

Wann hast du zuletzt ein Ufo erblickt?

»Ich sehe die Dinger ständig. Ich habe ein Grundstück in New York, und da sind häufig welche unterwegs. Die Gegend ist ein echter Sammelpunkt für Ufos.«

Hattest du schon mal direkten Kontakt, oder hast du sie nur gesehen?

»Das weiß man nie genau. Man liest ja oft, dass die Aliens bei den Menschen, mit denen sie in Kontakt treten, anschließend die Erinnerung an die Begegnung auslöschen - oder dass sie ihnen vorgaukeln, es sei alles nur ein Traum gewesen. Ich bin also nicht hundertprozentig sicher, dass es wirklich passiert ist, aber es geschehen definitiv seltsame Dinge. Ich bin morgens schon mal irgendwo zwischen meinem Haus und dem Hinterhof aufgewacht und hatte keine Ahnung, wie ich da hingekommen bin. Außerdem habe ich irre Träume.«

Hinterlassen die Außerirdischen Spuren auf deinem Grundstück?

»Ich sehe andauernd Raumschiffe. Das ist schon genug.«

Denkst du, dass du eine persönliche Beziehung zu Außerirdischen hast? Schließlich sieht nicht jeder Mensch über seinem Haus Ufos kreisen.

»Ich glaube, dass die gesamte Menschheit ursprünglich vom Mars oder einem anderen Planeten kommt und sich hier nur angesiedelt hat. Wenn wir die Erde kaputtgemacht haben, und auf dem besten Wege sind wir ja bereits, reisen wir halt irgendwo anders hin. Oder wir krepieren alle.«

Bist du schon mal von Außerirdischen entführt worden?

»Möglich ist alles. Ich glaube eh, dass ich vom Planeten Jendell stamme. Aber ich rede nicht so gerne darüber, weil die Leute dann denken, dass ich ´ne Macke habe. Ich war schon immer anders. Ich gehörte nie so richtig zur Mehrheit der Menschen.«

In welche Epoche würdest du mit einer Zeitmaschine reisen?

»Ich würde gern Michelangelo treffen und mit Einstein reden. Große Denker fordern mich heraus. Ich bin jetzt über drei Jahre trocken. Manchmal wache ich auf und denke umgehend über Quantenphysik und komplizierte Computerprogramme nach. Manchmal ist mein Kopf hingegen völlig leer, und ich kriege rein gar nix auf die Reihe. Ich weiß auch nicht, woran das liegt.«

Speziell in den Siebzigern warst du bei Kiss für deine Streiche berüchtigt. Gibt es Dinge, die du damals getan hast, über die du auch heute noch lachen musst?

»Ja, ich habe in einem Hotelzimmer das Mobiliar an die Decke geklebt. Das war cool. Wir fingen mit Superglue an und sind dann auf Epoxidkleber umgestiegen, damit die Möbel haften blieben. Es gibt verdammt viele verrückte Geschichten. In Japan haben wir uns als Nazis verkleidet, was ziemlich abgefahren war.«

Und ihr wurdet in einem Spielzeugladen von kleinen Japanerinnen in Nazi-Uniformen gejagt.

»Stimmt, das hatte schon was (lacht). Wir haben auch ´ne Menge Fernseher aus Hotelzimmerfenstern geschmissen. Mir fällt noch eine andere Sache ein: Ich habe mal einen Freund namens Frank (Froooonck? - Red.) eingeflogen, um mit ihm das Wochenende zu verbringen. Meine Idee war, ihn und unseren Kumpel Bobby (Schottkowemski? - Red.) zusammenzubringen. Ich sagte Frank jedoch, dass Bobby keine Zeit hätte. Bobby war aber ebenfalls da. Ich saß mit Frank vor dem Fernseher und hatte Bobby als Kellner verkleidet. Wir orderten Champagner, und erst als Bobby das dritte Mal zu uns kam, hat Frank ihn erkannt. Ich habe das Ganze gefilmt. Es war echt lustig!«

ACE FREHLEY spielt „Versteckte Kamera“.

»Ja, genau (kichert).«

Was macht dir Angst?

»Eigentlich nichts. (Er überlegt.) Horrorfilme und Außerirdische können mich jedenfalls nicht erschrecken. Ich habe schon zu viel erlebt, um vor solchen Dingen Schiss zu haben.«

Lady Rachel meldet sich aus dem Hintergrund: »Du hast Angst vor japanischen Hornissen.«

»Oh ja, das stimmt. Und ich bin auch kein Fan von Spinnen.«

Gibt es Dinge, die du hasst, aber aufgrund deines Jobs tun musst?

»Ich finde das Herumreisen grässlich. Ich liebe es, aufzutreten, aber alles andere ist Bullshit. Das Fliegen, die Zeitpläne, die man einhalten muss, die ganze Tagesplanung, die oft nicht klappt. Das geht mir ziemlich auf die Nerven. Aber die Gigs sind immer super - egal, wie viele Leute vor der Bühne stehen.«

Welches ist das erschreckendste Gerücht, das du je über dich gehört hast?

»Dass ich tot bin.«

Das ist dir bestimmt schon öfter zu Ohren gekommen.

»Nein, erst einmal. Das war vor drei, vier Jahren. Da rief mich mein ehemaliger Manager Bill Aucoin an und sagte, dass er von meinem Ableben gehört habe.«

Aber du warst selbst am Telefon.

»Ja, dadurch hatte sich das erledigt (kichert).«

Was ist in deinem Leben neben der Musik das Wichtigste?

»Glücklich verliebt zu sein. Ich habe jemand sehr Besonderen gefunden, und sie sitzt gerade hier im Raum.«

...und tut so, als ob sie dich nicht hört.

(Rachel grinst.)

Welche ist deine schlechteste Charaktereigenschaft?

»Mein Temperament. Ich denke, dass Rachel mir da zustimmt. (Er kichert, sie nickt.) Ich habe eine Aufmerksamkeitsstörung. Ich unterbreche Leute ständig, um irgendwas zu sagen, das mir wichtig ist, und somit zu verhindern, dass ich es gleich wieder vergesse. Ich werde auch schnell frustriert und bin sehr ungeduldig.«

Welche ist deine größte Stärke?

»Mein Talent und meine Fähigkeit, Menschen das Gefühl zu geben, sich in meiner Gegenwart wohl zu fühlen. Sofern ich das will (lacht).«

Wie würdest du den letzten Tag deines Lebens verbringen?

»Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich denke nicht, dass wir überhaupt sterben. Unser Körper mag das tun, aber unser Geist reist weiter. Also würde ich nichts Spezielles machen, wenn ich weiß, dass meine Zeit gekommen ist. In einem Tag schafft man eh nicht viel. Vielleicht sollte ich einen Drink nehmen (lacht laut).«

Du bist jetzt über drei Jahre trocken. Ist das die längste Zeitspanne, die du ohne Alkohol ausgekommen bist?

»Ja, ein oder anderthalb Jahre habe ich früher durchgehalten, aber niemals drei. Dieses Mal klappt es wirklich. Ich habe in dieser Phase so viel erreicht, dass ich nie mehr zu meinem alten Lebenswandel zurückkehren will. Wenn man besoffen ist, macht man viele Fehler. Ohne diese Dinge ist das Leben einfach besser.«

Gibt es einen Musikstil, den du partout nicht ausstehen kannst?

»Ich mag so gut wie alles.«

Rachel: »Außer Rap. Den kannst du nicht leiden.«

»Stimmt, außer Rap.«

Rachel: »Und Reggae findest du auch schlimm.«

»Sie hat recht. (Rachel lacht.) Wir hören viel Jazz und alten Blues. Und auch Klassik. Klassik sollte eh jeder Musiker kennen. Ich bin dadurch schon oft zu Soli in Rocksongs inspiriert worden. Man darf sich nicht auf Rock´n´Roll beschränken. Auch aus anderen Genres kommen sehr gute musikalische Ideen und Herangehensweisen.«

Welche ist die größte Erfindung der Menschheit?

»Die Computer sind wohl das Wichtigste, was es gibt. Ich bin ja noch völlig ohne die Dinger aufgewachsen, und jetzt sind sie quasi überall. Ich habe die Entwicklung genau verfolgt, aber sie ist so schnell, dass wir wahrscheinlich gar nicht wissen, was da um uns herum passiert. Die ganze Technologie übernimmt langsam die Herrschaft.«

Du warst schon immer ein Computerfreak.

»Ja, ich hatte einen der allerersten. Ich bin kein großer Internet-Fan, aber ich benutze die Rechner viel für Grafiken und künstlerische Arbeiten.«

Das interessiert dich bereits seit deiner Jugend. Z.B. hast du das Kiss-Logo entworfen, dem Paul Stanley dann den Feinschliff verpasst hat.

»Das Logo ist komplett von mir. Paul hat lediglich die Linien begradigt (grinst).«

Hast du bei dem Logo nie an die SS-Runen gedacht? Großteile des Original-Kiss-Line-ups haben einen jüdischen Hintergrund und/oder Vorfahren aus Deutschland. Ist euch das in dem Zusammenhang nie aufgefallen?

»Nein, das sind Blitze - genau wie die, die ich an meinen Kostümen hatte. Das hatte nichts mit Nazi-Deutschland zu tun. Dass unser Logo in Deutschland verboten wurde, hat mich genauso wenig beleidigt, wie ich mit dem Design des Logos jemanden beleidigen wollte.«

Es beleidigt dich auch nicht, dass diese Blitze jetzt am Kostüm deines Kiss-Nachfolgers Tommy Thayer zu finden sind?

»Dagegen kann ich nichts machen. Dass er meinen Charakter bei Kiss verkörpert, haben Paul Stanley und Gene Simmons entschieden. Das Schlimme daran ist, dass sie dadurch viele Fans wütend gemacht haben. (Er rülpst.) Entschuldigung. Ich bekomme immer noch meine Schecks, aber eine Menge Leute finden die Entscheidung nicht gut. Ich habe damals zugestimmt und meinte einfach nur: „Ja, macht das halt!“ Aber ich dachte, dass sie lediglich eine abschließende Tour spielen würden. Ich hatte einen Vertrag für die „Reunion“-Tour unterschrieben, dann für die „Psycho Circus“-Tour, dann für die „Farewell“-Tour. Anschließend war ich komplett im Arsch und hatte keinen Bock mehr. Aber Paul und Gene machten einfach weiter, weiter, weiter... Sie sehen wohl, dass man noch ´ne Menge Geld einnehmen kann. Mir ging es jedoch immer nur um die Musik. Die Kohle kam an zweiter Stelle.«

Hast du Kiss auf der „Alive 35“-Tour gesehen?

»Nein, ich habe Kiss noch nie ohne mich gesehen.«

Du hast also nie Tommy Thayer deinen Signature-Song ´Shock Me´ singen hören?

»Sie lassen ihn jetzt ´Shock Me´ singen? (Er guckt verwundert.) Oh! Okay, aber er macht das vielleicht nicht so gut wie ich (kichert). Sie bezahlen Tommy halt dafür, solche Dinge zu tun.«

Was würdest du sagen, wenn Gene jetzt durch die Tür kommen würde?

»„Hi Gene. Wie geht´s?“ Hahaha!«

www.acefrehley.com

www.myspace.com/acefrehley

DISKOGRAFIE (ohne Kiss)

Ace Frehley (1978)

Frehley´s Comet (1987)

Live +1 (Live-EP, 1988)

Second Sighting (1988)

Trouble Walkin´ (1989)

12 Picks (Best-of, 1997)

Loaded Deck (Best-of, 1998)

Greatest Hits Live (Live/Studio-Best-of, 2006)

Anomaly (2009)

Bands:
ACE FREHLEY
Autor:
Jan Jaedike

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