Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 29.08.2012

VOLBEAT , MINISTRY , IN FLAMES , SCORPIONS , SAXON , HAMMERFALL - Schlamm, lass nach!

WACKEN OPEN AIR 2012

Das Wacken Open Air 2012 ist Vergangenheit. Die 23. Auflage des größten Metal-Festivals der Welt wird als diejenige in die Geschichte eingehen, bei der Veranstalter, Fans und Bands gleichermaßen mit extrem schlechtem Wetter, das das Gelände in eine gigantische Schlammlandschaft verwandelte, zu kämpfen hatten. Noch dazu wird sie von dem traurigen Umstand überschattet, dass ein Fan auf tragische Art und Weise ums Leben gekommen ist. Aber auch die Tatsache, dass die Organisatoren trotz widrigster Begleitumstände alles Menschenmögliche getan haben, um den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung zu garantieren, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

Donnerstag

Während auf den Zeltbühnen und im Wackinger-Village schon seit dem Vortag fleißig musiziert wird, eröffnen die Wacken-Lokalmatadore SKYLINE zusammen mit Doro Pesch traditionell am frühen Donnerstagnachmittag das Programm auf den Hauptbühnen. Im Anschluss sorgt Blödelbarde Jim Breuer für einen Rundumschlag in Sachen Metal-Komik, bevor mit SEPULTURA & LES TAMBOURS DU BRONX der erste Mainact des Tages auf die Bretter geschickt wird. Die Brasilianer haben sich für ihre Wacken-Show mit einer halben Kompanie französischer Trommler verstärkt, die bereits zum Intro fleißig und effektvoll auf leere Ölfässer eindrischt. Die Setlist ist in der Folge eine bunte Mischung aus Sepultura- und Les-Tambours-Du-Bronx-Stücken. Mit ´Firestarter´ bietet die Truppe dem verdutzten Publikum sogar ein The-Prodigy-Cover, bevor es mit ´Ratamahatta´ und ´Roots Bloody Roots´ in den Endspurt geht.

Nach der üblichen Umbaupause ist es anschließend an der Zeit für U.D.O., die gemäß ihrer Ankündigung im Vorfeld ebenfalls einige Gaststars und -sternchen im Gepäck haben. Neben dem unvermeidlichen (und wie gewohnt guten) Duett mit Deutschlands Metal-Lady Nummer eins, Doro Pesch, geben sich im Laufe der Show auch Lordi-Fronter Mr. Lordi, diverse ehemalige U.D.O.-Musiker und Udos Sohn Sven Dirkschneider ein Stelldichein. Obwohl es U.D.O. mit ihren inzwischen 14 Studioalben wahrlich nicht an eigenem Material mangelt, werden erwartungsgemäß die im Set zahlreich vertretenen Accept-Cover vom Publikum am meisten abgefeiert. So verwundert es auch nicht, dass ´Balls To The Wall´ gleichzeitig den Höhepunkt und den Abschluss des Sets darstellt.

SAXON starten im Anschluss in ihre gefühlt einhundertste Wacken-Show und machen ihre Sache wie immer ausgezeichnet. Vor der Black Stage hat sich inzwischen eine für den Eröffnungsabend beeindruckende Zahl an Besuchern eingefunden, die die NWOBHM-Helden um Obersympath Biff Byford nach Kräften unterstützen. Schon während der Saxon-Show wird ein Trend deutlich, der sich durch mehr oder weniger alle großen Acts des diesjährigen Wacken Open Air ziehen soll: Während in den vergangenen Jahren eher zaghaft mit Pyrotechnik umgegangen wurde, kracht, zischt und blitzt es in diesem Jahr an allen Ecken und Enden. Abgesehen davon glänzen die Briten mit einer tollen Lichtshow, einer gewohnt treffsicheren Songauswahl und bester Spiellaune. (jp)

VOLBEAT haben in den letzten Jahren einen unglaublichen Senkrechtstart hingelegt, konnten in Deutschland gerade eine Platinscheibe für ihr aktuelles Album „Beyond Heaven/Above Hell“ einheimsen und sind wahrscheinlich die jüngste Band, die in Wacken jemals als Donnerstags-Headliner auf der True Metal Stage randurfte. Der Kultfaktor ist dementsprechend natürlich nicht so groß wie bei den Donnerstags-Highlights der vergangenen Jahre (u.a. Running Wild, Iron Maiden, Scorpions oder Ozzy Osbourne), weshalb das Areal im linken Bereich vor der Black Stage recht überschaubar gefüllt ist. Rein musikalisch ist bei den Dänen alles in bester Ordnung, die Songauswahl stimmt, Michael Poulsen singt durchweg gut, und der derzeitige Tourgitarrist Hank Shermann (Mercyful Fate) hat technisch natürlich mehr auf dem Kasten als sein im Punk verwurzelter Vorgänger Thomas Bredahl. All das sorgt dafür, dass selbst Skeptiker von den Qualitäten der Band überzeugt werden und das Wacken-Publikum die Band abfeiert. Dennoch hat man als jemand, der Volbeat schon unzählige Male gesehen hat, den Eindruck, dass die Combo es nicht gerade genießt, vor einer solch gigantischen Kulisse zu stehen. Vor allem die Ansagen von Michael wirken einstudiert, aber dennoch extrem holprig und kurz. So spult die Band ein Best-of-Programm ab, dessen Highlights Gastauftritte von Michael Denner (ebenfalls Mercyful Fate), Mille Petrozza (Kreator) und Barney Greenway (Napalm Death) sowie die Darbietung einer neuen, noch unbetexteten Songidee darstellen. Michael muss ja nicht wie früher bei ´I Wanna Be With You´ ins Publikum springen, aber in Zukunft sollte die Band live entweder mehr auf Spontanität oder zusätzliche Showeffekte setzen. (rb)

Freitag

Morgens um elf ist in Wacken die Welt noch in Ordnung? Jein. Zwar tobt der Wahnsinn noch nicht in dem Maße wie ab dem Nachmittag, aber trotzdem muss es gestern für einige Leute verdammt spät geworden sein. Meint zumindest die Kante, die mir freundlich, aber bestimmt einen Ausweichparkplatz zuweist, weil das ursprünglich vorgesehene Areal immer noch knackevoll sei. Klarer Fall von Autoschläfern denke ich mir, als ich mich auf die gefühlten 3,97 Kilometer Fußmarsch quer durch die schleswig-holsteinische Pampa Richtung Bühne mache und schon von weitem durch das Geröchel des neuen ENDSTILLE-Fronters Zingultus prima eingestimmt werde. Schön, dass die Jungs auch optisch das halten, was sie akustisch versprochen haben, und mit einer amtlichen Bühnenschau überzeugen. Links und rechts vom Drumpodest gibt es sogar zwei Konstrukte, die an Springreithindernisse erinnern, ein Teil der Jungs bekennt sich zum Corpsepaint, und Zingultus kleffkeift die eine oder andere Ansage ins Publikum. Dass Black Metal auch um diese Uhrzeit gut funktionieren kann, beweist die nicht gerade geringe Anzahl von Endstille-T-Shirts im Publikum, die eindrucksvoll unterstreichen, dass die aus Kiel stammende Band Lokalhelden-Status genießt.

Wenn es an diesem Tag einen Preis für den besten Conférencier geben würde, dürfte den niemand anderes als Phil Rind erhalten. Der SACRED REICH-Frontmann trifft mit seinen Ansangen jederzeit den richtigen Ton, präsentiert sich als bescheidener und smarter Albrecht-Lookalike und hat mit seiner Band Knaller wie ´Ignorance´, ´Surf Nicaragua´ oder das brillant umgesetzte Black-Sabbath-Cover ´War Pigs´ auf der Pfanne. Das macht Laune, das macht Spaß, zieht die Massen vor die Bühne und endet in diversen Pits, die mit zunehmender Spielzeit wachsenden Zulauf erhalten und von einigen Festival-Touristen begeistert mit dem Handy gefilmt werden. Zum Höhepunkt der Show gerät schließlich ´Crimes Against Humanity´, das man dem in Prag inhaftierten Randy Blythe widmet. Sollten die von Mr. Rind ausdrücklich geforderten „positiven Vibes für Randy“ tatsächlich dafür verantwortlich sein, dass der Lamb-Of-God-Sänger just an diesem Tag freigelassen wird?

Noch mal positive Vibes gibt´s im Anschluss bei SANCTUARY, allerdings vor einem deutlich überschaubareren Publikum. Die Edel-Metaller aus Seattle sind offensichtlich nicht mehr jedem ein Begriff und gehen heute als Beispiel für eine Band durch, deren aktueller Stellenwert gerne mal überschätzt wird. Dass Klassiker wie ´Battle Angels´ oder ´Taste Revenge´ nach wie vor über jeden Zweifel erhaben sind und von den Boris Kaisers dieser Welt vermutlich mit feuchten Augen und nicht minder feuchten Höschen begrüßt werden würden, ist aber ebenfalls klar. Wobei die Betonung hier auf dem Konjunktiv liegt, denn einen echten Undergroundler zieht es (angeblich) schon lange nicht mehr nach Wacken, oder? Haben sie eben Pech gehabt, und nebenbei verpassen sie die beiden gutklassigen neuen Songs ´I´m Low Tonight´ und ´The World Is Wired´, die hier ihre Weltpremiere erfahren. Ansonsten bleibt anzumerken, dass Warrel Dane deutlich schlanker und gesünder wirkt als vor einigen Monaten - und dass die parallel zum Tanz aufspielenden Schleutermann-Faves OOMPH! in ihren knallweißen Matrosen-Outfits aussehen wie eine „Weißer Riese“-Version von Turbonegro und mich nicht wirklich fesseln.

Ich gebe zu, dass auch KAMELOT nicht zu meinen Lieblingsbands gehören und wohl nie die Aufnahmeprüfung in diesen elitären Kreis meistern werden, aber den nach einigen Songs einsetzenden Starkregen habe ich den Jungs definitiv nicht an den Hals gewünscht. Der Himmel öffnet seine Schleusen, und es haut dermaßen runter, dass man binnen Sekunden durchgeweicht ist. Was ich dennoch vom Gig der Norweger mitbekomme, erinnert an die Show beim Bang-Your-Head-Festival und wird mir später von einem engen Freund der Band, der das Konzert von der Bühne beobachtet, bestätigt: Sänger Tommy Karevik ist auf dem besten Weg, den abgewanderten Roy Khan nahtlos zu ersetzen, und live liegt der Fokus eher weniger auf dem Songmaterial der Anfangsphase.

Ich hangele mich jetzt durch die schlammige Mondlandschaft und die dazugehörige Seenplatte Richtung W.E.T. Stage (hahaha...), die in dem angeblich größten Zelt der Welt beherbergt ist. Etwa 10.000 Zuschauer soll das Teil fassen, und beim Blick ins Innere wird schnell klar, dass die Hütte gerammelt voll ist. Gut für GRAVEYARD, die mit ihrem Seventies-Rock selbst in Wacken eine extrem gute Figur abgeben und ihren Set deutlich härter als bei eigenen Clubshows runterhauen, wie Klampfer Jonatan Ramm nach dem Gig zugibt: „Was bleibt einem im Heavy-Metal-Mekka denn auch anderes übrig?“ Genau: nix. (tk)

Zugegeben, die Fluten, die das Gelände heimsuchen, sind ein Ärgernis, für das die Wacken-Organisatoren nichts können. Dank des Ausverkaufs des VIP-Parkplatzes müssen OVERKILL allerdings auf meine Gummistiefel warten, denn für den neuen Ausweichparkplatz ist die Orga sehr wohl zuständig. Es sollte ernsthaft in Erwägung gezogen werden, den VIP- und Presseparkplatz zu trennen, denn technisches Equipment durch den Regen und die Pampa zu tragen, ist nicht nur ärgerlich, sondern sicherlich auch nicht gut für die Ausrüstung. Anders als manche Kollegen müssen wir uns nur mit dem Luxusproblem der Bekleidung herumschlagen. So sumpfe ich mit leichter Verspätung in meinen todschicken Blümchen-Gummitretern durch den Matsch zu Blitz und seinen Jungs. Die rocken u.a. mit ´In Union We Stand´, ´Rotten To The Core´ und ´Electric Rattlesnake´ die Wackeren, die sich mit dem Dungschlamm eine Kriegsbemalung der unangenehm riechenden Art zugelegt haben.

Zeitgleich mit ihnen trotzen die BROILERS Petrus auf der Party Stage. Vor der Bühne sind drei riesige Schlammpfützen, die von einigen Festivalbesuchern - zum Leidwesen der Umstehenden - als Rutschbahn zweckentfremdet werden. Dem Broilers-Publikum scheint das Wetter noch weniger auszumachen als den Overkill-Thrashern. Zwar haben sich lange nicht so viele vor der Party Stage versammelt, wie man es von guten Wetterverhältnissen her kennt, die Anwesenden feiern und grölen aber bis zum finalen ´Meine Sache´ enthusiastisch mit.

THE BOSS HOSS beginnen ihren Gig ebenfalls vor einem Publikum, das in Lücken um die Pfützen gruppiert ist. Die Cowboys entern mit ihrer mexikanischen Blechbläser-Fraktion die Bühne. Sobald die Sonne herauskommt, wird die Stimmung vor der Bühne schlagartig überschwänglich. Dicke Wikinger in klatschnassen Hosen schwenken begeistert zu Songs wie ´Run Run Devil´ die Hüften und strafen jene Kritiker Lügen, die jedes Jahr mäkeln, dass nicht-metallische Bands auf Metal-Festivals nichts verloren haben.

Auf dem Weg zu CORONER zieht sich der Himmel wieder zu. Ich beschließe, meinen Mann zu stehen, und stelle mich entschlossen in eine Pfütze. Dann öffnet der Himmel seine Schleusen. Akustisch dringt ein gedämpfter Brei aus den zeitgleich startenden Opeth, der Sintflut und den Gitarren der wiedervereinigten Schweizer Thrash-Underdogs zu mir vor. Ich stehe fast in der ersten Reihe, sehen kann ich aufgrund der Regengüsse trotzdem kaum was. Als mir ein Bierhändler die Hand auf die Schulter legt und mich mitleidig mustert, wird mir bewusst, dass ich von den vielleicht hundert Verbliebenen die Einzige ohne Regencape bin. Ich trete klatschnass den Rückzug an und friere mir dennoch den Rest des Tages den Hintern ab.

Auch OPETH kämpfen mit den Wassermassen, die die Menge ausdünnen. In Wacken scheint ihr Tourtitel „Summer Heritage“ Programm zu sein - und das leider nicht nur, weil fast die Hälfte der Songs von der aktuellen Scheibe „Heritage“ stammt. Der Laune von Åkerfeldt und seinen Jungs scheint das keinen Abbruch zu tun. Im Gegenteil: Zum Abschluss nimmt er noch seine Landsmänner von Hammerfall auf die Schippe, indem er wild in eine Richtung gestikuliert und sie für etwas ankündigt, das wie „Beefburger Stage“ klingt.

Als HAMMERFALL die True Metal Stage stürmen, geschieht dann ein kleines Wunder: Petrus scheint ein Einsehen mit den Redaktionskollegen zu haben, deren erklärtes Hauptziel des Tages „hammervoll bei Hammerfall“ ist. Die Sonne scheint wieder, und unter den tosenden Begeisterungsrufen der herbeiströmenden Metaller zocken sich die Jungs durch ihren mit Klassikern bestückten Set. Von ´Any Means Necessary´ bis ´Hearts On Fire´ wächst das Publikum stetig an, obwohl das Gelände noch immer bestenfalls eine sonnige Schlickgrube ist. „Glory to the brave!“, bleibt da wohl nur zu sagen... (ln)

DIMMU BORGIR haben sich für ihren fünften Wacken-Auftritt etwas Besonderes einfallen lassen und sind mit dem tschechischen National-Orchester samt Chor angerückt. Wie Volbeat verschleiern auch sie zu Beginn die Szenerie mit einem formschönen Vorhang, der erst fällt, als die Band in die Orchester-Ouvertüre einsteigt. Leider verfängt sich der Vorhang in Shagraths Mikroständer, was den Sänger kurzzeitig vom Bösesein abhält. Die Kombination aus dem düsteren Black Metal und den Orchester-Arrangements fällt im weiteren Verlauf durchaus imposant aus, ist aufgrund der manchmal suboptimalen und für Festivals typischen Soundbedingungen aber auch gewissermaßen „Perlen vor die Säue“. Der personenstarke Chor geht im Mix so gut wie völlig unter, das Orchester selbst klingt im Vergleich zur Band etwas dünn, und dass das Orchester ab und an mal mehrere Minuten ohne die Band spielt, reißt immer wieder Stimmungslöcher in den Set. In einem intimeren Rahmen würde das Programm sicherlich besser funktionieren.

Im Gegensatz dazu ist die folgende Show von IN FLAMES genau für eine solche Mega-Veranstaltung wie das Wacken Open Air ausgelegt. Nachdem die Schweden bei ihrem letzten Wacken-Auftritt etwas geschwächelt haben, melden sie sich diesmal mit einer Maßstäbe setzenden Show zurück. Bereits die 3D-Projektionen beim Opener ´Cloud Connected´ sorgen für verblüffte Gesichter, im weiteren Verlauf untermalt die Band ihren Gig mit einem Effekt-Feuerwerk der Superlative. Bei der eigentlich stimmigen Setlist fällt allerdings auf, dass bis auf ´Only For The Weak´ kein Material älteren Datums geboten wird. Sänger Anders Fridén macht zwar wie schon beim letzten Wacken-Auftritt einen beschwipsten Eindruck, kann Fremdschäm-Momente aber meist durch einen gut platzierten Gag abwenden. Ärgerlich ist hingegen, dass der Teil des Publikums, der sich die Show aus Platzgründen zwischen True Metal Stage und Black Stage aus ansieht, mit einem unglaublich beschissenen, viel zu lauten Soundmüll befeuert wird. Dadurch, dass sowohl aus den Boxentürmen der Black Stage als auch der True Metal Stage der Sound der jeweils spielenden Band schallt, kommt es zu fürchterlichen Bass-Interferenzen, bei denen so mancher gelernte Soundmann die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde.

Weil ich mich schon während des Hammerfall-Gigs bei der Erkundung des Geländes fast in einer Schlammpfütze langgelegt hätte, spare ich mir aufgrund der katastrophalen Schlicksituation das Gerenne zur Party Stage und W.E.T. Stage im Dunkeln. So sind als Nächstes IN EXTREMO auf der Black Stage dran. Die Jungs kämpfen ebenfalls mit dem Problem, dass sie eine legendäre Wacken-Show (die von 2009) toppen müssen. Aufgrund der späten Uhrzeit und des Matschchaos ist das Publikum etwas ermüdet, lässt sich aber von ´Sterneneisen´ gern wieder wachrütteln und zeigt sich auch bei ´Frei zu sein´ und ´Sängerkrieg´ enorm textsicher. Im Vergleich dazu fällt die Stimmung bei Mittelalter-Adaptionen wie ´Herr Mannelig´ dann doch etwas ab, weil diese weniger mitgrölkompatibel sind. Auch In Extremo fahren eine amtliche Pyroshow auf, bei der man dieses Mal allerdings die typischen im 45-Grad-Winkel schießenden Feuersäulen vermisst. (rb)

Der Morast vor den Hauptbühnen hat mittlerweile stellenweise eine Tiefe von zehn Zentimetern erreicht, und einige der Anwesenden gleichen auffällig den Schlammmonstern aus alten Horrorschinken. Das krasse Kontrastprogramm zu diesem Szenario liefern D-A-D, die das zweifelhafte Vergnügen haben, den Abend auf der Sumpf-, ähem, True Metal Stage zu beenden. Die Dänen legen sich wie gewohnt ordentlich ins Zeug, machen hier und da ein bisschen Feuerwerk und spielen eine Mischung aus Klassikern und Material vom aktuellen Album. Beim Drumsolo glänzt Laust Sonne mit einer waschechten Tommy-Lee-Einlage, als sein Drumriser ein Stück weit nach vorne gehoben wird. Den Abschluss macht ´Sleeping My Day Away´, das von den wenigen Durchhaltewilligen mit voller Kraft mitgesungen wird. (jp)

Samstag

Es kommt, wie es kommen muss: In der Nacht und am Morgen haben erneute Unwetter dem Gelände endgültig den Rest gegeben und das „Holy Wacken Land“ in eine Mischung aus Amazonas-Sumpf (wenn gerade mal die Sonne durchbricht) und Nordsee-Watt (zu den wolkenreichen Tageszeiten) verwandelt. DELAIN lassen sich trotz der frühen Stunde, der widrigen Wetterverhältnisse und der damit einhergehenden allgemeinen Publikumsunlust nicht unterkriegen und liefern als Tagesopener auf der Black Stage eine gewohnt gute Show ab.

Auch GAMMA RAY geben im Anschluss alles, um das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Die „Hansenaten“ (hoho!) starten mit ´Dethrone Tyranny´ in ihren Set, sind wie immer bestens aufgelegt und spielen einen Klassiker nach dem anderen. Einziges Manko: Die Show gerät mit ihren knapp 45 Minuten leider ein wenig kurz, weshalb beispielsweise ´Rebellion In Dreamland´ nur zur Hälfte dargeboten wird.

Im Anschluss hat man dann die Qual der Wahl: NAPALM DEATH im Schlammtümpel vor der Black Stage oder doch lieber PARADISE LOST, die parallel auf der Party Stage aufspielen? Eine Runde Stagehopping später steht fest, dass beide Bands ein für die frühe Tageszeit ordentliches Publikum vor ihrer jeweiligen Bühne versammelt haben. Während Napalm Death sprichwörtlich alles in Grund und Boden knüppeln, haben Paradise Lost gleich mit zwei Problemen zu kämpfen: Der brachial laute Sound der Black Stage übertönt vor allem während der Ansagen den etwas leise geratenen Sound der eigenen Bühne, während die atmosphärische Lichtshow bei vollem Tageslicht kaum zum Tragen kommt. Die anwesenden Fans scheinen trotzdem zufrieden zu sein, zumal die Band das Beste aus den widrigen Verhältnissen macht. Napalm Deaths Barney kann derweil voll und ganz happy sein, denn „sein“ Publikum grunzt, stampft und mosht nicht nur fleißig jeden Song mit, sondern setzt nach ein paar Stücken auch zu einem waschechten Schlamm-Circle-Pit an. So muss das!

Auch der Wattenscheider Gitarren-Wizard AXEL RUDI PELL kann sich im Anschluss kaum beklagen: Vor den Bühnen füllt es sich zunehmend, das Publikum ist gut aufgelegt, es regnet gerade nicht, und zeitweise lässt sich sogar die Sonne blicken. Kein Wunder, dass sowohl die Songs vom aktuellen Album (´Ghost In The Black´, ´Before I Die´ und ´Circle Of The Oath´) als auch die obligatorischen Klassiker hervorragend ankommen. Während ´Mystica´ glänzt die Truppe dann noch mit einer kurzen Deep-Purple-Einlage, die jetzt schon Lust auf den angekündigten Auftritt des Originals im kommenden Jahr macht. (jp)

Sieht so aus, als hätten die Wolken über dem Gelände Angst vor dem Ausnahmeorgan von Chris Barnes, und so herrscht pünktlich zum Showstart von SIX FEET UNDER Bilderbuchwetter. Gespannt darf man sein, wie das total umgekrempelte Line-up mit gleich drei neuen Mitgliedern funktioniert. Und bis auf die Bühnen-Action haben die neuen Musiker alles klasse drauf. Während die Neuzugänge mehr oder weniger wie angewurzelt stehen bleiben, ist für die Show Chris Barnes mit seinem Rasta-Propeller zuständig. Im Publikum wird in den vorderen Reihen derweil aus Slamdance Schlamm-Dance, und „freundlicherweise“ wird die Brühe durch die Luft geschleudert.

Was Bühnen-Action ist, zeigen zeitgleich auf der Party Stage SICK OF IT ALL, deren Gitarrist und Energiebündel Pete Koller definitiv die meisten Bühnenkilometer aller Musiker des Festivals läuft und Tobi Sammet als Personal Trainer sicherlich eine Hilfe in Sachen Bühnenorientierung wäre. Zudem zeigen die New Yorker Veteranen allen Newcomern und Zweiflern eindrucksvoll, was Authentizität bedeutet - und dass man sich den Hardcore-Spirit auch im fortgeschrittenen Alter bewahren kann.

Auf dem Weg zur True Metal Stage fragt man sich, warum der „unkommerzielle“ FC St. Pauli hier auf dem W:O:A einen Merchandise-Stand unterhält. Dass auch auf der True Metal Stage eine Fahne des Zweitligisten hängt, dürfte nicht jedem gefallen.

Bei TESTAMENT ist derweil perfektes Timing angesagt: Gerade ist das neue Album „Dark Roots Of Earth“ erschienen - und dann gleich der Festivalauftritt zur Promotion. In bester Spiellaune beweisen die Kalifornier eindrucksvoll, dass sie weiterhin zur Speerspitze des Thrash Metal zählen. Vor diesem Hintergrund sollte man die Big Four schleunigst neu definieren, denn sowohl Overkill als auch Chuck Billy und seine Mannen haben Anthrax schon lange hinter sich gelassen. So bietet man eine kurzweilige Mischung aus Genreklassikern (´Over The Wall´, ´Into The Pit´, ´Practice What You Preach´, ´More Than Meets The Eye´) und neuem Material (gleich vier Nummern), die vom Publikum dankbar abgefeiert wird. Mächtig!

Zeitgleich spielen dann DARK FUNERAL und CRADLE OF FILTH auf den Open-Air-Bühnen, und beide Bands leiden offensichtlich unter der Sonne, denn so richtig will das Wetter nicht zu den Messages und Bühnenshows passen. Während die Schweden ihren Set kompromisslos durchziehen, kann man die Briten nicht so recht ernst nehmen. Irgendwie hat sich die Truppe um Frontmann Dani Filth zu den Nightwishs des Black Metal entwickelt. Violettes Bühnenlicht geht gar nicht, ebenso nervt der hohe weibliche Gesang, und auch wenn man richtig evil sein will, es klappt einfach nicht.

Anschließend kommt es zu einer großen Überraschung: Wer vor der True Metal Stage auf die Scorpions wartet, sieht nur den mächtigen Bühnenaufbau von AMON AMARTH, während die Bühnenkonstruktion der Scorpions auf der Black Stage stattfindet. Und tatsächlich kommt es unangekündigt zu einem Bühnen- und Termintausch der beiden Bands, was sich für die Hannoveraner später wegen des Wetterumschwungs als klassisches Eigentor erweisen soll. Die ständig headbangenden Schweden legen zumindest eine fulminante Show hin und sind mit ihrem Viking-Death-Metal die perfekt passende W:O:A-Band, auch wenn man sein Wikingerschiff wohl bis zum Summer Breeze im schwäbischen Hafen lässt und auf Show-Elemente weitgehend verzichtet. Spätestens nach dem Schlussquartett ´For Victory Or Death´, ´Victorious March´, ´Twilight Of The Thunder God´ und ´Guardians Of Asgaard´ ist der Siegesmarsch vollendet, und es sollte nicht wundern, wenn die Truppe eines Tages das Festival headlinen sollte. Auffällig noch, dass Frontkämpfer Johann Hegg offensichtlich einige Pfunde verloren hat. Legendär bleibt bis dahin der Bierverkäufer, der so besoffen ist, dass er es nicht schafft, ein Bier anständig zu zapfen, und sich beim Wechselgeld kundenfreundlich verzählt. (wk)

Die inzwischen sumpfartigen Zustände auf dem Gelände haben einen entscheidenden Vorteil: Große Teile des Eventpublikums haben ganz offensichtlich keinen Bock mehr und krabbeln, wenn überhaupt, höchstens noch zu den Scorpions aus Zelt und Wohnwagen, weshalb es vor der Bühne für Headliner-Verhältnisse recht leer ist. Dafür entwickeln sich Moshpits auch für Umstehende zu einer Riesenschweinerei. Vielleicht sollte man sich den Wacken-Schlamm von den Stiefeln kratzen und im Kilo bei eBay verkaufen.

Die SCORPIONS gehen mit einer Viertelstunde Verspätung ins Rennen und erwischen nach dem famosen Opener ´Sting In The Tail´ eine zähe erste Phase, die ein bisschen zu sehr auf Midtempo setzt. Auch der Wettergott scheint sich zu langweilen und lässt einen finalen Regenschauer niedergehen, der den Sumpf endgültig unbegehbar macht. Wenn man bei der Nachberichterstattung im Fernsehen Moderatoren mit Schlammspuren bis irgendwo knapp über Fersenhöhe sieht, kann man davon ausgehen, dass diese gestellt sind, denn wem der Schlamm nicht mindestens bis zur Wade reicht, hat das Gelände nie betreten. Da hilft nur Bewegung, um die müden, nassen Knochen wieder in Schwung zu bringen, und wie auf Kommando fangen die Scorps an, das Tempo mit Songs wie ´Rhythm Of Love´, ´Dynamite´ und ´Blackout´ anzuziehen, so dass das Konzert doch noch der erhoffte Höhepunkt wird. Klaus Meine agiert zwar etwas auf Nummer sicher, der Zugabeblock aus ´Coming Home´, ´Still Loving You´ und dem unvermeidlichen ´Rock You Like A Hurricane´ entschädigt aber für alles. Ein würdiger Schlusspunkt!

MACHINE HEAD sind definitiv die Band der Stunde. Seit „Through The Ashes Of Empires“ hat diese Truppe einen Siegeszug angetreten, der sie an die Spitze des Genres führte und der sie, sollte nichts Drastisches passieren und das Line-up stabil bleiben, noch viel weiter führen wird. Es gibt einen fantastischen Best-of-Set, der von ganz altem Material (etwa der Ultra-Rarität ´A Thousand Lies´) bis zu den großartigen Songs des aktuellen Albums (ganz groß: der Opener ´I Am Hell´ und die Dampframme ´This Is The End´) alles abdeckt, dazu sind die Musiker in der Form ihres Lebens, spielen die teilweise heftig schweren Instrumental-Passagen mit beeindruckender Präzision, singen super (alle drei Saiten-Instrumentalisten!) und können trotzdem noch ordentlich posen. Der Auftritt kombiniert Brutalität und Musikalität in einer Weise, wie es ansonsten vielleicht noch Kreator können. Diese beiden Bands möchte ich hiermit zu den „Großartigen Zwei“ des Thrash Metal erklären. Falls ihr von den „Großartigen Zwei“ noch nicht gehört habt: Das sind die, gegen die die „Großen Vier“ ganz schön klein und vor allem alt aussehen.

Während das unheilvolle Watain-Intro bereits erklingt, bevor Machine Head die Bühne richtig verlassen haben, lassen sich MINISTRY Zeit, so dass der erste Black-Metal-Song bereits gespielt ist, als die Industriellen anfangen. Al Jourgensen ist in Topform, von seinem Zusammenbruch ein paar Tage zuvor ist nichts zu merken, und der Sound ist für Wacken-Verhältnisse fast schon zu perfekt. Dennoch zieht es mich bereits kurze Zeit später zur Party Stage, die von WATAIN beinahe abgefackelt wird. Die Schweden spielen hier ihren vorletzten Auftritt vor einer längeren Pause und feiern das mit einer speziellen Setlist, die neben den von den unzähligen „Lawless Darkness“-Touren bekannten Brechern wie ´Total Funeral´, ´Serpents Chalice´ oder ´Reaping Death´ mit ´Hymn To Qayin´ auch eine Premiere aufweist. Dazu kommt einmal mehr die stimmigste, intensivste Black-Metal-Show, die aktuell zu sehen ist - dass mehr Geld bei Watain in erster Linie eine größere Show bedeutet, glaubt man gerne. Die Schweden entfachen das Höllenfeuer in Norddeutschland und lassen den Verfasser dieser Zeilen komplett erledigt, aber pyromanische Gedanken hegend zurück. Wo findet man hier was zum Anzünden?

Die True Metal Stage unter den Füßen von EDGUY würde sich anbieten. Dann würde es zumindest nicht weiter auffallen, wenn Tobi wie beim Bang Your Head wieder von der Bühne fallen würde. Ich meine, beim Fronter eine neue Krummheit in der Nase zu erkennen, schreibe das aber der immer noch von der teuflischen Magie Watains überreizten Vorstellungskraft zu. Edguy liefern ihre übliche, professionelle Spaß-Metal-Performance ab, können damit aber nur wenige Nasen auf dem Gelände halten, denn drei Tage Festival, Matsch und das bärenstarke Programm des Tages fordern ihren Tribut. (fp)

In Wacken kämpften tapfer und stets mit einem Lächeln auf den Lippen gegen Wind, Schlamm und Regen: Jens Peters (jp), Thomas Kupfer (tk), Laura Niebling (ln), Felix Patzig (fp), Ronny Bittner (rb) und Wolfram Küper (wk). Mit Fotos versorgte uns Saskia Gaulke.

Bands:
SCORPIONS
HAMMERFALL
MINISTRY
SAXON
VOLBEAT
IN FLAMES
Autor:
Wolfram Küper
Felix Patzig
Thomas Kupfer
Ronny Bittner
Laura Niebling
Jens Peters

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