ToneTalk

ToneTalk 29.08.2018

SAXON - »Manchmal fragt Biff, was ich wieder für Drogen genommen hätte«

Ausgerechnet der Mann, der in den Augen vieler hauptverantwortlich für den Verjüngungsprozess auf dem britischen Metal-Flaggschiff SAXON zeichnet, lebt längst nicht mehr in seiner Heimat, sondern der Liebe wegen in Deutschland - und spricht unsere Sprache ausgezeichnet. Im Interview erzählt Tim „Nibbs“ Carter aber auf Englisch, wie er zu Bass und Band kam. Darüber hinaus lässt er Demoaufnahmen aus seinem Smartphone quäken, die es nicht auf die jüngste Platte des Quintetts geschafft haben.

Nibbs, Rockbassisten gelten oft als stoisch und selbstgenügsam. Du hingegen bist der Motor der Band und Multi-Instrumentalist. Wie kommt´s?

»Da muss ich weit ausholen. Ich bin das jüngste Kind in einer Familie mit je drei Söhnen und Töchtern gewesen. Bei uns zu Hause hat sich ständig irgendjemand mit Musik beschäftigt, also entweder selbst ein Instrument gespielt oder gehört. Darum war ich schon früh allem Möglichen ausgesetzt: Rock, Funk, ein bisschen Fusion und dem wirklich seichten Pop-Kram, den meine Mutter mochte. Als ich zwölf war, versuchte ich mich an der Akustikgitarre eines meiner Brüder. Das gefiel mir, und etwa ein Jahr später hörte ich Rushs Live-Album „All The World´s A Stage“. Ich verliebte mich in die Klapphülle mit den vielen Fotos und noch mehr in die Songs. Gut daran war vor allem, dass es sich um ein Trio handelte, sodass man alle Instrumente heraushören konnte. Die Gitarre spielte verrückte Sachen, also müsse, dachte ich, das Gebrummel dazwischen der Bass sein, doch mich faszinierte vor allem der Schlagzeuger. Ich setzte mich aufs Bett meiner Mutter und legte Münzhaufen unter die Tagesdecke, um zur Musik darauf zu trommeln. Bald wechselte ich zu Tupperware, die ich mit Holzbesteck bearbeitete. Eines schönen Abends klaute ich das Mofa meiner Schwester und drehte ein paar Runden um einen Schulsportplatz in unserer Gegend, als ich Lärm aus den Umkleidekabinen hörte. Ich ging hinein und sah zwei Jungen aus meiner Nachbarschaft, einen Gitarristen und einen Drummer, die etwas älter waren als ich. Ich fragte: „Darf ich mal deine Gitarre sehen?“ Er antwortete: „Ja, lässt du mich dein Mofa fahren?“ Dabei entdeckte ich, dass man ohne viel Mühe Akkorde spielen kann. Zu meinem nächsten Geburtstag ließ ich mir dann aber einen Bass schenken. Der war erstens günstig, zweitens wollte ich bei den Typen mitmachen.«

War das deine erste Band?

»Ja, aber nichts Ernstes. Wir trafen uns vielleicht einmal pro Woche und spielten zuerst Songs von Punkbands wie Stiff Little Fingers oder Angelic Upstarts. Das waren simple Sachen, die man aber intensiv am Körper spielte. Daraufhin kam eines zum anderen, und mit 14 oder 15 half ich zum ersten Mal anderen Musikern aus. Ich schätze, die Tatsache, dass ich Musik wegen Rush, die ja sehr komplex sind, von Anfang an immer sehr aufmerksam gehört und analysiert hatte, gab mir eine schnelle Auffassungsgabe, die die Leute zu schätzen wussten. Die Grundlagen habe ich mir aber so angeeignet wie die meisten: Kassette laufen lassen, mitspielen, sich verhauen, zurückspulen und wieder von vorn. Ich habe eine Menge Tapes ausgeleiert.«

Du hast dich dann lange Zeit für Sessions anheuern lassen, richtig?

»Mein Bruder vermittelte mich an die Band eines befreundeten Sängers, deren Bassist ausgestiegen war. Die Mitglieder waren damals schon Anfang 30 und hatten ihr eigenes Studio, das Chapel in Lincolnshire. Ich qualifizierte mich allein dadurch, dass ich einen Bass und einen Verstärker hatte. Außerdem war ich ja viel jünger und ein umgängliches Kerlchen. Der Proberaum war wunderschön, wie eine Wohnung mit einem riesigen Fenster, und nach drei, vier Songs hatte ich den Job. Die Gruppe hieß Dan Leno, und das muss 1984 gewesen sein. Zu der Zeit arbeitete ich in einem Lager für Sanitärartikel, doch Matthew Kemp, der in dem Studio das Mischpult bediente, schoss sich auf mich ein. Wir wurden Freunde, und ich machte so viel für ihn, dass ich irgendwann meinen Job kündigte. Wir lernten unser Handwerk praktisch gemeinsam und wohnten in den Aufnahmeräumlichkeiten. Ich wurde oft einfach deshalb engagiert, weil ich gleich zur Stelle war. In dem Studio sind auch Sachen von Orchestral Manoeuvres In The Dark oder Simple Minds entstanden, und in der jüngeren Vergangenheit haben Cathedral sowie The Darkness dort produziert.«

Wie bist du schließlich mit SAXON in Berührung gekommen?

»Sie buchten das Studio in der zweiten Hälfte der Achtziger mehrmals für Demos und um Live-Aufnahmen zu mischen. Es war wieder dieselbe Geschichte: „Wir brauchen einen neuen Bassisten.“ Ich wurde abermals empfohlen und war begeistert, weil ich die Band bereits mochte, und schließlich hatte sie einen großen Namen. Zwischen uns funkte es ziemlich schnell, und die Songs waren leicht zu lernen. Biff fragte: „Willst du auf unserem nächsten Album spielen?“, und wer hätte da nein gesagt? Das war im November oder Dezember 1988. Daraufhin machten wir „Solid Ball Of Rock“.«

Biff hat dich schon damals als sehr guten Songwriter gelobt.

»Wir zwei komponieren auch viel zusammen. Das läuft recht ungewöhnlich ab, erstens weil wir es fast nur noch übers Internet tun, zweitens aufgrund meiner Ideen, die sich stark von denen meiner Bandkollegen unterscheiden. Sometimes, I like to be a little bit abgefahren or schräg. Ich gehe generell auf andere Weise an Musik heran als sie, und das hört man vor allem unseren drei letzten Alben an, weil ich zunehmend mehr beisteure. Die ersten vier, fünf Songs auf „Battering Ram“ etwa stammen von mir, und auf „Thunderbolt“ ist es genauso. Natürlich wäre es idealer, immer zu fünft proben zu können, aber das kostet Zeit und Geld, zumal wir alle Familienmenschen sind. Wenn man jedoch beim Online-Austausch am Ball bleibt, bleibt die Kreativität erhalten, und das Ergebnis muss nicht unbedingt zerfahren klingen. Biff hat übrigens das letzte Wort, wenn es darum geht, welches Material auf einem Album landet. Er macht das davon abhängig, ob und wie er dazu singen kann. Manchmal fragt er, was ich denn wieder für Drogen genommen hätte, weil er nichts mit meinem Zeug anzufangen weiß. Ich schlage dann vor, die Tonart zu wechseln oder ein paar Parts umzustellen, und schon hört es sich relativ typisch nach SAXON an. So entstehen momentan ungefähr 70 Prozent unserer Lieder.«

Würdest du sagen, dass dich dein ganzheitliches Verständnis von Musik dorthin gebracht hat, wo du heute bist?

»Gerade heutzutage ist es doch so einfach, im Alleingang etwas aufzunehmen, das sich nach einer Band anhört und noch dazu vorzeigbar ist. Du brauchst höchstens Gitarre und Bass spielen zu können. Dann drückst du ein paar Knöpfe und fügst eine Spur mit Drumcomputern hinzu, die mittlerweile sehr authentisch klingen. Zum Schluss, falls du auch eine Vorstellung davon hast, wie dazu gesungen werden soll, kannst du die Stimme mit Synthesizer-Strings oder Chorsounds simulieren. Teilweise ist mir das sogar lieber als traditionelles Jammen, um Ideen festzuhalten, weil man es z.B. gleich morgens tun kann, nachdem einem beim Aufstehen etwas eingefallen ist, ganz entspannt im Sitzen bei einem Tässchen Kaffee. Außerdem lassen sich schnell Veränderungen vornehmen, falls man es sich anders überlegt. Ich tüftle und experimentiere gern, darum ist die moderne Technik das perfekte Spielzeug für mich. Ich kann die Energie einfangen, die mir ein sonniger Tag gibt, oder beim Arbeiten im Garten schnell hineingehen, um etwas aufzunehmen, das mir plötzlich in den Sinn gekommen ist.«

Ist Musik für dich demnach eher praktisches Handwerk als große Kunst?

»Na ja, man braucht schon Inspiration, um etwas Substanzielles zustande zu bringen. Du musst auch aufpassen, damit du dich nicht davon blenden lässt, wie gut die ganzen vorgefertigten Effekte schon über Laptop-Lautsprecher klingen, oder dich in kleinen Details verstrickst. Ich habe etwa ein Programm für Schlagzeug-Aufnahmen von Produzent Andy Sneap bekommen, das er mitentwickelt hat. Es enthält Samples von echt eingespielten Drums, und ich kann mir gut vorstellen, dass es für manche Band verführerisch wäre, ihren Trommler oder zumindest seine Tonspur im Studio dadurch zu ersetzen. In meinen Augen geht aber nichts darüber, einen einzigartigen Moment festzuhalten, eben wie auf „All The World´s A Stage“ damals, und das funktioniert einfach nicht, wenn man solches Stückwerk betreibt. Dadurch, dass wir uns jetzt lange genug kennen und sowieso häufiger auf der Bühne stehen als manche andere Band im Proberaum, hat sich der Fernaustausch für SAXON bewährt. Man kann halt nicht alles haben. Früher wären regelmäßige Studio-Veröffentlichungen bei einem so hohen Pensum an Tourneen wie unserem nahezu unmöglich gewesen. Ich halte das auch nicht für unaufrichtig oder geschummelt. Wenn du eine Platte von uns auflegst, erkennst du gleich, wer da spielt.«

Siehst du bei dem, was ihr tut, nach all den Jahren eigentlich noch Spielraum zur Weiterentwicklung?

»Keine Frage, wir haben definitiv unseren Stil und können uns nicht komplett neu erfinden. Wenn man sich aber konzentriert mit unserer Diskografie auseinandersetzt und bestimmte Phasen miteinander vergleicht, sollte man erkennen, dass wir nie ein und dasselbe zweimal gemacht haben.«

Verfolgst du, was es auf dem Equipment- und Instrumentenmarkt Neues gibt?

»Vielleicht am Rande. Verstärker sind im Grunde genommen nur noch für Konzerte relevant, weil man bei der alltäglichen Arbeit an Musik meistens das direkte Signal nimmt, den Bass also über eine Digitalschnittstelle mit dem Rechner verbindet. Dann wählt man ein Preset aus, das einem gefällt, und legt los. Manchmal wird der Sound, der sich daraus ergibt, sogar unverändert in der Endabmischung beibehalten. Was das betrifft, ist es dann wirklich ausschlaggebend, ob du deine Werkzeuge beherrschst oder eben nicht. Wenn man nicht im Takt spielen kann oder den falschen Ton trifft, lässt sich im Nachhinein einiges geradebiegen, aber ich bin überzeugt davon, dass so etwas auffällt und sich langfristig rächt, falls man denkt, damit davonkommen zu können. Eine Band steht und fällt am Ende des Tages mit ihrer Performance auf der Bühne.«

Zum Schluss: Woher stammt eigentlich dein Spitzname?

»Den bekam ich gleich nach der Zusage von Dan Leno. Wir schlugen in einem Pub auf und betranken uns, wobei mich einer meiner neuen Kollegen „Nibbs“ nannte – eine Verniedlichung, weil sie ja deutlich älter waren als ich. Gewehrt habe ich mich nie dagegen. Die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen, ist generell eine gute Einstellung.«

www.facebook.com/nibscarter

Pic: Thorsten Seiffert

Bands:
SAXON
Autor:
Andreas Schiffmann

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