Schwatzkasten

Schwatzkasten 28.03.2012

VAN HALEN , CHICKENFOOT - SAMMY HAGAR (Chickenfoot, ex-Van-Halen)

SAMMY HAGAR ist bereits seit 40 Jahren im Geschäft, doch an seine Rente denkt der auch als Red Rocker bekannte Sänger und Gitarrist noch lange nicht. Auch mit 64 Jahren sprüht der Kalifornier, der gerade seine lesenswerte Biografie „Red: Mein Leben unzensiert“ veröffentlicht hat, vor Lebensfreude und Tatendrang. Im Schwatzkasten erzählt der Frontmann u.a. von seiner harten Kindheit, einer Begegnung mit Außerirdischen und wilden Groupie-Geschichten.

Sammy, wie und wo bist du aufgewachsen?

»Ich bin in Südkalifornien aufgewachsen. Mein Vater war Stahlarbeiter und arbeitete in einer Stahlmine. In dieser Gegend habe ich bis zu meinem 18. Lebensjahr gelebt. Dann gründete ich eine Band, und alles, was ich wollte, war, nach San Francisco zu gehen, wo die Hippie-Bewegung in vollem Gange war. Ich bin dorthin gezogen und habe hart gearbeitet. Mein Erfolg kam nicht über Nacht. Erst mit der Band Montrose ging es bergauf. Aber in den Jahren davor musste ich ums Überleben kämpfen.«

Was ist deine schönste, was deine schlimmste Kindheitserinnerung?

»Wir waren sehr arm, und mein Vater war ein Alkoholiker, der meine Mutter misshandelte. Manchmal mussten wir uns mitten in der Nacht aus dem Haus stehlen, weil mein Vater gewalttätig wurde. Meine Mutter befahl dann mir und meinem älteren Bruder sowie meinen zwei älteren Schwestern, durch die Fenster zu flüchten und draußen in den Feldern zu warten, bis sie zu uns stößt. In solchen Nächten mussten wir in der Kälte auf den Feldern schlafen. Das sind natürlich keine schönen Kindheitserinnerungen, aber das Gute ist, dass sie gleichzeitig auch mit positiven und hoffnungsvollen Aspekten verbunden sind. Das Leben hätte der reinste Horror für uns sein können, aber meine Mutter war eine großartige Frau und verstand es trotz der widrigen Umstände, der Familie ein Gefühl von Sicherheit zu geben und sie glücklich zu machen. Meine Mutter und uns Kinder verband ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Wir hatten keine Angst, stattdessen lachten wir häufig und unternahmen viel. Wenn mein Vater wieder mal betrunken und aggressiv von seinen Kneipentouren kam, gingen wir fischen und campen. Meine Mutter hatte zwar keine Ausbildung und kein Geld, aber dennoch wusste sie, wie man überlebt und sich durchschlägt. Sie war eine tolle Köchin und Gärtnerin, die aus nichts etwas machen konnte. Wir angelten uns Fisch und klauten nachts heimlich ein paar Kartoffeln, Salat oder Erdbeeren aus den großen Feldern, womit wir uns ein Mahl zubereiten konnten. Mit meiner Mutter hatten wir immer viel Spaß. Ich hatte zwar nie richtig reiche Freunde - aber Freunde, die deutlich wohlhabender waren als wir. Lustigerweise verbrachten sie dennoch ihre Zeit viel lieber bei uns als bei ihren Eltern, weil meine Mutter immer etwas mit uns unternahm. Manchmal packte sie uns in unser Auto, um mit uns zum Erdbeerpflücken zu fahren. Danach ging es wieder nach Hause, und sie backte einen großen Erdbeerkuchen für uns.
Ich glaube, das Talent, aus nichts etwas zu kreieren, habe ich von ihr geerbt. Ich habe keine Angst, mich mit einer Situation zu konfrontieren und mit keinen oder wenigen Mitteln etwas zu schaffen. Ich war schon immer ein sehr positiver und nahezu naiv optimistischer Mensch. Dagegen kann ich nichts machen. Ich sehe immer in erster Linie das Positive und mache mir über das Negative keine Sorgen.«

Gehörtest du in der Schule zu den Strebern oder zur Rotzlöffel-Fraktion?

»Beides. Bis zur Highschool hatte ich stets sehr gute Noten und gehörte zu den Klassenbesten. Doch als ich auf die Highschool kam, mein erstes Auto fuhr, Mädchen entdeckte und begann, Gitarre zu spielen, war es mit den guten Noten vorbei. Ich hing mit den bösen Jungs ab, rauchte Dope, trank und machte Party. Ich hätte locker auf die schiefe Bahn gelangen und im Knast landen können. Doch hinter Gittern war ich zum Glück nur einmal kurz, nachdem man mich mit Marihuana geschnappt hatte. Einige meiner damaligen Kumpels sind im Gefängnis gelandet oder sogar gestorben. Zwei meiner Freunde wurden bei bewaffneten Überfällen erschossen. Ich hing damals wirklich mit den falschen Leuten ab. Glücklicherweise wuchs auf der Highschool auch meine Liebe zur Musik, und mir wurde klar, dass sie mein Lebensinhalt ist. Fortan umgab ich mich mit Musikern, die zwar auch gerne rauchten, tranken, feierten und sich für Mädchen interessierten, aber die künstlerisch veranlagt waren und wie ich ein Ziel vor Augen hatten. Unser Ziel war es, reich und berühmt zu werden.«

Kannst du dich an deine erste Begegnung mit harter Musik erinnern?

»Als ich aufgewachsen bin, gefielen mir Blues, Soul und Folk im Stil von Donovan und Bob Dylan gut. Womöglich hat mich diese Vorliebe inspiriert, später selbst Songs zu schreiben. Bevor ich zu Montrose kam, war ich Sänger in einer R´n´B-Funk-Band mit dem Namen The Justice Brothers und sang Lieder von James Brown, Otis Redding und Wilson Pickett. Und dann wurde ich quasi über Nacht zum Heavy-Metal-Frontmann, nachdem ich vier Hardrock-Stücke komponiert hatte, die meiner damaligen Band nicht gefielen. Die Jungs konnten nicht glauben, dass ich nun solche Musik machen will. Dann ergab es sich, dass Ronnie Montrose einen Sänger suchte und ich auch noch die passenden Songs vorrätig hatte. Seitdem mache ich diese Art von Musik. Als Heavy-Metal-Typ sehe ich mich aber dennoch nicht. Ich bin eher ein Hardrock-Singer/Songwriter.«

Was war der fürchterlichste Job, den du je machen musstest?

»Mit 20 Jahren habe ich mal drei Monate lang als Müllmann in Rochester, New York, gearbeitet. Jeden Morgen von vier bis acht Uhr stand ich hinten auf dem Müllwagen und musste den Müll einsammeln und in den Wagen werfen. Das war der schlimmste und gleichzeitig letzte Job, den ich in meinem Leben hatte.«

Erinnerst du dich an deinen schlimmsten Auftritt?

»Mein erster und bisher einziger Auftritt im Vorprogramm von Kiss war ein totales Desaster. Das war 1976/1977 in New York. Kiss waren gerade richtig groß und spielten im ausverkauften Madison Square Garden. Weil ich erst recht kurzfristig als Support-Act bestätigt worden war, stand mein Name auf keinem einzigen Plakat. Ich erinnere mich noch, wie mich eine Stimme mit den Worten „Please welcome: SAMMY HAGAR!“ ankündigte und mich 40.000 Menschen ausbuhten. Sie wussten nicht, wer ich bin und warum ich auf der Bühne stehe. Sie wollten nur Kiss sehen, alles andere war ihnen egal. Aber auch ich benahm mich wie ein Idiot. Anstatt loszulegen und es dem Publikum mit meiner Musik einfach zu zeigen, fragte ich: „Warum zur Hölle buht ihr? Ihr Arschgeigen habt ja noch nicht mal meine Musik gehört! Hört euch wenigstens mal an, wie ich klinge!“ Ich legte mit dem ersten Lied los, doch abgesehen von ein paar höflich interessierten Zuschauern redeten und buhten die Leute zwischen den Songs. Daraufhin zerschmetterte ich meine Gitarre, zeigte ihnen meinen Hintern und ging mit einem „Fuck you!“ von der Bühne. Paul Stanley und Bill Graham (berühmter US-Konzertveranstalter - cs) stürmten entsetzt mit den Worten „Sammy, was machst du nur?“ hinter mir her. Ich brüllte alle an: „Fickt euch! Und verlasst meine Garderobe!“ Ich setzte mich hin und heulte einfach nur noch. Das war ein fürchterliches Erlebnis. Ich sagte zu Kiss, dass ich nie wieder eine Show mit ihnen spielen möchte, und dabei kann ich die Jungs wirklich gut leiden. Wir sind Freunde. Aber ein Konzert spiele ich bestimmt nicht noch mal mit ihnen (lacht).«

Was ist das verrückteste Gerücht, das du je über dich gehört hast?

(Er lacht laut auf:) »Es gab vor ein paar Jahren mal eine Internetseite, die behauptete, ich stamme aus dem Libanon und sei der bekannteste libanesische Rockstar. Zunächst wusste ich davon nichts und wunderte mich, dass ich in einem libanesischen Restaurant von vorne bis hinten wie ein König bedient wurde. Der Chefkoch stellte Unmengen von Essen hin und sagte, dass er kein Geld dafür haben will, weil ich der bekannte Libanese SAMMY HAGAR sei. Ich habe auch mal einen Brief von einem Libanesen bekommen, der mir schrieb, wie stolz er und sein Land auf mich seien. Ich dachte mir nur: „Das gibt´s doch gar nicht! Ich bin kein Libanese. Ich habe irisches und italienisches Blut!“ Und dann gab es noch einen libanesischen Popstar, der ein Duett mit mir machen wollte. Ich sollte singen, dabei spreche ich doch kein Wort Libanesisch. Irgendwann hat endlich jemand meinen Namen von dieser Internetseite genommen. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Ich kann nur vermuten, dass mein Nachname irgendwie arabisch klingt, aber ich habe dort definitiv nicht meine Wurzeln.«

Wo verbringst du am liebsten deinen Urlaub?

»Ich liebe die Insel Sardinien mit ihrem italienischen Charme, dem leckeren Essen, den wundervollen Menschen und der Küste. Aber auch Cabo San Lucas und Hawaii sind toll. Wenn ich Urlaub auf Hawaii mache, spüre ich regelrecht, wie meine Seele heilt. Wenn ich dort zwei Wochen war, bin ich wieder total klar und weiß genau, was ich will. Dann kann ich zurück ins Leben kehren.«

Gibt es eine berühmte Persönlichkeit, mit der du dich gerne mal unterhalten würdest?

»Mit Elvis Presley hätte ich gerne mal eine ganze Nacht lang zusammen gespielt und gesungen. Ich liebe Elvis. Er ist der größte Star, der jemals gelebt hat.«

Wann hast du das letzte Mal geweint?

»Das letzte Mal so richtig heftig geweint habe ich vor vier Jahren, als meine Mutter gestorben ist. Ich habe so voller Inbrunst geweint, dass ich danach keine Tränen mehr in mir hatte und mein Körper total ausgelaugt war. Ich hatte das Gefühl, dass alle Trauer rausgekommen ist. Es war wie eine Art seelische Reinigung. Im Durchschnitt weine ich ca. einmal im Monat. Das letzte Mal geweint habe ich vor kurzem, als mir meine Frau einen Link geschickt hat. Man sieht zwei irakische Jungs, deren Arme und Beine von Bomben verstümmelt wurden. Einer dieser Jungs tritt in der Castingshow „The X Factor“ auf und singt John Lennons Song ´Imagine´ (findet man auf YouTube unter dem Suchbegriff „Emmanuell Kelly“ - cs). Es war großartig und herzzerreißend (man hört, dass Sammy mit den Tränen kämpft - cs). Jetzt kann ich dir sagen, wann ich das letzte Mal geweint habe: gerade eben!«

Bist du religiös?

»Ich glaube an Gott, und ich finde es wichtig, dass die Menschen generell an etwas glauben. Ohne Glauben wäre uns alles egal, und wir würden uns gegenseitig zerstören. Hoffnung und Glaube haben mir ermöglicht, zu dem zu werden, was ich heute bin. Ich bin abends ins Bett gegangen und habe gebetet, dass mich jemand leitet und mir hilft. Ohne diesen Glauben hätte ich schon längst aufgegeben, und meine Karriere hätte es nie gegeben.«

Betest du heute noch?

»Es gibt ein paar Zeilen, die ich vor jedem Konzert mit meiner Band aufsage und die ich mir selbst ausgedacht habe. Wir stellen uns Arm in Arm in einen Kreis, stecken die Köpfe zusammen und sagen folgende Worte: „Ich danke für die Liebe und das Licht und dafür, dass die Liebe und das Licht durch uns gehen dürfen, um alle zu berühren, mit denen wir in Kontakt sind. Wir danken Gott für die wundervolle Möglichkeit, dass wir all den Menschen hier und heute Liebe und Freude geben dürfen - und für die Fähigkeit, einen perfekten Job zu machen.“ Ich bin nicht religiös im herkömmlichen Sinne. Ich glaube einfach nur an die Kraft der Gebete und des Lichts.«

Du hattest in deinem Leben schon mehrere übersinnliche Erlebnisse. Welches hat dich am meisten berührt?

»Das war die Geschichte mit dem UFO, die Mitte der sechziger Jahre passierte, als Aliens Kontakt mit meinem Gehirn aufgenommen und Informationen übermittelt haben, während ich schlief. Das war das Wichtigste, das mir je passiert ist. Vorher war mir alles egal, doch von da an wollte ich wissen, wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen und was nach dem Tod kommt. Ich befinde mich seitdem auf der Suche nach Antworten auf all diese Fragen.«

Das klingt sehr nach Science-Fiction.

»Natürlich. Es war pure Science-Fiction. Seit diesem Erlebnis interessiere ich mich für Science-Fiction-Bücher, zum Beispiel die von Arthur C. Clarke.«

Was ist die verrückteste Rockstar-Tourstory, die du erlebt hast?

»Bei Van Halen hatten wir kleine Zelte unter der Bühne, um Klamotten zu wechseln, die wir aber während des Konzerts für, ähem, andere Dinge genutzt haben (lacht).«

Du redest von den „Sex Tents“, in denen mehrere willige weibliche Fans nackt herumsprangen, während z.B. Eddie ein langes Gitarrensolo auf der Bühne spielte.

»Das Motto war immer: „Die Beste gewinnt!“ Oh man, ich fühle mich gerade echt wie ein dreckiger Hund (lacht).«

Erzähl mal von deinem verrücktesten Drogenerlebnis.

»In den frühen Neunzigern, als ich etwa ein Jahr mit meiner jetzigen Frau Kari zusammen war, bot uns mein Schwager Magic Mushrooms an. Weil ich psychedelische Drogen das letzte Mal als Teenager genommen hatte und meine Frau von ihrem ersten Pilztrip nur Positives berichten konnte, machten wir uns einen Magic-Mushroom-Tee. Nichts passierte, und so aßen wir wenig später auch noch die Pilze selbst. Daraufhin hatten wir eine tierische Überdosis intus. Die nächsten 20 Stunden waren wir so high, dass wir nicht mal mehr wussten, was uns so high gemacht hatte, weil wir uns nicht an die Pilze erinnern konnten. Wir wussten nicht mehr, wer oder was wir sind und was wir tun und ob wir Eltern haben. Es war ein wenig unheimlich. Als wir langsam wieder etwas klarer wurden, schaltete ich ein Aufnahmegerät an und schnitt alles mit, was wir in den nächsten anderthalb Stunden von uns gaben. Wenn du die Aufnahme abspielst, hörst du, wie wir im Bett liegen, unkontrolliert lachen und totalen Blödsinn reden.«

Stell dir vor, der Drogentrip wäre schlecht geendet. Welcher Song hätte auf deiner Beerdigung gespielt werden sollen?

»Vielleicht mein eigener Song ´Eagles Fly´, weil es in ihm darum geht, geboren zu sein.«

Stell dir vor, du könntest einen Koffer mit ins Nirwana nehmen. Was würdest du reinpacken?

»Edles Olivenöl, Meersalz, Pasta, guten Wein, und vielleicht bekomme ich auch noch meine Ehefrau reingequetscht (lacht).«

www.facebook.sammyhagar

DISKOGRAFIE (Studioalben)

mit Montrose:
Montrose (1973)
Paper Money (1974)

mit HSAS:
Through The Fire (1984)

mit Van Halen:
5150 (1986)
OU812 (1988)
For Unlawful Carnal Knowledge (1991)
Balance (1995)

solo:
Nine On A Ten Scale (1976)
Sammy Hagar (1977)
Musical Chairs (1977)
Street Machine (1979)
Danger Zone (1980)
Standing Hampton (1981)
Three Lock Box (1982)
VOA (1984)
I Never Said Goodbye (1987)
Marching To Mars (1997)
Cosmic Universal Fashion (2008)

mit Sammy Hagar & The Waboritas:
Red Voodoo (1999)
Ten 13 (2000)
Not 4 Sale (2002)
Livin´ It Up (2006)

mit Chickenfoot:
Chickenfoot (2009)
Chickenfoot III (2011)

Pic: Neil Zlozower

Bands:
VAN HALEN
CHICKENFOOT
Autor:
Conny Schiffbauer

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