Schwatzkasten

Schwatzkasten 18.12.2019, 08:00

SABATON - Schwatzkasten: Joakim Brodén

So sehr SABATON inzwischen polarisieren – über Joakim Brodén kann es eigentlich keine zwei Meinungen geben, denn der Frontmann mit der eigenwilligen „Frisur“ ist nicht nur ein stets freundlicher und nahbarer Kumpeltyp, sondern auch ungemein unterhaltsam, witzig und nicht zuletzt selbstironisch. Das zeigt unser Schwatzkasten einmal mehr.

Joakim, fangen wir mal mit dem wichtigsten Thema an: Welches ist dein Lieblingsbier?

»Es gibt einfach zu viele, um sie alle aufzuzählen. Vor allem die ganzen Mikrobrauereien machen tolles Bier – da schmeckt eigentlich jedes. Auch dieses Füchschen Alt, das du mir heute mitgebracht hast, ist wirklich lecker! Wenn ich mich mal auf die großen Marken beschränke, die man fast überall bekommen kann, dann ist unterm Strich Pilsner Urquell mein Lieblingsbier.«

Mal unabhängig von der Marke: Welche Sorte magst du am liebsten?

»Pils und IPA. Weizen schmeckt mir zwar auch, aber davon schaffe ich nicht mehr als ein Glas – danach fühle ich mich zu satt und voll, um weiterzutrinken.«

Welches ist dein Lieblingsessen, welche deine bevorzugte Cuisine?

»Hm, auch das ist schwierig zu beantworten. Ich liebe Sushi, aber es gibt auch ganz viele Gerichte in der japanischen Küche, die ich überhaupt nicht mag. Von daher scheidet sie aus. Am besten finde ich insgesamt wohl die indische Küche, denn selbst wenn jemand nicht so richtig gut kochen kann, schmecken diese ganzen Curry-Gerichte immer noch lecker. Ich mag es auch gerne schärfer, nur mein Körper nicht so, denn man hat ja immer zweimal etwas davon. Am nächsten Tag und so – du weißt, was ich meine…«

Wie bist du aufgewachsen?

»Ich bin in einer schwedischen Kleinstadt groß geworden. Meine Kindheit war im positiven Sinne normal. Meine Eltern haben sich gut um mich gekümmert. Ich hatte alles Nötige, wurde aber gleichzeitig so erzogen, dass ich Eigenverantwortung übernehme und immer auch einen Plan B in der Tasche habe. Wir waren weder arm noch reich. Da meine Mutter aus Tschechien kommt, waren wir dort oft im Urlaub. Wir hatten zu Hause eine Heimorgel stehen, und an der habe ich mit neun oder zehn Jahren meine ersten musikalischen Gehversuche unternommen. Ich habe mir das selbst beigebracht, indem ich meinen Vater beim Spielen beobachtet habe. Mit etwas Unterricht in Musiktheorie habe ich schnell verstanden, wie Akkorde funktionieren. Eigentlich bin ich also Keyboarder, und in dieser Funktion bin ich auch zu Pärs Band gestoßen. Für die Sängersuche nahmen wir eine Demokassette auf, um potenzielle Kandidaten von unseren Qualitäten zu überzeugen. Da ich die meisten der Songs geschrieben hatte, sollte ich darauf aushilfsweise singen. Das leuchtete mir ein, doch die Sängersuche hält bis heute an… (grinst). Ich habe nie eine Gesangsausbildung gehabt und mir das Singen genau wie das Keyboardspielen autodidaktisch beigebracht – vielleicht klinge ich deswegen anders als die meisten Metal-Sänger und bin leicht herauszuhören. Als 2005 dann mit Daniel ein fester Keyboarder in die Band kam, dämmerte mir, dass irgendwas falsch gelaufen und mein eigentlicher Job nun futsch war.«

Apropos Tschechien: Fühlst du dich eher als Schwede oder als Tscheche?

»Ich fühle mich in erster Linie als Schwede, denn dort bin ich aufgewachsen, und Schwedisch ist demnach auch meine Muttersprache. Die Sozialisation ist viel wichtiger als das Blut. Dennoch fühle ich mich natürlich auch in Prag sehr wohl und kann auch ein paar Brocken Tschechisch. Das kommt bei Konzerten dort immer sehr gut an – vor allem, wenn ich einheimische Kinderlieder anstimme, die mir gerade einfallen. Die werden immer gerne mitgesungen...«

Warst du in der Schule eher brav oder ein Rabauke?

»Weder noch. Ich war ganz normal – weder ein Klassenclown noch ein Schläger. Klar habe ich auch mal Blödsinn gemacht, aber sobald ein Lehrer mich zur Ordnung gerufen hat, habe ich mich sofort zusammengerissen. Ich hatte immer ordentliche Noten und habe in der Oberschule als Schwerpunkt Elektrotechnik gewählt. Danach habe ich dann noch ein Studium als Toningenieur angefangen, aber nach zweieinhalb Jahren wieder abgebrochen, als mir bewusst wurde, dass es dafür noch nicht mal ansatzweise so viele Jobs wie Studenten gibt. Das war eine Sackgasse, aber die seinerzeit erlangten Kenntnisse kommen mir bei unseren Produktionen heute natürlich zugute.«

Sind deine Eltern stolz auf dich?

»Inzwischen schon. Mein Vater ist ja selbst Hobbymusiker, und auch meine Mutter hat mich immer unterstützt und mir gelegentlich Platten gekauft, als sie mitbekommen hat, dass ich die Lieder davon zu Hause nachzusingen versuche. Da ich ja aber gar keine Ambitionen als Berufsmusiker hatte, gab es auch nie die üblichen Diskussionen nach dem Motto „Junge, lern doch was Anständiges!“. Gerade wenn wir in Tschechien spielen, nimmt meine Mutter das immer gerne zum Anlass, um Verwandte zu besuchen, und kommt dann natürlich auch zu den Shows. Wenn wir dort als Headliner auf dem tollen Masters Of Rock Festival vor 30.000 Leuten spielen, ist sie schon sehr stolz auf mich, aber es gab auch Situationen, in denen sie sich für mich geschämt hat. Es machte z.B. mal ein Video von unserer Support-Tour für Hammerfall die Runde. Die hatten damals so einen Wasserfall im Bühnenhintergrund, auf den Laser projiziert wurden. Da man bei der letzten Show der Tour immer irgendwelchen Blödsinn macht, bin ich in Boxershorts und mit einem Duschgel in der Hand unter diesen Wasserfall gegangen und habe mich dort gewaschen. Die Leute skandierten alle „Sabaton! Sabaton!“, und Hammerfall wussten erst gar nicht, was los war. Als sie mich dann entdeckten, kam Oscar Dronjak zu mir und zog mir die Boxershorts runter. Da gab es dann eine unfreiwillige Kleiner-Schniedel-Parade, die auf YouTube die Runde machte. Das Ganze war meiner Mutter ziemlich peinlich.«

Damit wäre die Frage nach deiner peinlichsten Situation auch schon abgehakt, oder hast du noch andere auf Lager?

»(Lacht.) Ach, so was passiert mir ständig. Lass mich überlegen… Da gibt es noch so eine ähnliche Geschichte aus der Zeit mit Snowy Shaw am Schlagzeug, 2012 oder 2013. Der war während eines Konzerts immer komplett im Tunnel und hat nichts um sich herum mitbekommen. Irgendwann haben wir einen Wettbewerb daraus gemacht, wer ihn als Erster aus seinem Drummer-Film reißen kann. Kurz darauf riss mir bei einer Show meine Hose an der innen liegenden Naht vom Schritt bis fast zu den Knien auf, und meine Unterhose schaute heraus. Die Situation ließ sich mitten im Song nun mal nicht ändern, und das Publikum tobte und johlte. Natürlich bekam Snowy von alledem wieder mal nichts mit. Also stellte ich mich auf sein Schlagzeugpodest, und zwar so, dass das Publikum mich nur von hinten sehen konnte, zog meine Unterhose runter und machte den Propeller. Da reagierte Snowy endlich – und lachte dermaßen heftig, dass ihm die Tränen über die Wangen kullerten. Er hörte gar nicht mehr auf zu lachen. Das irritierte mich, denn sooo lustig war meine Aktion nun auch wieder nicht. Plötzlich entdeckte ich den Grund für seine Heiterkeit: Meine Mutter stand hinten am Monitorpult und hatte freie Sicht auf mich! Wir haben über diesen Vorfall nie gesprochen und einfach so getan, als ob er nie passiert wäre. Das ist das Gute an Konzerten: Sie gehen einfach weiter.«

Sehr schöne Geschichte! Gibt es denn auch etwas richtig Dummes, das du gemacht hast?

»Nein, eigentlich nicht. Wir sind nicht die Typen, die Fernseher aus Hotelfenstern schmeißen oder Zimmer verwüsten. Wenn bei uns mal etwas kaputtgeht, dann immer nur unabsichtlich. Ich erinnere mich an einen Backstageraum im Kellergeschoss, der nur schmale Oberlichter als Fenster hatte. Davor knieten Fans und winkten unaufhörlich. Ich wollte sie erschrecken, verließ daher demonstrativ das Zimmer und schlich unterhalb der Fensterlinie heimlich wieder zurück. Als ich dann plötzlich hochsprang und vor die Scheibe schlug, zerbrach das Fenster in tausend Teile. Ich habe mich am meisten von allen erschrocken. Zum Glück hat keiner Scherben abbekommen.«

Du bist fast immer zu Streichen aufgelegt. Was treibt ihr denn in der Band untereinander so für Blödsinn?

»Wir alle sind riesengroße Fans von Van Halen, und bei einigen Aftershow-Partys haben sich Hannes (Van Dahl, Drums - ms) und Chris (Rörland, Gitarre - ms) da völlig reingesteigert und stundenlang über VH-Tattoos geschwafelt, die sie sich machen lassen wollten, letztendlich aber doch nicht haben stechen lassen. Wir haben sie damit lange Zeit aufgezogen. Bei der nächsten Party kam das Thema nach zig Bier natürlich wieder auf den Tisch, und Chris wettete mit Hannes, dass er noch vor ihm ein VH-Tattoo haben werde. Darauf ging Hannes ein und staunte nicht schlecht, als Chris ihm sein neues VH-Tattoo zeigte, das er sich kurz zuvor heimlich hatte stechen lassen. Da Hannes seine Lektion aber nicht lernte und nach wie vor ständig von einem VH-Tattoo redete, ohne sich endlich mal eines machen zu lassen, schlug ich vor, die List von Chris als gesamte Band zu wiederholen. Also ließen wir uns alle heimlich VH-Tattoos stechen, und Chris wettete mit Hannes, dass jeder in der Band noch vor ihm solch ein Schmuckstück haben würde. Als Einsatz legten sie fest, dass sich der Verlierer ein VH-Tattoo vom Gewinner stechen lassen müsste. Hannes fiel vom Stuhl, als wir alle blankzogen (grinst). Da Chris nicht nur ein guter Gitarrist, sondern auch ein guter Zeichner ist, blieb eine echte Strafe jedoch aus, denn das Tattoo, das er Hannes dann gestochen hat, kann sich durchaus sehen lassen.«

Apropos blankziehen: Würdest du dich nackt fürs „Playgirl“ ablichten lassen?

»Nein, denn dazu ist mein Körper derzeit nicht gut genug in Form. Dafür müsste ich erst mal sehr viel trainieren – oder jemanden mit herausragenden Photoshop-Fähigkeiten kennen…(lacht).«

Welche ist deine beste und welche deine schlechteste Charaktereigenschaft?

»Die hängen eng zusammen. Ich bin sehr stur und habe einen langen Atem. Das kann je nach Situation gut oder schlecht sein. In unseren Anfangstagen war dieser Extrem-Metal total angesagt, und alle behaupteten, dass Melodic Metal durch ist und nicht mehr groß werden kann. Ich habe trotzdem daran geglaubt und die Sache gegen alle Widerstände durchgezogen.«

Ist dir schon mal ein Fan so richtig auf die Nerven gegangen?

»Ja, das kommt manchmal vor. Meist handelt es sich dabei um sehr betrunkene Männer mittleren Alters, die mit sehr feuchter Aussprache ganz nah vor mir stehen und mir in epischer Breite ihre Lebensgeschichte erzählen. Ich trinke ja selbst auch mal gerne einen über den Durst und rede Unsinn, sodass ich das gar nicht verurteilen will, aber es ist halt blöd, wenn hintendran noch zig andere Fans stehen, die auch mal gerne ein paar Worte mit mir wechseln oder ein Selfie machen würden. Das finde ich den anderen gegenüber ziemlich unfair, und ich werde dann auch mal deutlicher, wenn so ein Typ einfach kein Ende findet.«

Wovor hast du Angst?

»Vor Spinnen. Ich raste zwar nicht gleich hysterisch aus, wenn ich irgendwo eine sehe, aber ich habe dabei kein gutes Gefühl. Ich hatte nämlich mal ein schlimmes Erlebnis, als mir eine Spinne am Rücken unter mein Hemd gekrochen ist. Ich spürte nur, dass da wohl irgendein Tier ist, und als ich versucht habe, es herauszuschütteln, hat die Spinne Panik bekommen und mich gebissen. Das war verdammt schmerzhaft.«

Was ist die bedeutendste Erfindung der Menschheit? Sag jetzt bitte nicht Panzer!

»Strom und das Internet.«

Welches war die blödeste Frage, die dir je gestellt wurde?

»Ob wir nicht mal einen Song über den D-Day machen wollen. Dabei handelt unser allererster Text mit Kriegsthematik, ´Primo Victoria´, ja genau davon! Aber man sollte nicht zu streng sein und berücksichtigen, wer solche Fragen stellt. Ein bulgarisches Boulevard-Magazin ist nun mal was anderes als eine Fachzeitschrift wie Rock Hard.«

Letzte Frage: Wollt ihr nicht mal einen Song über den D-Day machen?

»…«

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Bands:
SABATON
Autor:
Marcus Schleutermann

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