Schwatzkasten

Schwatzkasten 25.07.2018

DOOL - Schwatzkasten: Ryanne Van Dorst

Mit ihrer Band DOOL und deren Debüt „Here Now, There Then“ ist Ryanne van Dorst hierzulande in den vergangenen zwei Jahren bekannt geworden. In ihrer niederländischen Heimat kennt man sie hingegen schon länger unter dem Künstlernamen Elle Bandita. Neben der Musik tritt sie dort häufiger im Fernsehen auf und setzt sich für die Enttabuisierung von Intersexualität ein, wobei sie aus eigener Erfahrung berichtet. Was Ryanne außer Musik und TV-Auftritten sonst so treibt und wie ihr Karriereziel früher den Haussegen gefährdet hat, erzählt die 33-Jährige im Schwatzkasten.

Ryanne, wo bist du aufgewachsen?

»In einer Kleinstadt namens Maassluis. Sie ist nichts Besonderes, eine Arbeiterstadt und ganz durchschnittlich.«

Warst du in der Schule eine Unruhestifterin oder eine brave Schülerin?

»Ich habe immer Ärger gemacht und nicht richtig dorthin gepasst – die klassische Geschichte. Ich wollte einfach nicht lernen und dachte, dass Schule langweilig ist. Weder als Kind noch heute kann ich Autoritäten leiden. Das bringt mich häufig in schwierige Situationen. Ich habe die Schule auch nicht beendet, sondern lieber in Bands Gitarre gespielt.«

Findest du immer noch, dass der Schulabbruch eine gute Entscheidung war?

»Ich weiß nicht. Manchmal überlege ich, wie entspannt das Leben wäre, wenn man einfach von neun bis 17 Uhr für seinen Chef arbeiten könnte und sich um nichts sorgen müsste. Dann würde man von Montag bis Freitag seiner Pflicht nachgehen und könnte anschließend das Wochenende genießen. Das wäre deutlich weniger stressig. Aber auf der anderen Seite würde man auch eine Menge Freiheit einbüßen und weniger erleben. Alles hat seine Vor- und Nachteile.«

Erinnerst du dich noch an dein Bühnendebüt?

»Oh ja! Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Ich glaube, ich war 13 Jahre alt und Schlagzeugerin in einer Mädchenband, die Metal gespielt hat. Obwohl ich eigentlich schon Gitarre spielte, habe ich mich dazu bereit erklärt, weil alle meine Freunde ebenfalls Gitarren und Bässe hatten. Wir lebten damals in dieser sehr kleinen Stadt, in der nichts passierte. Also gründeten wir eine Band. Die Show fand in unserem Jugendzentrum statt, und wir hatten zwei oder drei Songs in petto. 15 Minuten lang durften wir den Abend eröffnen, das war großartig! Ich hatte meine Haare zu kleinen Zöpfen geflochten, sodass ich wie ein kleiner Korn-Fan oder Twiggy (Ramirez, damals Bassist bei Marilyn Manson - ir) aussah (lacht). Wir spielten unseren Hit-Song ´Stupid Lies´ und ´Waiting For Satan´ – Klassiker!«

Wie lange hast du in dieser Band gespielt?

»Einen Auftritt lang (lacht).«

Was war das beste Konzert, das du aus dem Publikum erleben durftest?

»Das ist wirklich eine schwierige Frage. Auf jeden Fall The Knife, eine schwedische Elektro-Band im Amsterdamer Paradiso. Das hat mich total umgehauen: die verrückten Visuals, der Gesang und die Lichtshow waren großartig. Genau so sollte ein Konzert sein: eine ganz andere Welt, ein richtiges Happening. Kürzlich war ich beim Roadburn Festival und habe mir angeschaut, wie The Ruins Of Beverast ihr aktuelles Album „Exuvia“ gespielt haben. Das war wirklich, wirklich, wirklich verdammt gut! Ich war gespannt, wie sie das wohl live umsetzen werden. Sie haben es großartig gemacht und sehr subtil Elektro-Elemente eingesetzt. Mir gefiel diese Show sehr gut, alles an ihr war super.«

Auf was kannst du auf Tour nicht verzichten?

»Bücher! Ich lese einfach sehr viel und brauche sie unbedingt auf Tour. Dazu noch ein paar Vitamine sowie Aspirin.«

Nimmst du die Bücher in Papierform oder auf dem eReader mit?

»Nein, ich mag keine eReader. Zwar verachte ich Technologie nicht, aber ich mag das Gefühl, ein Buch in den Händen zu halten. Genauso wie ich auch das Gefühl mag, Vinyl anzufassen.«

Was liest du gerade?

»Ich lese immer verschiedene Bücher: Mit den einen möchte ich mich in bestimmten Themen weiterbilden, die anderen sind eher fürs leichtere Lesen und zum Spaß geeignet. Gerade lese ich ein Buch, das beides vereint: „Der Philosoph und der Wolf“ von Mark Rowlands. Es handelt von ihm selbst, einem Philosophen, der einen Wolf adoptiert hat. Er vergleicht das menschliche Leben mit dem des Wolfes und reflektiert, wie wir die Zeit wahrnehmen und was wir mit ihr in unserem Leben anstellen. Ein großes Thema, das ich nur schwer kurz zusammenfassen kann. Aber es ist wirklich interessant.«

Welches Buch aus deiner Sammlung kannst du weiterempfehlen?

»Da muss ich mal kurz in mein Regal schauen. Eigentlich kann ich alles davon empfehlen, denn die schlechten gebe ich gleich wieder weg. Auf jeden Fall alle Bücher von Lovecraft. Er ist wirklich sehr inspirierend. (Sie sucht.) Ich würde auch „Der Mann, der mit Schlangen sprach“ (von Andrus Kivirähk - ir) empfehlen, das ebenfalls einen leicht philosophisch-religiösen Unterton hat. Darin geht es um Leute, die mit Tieren sprechen können und zusammen mit ihnen im Wald leben. Dann erreicht die christliche Zivilisation samt Männern in Rüstungen diesen Ort. Die Sichtweise der Waldmenschen auf das Christentum und die moderne Gesellschaft wird im Buch dargelegt. Es ist sehr spannend, ein paar Schritte in der Zeit zurückzugehen und unsere Zivilisation aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.«

Klingt interessant. In beiden Büchern, die du genannt hast, geht es um die Verbindung von Mensch und Natur.

»Ja, das ist etwas, das mir schon seit ein paar Jahren im Kopf herumschwirrt. Daher lese ich viel darüber. Ich habe das Gefühl, dass die Menschheit zu große Stücke auf sich hält. Wir vergessen immer mehr unsere Wurzeln. Es ist doch verrückt, dass Menschen heutzutage denken, sie könnten die Natur ignorieren. Das finde ich falsch. Ich kann aber leider nicht die Menschheit ändern, daher versuche ich herauszufinden, wie ich mich selbst so verändern kann, dass es sich gut für mich anfühlt und ich meine Denkweise entsprechend anpasse.«

Was ist für dich die wichtigste Erfindung der Menschheit?

»Vielleicht ist das jetzt sehr ökologisch, aber ein junger Niederländer versucht, die Ozeane zu säubern. Er hat etwas erfunden, das sehr wichtig für die heutige Zeit ist: Zusammen mit Investoren baut er einen großen Ring, der in den Meeresströmungen verankert wird. Dieser Ring fängt das ganze Plastik von der Wasseroberfläche, welches anschließend von Booten aufgesammelt wird. Das ist wirklich eine sehr wichtige Sache, denn unsere Meere sterben. Es ist sehr wichtig, dass wir diesen ganzen verdammten Scheiß loswerden.«

Wenn du dich für Natur interessierst, reist du dann auch gern?

»Ich reise sehr gern! Ich habe schon viel gesehen und möchte die Welt entdecken. Aber wer will das nicht?«

Na ja, es gibt Menschen, die ihr Glück im eigenen Garten finden und nicht die Welt bereisen möchten.

»Schon, aber ich bin ehrlich gesagt auch ein bisschen neidisch auf diese Einstellung. Ich wünschte, ich würde so denken, dann wäre das Leben viel einfacher.«

Was ist dein Lieblingsland – und wo würdest du gern mal hin?

»Ich liebe Europa. Zentraleuropa ist unglaublich. Ich mag Länder wie Deutschland oder etwas östlicher Tschechien und Slowenien. Sie haben eine reiche Kultur und Geschichte sowie eine wunderschöne Natur. Ansonsten war ich noch nie in Griechenland, da würde ich gern hin, außerdem nach Neuseeland.«

Gibt es eine Stadt, in der du gern wohnen würdest?

»Nein, denn ich lebe ja schon in einer Stadt (in Rotterdam - ir). Warum sollte ich in einer anderen wohnen wollen? Wenn ich reise, fahre ich lieber herum, schaue mir die Landschaften an und versuche, von den touristischen Hotspots fernzubleiben, denn die nerven einfach nur.«

Was ist deine beste und was deine schlechteste Charaktereigenschaft?

»Meine gute Eigenschaft ist Loyalität den Leuten gegenüber, die ich mag. Das sind Freunde und Familie, eine kleine Gruppe. Meine schlechteste Eigenschaft ist Ungeduld. Ich bin wirklich sehr ungeduldig und kann es nicht ausstehen, wenn Leute langsam sind oder nicht verstehen, was getan werden muss.«

Ist deine Ungeduld förderlich oder nachteilig für das Musikerdasein?

»Sie ist nicht so gut (lacht). Manchmal muss ich mich quasi dazu zwingen, mal Luft zu holen und Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten.«

Welche Rolle spielt Religion in deinem Leben?

»Ich bin nicht für organisierte Religion. Ein paar der alten Schriften können sehr inspirierend für Geschichten sein. Aber gleichzeitig sind sie auch sehr dogmatisch. Ich bin also keine religiöse Person.«

Gibt es etwas, das du hasst?

»Ich hasse Stigmata und Dogmen, Erwartungen, Schubladendenken und Grenzen. Aber Hass ist ein sehr starkes Wort. Mir gefallen viele Dinge nicht, aber Hass kostet sehr viel Energie. Ich klinge gerade vielleicht wie ein Hippie, aber ich möchte mein Leben nicht damit verbringen, Sachen, Personen oder Musik zu hassen. Das kostet sehr viel Zeit und Energie. Es ist doch besser, den ganzen Scheiß zu ignorieren und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man als schön empfindet. Das macht einen zu einer glücklicheren und vollkommeneren Person.«

Wie wichtig sind dir die Meinungen anderer?

»Überhaupt nicht. Ich schätze die Meinungen der Menschen, die ich mag, sowohl künstlerisch als auch persönlich. Das sind Menschen, zu denen ich aufschaue, die ich respektiere und denen ich vertraue. Aber alle anderen: Fuck off and die! Das ist mein Leben, daher verstehe ich nicht, warum andere eine Meinung darüber haben müssen, was ich tue oder welche Musik ich mache.«

In den Niederlanden bist du auch bekannt, weil du häufiger im TV auftrittst – von der Talkshow über Reality-TV bis zu Dokumentationen. Was magst du an dieser Plattform?

»Ich bin da vor fünf oder sechs Jahren so reingeraten, und es ist mein Job geworden. Ich mag es sehr, denn ich kann viel tun, erleben und auf eine ganz andere Art kreativ sein. Ich habe zum Beispiel zwei Dokumentationen gemacht. In der einen geht es um Geschlechter („Geslacht!“ - ir). Darin begebe ich mich auch auf die Spuren meines eigenen Geschlechts, denn ich bin als Hermaphrodit (d.h. mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen - ir) geboren worden. Diese Doku-Serie war wirklich erfolgreich und hat eine soziale Botschaft. Heute kommen Leute auf der Straße auf mich zu und sagen: „Ich habe so viel von deiner Serie gelernt!“ oder „Es hat mir bei meinen eigenen Geschlechtsproblemen geholfen“. Es ist schön, dass Leute mich nach wie vor darauf ansprechen. Ich habe meine eigenen Erfahrungen mit dem Land geteilt – und das war sehr gut! Der Rest, den ich mache, ist Bullshit (lacht). Nein...«

Wie schwer war es für dich, etwas so Privates der Öffentlichkeit preiszugeben?

»Es war nicht mehr so privat, denn alle um mich herum kannten die Geschichte bereits. Ich habe sehr offen darüber mit anderen gesprochen. Für mich ist das daher kein Tabuthema, aber es ist eines in der Gesellschaft. Ich bin mit diesem Thema als Tabu erzogen worden und recht früh daraus ausgebrochen. Doch tief in meinem System ist es immer noch komisch. Ich muss daher zugeben, dass ich deshalb trotzdem ein wenig nervös war. Dafür habe ich viel Respekt erhalten, und das schätze ich sehr. Aber einer muss es ja tun, einer muss das Tabu brechen.«

Damit hast du vielen Leuten geholfen.

»Das ist das Allerwichtigste. Ich möchte darüber nicht zu lange reden, weil es ja eigentlich um die Band gehen soll. Aber ich wollte das tun, weil nach wie vor Kinder als Hermaphroditen oder Intersexuelle oder was auch immer geboren und unnötigerweise operiert werden. Das passiert oft, und ich finde das sehr tragisch. Daher wollte ich Informationen darüber bereitstellen, sodass zum Beispiel Eltern, die ein solches Baby bekommen, sich informieren können, indem sie die Serie schauen. Dann realisieren sie, dass es nicht außergewöhnlich ist, sondern passiert und Leute einfach nur nicht darüber sprechen. So. Jetzt Themawechsel.«

Alles klar. Haken wir beim Thema Job ein: Was war die mieseste Art, auf die du Geld verdient hast?

»Ich habe ein halbes Jahr in einem Callcenter gearbeitet. Noch nie war ich so selbstmordgefährdet wie damals. Es war verdammt schlimm und hat genau das widergespiegelt, wie ich mich zu dem Zeitpunkt gefühlt habe. Ich habe jede Sekunde gehasst. Aber jeder braucht einen Job, um die Miete zu bezahlen. Die Leute waren so gemein zueinander – es hat sich angefühlt, als wäre man mitten in einer Episode von „Reich und schön“.«

Was war deine Initialzündung, Musikerin zu werden?

»Als ich zum ersten Mal Nirvana und Kurt Cobain gehört habe, sagte ich: „Ich will Kurt Cobain sein!“ Er war zu dem Zeitpunkt schon tot und ich zwölf oder 13 Jahre alt. Ich habe mich total in Nirvana und die Musik verliebt. Daher wollte ich eine Gitarre haben.«

Was hat deine Familie dazu gesagt?

»Es gab eine Gitarre im Haus, die ich von meiner Schwester geklaut habe, weil sie gar nicht auf ihr gespielt hat. Als ich anfangs noch akustisch unterwegs war, mochten meine Eltern es. Aber dann habe ich eine E-Gitarre und einen Verstärker gekauft (lacht), und sie fanden es, glaube ich, ziemlich scheiße.«

Haben sie sich oft beschwert?

»Ja, und sie rannten in mein Zimmer und haben den Stecker des Verstärkers rausgezogen: „Hör auf mit diesem verdammten Lärm!“ Doch mir gefiel es nun mal, sehr laut zu spielen.«

Mit welchem Musiker – tot oder lebendig – würdest du gern mal sprechen?

»Mit niemandem. Ich denke, wenn man sich mit seinen Helden unterhält, wird man im Zweifelsfall nur enttäuscht, und alles verändert sich. Es ist gut, seine eigene Vorstellung davon zu haben, wie jemand ist. Mit jemandem zu sprechen, kann diese Vorstellung zerstören. Oder sie wird noch verbessert, aber es ist ein hohes Risiko. Daher möchte ich meine Idole lieber nicht treffen.«

Findest du, dass Musiker ihren Einfluss nutzen sollten, um politische Statements abzugeben?

»Das kommt darauf an... Ist Musik nicht schon an sich ein politisches Statement? Oft hat Musik etwas von Eskapismus oder Rebellion. Sie kann eine gute Plattform für Menschen sein, um ihre politische Meinung oder ihre sozialen Anliegen loszuwerden. Also ist es gut, dass Musik auf diese Art genutzt wird. Aber ich denke nicht, dass DOOL auf irgendeine Art politisch sind.«

Wenn du gezwungen wärst, nur drei Alben aus deiner Sammlung behalten zu dürfen, welche würdest du wählen?

»Okay, das ist wirklich eine schwere Wahl – ich mag die Frage nicht. Hm, also: Type 0 Negative mit „Bloody Kisses“. Michael Jackson mit „Thriller“ – ich schaue gerade nur grob über meine Plattensammlung, sonst würde das hier jetzt eine Stunde dauern. Noch eine... „Horses“ von Patti Smith.«

Welches Lied sollte auf deiner Beerdigung gespielt werden?

»Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich bin ja gar nicht da, um es selbst zu hören. Ich weiß nicht, was Leute hören, wenn sie an mich denken. Wenn man sich von mir verabschieden will, dann wohl am besten mit einem Lied, das ich geschrieben habe. Die Wahl überlasse ich aber denen, die mir „auf Wiedersehen“ sagen wollen. Ich denke nicht darüber nach, was passiert, wenn ich nicht mehr bin, sondern eher darüber, wie ich die letzten Momente auf Erden verbringen möchte.«

Was würdest du an deinem letzten Tag tun?

»Masturbieren. Den ganzen Tag lang – und dann während eines Orgasmus sterben.«

www.facebook.com/allthosewhowanderaredool

Diskografie (Studioalben)

Mit Elle Bandita:
Queen Of Fools (2009)
Elle Bandita (2014)

Mit Anne Frank Zappa:
AFZ (2010)

Mit Bullerslug:
Cheer Up, Goth! (2013)

Mit Dool:
Here Now, There Then (2017)

Pic: Thorsten Seiffert

Bands:
DOOL
Autor:
Isabell Raddatz

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