Schwatzkasten

Schwatzkasten 30.08.2017

SYMPHONY X , ADRENALINE MOB - RUSSELL ALLEN

Während andere Menschen nach einem anstrengenden Flug aus den USA erst einmal tagelang ihren Jetlag bekämpfen müssen, trifft sich Russell Allen, seines Zeichens Frontmann bei ADRENALINE MOB und SYMPHONY X, bei seiner Stippvisite in Dortmund quietschfidel und in bester Plauderlaune mit uns zum Interview und beleuchtet dabei seine bisher eher unbekannten Seiten. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass der Sänger früher als Teilzeitritter und Häuslebauer seine Brötchen verdiente, einer Familie von Country-Musikern entstammt und als Kind mit seinen waghalsigen Kamikaze-Aktionen seine Eltern beinahe an den Rand eines Herzinfarkts gebracht hätte?

Russell, wann und wie bist du aufgewachsen?

»Ich bin in den siebziger Jahren in Südkalifornien aufgewachsen. Geboren bin ich in Long Beach. Meine Mutter war Country-Sängerin, und mein Vater war in der Navy. Sie sind mehr oder weniger zusammen aufgewachsen. Mein Großvater war auch Country-Musiker, er ist sogar zweimal in der „The Gong Show“ aufgetreten. Wenn ich an meine Ferien zurückdenke oder jedes Mal, wenn wir meine Großeltern sahen, waren da immer Gitarren und Banjos, wir spielten ganz viel Country-Musik. Als ich zum ersten Mal auf der Bühne ein Lied sang, war ich fünf: ´On The Road Again´ von Willie Nelson. Das war bei einem Auftritt meines Großvaters, denn er spielte Konzerte in unserer Gegend. Das muss 1976 gewesen sein (lacht). Wie jeder junge Mensch fing ich dann aber irgendwann an, meinen eigenen Musikgeschmack zu entwickeln. Ich ging die Plattensammlung meines Vaters durch und fand dort eine Scheibe namens „Help!“ von den Beatles. Ich liebte sie abgöttisch! Ich verehrte die Beatles schon als Kind und hörte alle ihre Platten. Das war meine erste musikalische Erfahrung mit einer Rockband, wenn man so will. Heute würde man sie wohl eher als Classic-Rock-Band einstufen. Egal, es waren die Beatles, die Fab Four! Danach wagte ich mich auch auf andere Territorien vor. Als Kind liebte ich Sport. Ich spielte Baseball und American Football, den ich heute noch sehr liebe. Ich mochte auch Golf, Wasserski, Reiten. Ein richtiger Surfer war ich nie, aber ich habe immer gern Beach-Volleyball gespielt. In Kalifornien konnten wir morgens im Big Bear Mountain Resort Ski fahren und nachmittags an den Strand gehen. Das war alles nicht weit weg, nur wenige Stunden Autofahrt. Ich hatte es wirklich gut als Kind. Ich wuchs in einer ganz normalen Nachbarschaft auf, wohnte in einem Eckhaus, und alle meine Kumpels kamen oft vorbei, denn um unser Haus zog sich eine Rasenfläche, die konnten wir prima zum Baseball-Feld umfunktionieren. Mein Haus war so eine Art Treffpunkt für uns. Wenn wir Videospiele zocken wollten, gingen wir immer zu meinem Freund Joe, der oben auf dem Hügel wohnte. Joe hatte den größten Fernseher damals in den Siebzigern. Sein Vater besaß einen richtig coolen Projektionsfernseher. Ja, das war also meine Kindheit, voller Musik und Sport.«

Warst du eher ein Vorzeigekind oder ein Satansbraten?

»Tja, mit mir war das so: Ich war ein Pirat, der nie erwischt wurde (lacht). Ich war sehr vorsichtig. Meine Freunde waren Unruhestifter, und meiner Mutter gefiel es nicht besonders, wenn ich mit ihnen Zeit verbrachte. Aber ich liebte die Jungs einfach, sie waren wie Brüder für mich. Ich habe aber immer darauf geachtet, nicht allzu tief in ihre Missetaten verstrickt zu sein. Wenn sie heimlich Bier tranken und die Polizei in der Nähe war, ging ich dem Ärger lieber weise aus dem Weg. Ich verließ mich da einfach voll auf mein Bauchgefühl. An manchen Tagen dachte ich, ich könnte heute mal das Risiko eingehen. Ich war immer ein kalkulierender Risikoeingeher (lacht). Es gibt da eine witzige Geschichte. Mein Vater erzählt immer, dass ich als Kind sehr abenteuerlustig war. Ich war noch ziemlich jung und erinnere mich nur sehr verschwommen daran: Damals gab es überall in den Parks diese großen, zementierten Entwässerungsgräben. In Kalifornien sind diese Dinger echt riesig. Die hatten eine schmale, vielleicht 15 Zentimeter breite zementierte Spur. Und irgendwie kam ich auf die Idee, mit meinem Fahrrad den Hügel runterzufahren, da war ich vielleicht sechs Jahre alt, und mein Vater konnte mich nicht rechtzeitig festhalten. Ich war gerade erst meine Stützräder losgeworden, und wenn ich diese 15 Zentimeter breite Spur verfehlt hätte, wäre ich drei bis sechs Meter in die Tiefe gestürzt und heute vielleicht gar nicht hier. Mein Vater erzählt immer, dass ich kein bisschen Angst hatte und auf diesem Teil schnurstracks bis in den Park durchgefahren bin, während mein Dad durchdrehte und sich die Lunge aus dem Hals schrie. Ich hatte einfach immer totales Vertrauen in das, was ich tat. Zum Glück bin ich jetzt noch hier und kann dir diese Geschichte erzählen. Ich hatte immer einen Schutzengel auf meiner Schulter sitzen, wofür ich sehr dankbar bin.«

Von deiner ersten Lieblings-Rockband, den Beatles, hast du ja bereits erzählt. Was war die erste Metal-Band, die du entdeckt hast?

»Das erste Album, das ich mir selbst kaufte, war von Van Halen. Ich hatte mir das Geld mit Rasenmähen verdient, und davon kaufte ich mir die LP „Van Halen“. Das war meine Einführung in die Hardrock-Welt. Heute würden wir das nicht als Heavy Metal bezeichnen, aber damals gehörte es zum Genre. Das brachte mich dann zu meiner ersten „richtigen“ Metal-Band: Iron Maiden. Ich liebe diese Jungs heute immer noch. Mein absolutes Lieblingsalbum von ihnen ist „Piece Of Mind“. Als ich Bruce Dickinson singen hörte, weckte das auch erstmals so richtig mein Interesse am Singen. Dieses Vibrato, die Kraft in seiner Stimme, seine theatralische Art, das traf bei mir wirklich einen Nerv. Also fing ich an, weiter in diesem Genre herumzugraben, und fand Ronnie James Dio, der als Sänger mein größter Einfluss im Metal wurde. So ging das alles los.«

Zu welchem Zeitpunkt wusstest du, dass du professioneller Sänger werden wolltest?

»Da war ich ungefähr 18 Jahre alt. Damals jobbte ich als Stunt-Show-Ritter bei „Medieval Times“. Wir trugen Rüstungen, lieferten uns Duelle und spielten mittelalterliche Spiele. Manchmal hatten wir drei Shows am Tag, das war ein wirklich straffes Programm. Ich war aus Kalifornien weggezogen und lebte damals in der Nähe von New Jersey. Zu der Zeit fing ich an, Teil der dortigen Bandszene zu werden. Ich war alt genug, Clubs zu besuchen oder mir zumindest einen gefälschten Ausweis zu besorgen (lacht). Das war 1990. Während der Highschool interessierte ich mich sehr für Sport und hatte nicht wirklich im Sinn, mir eine Band zu suchen. Ich sang mit meinen Freunden in einem Barbershop-Quartett, was wirklich Spaß machte, und dort lernte ich viel über Harmonien, das Singen und das Formen meiner Stimme von meinem Musiklehrer, der mir viel mitgab. Aber erst während der Zeit bei „Medieval Times“ hatte ich meine erste richtige Band, mit der wir in New Jersey und New York in den Clubs auftraten. Diese Clubs existieren heute nicht mehr, aber damals gab es dort eine riesige Szene für Hardrock und Heavy Metal.«

Erinnerst du dich noch an deine erste Gruppe und dein erstes Konzert?

»Die erste Band, in der ich spielte, setzte sich neben mir aus anderen Jungs zusammen, die im Schloss arbeiteten. Wir jammten zusammen und nannten uns Downtown Tuesday. Meine erste ernsthafte Band hieß Streetwise. Wir hatten sogar ein Label, und ich glaube, mein erstes Konzert mit Streetwise fand in einem Club namens „Front Porch“ statt. Das war eine kleine Bar in Hawthorne, New Jersey. Davor waren wir mal bei einem Vorspielen und wurden gefragt, ob wir nicht bei dieser Open-Microphone-Session auftreten wollten. Die fand in einem Laden namens „Wild Mike´s“ statt, einer richtig coolen Bar. Die Jungs von Trixter waren damals ganz groß im Kommen und hingen dort ständig rum. Das war so was wie ihr Stammlokal. Also sang ich dort den Song ´High Wire´ von Badlands, damals eine meiner absoluten Lieblingsbands, und wir brachten den Laden damit zum Explodieren. Danach bekamen wir diverse Konzertanfragen, und ich hatte sie uns besorgt. Ich war zu dem Zeitpunkt das jüngste Bandmitglied, 18 oder 19 Jahre alt, die anderen waren alle Mitte 20. Das werde ich nie vergessen. Aber wir spielten nur ein oder zwei Songs, das gilt also eigentlich nicht als richtiges Konzert. Es war aber das erste Mal, dass ich mit einer richtigen Rockband in einem richtigen Rockclub auftrat.«

Waren deine Eltern stolz auf deine Berufswahl, oder hätten sie dich doch lieber in einem normalen Job gesehen?

»Meine Mutter fand, ich sollte etwas machen, das gut für mich ist. Sie sagte immer: „Du könntest Schauspieler werden. Oder du könntest Arzt werden.“ Oder dies oder jenes... Aber sie war immer stolz auf meine Musik. Sie wusste nur, dass mein Großvater es nicht immer einfach hatte als Musiker. Er ging auch einem normalen Job nach. Und sie sah, dass ihre Freunde im Musikgeschäft es ebenfalls nicht einfach hatten. Sie war immer sehr vorsichtig und wollte mich in dieser Richtung nicht beeinflussen. Aber niemand konnte abstreiten, dass ich Talent hatte, ein Geschenk Gottes. Mein Vater unterstützte mich schon immer sehr und ist auch heute noch mein größter Fan. Er hat all meine Alben, alle T-Shirts, er weiß mehr über mich als ich selbst (lacht). Das ist echt unglaublich, und ich liebe ihn dafür. Meine Mutter findet nach wie vor, dass ich vielleicht doch noch einen anderen Beruf ausüben könnte. Aber das ist nur so, weil sie möchte, dass ich eine Sicherheit habe. Heutzutage gibt es jedoch keine Sicherheit mehr. Es ändert sich alles so rasend schnell. Meine Frau war früher eine sehr talentierte Tänzerin, heute arbeitet sie als Lehrerin. Ihr Vater war da sehr altmodisch und nahm ihr den Mut, eine Karriere als Tänzerin anzustreben. Er überzeugte sie, aufs College zu gehen und einen Abschluss zu machen, was sie auch tat. Sie hat einen Master und ist zehnmal schlauer als ich. Aber selbst ihr Job ist unsicher. Der Staat nimmt den Leuten die Krankenversicherung und kürzt ihnen die Renten. Dabei waren das doch die Gründe, einen Beruf im öffentlichen Dienst zu ergreifen. So gesehen war meine Entscheidung eigentlich gar nicht so schlecht, denn man weiß sowieso nicht, was die Zukunft bringt. Ich bin froh, meinen Weg weitergegangen zu sein, denn ich hatte und habe eine tolle Zeit als Sänger und Musiker. Ich bin mehrfach um die Welt getourt und konnte mein Talent mit den Leuten teilen. Ich glaube, das ist es auch, was Gott für mich im Sinn hatte. Oder die Engel, der große Gestalter, Darwin... wer auch immer dafür verantwortlich war und mir dieses Talent in die Wiege gelegt hat. Die Wissenschaft muss das Talent noch erforschen. Ich würde gern wissen, was das ist und wie sie es erklären. Wo kommt Talent her? Der eine Mensch wird mit einer bestimmten Gabe geboren, der andere dagegen nicht. Wie kann das sein? Ich glaube, dieser Beruf ist meine Bestimmung, und ich hätte auch gar nicht viel anderes machen können.«

Trotzdem musstest du dich gerade anfangs sicherlich mit anderen Jobs über Wasser halten. Was war der mieseste, den du je gemacht hast?

»Ich hatte eigentlich keine richtig üblen Jobs, nur sehr anstrengende. Ich arbeitete ein paar Jahre für einen Generalunternehmer, und als bei Symphony X gerade Flaute angesagt war und ich nur zu Hause saß, arbeitete ich für ein Bauunternehmen. Ich habe drei Häuser mitgebaut und ein Handwerk gelernt. Ich liebe es, Dinge zu erstellen. Als Kind habe ich mir schon meine eigenen Go-Karts, Baumhäuser und Spielsachen gebaut. Ich schnitzte mir zum Beispiel ein Gewehr, um mit meinen Freunden Soldat zu spielen, denn mein Vater hatte damals etwas gegen Gewehre. Ich habe es immer versteckt, wenn ich nach Hause kam, damit er es nicht sieht. Ironischerweise besitzt mein Dad inzwischen selbst ungefähr zehn Gewehre (lacht). Wie auch immer, mir hat der Job bei dem Bauunternehmen gut gefallen, und ich habe dabei viel gelernt. Noch heute profitiere ich davon. Ich habe die ganzen Arbeiten an meinem Haus selbst gemacht und neulich erst die Küche umgebaut. Es war vermutlich der anstrengendste Job, den ich je hatte, aber ich bin wirklich dankbar dafür.«

Wenn du wahlweise Gott oder dem Teufel eine Frage stellen könntest, wen von beiden würdest du dann mit was löchern?


»Puh, das ist eine verdammt schwierige Frage! Ich glaube, ich würde lieber Gott treffen. Und ich würde ihn einfach nur bitten, mir all den Mist zu vergeben, den ich in meinem Leben schon angestellt habe (lacht). Ja, ehrlich, ich glaube, letzten Endes möchte doch jeder nur seinen Frieden finden. Wenn du mich das früher gefragt hättest, hätte ich vielleicht den Teufel gewählt, weil ich mir von ihm Wissen erhofft hätte. Aber an diesem Punkt in meinem Leben würde ich zu Gott sagen: „Vergib mir, Herr, denn ich habe gesündigt.“ Wenn du älter wirst, dann werden dir solche Dinge klar, und du erkennst die Fehler, die du in deinem Leben gemacht hast.«

www.symphonyx.com
www.facebook.com/sirrussellallen

Pic: Danny Sanchez

Bands:
SYMPHONY X
ADRENALINE MOB
Autor:
Alexandra Michels

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