Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 22.01.2020, 15:56

DYSCARNATE, FLESHGOD APOCALYPSE, THE BLACK DAHLIA MURDER - RUHRPOTT METAL MEETING 2019

Maiden-Hits im Industriegebiet

Bereits zum fünften Mal findet in der Oberhausener Turbinenhalle am ersten Dezemberwochenende das Ruhrpott Metal Meeting statt – in den letzten Jahren hat sich das Festival zu einer kleinen, lieb gewonnenen Tradition gemausert. Ehrensache, dass wir mit einem Team vor Ort sind, um das Geschehen für euch festzuhalten.

Freitag

DYSCARNATE wird die aufgrund der noch ziemlich übersichtlichen Zuschauermenge etwas undankbare Aufgabe zuteil, das diesjährige Ruhrpott Metal Meeting zu eröffnen. Das Trio stammt aus dem Vereinigten Königreich und spielt traditionellen Death Metal mit Melodie und düsteren „Wir sind alle am Arsch“-Texten. Den Sängerposten teilen sich Bassist Llewellyn und Gitarrist Tom Whitty, die halbe Stunde Spielzeit vergeht wie im Flug.

Als Zweites sind FLESHGOD APOCALYPSE aus Italien an der Reihe, die mit ihren Bühnenklamotten, dem Make-up, Kerzenständern und Backdrops ein wenig Powerwolf´sches Kathedralen-Flair versprühen, musikalisch aber natürlich ein gutes Stück härter als die Saarländer aufgestellt sind. Der Aufruf zur Wall Of Death funktioniert zwar nur so semi, dennoch ist die Show im Gesamtpaket ziemlich kurzweilig. (jp)

Unter akutem Zuhörerschwund leiden zu Beginn ihres Sets auch THE BLACK DAHLIA MURDER, da von den Fans ein munteres Rein-Raus zwischen den Bands praktiziert wird. Schnell zeigt die virtuelle Keule der Amis um Sänger Trevor Strnad aber Wirkung und lockt viele vor die Bühne. Kein Wunder, immerhin heizen die Detroiter mit ihrem melodischen Mix aus Death Metal und Metalcore die ohnehin bestens vorgewärmte Halle an und spielen entspannt einen guten Set, der zu den besten des Tages gehört.

Was danach WHITECHAPEL abziehen, wird für mich als leidenschaftlicher Konzertgänger für immer unverständlich bleiben. Eine Band, die man zu drei Vierteln der Show vor Nebel und Strobos nicht sieht, die Ansagen in tiefster Dunkelheit zwischen den Songs bringt, torpediert zumindest für mich das Konzept des Live-Spielens. „Das wollen die so, damit spielen die doch“, versucht mein Nebenmann mich zu beruhigen. Immerhin: Musikalisch knüppeln Whitechapel auf hohem technischem Niveau, vor allem die immer eingestreuten ruhigen Passagen heben die Band von vielen Genrekollegen ab. Dummerweise wurde beim Soundcheck getrödelt, sodass die Formation zehn Minuten kürzer spielen muss.

Dann geht die Sonne auf. Ich scheine von Whitechapels Strobofeuerwerk geblitzdingst zu sein, denn ich habe doch glatt vergessen, was für eine gute Liveband INSOMNIUM sind. Die Finnen feiern ihren nationalen Unabhängigkeitstag in Oberhausen und sind bester (Spiel-)Laune. Das sehen auch die meisten Fans so, und die Stimmung in der Halle ist deutlich aufgehellter als noch bei Whitechapel.

Und es wird noch besser: KATAKLYSM haben sich zu einem lupenreinen Headliner entwickelt und brettern mächtig los. Die Kanadier planen heute, keine Gefangenen zu machen. Anfangs bemängelt Sänger Maurizio Iacono noch die Stimmung in der Halle und fragt, ob jemand gestorben sei, doch spätestens bei ´Thy Serpent´s Tongue´ rasten dann wirklich alle aus, und der Frontmann ist zufrieden: „So liebe ich die Deutschen, völlig verrückt!“ Kataklysm setzen einen beeindruckenden Schlusspunkt und entlassen die Fans zufrieden in die Nacht. (ts)

Samstag

Vor den Toren zur Flöz-Stage versammelt sich eine Menschentraube, die 25 Minuten auf den Einlass warten muss. Die kleinere der zwei Bühnen hält fröstelige Temperaturen bereit – fies für die erste Band des Tages, denn STILLBIRTH betreten die Bühne nur in Shorts. Da hilft nur Bewegung, und so lassen sich ein paar Hartgesottene auch zu einer kleinen Wall Of Death hinreißen, als sich Sänger Lukas in die Crowd begibt. Das Hagener Sextett hatte sich übrigens im Kampf um den Opener-Slot gegen mehr als 80 weitere Bewerber aus dem Pott durchgesetzt.

Das niederländische Quartett GRACELESS startet ebenfalls mit Verspätung. Präsentiert wird im Vergleich zu Stillbirth etwas langsamerer, doomiger Death Metal. Obwohl drei Viertel der Mitglieder bereits zuvor gemeinsam in anderen Bands aktiv waren, wirken sie zum Teil nicht gut aufeinander eingegroovt. Die vor drei Jahren gegründete Combo stößt dennoch auf Zuspruch, und das Publikum hat Bock auf Headbangen & Co.

OKILLY DOKILLY aus den Vereinigten Staaten verehren Ned Flanders von den Simpsons – sowohl was Outfit, Lyrics und Ansprachen ans Publikum angeht. In Anbetracht des Death-Metal-lastigen Line-ups der Flöz-Stage fallen sie etwas aus der Reihe. So ganz ernst nehmen kann ich die Band wegen der Comedy-Aspekte nicht. Wer Lust auf Pogen und schon das eine oder andere Bier intus hat, ist hier aber richtig.

Mit Totenköpfen bestückte Mikrofonständer und lebensgroße Figuren, die direkt aus der Hölle stammen könnten, schmücken die Bühne der in Kunstblut getränkten DEBAUCHERY. Der erste Gig des Tages auf der großen Festival-Stage besticht mit gutem Sound. Bloodbeast Thomas (v./g.) wechselt zwischendurch zu gehörnten Masken und läuft durch den Bühnengraben. Das kommt gut an, und die Fans stellen unter anderem bei ´Blood For The Bloodgod´ ihre Textsicherheit unter Beweis. (ls)

CARNIVORE A.D. gehörten zu den ausgemachten Highlights des diesjährigen Rock Hard Festival 2019, und auch in Oberhausen lassen die Herrschaften nichts anbrennen. Mit ungefähr einer Viertelstunde Verspätung geht´s auf die Bühne, die Songs haben ordentlich Schmackes und versprühen ein wundervoll morbides Flair, während Frontmann Baron Misuraca seinem viel zu früh verstorbenen Vorgänger Pete Steele (R.I.P.!) sowohl in optischer als auch in stimmlicher Hinsicht so nahe wie nur irgend möglich kommt. Schönes Ding!

Wer THE IRON MAIDENS schon mal live gesehen hat, der weiß, dass die fünf Mädels aus Kalifornien einen Riesenspaß machen. Trotzdem ist es eine kleine Überraschung, wie voll es um halb sieben in der Halle ist – die Band ist sowohl in Sachen Publikumsstimmung als auch -anwesenheit locker der Tagessieger. Maiden-Songs gehen kompetent vorgetragen natürlich immer und überall, und hier sind echte Profis am Werk. ´Aces High´, ´Wasted Years´, ´22 Acacia Avenue´, ´The Trooper´, ´The Number Of The Beast´, ´Brave New World´, ´Phantom Of The Opera´, ´Children Of The Damned´, ´Hallowed Be Thy Name´ – enough said. Geiler Scheiß, ehrlich. (jp)

Zurück zur Flöz-Stage: Düsteren Death Metal mit starken Black-Metal-Einflüssen gibt es bei NECROPHOBIC auf die Ohren. Die Schweden ziehen vor allem eingefleischte Fans an. Die Bühnen-Performance bleibt allerdings unspektakulär, und so kann in Ruhe geheadbangt werden. (ls)

Wie gewohnt kleckern KISSIN´ DYNAMITE nicht, sondern klotzen und begrüßen ihre Fans auf der großen Bühne gleich in zweifacher Hinsicht mit einem Feuerwerk: Die Band schießt nicht nur einen Hit nach dem anderen ins Publikum, sondern haut auch jede Menge Pyro-Effekte raus, womit sie sich wohltuend vom generell eher wenig showlastigen Billing des Festivals abhebt. Die Gruppe hat Bock, das Publikum auch, und wer die Jungs generell mag, wird hier und heute nicht enttäuscht. (jp)

Als Headliner der Flöz Stage stehen dann ENTOMBED A.D. auf der Bühne und lassen sich erst mal Zeit, da die Band offenbar später anfangen darf. Aber trotz der Verzögerung füllt sich die Halle kaum noch, und der längere Soundcheck sorgt auch nicht dafür, dass anschließend mehr als relativ undeutlicher Death-Metal-Brei aus den Boxen quillt. Aber der Schlagzeug-Groove begeistert, und L.G. Petrovs deutsches Kneipen-Gequassel animiert dann doch ein paar Fans. Entombed A.D. liefern solide ab, ohne Glanz zu verbreiten. Bemerkenswert sind da eher zwei headbangende Fans im Schüleralter mit riesigen Powerwolf/Sabaton-Backpatches, die die These der angeblichen „Ballermannisierung" der Metal-Szene widerlegen.

Parallel spielen nämlich bereits BATTLE BEAST, die ja bekanntlich auch die eine oder andere Schlager-Metal-Perle im Rucksack haben. Den Großteil des Publikums juckt diese Kritik eh nicht, und so können die Finnen äußerst erfolgreich einen simplen Metal-Gassenhauer nach dem anderen in die Turbinenhalle senden. Am Songmaterial kann man sich als eisenharter Kritiker stellenweise vielleicht noch abarbeiten, an der Performance gibt es jedoch nichts zu meckern. Battle Beast versprühen eine spielerische Leichtigkeit, die die Halle im Handumdrehen in eine Metal-Party verwandelt, und erzeugen musikalisch auch den nötigen Druck. Außerdem ist die selbstbewusst auftretende Frontfrau Noora Louhimo kein dürres Metal-Püppchen, wie bei vergleichbaren Bands zuweilen üblich. Jedem Hartwurst-Banger ist klar, dass er die Ohren persönlich langgezogen kriegt, sollte er die Show nicht goutieren. Das Ergebnis ist jedenfalls zwangsläufig: Battle Beast räumen ab.

Die ersten Fans verlassen sogar das Festival, die Kulisse für die Melodic-Metal-Veteranen QUEENSRYCHE ist mit geschätzten 300 Fans zur Show-Halbzeit recht dürftig, was allerdings auch daran liegt, dass man zur späten Stunde die ersten 20 Minuten relativ ereignislos verstreichen lässt. Spielerisch ist die Band jedoch konzentriert und der Sound der bestmögliche im akustisch schwierigen Industriegebäude. Nun kommen auch die wenigen Hits der einstigen Weltmarke im Metal zur Geltung. So gut ´Queen Of The Reich´, ´Silent Lucidity´ oder ´Eyes Of A Stranger´ jedoch sind, für eine lange Karriere auf hohem Niveau scheint es nach der Trennung von Geoff Tate momentan nicht zu reichen. Trotzdem überzeugen mich Queensryche an diesem Abend. Gerade weil die Band auf Clubgröße geschrumpft ist und um jeden Anhänger kämpfen muss, ist sie für Fans wieder unmittelbar erlebbar geworden. Tourdrummer Casey Grillo (ex-Kamelot) treibt den Fünfer gegenüber dem technisch orientierten Original Scott Rockenfield ein bisschen kräftiger an, und Todd La Torre ersetzt den exzentrischen Ex-Sänger stimmlich makellos. Am Ende doch ein starkes Finale einer Veranstaltung, die im nächsten Jahr hoffentlich wieder ein Must-Go für alle Ruhrpott-Fans darstellt. (hs)

Zwei Tage Spaß in Oberhausen hatten: Jens Peters (jp), Thorsten Seiffert (ts), Lisa Scholz (ls) und Holger Stratmann (hs). Die Fotos schoss Thorsten Seiffert.

Bands:
DYSCARNATE
FLESHGOD APOCALYPSE
THE BLACK DAHLIA MURDER
WHITECHAPEL
INSOMNIUM
KATAKLYSM
STILLBIRTH
DEBAUCHERY
CARNIVORE A.D.
THE IRON MAIDENS
NECROPHOBIC
KISSIN' DYNAMITE
ENTOMBED A.D.
BATTLE BEAST
QUEENSRYCHE
Autor:
Jens Peters
Thorsten Seiffert
Lisa Scholz
Holger Stratmann

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