Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 25.01.2017

ICED EARTH - RUHRPOTT METAL MEETING 2016

Zu Hause ist´s eben doch am schönsten: Bereits zum zweiten Mal finden sich Jung und Alt in der Oberhausener Turbinenhalle ein, um die Vorweihnachtszeit gebührend mit harten Klängen zu zelebrieren. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich das Festival in fast allen Belangen verbessert. Doch lest selbst...

Freitag

Nachdem das für die Turbinenhalle typische Chaos beim Einlass (der knappe 20 Minuten vor dem Auftritt der ersten Band beginnt und dafür sorgt, dass NAILED TO OBSCURITY in einer reichlich leeren Halle auftreten müssen, obwohl vor selbiger bereits Hunderte von Gästen darauf warten, reingelassen zu werden) überwunden ist, geben die Niedersachsen, die sich musikalisch irgendwo zwischen Amorphis und Katatonia ansiedeln, den Startschuss für einen vorbildlichen Event. Obwohl am Freitag „nur“ die Hauptbühne bespielt wird, kommt keine Langeweile auf: Im Foyer geben die Bands Autogrammstunden, in einer der angrenzenden Hallen wurde ein kleiner Metal-Markt mitsamt Ruhezone und Catering-Bereich aufgebaut.
IZEGRIM dürfen sich bereits eines größeren Andrangs vor der Bühne erfreuen und trümmern für eine halbe Stunde souverän vor sich hin. Im Vergleich zu früheren Shows tönt das Quartett aus den Niederlanden inzwischen weitaus moderner, Frontfrau Marloes Voskuil ist nicht nur ein Blickfang, sondern verfügt auch über ein ausdrucksstarkes Organ.
Pünktlich zu UNEARTH lösen sich die bis dahin immer noch langen Schlangen im Foyer und vor der Halle auf. Die Amis sind Teil des „MTV Headbangers Ball“-Tour-Line-ups, das in Gänze für den heutigen Abend gebucht wurde, und fallen mit ihrem Metalcore musikalisch zwar ein wenig aus dem Rahmen, kommen bei den Besuchern aber dennoch gut an.
Letzteres gilt auch für KATAKLYSM, die im Anschluss quasi als erster Main-Act des Tages für eine knappe Stunde auf die Bretter dürfen. Die Kanadier zetteln nicht nur einen amtlichen Circle-Pit an, sondern sind auch hervorragend aufeinander eingespielt und haben erstklassiges Songmaterial am Start, dessen Fokus auf der aktuellen Platte „Of Ghosts And Gods“ liegt. Frontmann Maurizio Iacono punktet zudem mit humorigen Ansagen („Wir sind nicht die Backstreet Boys, bei uns dürft ihr moshen!“). Alles richtig gemacht!
Ebenfalls einen Stein im Brett haben ENSIFERUM, die bereits vor drei Jahren gezeigt haben, dass sie in der Lage sind, die Turbinenhalle zum Kochen zu bringen. Selbiges gelingt den Finnen, die einen ausgewogenen Best-of-Set spielen, auch heute wieder. Der Höhepunkt der Show ist ohne Frage ´Twilight Tavern´, das beinahe von der ganzen Halle begeistert mitgesungen wird.
Wer der Chef im Ring ist, zeigt sich aber spätestens, als ICED EARTH um Punkt 23 Uhr die Bretter betreten. Jon Schaffer (g.) und seine Mannen sind in unglaublich guter Form, die Show am heutigen Abend ist eine der besten, die ich von den Amis je erlebt habe (und ich habe die Band wirklich oft gesehen). Offensichtlich hat die längere Bühnenpause, die sich die Truppe vor Anbruch des Jahres gegönnt hat, gut getan, denn die Band wirkt so motiviert wie schon lange nicht mehr. Dazu kommt eine Setlist, in der (obwohl für meinen Geschmack zu viel neuer Kram gespielt wird) ein Hit den nächsten jagt. Wenn man dem Quintett heute irgendetwas vorwerfen möchte, dann allenfalls, dass die Spielzeit mit einer Stunde doch arg knapp bemessen ist. Davon ab: top! (jp)

Samstag

Während Kollege Jenzz Peters (Doppelkonsonanten sind bei Sleazern cool) sich noch von den Strapazen des Vortages kuriert und die Herren Seiffert und Stratmann ihren Borussias die Daumen drücken, ist auf der Flöz-Stage am frühen Nachmittag schon reichlich Radau angesagt. Die Wuppertaler HOPELEZZ (Doppelkonsonanten sind auch bei Thrashern cool) donnern vor stetig wachsendem Publikum den Tag ein und dürften mit Live-Brettern wie ´We Are The Fire´ und ´Insomnia´ den einen oder anderen Käufer für ihre aktuelle Scheibe „Sent To Destroy“ gefunden haben.
DELIRIOUS bezeichnen sich auf ihren Bannern im „Sons Of Anarchy“-Style als „Sons Of Bay Area“. Dass die Jungs eigentlich aus Hamm kommen – geschenkt! Gleich mit dem Opener ´Drowning In Your Blood´, zu dem die Stage in blutrotes Licht getaucht wird, legt der Fünferpack die Geballer-Messlatte noch eine Stufe höher. Fronter Markus keift sich die Seele aus dem Leib, die Instrumentalsektion lässt Haare, Finger und Drumsticks fliegen, und das Publikum verwandelt sich langsam, dem aktuellen Albumtitel gemäß, in einen „Moshcircus“.
„Wir sind nicht Rage, wir sind TEUTONIC SLAUGHTER“, beseitigt Frontmann Philip eventuelle Missverständnisse, die durch das bereits hängende Headliner-Backdrop entstehen könnten. So viel Ordnung muss sein, denn was die Old-School-Thrasher aus Gladbeck danach 50 Minuten lang zelebrieren, ist Abriss pur, oder um es mit ihren eigenen Worten zu sagen: ´Unleash The Terror´. Beim Set der Ruhrpott-Crew wackelt nicht nur die Bühne – vor selbiger formt sich schnell der erste Circle-Pit des Tages. Schade für die vier, dass auf der Main Stage gerade Sister spielen und ihnen vermutlich mehr als nur ein paar Zuschauer abluchsen. (am)
SISTER sind mit ihrem Sleaze Metal heute zwar definitiv der musikalische Außenseiter, kommen ob der „Härte“ ihres Songmaterials aber dennoch hervorragend beim Publikum an. Vor der Bühne moshen sowohl auftoupierte Hair-Metaller als auch Kuttenträger. Starke Show! (jp)
Einen Tapetenwechsel liefern im fliegenden Wechsel WORDS OF FAREWELL, die die Thrash-Rutsche mit ihrer Spezialmischung aus Progressive- und Melodic Death Metal unterbrechen. Die sechs Jungs aus allen Ecken NRWs entpuppen sich nicht nur als großartige Musiker, sondern auch als professionelle Showmaster, Fronter Alexander allen voran. Die Saitenschwinger liefern sich wilde Battles an ihren Instrumenten, Drummer Tristan vermöbelt präzise und publikumswirksam seine Schießbude, und selbst Keyboarder Leo macht mehr Action als manch andere Band im Kollektiv. (am)
„Gruesome Masterpiece“ heißt das aktuelle Album der belgischen Thrasher BLIKSEM, das einzig Grausige am Auftritt des Quintetts ist an diesem Abend allerdings die erneut schlechte Beleuchtung. Im Halbdunkel legen Bliksem los und haben mit ´Crawling In The Dirt´ das Publikum sofort an den Eiern. Der Griff um die Kronjuwelen lockert sich erst im Mittelteil des Sets mit doomigeren Klängen (´Morphine Dreams´). Nachdem die Jungs um Peggy Meeussen, die barfuß und im grünen Sommerkleidchen eine furiose Gesangsleistung auf die Bretter nagelt, das Gaspedal wieder durchdrücken, bringen sie das Thrash-Boot am Ende sicher ans Ufer. Apropos Ende: Mit ´The Life On Which I Feed´ spielen die Belgier ihren letzten Song in Deutschland überhaupt. Im Februar 2017 löst sich die Band auf. (tse)
Anschließend hält der personifizierte Ruhrpott-Kult Einzug auf der Flöz-Bühne: DARKNESS aus Altenessen wüten bereits seit Anfang der Achtziger in der Thrash-Szene und scheinen seit der Wiederannahme ihres Bandnamens (nach ihrer Reunion 2004 waren die Herren mehrere Jahre als Eure Erben unterwegs) live noch eine Schippe draufgelegt zu haben. Lee (v.), Lacky (dr.) und Konsorten beamen ihre Fans mit Leichtigkeit durch die Highlights ihrer bewegten Karriere und machen unter anderem mit ´Death Squad´ und ´Staatsfeind´ einen Abstecher in ihre Anfangstage, der vom Publikum lautstark gefeiert wird. Einziger Minuspunkt: Den laut Spielplan auf 55 Minuten angesetzten Set beendet das Old-School-Geschwader leider zehn Minuten zu früh. (am)
Das Thema Auflösung (und Neugründung) haben die Koblenzer DESASTER längst durchgemacht und präsentieren sich in der Form ihres Lebens. In Oberhausen katapultiert die Black-Thrash-Karawane um Sänger Guido Wissmann eine Hasssalve nach der anderen ins stählerne Auditorium und präsentiert sich tight ohne Ende. (tse)
Es folgt ein Dilemma: Geht es nun zu Rage vs. Refuge oder doch lieber zu LEGION OF THE DAMNED in die Haupthalle? Während Peters einen zweifelhaften Kompromiss findet („Ich habe mich ins Foyer begeben und beides gleichzeitig gehört“), lasse ich mir von den niederländischen Death-Thrashern ordentlich die Ohren wegpusten. Das Publikum müssen die Limburger, die mit ´Legion Of The Damned´ den Auftakt setzen, eigentlich gar nicht erst animieren, die Halle ist mindestens so angeknipst wie die abgefahrene Lichtshow auf der Bühne. Die Geballer-Fraktion auf der Stage, die ohnehin schon einen ziemlich guten Tag erwischt hat, stachelt das umso mehr an, sodass nach dem brachialen Finale, bestehend aus ´Death´s Head March´ und ´Son Of The Jackal´, die Zugabe-Rufe gleichermaßen laut wie unerfüllt durch die Turbinenhalle schallen. (am)
Das Verhältnis des Ruhrpott-Publikums zu den heimischen Bands ist zwar in erster Linie von Stolz und Treue geprägt, schlechtes Timing, Überangebot oder unattraktive Zusammenstellungen sorgen aber auch an der A40 schon mal für leere Hallen. Dieser Kelch geht an RAGE/REFUGE, die in beiden Versionen des Öfteren zu sehen waren, diesmal vorüber. Von Beginn an herrscht die Stimmung eines waschechten Heimspiels. Zunächst demonstriert das Trio von hier und heute, dass die neue Besetzung bestens zusammengewachsen ist. Die 75 Minuten Spielzeit sollen zwischen beiden Rage-Besetzungen aufgeteilt werden, da Chris Efthimiadis die Fans aber plötzlich mit Verband grüßt (Handverletzung!), ist Manni Schmidt an der Gitarre der einzige Neueinsteiger für die zweite Halbzeit. Wer trotzdem auf ein Hit-Feuerwerk mit grandiosem Finale gehofft hat, wird leicht enttäuscht. Den Drive der ersten 40 Minuten kann man nicht halten und trifft erst mit den letzten beiden Nummern ´Don´t Fear The Winter´ und ´Higher Than The Sky´ wieder voll ins Schwarze.
In der Haupthalle läutet dann AC/DCs ´It´s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock´n´Roll)´ den Gig von SAXON ein. Leider vergisst der Soundmann, die Nummer rechtzeitig auszublenden, sodass ´Battering Ram´ zunächst mit dem berühmten Dudelsack-Solo von  1975 „overdubbt“ wird. Als gleich beim ersten Song drei Fan-Kutten auf die Bühne fliegen, die sich Biff & Co. nacheinander überstreifen, ist klar, dass auch SAXON hier ein Heimspiel erwartet. Die älteren Besucher dürften sich an die Achtziger-Gigs in der Westfalenhalle erinnern, die Setlist mit Songs wie ´Heavy Metal Thunder´, ´Never Surrender´, ´Dallas 1 PM´, ´20,000 Feet´, ´Power And The Glory´ und ´Princess Of The Night´ gibt jedenfalls allen Anlass dazu. Saxon zeigen sich einmal mehr als vorbildliche Profis mit Herz, einem ´Ace Of Spades´-Cover und einer guten Show.
Vor Jahrzehnten wäre es undenkbar gewesen, dass BLIND GUARDIAN nach den Angelsachsen auf die Bühne marschieren dürfen, jetzt ist es eine Selbstverständlichkeit. Wenn die Krefelder Weltmarke im Fantasy Metal ruft, stehen die Fans auf der Matte – vor allem, wenn „Imaginations From The Other Side“ noch einmal komplett live aufgeführt wird. Doch zunächst steigen Hansi Kürsch und seine Mannen mit dem aktuelleren ´The Ninth Wave´ ein, vergessen aber auch nicht, einen Mitsing-Hit wie ´Welcome To Dying´ an die zweite Position zu setzen. Damit ist das Erfolgsgeheimnis von Blind Guardian auch schon erklärt. Die Band hat ihre komplexen Songs mit zum Teil vierstimmigen (!) Gesängen 1 a im Griff und klingt selbst in der akustisch kniffligen Turbinenhalle differenziert und wuchtig. Dass Hansis Ansagen immer noch ein bisschen gestelzt wirken, interessiert deshalb auch nur Nörgler. Die 90 Minuten vergehen wie im Fluge, und als der ´Bard´s Song´ aus Tausenden bierbefeuerten Kehlen mitgesungen wird, ist ´Valhalla´ nahe. Mit ´Majesty´ endet ein bestens organisiertes Ruhrpott Metal Meeting, das sich als großflächig angelegtes Indoor-Festival in einer abgepfiffenen Industriehalle einen Namen machen sollte. (hs)

Vom Ruhrpott Metal Meeting waren begeistert: Jens Peters (jp), Alexandra Michels (am), Thorsten Seiffert (tse) und Holger Stratmann (hs).

Bands:
ICED EARTH
Autor:
Alexandra Michels
Holger Stratmann
Jens Peters

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