Schwatzkasten

Schwatzkasten 25.08.1999

RUNNING WILD - ROLF KASPAREK (Running Wild)

Er ist ein Szene-Urgestein. Eigentlich kann man Rolf Kasparek als Mr. German Metal bezeichnen, denn seit über 15 Jahren sorgt der Enddreißiger mit seiner Band RUNNING WILD für gleichermaßen kraftvolle wie auch hochwertige Sounds. Rock Hard schnüffelte ein wenig im Privatleben des Hanseaten.

Wann wurdest du geboren, und wo bist du aufgewachsen?

»Ich wurde am 1. Juli 1961 in Hamburg geboren. Ich bin in Hamburg aufgewachsen, verbrachte dort meine Kindheit und Jugend und lebe derzeit in einem Dorf ganz in der Nähe meiner Heimatstadt.«

Woran denkst du spontan, wenn man dich auf deine Kindheit anspricht?

»Das wichtigste Kindheitserlebnis war auf alle Fälle der Kauf meiner ersten Gitarre, so klischeehaft das vielleicht auch klingen mag. Ich war elf Jahre alt, als ich meine elektrische Eisenbahn verkloppte, um mir dann bei Hertie eine E-Gitarre für 98 Mark zu holen. Auf die Klampfe war ich furchtbar stolz. Später wollte ich gern eine Gibson haben, aber die war viel zu teuer. Es dauerte noch einige Jahre, bis ich mir diesen Wunsch erfüllen konnte.«

Welche musikalischen Idole hatten dich zum Gitarrenkauf bewegt?

»Vor allem Slade. Diese Band habe ich geliebt. An dem Tag, als ich die Gitarre gekauft habe, kam im Fernsehen ein Film über die Beatles. Ich kann mich daran noch sehr gut erinnern. Als ich den Film sah, wußte ich, daß meine Entscheidung richtig war.«

Wann hattest du deine erste Schlägerei? Warst du als Kid der typische Troublemaker?

»Ich bin immer allen Prügeleien aus dem Weg gegangen. Lediglich einmal habe ich einem Schulkameraden eins auf die Nase gedonnert, weil er mich bis aufs Blut gereizt hatte. Das war meine erste und auch letzte Schlägerei. Ich war ein völlig ruhiger Typ und hatte in der Schule bei mündlichen Aufgaben immer schlechte Noten, weil ich mich stets zurückgehalten und mich ungern bei irgendwelchen Aktionen engagiert habe.«

Mit welcher Art von Musik wurdest du erstmals konfrontiert? Was hast du bewußt aufgenommen?

»Das war die Musik meiner Eltern, meist Schlager oder Sounds der 60er Jahre. Richtig Feuer und Flamme war ich aber, als ´Paranoid´ von Black Sabbath im Radio lief. Ich konnte kaum fassen, daß es solche Musik überhaupt gab. Sofort wußte ich: Das ist mein Ding. Dieser Song brachte mich eigentlich zum Metal. Ich hörte zunächst Glam-Bands, danach kamen Deep Purple, Uriah Heep, AC/DC und Kiss. Und später entdeckte ich mein Herz für Judas Priest. Das war ungefähr 1978. Und Priest bin ich für lange Zeit treu geblieben.«

Wann hattest du zum ersten Mal Sex?

»So konkret kann ich das gar nicht sagen. Im Alter von elf oder zwölf Jahren war mein Interesse am weiblichen Geschlecht immerhin schon so weit ausgeprägt, daß es zu den ersten Fummeleien im Keller kam. Na ja, und dann nahm halt alles seinen Lauf.«

Wie bist du zum Namen Rock´n´Rolf gekommen?

»Der stammt nicht von mir. In der Anfangszeit von RUNNING WILD, als wir noch völlige Amateure waren, probten wir im Keller des Hauses unseres damaligen Bassisten. Dieser hatte einen kleinen, achtjährigen Bruder. Jedenfalls saßen der Bassist, unser Drummer Hasche sowie der Bengel im Proberaum und quatschten über Rock´n´Roll. Plötzlich klingelte ich an der Tür. Der Junge rief „Bleibt sitzen, ich mache auf“. Er rannte zur Tür, sah mich und schrie „Der Rock´n´Rolf, ähem, der Rolf ist da“. Da hatte ich meinen Namen weg.«

Du bist in all den Jahren deiner Heimatstadt treu geblieben. Welche Vorteile hat Hamburg gegenüber Berlin oder München?

»Vor allem finde ich die norddeutsche Mentalität angenehmer, was aber auch daran liegt, daß ich selbst ein Norddeutscher bin. Zudem ist Hamburg in kultureller Hinsicht eine Weltstadt und den anderen Städten Deutschlands weit voraus. Und der Hamburger Hafen ist eine unvergleichliche Attraktion. Ich denke mal, daß die Berliner oder Münchner ihre Stadt ebenfalls in den Himmel loben würden.«

Bist du ein politisch interessierter Mensch? Kannst du dir vorstellen, politisch aktiv zu sein?

»Ich interessiere mich sehr für Politik und bin eigentlich immer über die neuesten Entwicklungen informiert. Mein politisches Verständnis drücke ich ja oft in den Texten von RUNNING WILD aus, denn Politik geht mit Historie einher. In der Politik mitmischen möchte ich eigentlich nicht. Dafür ist mir dieses Geschäft einfach zu schmutzig. Zudem bin ich zu selten kompromißfähig. Und das sollte eigentlich eine Eigenschaft von Politikern sein.«

Wolltest du schon mal jemanden töten?

»Natürlich. Ich wollte schon öfters mal jemanden erwürgen. Aber dieser Gedanke hält bei mir meist nur wenige Sekunden an. Ich kann mit einer derartigen Wut ganz gut umgehen und beruhige mich recht schnell wieder.«

Was war dein lustigstes und was dein peinlichstes Erlebnis mit RUNNING WILD?

»Ach, da gibt´s viele. Aber eine tolle Geschichte muß ich loswerden. Es war während einer Tour Mitte der 80er Jahre. Um das Drumkit von Hasche herum hatten wir eine Feueranlage errichtet, die während des letzten Songs brennen sollte. Und in die Arme von Hasches Lederjacke hatten wir zwei Bomben eingearbeitet. Ganz zum Schluß des Sets, nach der Feuersbrunst, sollte Hasche seine Arme mit den Drumsticks hochreißen. In dem Moment sollten die Bomben hochgehen. Wir hatten das unzählige Male im Proberaum getestet. Es hatte immer funktioniert. Aber vor dem Gig vertauschte der Pyro-Roadie aus Versehen die Kabel. Also explodierten zuerst die Bomben. Hasche spielte noch fleißig, da machte es plötzlich „bums“. Es gab einen riesigen Blitz und eine mächtige Qualmwolke. Hasches Timing war natürlich völlig hinüber. Und ich hatte gar nix weiter von der Sache mitbekommen. Als ich mich von den Fans verabschiedete, wunderte ich mich nur, wo Hasche abgeblieben war. Als ich zum Backstage-Raum ging, sah ich einen stöhnenden Hasche mit einem völlig schwarzen Gesicht, einer löchrigen Hose und einer verkohlten Lederjacke. Zum Glück hatte er sich nicht arg verletzt. Manche Fans reden und lachen noch heute über diese Geschichte.

Eine andere Pleite erlebten wir mal in Stuttgart. Wir spielten den ersten Song, da fiel der Strom aus. Wir begannen von vorne, da war der Strom wieder weg. Und beim dritten Mal erneut. So oft habe ich nie wieder unplugged gespielt.«

Gesetzt den Fall, du müßtest eines der drei folgenden Dinge tun, für was würdest du dich entscheiden: Animationstänzer in einer Boygroup, einem hypnotisierten Krokodil ins offene Maul schauen oder Bungee-Jumping vom Hamburger Fernsehturm?

»Dann würde ich mit der Boygroup tanzen und mich dabei zum Affen machen, denn da wäre ich mir zumindest sicher, mit dem Leben davonzukommen.«

RUNNING WILD hatten immer ein Faible für Piraten und Freibeuter. Angenommen, du wärst ein Pirat des 20. Jahrhunderts. Wo und bei wem würdest du rauben?

»Auf alle Fälle bei den Reichen. Leider sind die Zeiten vorbei, in denen man noch Frachtschiffe kaperte. Obwohl, es gibt auch noch heute Piraten, die Schiffe überfallen. Aber die geben die Beute mit Sicherheit nicht den Armen.«

Bei welchem historischen Ereignis wärst du gerne anwesend gewesen?

»Bei der Hinrichtung von Klaus Störtebeker. Ich hätte versucht, seinen Tod zu verhindern. Er wurde ja übers Ohr gehauen. Er war Pirat im Auftrag der Hamburger Kaufleute. Und als man sich nach dem Krieg mit Dänemark wieder geeinigt hatte, konnten die Hamburger natürlich nicht zugeben, daß sie Störtebeker dafür bezahlten, daß er Dänemark beraubte. So wurde er in aller Scheinheiligkeit für vogelfrei erklärt.«

Manche Politiker haben aus Popularitätsgründen gern Künstler und Rockmusiker in ihrer Nähe. Wie würdest du reagieren, wenn Gerhard Schröder dich um deinen Support bitten würde?

»Ich würde für keinen Politiker meine Hand ins Feuer legen. Aus diesem Grund würde ich mich auch nicht für derartige Kampagnen benutzen lassen. Das machen schon zu viele Musiker. Ich würde mich vielleicht von einer Rum-Firma einspannen lassen. Das haben wir sogar schon mal gemacht. Es paßt gut zum Piraten-Konzept.«

Angenommen, du dürftest alleine über den Inhalt der nächsten Rock Hard-Ausgabe entscheiden: Welche Stories würden wir dann lesen können?

»Die Frage ist, ob dann überhaupt noch jemand das Rock Hard lesen würde, haha. Ich bin viel zu wenig über neue Bands informiert. Aber ich würde auf jeden Fall den Schwerpunkt auf traditionelle Metal-Bands legen. Aber das macht ihr ja bereits ohne mich.«

Stell´ dir vor, jemand verwechselt dich mit Marilyn Manson und begehrt ein Autogramm von dir: Was würdest du schreiben?

»Kauf dir ´ne Brille und putz´ dir die Ohren.«

In welchem Film würdest du gern mal mitspielen?

»Natürlich erwartet jetzt jeder, daß ich „Piratenfilm“ sage. Aber ein historischer Kostümfilm wäre schon etwas, das mich interessieren würde. In diese Welt könnte ich mich am ehesten hineindenken. Ich stelle es mir schwierig vor, eine Rolle zu verkörpern und diese auch zu leben. Auf der Bühne zu stehen und zu spielen, ist wesentlich einfacher.«

Was ist das beeindruckendste Buch, das du in letzter Zeit gelesen hast?

»Das war ein Porträt über Nikolaus II., den letzten russischen Zaren. Ich fand es sehr interessant, von den vielen Facetten seiner Persönlichkeit zu lesen. Zu diesem Thema wird es auch einen Song auf unserem nächsten Album geben.«

Was meinst du eigentlich dazu, daß ihr in euren Anfangszeiten mit dem Stempel „Black Metal“ versehen wurdet?

»Ich konnte mich nur wundern. Wir wurden gründlich mißverstanden, denn manche dachten, daß wir irgendwas mit dem Satanszeug zu tun hätten. Natürlich gehören Venom zu unseren Einflüssen. Aber wir waren weder Black Metal noch Speed Metal, sondern vom ersten Tag an schlicht und einfach Heavy Metal.«

Kannst du kochen?

»Sehr gut sogar. Spötter sagen, ich hätte lieber Koch werden sollen. Egal ob italienisch, spanisch, mexikanisch oder asiatisch - mein Essen gelingt immer sehr gut. Ich koche leidenschaftlich gern.«

Bist du ein Einzelgänger oder ein Gesellschaftsmensch?

»Eher Einzelgänger. Ich fühle mich in einem kleinen Freundeskreis am wohlsten. Ich gehe eher selten abends auf die Piste.«

Glaubst du an Gott?

»Ich habe mit Kirche und ähnlichen Konstrukten nichts zu tun. Aber ich glaube an einen Schöpfer, an eine übersinnliche Kraft.«

Angenommen, du wirst auf einer einsamen Insel ausgesetzt: Welche drei Dinge würdest du mitnehmen?

»Auf alle Fälle einen Kühlschrank.«

Ohne Strom?

»Na, dann halt noch ein kleines Kraftwerk, sagen wir ein Taschenkraftwerk. Und dann noch einen CD-Player mit etlichen CDs sowie meine Gitarre. Ohne die geht nichts.«

Was möchtest du in deinem nächsten Leben sein?

»Erneut Musiker. Ich bin sehr zufrieden. Ich habe eigentlich alles erreicht, was ich mir vorgenommen hatte. Ich kann haargenau die Musik machen, die mir vorschwebt. Ich muß mich nicht verbiegen und keinem Trend anpassen. Zwar verkaufe ich keine Millionen von Schallplatten, aber ich kann von meiner Musik gut leben.«

Stell´ bitte die ideale Heavy Metal-Band aller Zeiten zusammen.

»Der Sänger ist natürlich Noddy Holder von Slade. Das ist mein absoluter Lieblingssänger. Die Leadgitarre spielt Gary Moore. Und arrogant, wie ich bin, besetze ich die Position der Rhythmusgitarre. An den Baß gehört Gene Simmons. Und die Drums bedient sein Kollege Eric Carr.«

Was soll einmal auf deinem Grabstein stehen?

»Er lebte sein Leben strikt nach seinen Vorstellungen und hat nichts bereut.«

Wie würdest du einem Blümchen-Fan die Metal-Band RUNNING WILD schmackhaft machen?

»Ich würde ihm sagen, daß er bei uns alles erhält, was bei Blümchen nicht zu bekommen ist: Er bekommt im Konzert tolle Typen mit toller Show zu sehen, er bekommt CDs mit guter Produktion und guten Melodien. Er bekommt Musik für sein Geld.«

Was wirst du für die Menschheit im Jahr 2000 tun?

»Wir werden Anfang des Jahres ein neues Album veröffentlichen. Im Herbst gehen wir ins Studio. Außerdem, und das verspreche ich hiermit, werden wir im nächsten Jahr auf ausgedehnte Deutschland-Tour gehen.«

Bands:
RUNNING WILD
Autor:
Onlineredaktion

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