Schwatzkasten

Schwatzkasten 28.05.1997

DEEP PURPLE - ROGER GLOVER (Deep Purple)

Die Legende hatte sich schon beinahe selbst zu Tode geritten, da erlebte das Jahr ´96 eine unvergleichliche Wiederauferstehung - Deep Purple meldeten sich mit einer starken neuen Scheibe ("Purpendicular") und einer brillanten Tour zurück unter den Quicklebendigen. Stefan Glas nahm ausnahmsweise einmal nicht Medien-Darling Ian Gillan in die Mangel, sondern traf sich mit Bassist/Producer Roger Glover im Schwatzkasten.

Wo wurdest du geboren?

"Auf einer Farm in Süd-Wales. Als ich neun Jahre alt war zogen wir nach London. Dort wuchs ich in einem Pub auf, wo ich etwa 1956 zum ersten Mal mit Musik in Kontakt kam. In dem Pub wurde Skiffle-Musik gespielt. Darunter versteht man traditionelle, hausgemachte englische Pubmusik, die dem Blues und dem Folk nahesteht. Neben Gitarre, Banjo oder Mandoline werden meist selbstgebaute Instrumente verwendet. Ich kroch nachts immer aus meinem Zimmer an die Tür hinter der Bühne, öffnete sie einen Spalt und lauschte der Musik."

Welche Erfindung ist die deiner Ansicht nach wichtigste?

"Hosenklammern für Radfahrer! Eine wundervolle Erfindung: sie verhindern, daß deine Hosenbeine in die Speichen geraten. Direkt danach kommt der Computerchip, der unser aller Leben in den letzten 20 Jahren revolutioniert hat. Der Verbrennungsmotor hat eine Menge verändert und wird vermutlich unser Leben ruinieren. Die Miniaturisierung wird ein wichtiger Schritt sein, der funktionerende Maschinen in der Größe eines Stecknadelkopfes hervorbringen wird, aber ich glaube, daß die nächste Computergeneration nicht auf Silikon, sondern auf DNA basieren wird. Ich habe in meinem Leben unglaubliche Dinge erlebt, eine Zeit unbeschreiblicher Erfindungen, so daß es nahezu unmöglich ist, sich auszumalen, wie die Zukunft aussehen wird. Eine strahlende, utopische Zukunft ist ebenso denkbar wie eine fatale. Aber ich bin von Natur aus ein Optimist. Ich glaube, daß sich alles zum Besseren wenden wird, auch wenn das bedeutet, daß sich die Menschheit selbst auslöscht und die Evolution wieder von vorne beginnt."

Bist du eher CD- oder Vinyl-Liebhaber?

"Ich persönlich bevorzuge DAT. Aber eigentlich bin ich mit CDs ganz zufrieden, obwohl mir der warme Klang des Vinyls angenehmer ist. Als die CDs aufkamen, war ich vom Sound sehr enttäuscht, aber die Technik hat sich deutlich verbessert. Ich denke, beide Medien haben ihre typischen Probleme. Mit Schallplatten muß man äußerst sorgsam umgehen, und dennoch werden sich irgendwann die ersten Kratzer einstellen. CDs konnten jedoch den Vorschußlorbeeren, makellos zu sein, nicht gerecht werden. Als ich die erste CD-Pressung von "Machine Head" hörte, war ich schockiert. Das war der Grund, weshalb ich die Wiederveröffentlichungen von "In Rock" und "Fireball" initiiert habe. Ich wollte sicherstellen, daß die Qualität astrein ist. Ich glaube, es ist kein Geheimnis, daß es nicht bei diesen beiden Re-Issues bleiben wird. Andererseits wird dies für alle Alben nach "Fireball" kompliziert werden, denn bei diesen Scheiben gibt es praktisch kein unveröffentlichtes Material."

Bist du in der Lage, eine genießbare Mahlzeit zuzubereiten oder würdest du ohne einen Koch in deiner Nähe verhungern?

"Ich liebe es, zu kochen! Am liebsten indisch. Ich bin seit zehn Jahren Vegetarier, was auf Tour Probleme mit sich bringt - vor allem in Deutschland, wo es nahezu nur Fleischfresser zu geben scheint. Jedoch ist es in südeuropäischen Ländern noch schwerer. Ich werde nie vergessen, wie ich in Italien angeschaut wurde, als ich eine Pizza ohne Fleisch bestellte... Meine Frau und ich gehen selten aus, denn das beste Restaurant der Welt befindet sich zu Hause. Kochen ist reine Therapie!"

Gibt es ein selbstkreiertes Roger Glover-Rezept?

"Ja, einen Gemüse-Curry-Auflauf, der jedesmal anders schmeckt, weil ich die Zutaten rein instinktiv zusammenmische."

Hat jemand, der vielen Musikern als Vorbild dient, selbst seine Idole?

"Ich habe echt Probleme, mich dran zu gewöhnen, daß ich in einer bekannten Band spiele. Manchmal werde ich nachts wach, zwicke mich, um sicherzustellen, daß ich nicht nur träume. Ich persönlich bewundere viel eher Schreiber als Musiker, denn ich sehe mich selbst auch mehr als Texter denn als Komponisten oder Produzenten. Der Musiker Roger Glover kommt erst an dritter Stelle. Bob Dylan ist mein Alltime-Hero, textlich unerreichbar. Randy Newman ist fantastisch. Außerdem mag ich schräge, exzentrische Acts. Spieltechnisch hat mich Paul McCartney beeinflußt, und ich bewundere Jaco Pastorius von Weather Report. Aber nichts wirkt auf mich so sehr wie ein guter Text."

Bevorzugst du starke oder schwache Frauen?

"Ich mag keinesfalls schwache Frauen, aber ich habe keine feste Philosophie über Dominanz in einer Partnerschaft. Ich bin ein typischer Teamspieler. Ich bin sehr glücklich verheiratet und meine Frau und ich sind gleichberechtigt. Wir sind gemeinsam der Kopf der Familie. Ich behandele Frauen als Individuen und beurteile Männer und Frauen anhand der gleichen Kriterien. Wenn ich den Draht zu einem Menschen finde, dann ist es für mich gleichgültig, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Was den Geist angeht, sehe ich keinen Unterschied. Ich bin allerdings davon überzeugt, daß Frauen cleverer als Männer sind. Sie lassen die Männer im Glauben, daß sie das Ruder in der Hand haben, aber in Wirklichkeit stehen sie selbst am Steuer. Für mich ist es sehr wichtig, eine selbständige Frau zu haben. Ich kann nur hier sein, weil meine Frau akzeptiert, daß dies mein Leben ist. Ich kann beruhigt auf Tour gehen, weil ich weiß, daß sie die Heimatfront managen kann. Wie sonst könnte ich mein Heim für mehrere Monate verlassen? Im letzten Sommer habe ich meine Kinder gerade mal einen einzigen Tag lang gesehen."

Bist du schon mal so richtig von einer Plattenfirma über den Tisch gezogen worden?

"Oh ja! Es gab Plattenfirmen, die uns sehr gut behandelt haben, und es gab solche, die uns in den Rücken gefallen sind. Es gibt ein Ringen zwischen der Businesseite und der Kunst, dem Spaß an der Musik. Als ich ein Schuljunge war, wollte ich einzig und allein eine Topseller-Platte. Ich war gewillt, jede dumme Melodie zu singen, solange sie mich nur in den Charts nach oben katapultieren würde. Als es mir plötzlich widerfahren war und ich ein Hitalbum hatte, war ich total desillusioniert. Ich hatte fest damit gerechnet, daß etwas Goldenes, etwas Glorreiches mit meinem Leben passieren müßte, und nichts war geschehen. Okay, ich hatte etwas mehr Geld auf der Bank, und ein paar mehr Leute kannten mich, aber mit meiner Person hatte sich nichts geändert. Interessanterweise hatten wir mit Musik Erfolg, die nicht nach einem patentierten Erfolgsrezept maßgeschneidert worden war. Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen das anders war. Ich wurde einzig und allein als Produzent für Rainbow engagiert, weil ich den Sound kommerzieller machen sollte. Das war es, was Richie und die Musiker wollten, weil sie mehr Platten verkaufen mußten. So entstand ´Since You Been Gone´, das ein bewußter Schritt in Richtung Kommerz war. Aber zumeist war es mir im Leben möglich, einfach dem Spaß am Musikmachen zu frönen. Ich liebe Musik. Das schlimmste, was eine Firma tun kann, ist dich zu ignorieren und nicht für dein Produkt zu arbeiten. "Accidently On Purpose", das Album, das ich zusammen mit Ian Gillan gemacht habe, war gerade mal eine Woche veröffentlicht, als wir gedroppt wurden - aus firmenpolitischen Gründen, die nicht das geringste mit uns Künstlern zu tun hatten. Wir haben unser Herz und unsere Seele in das Album gesteckt, und die Plattenfirma zog das gesamte Geld für die Promotion ab. Sie ließen uns in der Luft hängen: mit nichts weiter als einem Album, das in einer Handvoll Läden stand. Das war eine bittere Pille, die ich schlucken mußte und die mich sehr deprimierte."

Du bist begeisterter Maler. Wie bist du zur Malerei gekommen?

"Die Malerei war meine erste Karriere. Ich habe von klein an voller Begeisterung gemalt, Kunst war mein bestes Fach in der Schule - das einzige gute Fach neben englischer Literatur und englischer Sprache, beiläufig erwähnt. In allen anderen Fächern war ich ein hoffnungsloser Fall. Nach der Schule besuchte ich zwei Jahre lang eine Kunstakademie und strebte auf diesem Sektor eine Karriere an, sei es als Designer, Maler oder Architekt. Aber die Musik hat mich ausgewählt. Die Malerei liegt unserer Familie im Blut. Meine Eltern malen, und meine Tochter hat auch damit begonnen. Für mich ist es ein reines Hobby. Ich zeige meine Bilder nur wenigen Freunden; sie werden nicht ausgestellt und nicht verkauft."

Was war der schlimmste Gig, den du bislang spielen mußtest?

"Es gab einige Gigs, bei denen ich mich von der Bühne wünschte. 1993 im NEC, Birmingham, war ein solcher Auftritt. Richie Blackmore hatte damals schon verkündet, daß er die Band verlassen würde, aber er mußte gezwungenermaßen die letzten Gigs mitspielen. Als wir auf die Bühne kamen, war von Richie keine Spur zu entdecken, plötzlich tauchte er auf, spielte ein paar Akkorde, warf einen Becher mit Wasser quer über die Bühne und streikte wieder (herrlich auf dem "Come Hell Or High Water"-Livevideo dokumentiert - d.Verf.). Ich wollte einfach nur weg."

Was würdest du ändern, wenn du Programmdirektor von MTV wärst?

"Alles! Ich würde den Sender schließen! Ich muß zugeben, daß ich kein großer Videofan bin, weil die Musik dadurch abgewertet wird. Ich lese auch lieber ein Buch, als daß ich mir den dazugehörigen Film anschaue."

Mußtest du schon mal hinter schwedischen Gardinen nächtigen?

"Ich wurde einmal verknackt. Ich war damals 16 Jahre alt, und es passierte auf einer Party. Wir hatten etwas zu viel getankt, und so beschlossen wir um drei Uhr nachts, mitten auf der Hauptstraße Cowboys und Indianer zu spielen. Ich starb einen grauenvollen Tod, weil mich jemand aus einem Hausflur mit einem Billard-Queue in den Rücken schoß. Ich brach filmreif zusammen, und plötzlich wimmelte es nur so von Polizei, und ich hörte Sachen wie "Hände hoch", "Stell' Dich an den Wand", "Beine auseinander" und "Keine Bewegung!" Schon hatte ich Handschellen an, und mir wurde für die Nacht die Gastfreundschaft der Queen zuteil. Zur Krönung durfte ich zwei Pfund fünfzig wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses bezahlen. Eine Menge Geld, das Taschengeld von zwei Wochen."

Mit welchem Künstler würdest du als Produzent gerne zusammenarbeiten?

"Wenn ich produziere, interessiert mich eigentlich nicht so sehr die Stilrichtung, sondern die kreative Herausforderung. Ich würde gerne eine experimentelle Produktion leiten, bei der keine Instrumente verwendet werden. Meine Idee wäre, verschiedene bekannte Musiker wie zum Beispiel Peter Gabriel einen Tag lang in einem Studio einzuschließen und ihnen nur Gegenstände wie Messer, Gabeln, Luftballons und ähnliche Gebrauchsgegenstände zu geben. Es sollte aber nicht darum gehen, irgendwelche Geräusche aneinanderzureihen, sondern es sollte ein zusammenhängendes, songähnliches Klangerlebnis entstehen. Wenn es nach mir ginge, würden Deep Purple viel mehr experimentieren. Aber ich glaube, wir sind jetzt an dem Punkt angelangt, an dem wir dies tun können. Wir sind einige Zeit nur auf drei Zylindern gelaufen, und jetzt können wir endlich unsere komplette Kraft ausschöpfen. Ich bin überzeugt, daß "Purpendicular" nur der Anfang war!"

Du bist sehr aktiv im Internet. Was hältst du von diesem neuen Medium?

"Ich war überrascht festzustellen, welche Aufmerksamkeit Deep Purple im Internet zuteil wurde. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich im letzten Jahr, als wir einen Gig in Florida spielten und ich anschließend zu meinem Stiefsohn nach New York flog. Er begrüßte mich mit "Ihr habt gestern abend gut gespielt!" und präsentierte mir eine Livebesprechung, die er sich im Internet er-surft hatte. Daher begann ich, selbst die E-Mails von Fans zu beantworten (erreichbar unter http://www.deep-purple.com - d.Verf.). Ich sehe jedoch auch negative Seiten am Internet. Man kann sich darin verlieren, besonders Menschen, die schon immer einsam waren. Sie können durch das Internet noch mehr in ihre Isolation gedrängt werden. Außerdem muß man sagen, daß das meiste, was durchs Internet geht, keinerlei Belang hat - eine Menge sinnloser Informationen, die eigentlich nur eine andere Form des Däumchendrehens sind. Ich habe ein Buch über den Mann gelesen, der den Telegrafen erfunden hat. Sein Statement bezüglich seiner Erfindung: "Jetzt wissen wir, daß wir über wahnsinnige Entfernungen kommunizieren können, nur um dabei herauszufinden, daß wir uns nichts zu sagen haben."

Du sprichst viel über andere Autoren. Wann wird Roger Glover sein erstes Buch schreiben?

"Ich arbeite gerade an einem Buch, das den Titel "Während ich das Buch schreibe" tragen wird. Vielleicht wird auch nur ein Song draus werden. Ich glaube nicht, daß ich etwas zu sagen habe, aber wenn ich wie gerade eben ins Plaudern komme... Ja, ich bin ein nachdenklicher Mensch und versuche meine Gedanken in Worte zu fassen. Laß' es mich so formulieren: Ich bin jetzt 50, und meine Lebensideale sind nicht mehr schnelle Autos und Frauen."

Bands:
DEEP PURPLE
Autor:
Stefan Glas

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