Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 20.07.2011

BEATSTEAKS , ROB ZOMBIE , ALL THAT REMAINS , KORN , SYSTEM OF A DOWN , DANZIG - Rock am Ring 2011

Dass das Billing vom Jubiläumsjahr 2010 nicht mehr getoppt werden kann, war klar, aber ungeachtet der heruntergeschraubten Erwartungshaltung enttäuscht dieses Jahr die Bandauswahl. Gruppen wie die Söhne Mannheims haben mit dem im Namen geführten Rock null Komma null am Hut. Zudem nerven unnötige Überschneidungen wie beispielsweise bei Black Stone Cherry und Wolfmother, die beide dieselbe Classic-Rock-Zielgruppe ansprechen. Da wünscht man sich bei aller organisatorischen Problematik, die solch ein Mega-Event nun mal mit sich bringt, mitunter mehr Liebe zum Detail. Wegen der für die Kernzielgruppe eher rar gesäten Höhepunkte gibt´s als Konsequenz den schwächsten Besuch seit vielen Jahren: deutlich nicht ausverkauft. Vor allem tagsüber ist es vor den Bühnen teils verblüffend leer, erst zu den Headlinern füllt es sich.

Freitag

Bevor es überhaupt losgeht, gibt´s bereits die erste Hiobsbotschaft: Auf dem Weg zum Zeltplatz wurde in der letzten Nacht ein junger, stark alkoholisierter Besucher auf der Fahrbahn von einem Auto erfasst und tödlich verletzt. Zum Glück bleibt dies der einzig gravierende Vorfall.

Heute geht´s erst mit SOCIAL DISTORTION am frühen Abend so richtig los. Um kurz vor acht ist jedoch noch nicht mal die Fläche vor dem ersten Wellenbrecher vollständig gefüllt, und außer ein paar Die-hard-Fans rührt sich nichts im Publikum. Die Band ist aber auch verdammt langweilig und suhlt sich selbstgefällig in ihrem Legendenstatus: ohne Bewegung, ohne Enthusiasmus und mit suboptimaler Setlist. Noch nicht mal beim abschließenden ´Ring Of Fire´ geht entscheidend mehr ab. Zum Vergleich: Die H-Blockx konnten vor einem Jahr mit ihrer Version dieses Cash-Covers 80.000 Leute zum Mithüpfen bewegen - ob das nun gegen Social D oder gegen das Publikum spricht, sei mal dahingestellt...

Vor der Clubstage ist es zwar auch noch nicht richtig voll, aber die rund 2.000 Leute feiern TIMES OF GRACE fett ab und machen begeistert die passenden Leibesübungen. Die (Ex-)Killswitch-Engage-Posse um Jesse Leach und Adam Dutkiewicz ist aber auch wirklich gut und lädt mit ihrem sehr eingängigen Metalcore viele Vorbeischlendernde zum Verweilen ein, so dass es sich stetig füllt.

Weiter geht´s mit WOLFMOTHER auf der Alternastage, die (so viel sei vorweggenommen) den besten Gig des Tages abliefern. Mastermind Andrew Stockdale hat ja zwischenzeitlich alle anderen Musiker ausgetauscht, konnte aber ebenbürtige Mitstreiter finden, die nicht nur tight zocken, sondern mit ihrem Seventies-Porno-Look auch noch cool aussehen. Die Setlist ist stark, und mit dem furios umgesetzten Doors-Cover ´Riders On The Storm´ gibt´s noch ein besonderes Bonmot. Kein Wunder, dass die leicht zeitversetzt auf der benachbarten Bühne antretenden BLACK STONE CHERRY zunächst nur recht wenige Zuschauer haben. Schade drum, denn die Jungs rocken wie immer kraftvoll und authentisch ab. Lediglich Sänger Chris irritiert mit Kopfsocke und Sonnenbrille - vor allem Letztere wirkt in stockdunkler Nacht einfach nur albern.

ALL THAT REMAINS haben mit „For We Are Many“ ein Album voller Hits rausgehauen, die sich auch hier großer Beliebtheit erfreuen. Die Optik der Band lässt jedoch trotz riesigen Backdrops und guter Lightshow zu wünschen übrig und macht einen heterogenen Eindruck: Frontmann Bill lässt den körpergestählten Hardcore-Brüllwürfel raushängen, Gitarrist Oli sieht wie ein harter Viking-Metaller aus, hat dabei aber eine eigenartig weiche Körpersprache mit albernen Metal-Klischee-Posen, und Bassistin Jeanne wirkt wie ihr eigener Roadie.

DANZIG hat zwar seine klassische Besetzung der ersten Alben nicht am Start, kann aber u.a. mit Tommy Victor (Prong) an der Gitarre punkten. Optisch präsentiert sich der Schinkengott wie immer, aber gesanglich ist er leider nur noch ein Schatten seiner selbst - Stimmgewalt und Volumen fehlen. Zudem langweilt er die Leute mit zu vielen Songs neueren Datums, weswegen es nur bei ´Twist Of Cain´ und dem abschließenden ´Mother´ so richtig abgeht.

Samstag

Am Beispiel CALIBAN zeigt sich das mitunter mangelnde Einschätzungsvermögen des Veranstalters besonders gravierend. So werden die Metalcorler viel zu früh verheizt und sorgen bereits um 14:40 Uhr für einen Auflauf von rund 15.000 Leuten, die zeitgleich mit der Band wieder verschwinden und gähnende Leere zurücklassen. Vorher betreiben sie jedoch begeistert ihren favorisierten Frühsport, so dass zu einem Top-Set mit ´24 Years´, ´Never Let Me Down´ und dem umjubelten Rammstein-Cover ´Sonne´ eine riesige Wall Of Death, jede Menge Crowdsurfer sowie ein Monster-Moshpit abgehen. Die Band ist inzwischen aber auch wirklich gut: Andy und der Schaller machen souverän einen auf Rampensau, Gitarrist Dennis singt starke Clean Vocals, und Drummer Patrick tritt die fiesesten Breakdowns.

Während eine gute Stunde später vor der Hauptbühne maximal 5.000 Gestalten rumlungern, posen ESCAPE THE FATE auf der Alternastage wie die Großen und gehen dabei auch schon mal über die Grenze des Erträglichen hinaus. Mit ihrer eigentlich unvereinbaren Mischung aus Emo und Mötley Crüe machen die Bubis trotzdem mächtig Laune und räumen auch gut ab.

Noch voller wird´s bei SEVENDUST, die eine gute Show abliefern, aber ihren Zenit wohl überschritten haben - früher schienen sie mir jedenfalls deutlich enthusiastischer, während sie heute nur noch professionell sind. Die Nu-Metal-Zielgruppe freut sich trotzdem, und einige unaufgeforderte Moshpits dürfen durchaus als Kompliment für den Florida-Fünfer verstanden werden, bei dem der schwarze Sänger Lajon mit seiner souligen Rockstimme für das gewisse Etwas sorgt.

HOLLYWOOD UNDEAD sind kaum einzuschätzen: In Amerika genießen sie Platinstatus, hierzulande wurden sie als Support von Limp Bizkit von der Bühne gebuht. Auch heute sorgt die Rap-Rock-Posse für Kontroversen. Mit ihren albernen Slipknot-für-Arme-Masken wirkt sie einfach nur lächerlich; nachdem man diese mitten im Set abgelegt hat, nimmt das Ganze aber plötzlich Fahrt auf und wirkt gleich viel sympathischer. Problematisch bleiben dennoch die viel zu vielen Einspielungen vom Computer, die die Kids jedoch nicht daran hindern, zumindest in den vorderen Reihen gut durchzudrehen.

IN FLAMES haben nach ihrer langen Studiopause offensichtlich wieder richtig Bock auf die Bühne. Weil bei Drummer Daniel die Geburt seines Kindes bevorsteht, springt für ihn Jonas Ekdahl (ex-Evergrey, Death Destruction) ein, der einen super Job erledigt und bei seiner Vorstellung so frenetisch mit Sprechchören abgefeiert wird, dass sich sogar Anders vor ihm verneigt. Mit seiner Baseballkappe (Geheimratsecken-Alarm?) sieht der Sänger heute zwar aus wie ein Trucker, versprüht aber trotzdem viel Charisma. Gitarrist Niclas Engelin, der nach seinen Probejahren als Tourgitarrist nun endlich fest zum Line-up gehört, strotzt vor Spielfreude und scheint damit alle anzustecken. Auch die beiden geschickt gewählten neuen Songs kommen gut an, und die Fläche vor der Alternastage platzt aus allen Nähten. Als Höhepunkt macht Crew-Maskottchen Biffen den Flitzer. Schade nur, dass es noch etwas zu hell ist, um die traditionell aufwendige Lightshow zur Geltung zu bringen.

DISTURBED halten die gute Stimmung, obwohl sie auf Dauer etwas gleichförmig wirken. Den Fans ist es egal - trotz einsetzenden Regens organisieren sie unaufgefordert ein Hinsetzen-aufspringen-Spielchen und singen bis in die hintersten Reihen mit.

Dann kommt die Sintflut: Pünktlich zu KORN geht ein Unwetter nieder, dass mit 25 Litern pro Quadratmeter die Besucher binnen wenigen Sekunden bis zur Unterwäsche (sofern vorhanden) durchnässt und natürlich auch viele Zeltplätze, die hier vorwiegend an Hängen liegen, in Schlammwüsten verwandelt. Jonathan Davis hätten solche Wetterbedingungen früher vielleicht noch zu einer kurzfristigen Absage bewegt, aber der Sänger wirkt anno 2011 lockerer, entspannter und sowohl körperlich als auch geistig gesünder denn je. Mit von ihm nie gesehener Agilität diktiert er das Geschehen auf der Bühne und sorgt für eine der besten Korn-Shows. Das Publikum sucht pitschnass die Flucht nach vorne und geht wild ab, um sich warm zu halten. Im Laufe der Zeit kriecht die Kälte jedoch mehr und mehr in die Klamotten, so dass immer mehr gehen. Schade drum!

So ist es beim „Late Night Special“ mit ROB ZOMBIE um halb zwei nur noch sehr übersichtlich gefüllt, zumal es munter weiterschüttet. Der Horrormeister schlendert mit einer halbleeren Flasche Whiskey auf die Bühne, die er im Laufe des Gigs auch noch komplett leert. Bühnenbild, Kostüme, Begleitband und Setlist sind stark, aber Rob scheint nicht wirklich bei der Sache bzw. angetrunken zu sein und hört teils mitten im Refrain auf zu singen - sehr seltsam.

Sonntag

MASTODON haben dazugelernt: Beschimpften sie vor zwei Jahren beim Sonisphere das Publikum noch nach allen Regeln der Kunst, weil es ihrer Ansicht nach nicht angemessen abging, so machen die vier Freaks hier gute Miene zum bösen Spiel, wirken motiviert und bedanken sich trotz bescheidener Resonanz gleich mehrfach. Der Sound ist leider stark übersteuert, so dass die ohnehin komplexen Kompositionen selbst für Kenner der Alben kaum zu identifizieren sind. Neue Fans gewinnt man mit so einem Prog-Psych-Matsch natürlich nicht.

Bei LOADED hätte man für das szeneunkundige Mainstream-Publikum besser noch „Duff McKagan von Guns N´Roses“ draufschreiben sollen, denn der arme Kerl zieht hier mit seiner eigenen Band so wenige Leute, dass er jeden einzelnen mit Handschlag hätte begrüßen können - auf der großen Alternastage mit Platz für rund 20.000 Leute doppelt bitter. Ganz professionell lässt er sich jedoch nichts anmerken, rockt mit seiner extrem starken Backing-Band spielfreudig los, versprüht sogar etwas Rockstar-Glamour und schafft es im Laufe des Gigs, noch weitere Reihen hinter der ersten zu versammeln. Beim GN´R-Hit ´Easy´ kommt sogar richtig Stimmung auf. Das Hauptproblem ist und bleibt jedoch sein Gesang, der bestenfalls mittelmäßig ist.

AVENGED SEVENFOLD haben in puncto Popularität einen gewaltigen Sprung gemacht und ziehen inzwischen richtig viele Leute zur Hauptbühne. Zum aufwändigen Bühnenbild gibt´s noch gewaltige Feuersäulen, so dass in der Summe eine Hollywood-Portion Metal-Klischees dabei rauskommt. Der neue Drummer Arin macht einen guten Job und hämmert die geile Doublebass-Passage in ´Bat Country´ ähnlich souverän wie The Rev. Auch die Neugierigen, die die Band noch nicht kennen, lassen sich anstecken und feiern munter mit.

Nochmals voller wird´s bei VOLBEAT, und endlich stellt sich das gewohnte Ring-Feeling ein. Zehntausende feiern die Dänen ab - eine unfassbare Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die Band vor wenigen Jahren noch in 500er-Clubs gespielt hat. Leider trübt erneut Regen den Spaß. Michael Poulsen zeigt sich mit den Fans solidarisch und schüttet sich eine Flasche Wasser über den Kopf, was natürlich prima ankommt. Es gibt Hits am Fließband, die lautstark mitgesungen werden, aber auch den Vorwurf bestärken, dass vieles doch sehr ähnlich klingt.

Bei den BEATSTEAKS ist es dann so voll wie das ganze Wochenende nicht. Die sympathischen Berliner werden frenetisch bejubelt, sind von den euphorischen Reaktionen sichtlich gerührt und lassen sich zu einer tollen Show mit jeder Menge Hits hinreißen. Nur ´Under A Clear Blue Sky´ erweist sich nicht gerade als Stimmungskanone.

Obwohl man SYSTEM OF A DOWN durchaus finanzielle Aspekte für die Reunion unterstellen darf, tut das der Performance keinen Abbruch. Serj Tankian singt furios wie immer und dirigiert das Geschehen mit viel Charisma. Sein Sidekick Daron Malakian sieht immer noch so verrückt und gefährlich wie früher aus, und die Chemie zwischen den Musikern scheint zu stimmen. Satte 24 Songs packen sie in ihren Set und lassen es hinten raus mit ´War?´, ´Toxicity´ und ´Sugar´ richtig krachen. Das ist nicht nur ein Strohfeuer, sondern wirkt wie ein nachhaltiges Comeback.

Bands:
ROB ZOMBIE
DANZIG
KORN
ALL THAT REMAINS
BEATSTEAKS
SYSTEM OF A DOWN
Autor:
Marcus Schleutermann
Tanja Künzel

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