Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 28.05.2014

HORISONT , SCORPION CHILD , CANDLEMASS , MORNE , CROWBAR , TRIPTYKON , OPETH , THE VINTAGE CARAVAN , MANTAR - ROADBURN FESTIVAL 2014: NL-Tilburg, 013

Das fünfte Element

Wie jedes Jahr im April verwandelt das Roadburn das niederländische Tilburg zum Mekka einer Szene, die jenseits aller Mainstream-Trends musikalische Perlen aus u.a. Doom, Psychedelic, Sludge und Avantgarde abfeiert. Gast-Kurator der 16. Ausgabe der Indoor-Veranstaltung ist Opeth-Mastermind Mikael Åkerfeldt, der inmitten der rund 3.100 Fans aus aller Welt die besondere Atmosphäre der viertägigen Veranstaltung genießt.

Schon am Abend vor dem ersten Festival-Tag füllt sich die Stadt mit Roadburn-Gästen aus 40 bis 50 verschiedenen Ländern. Sie reisen an aus Japan, Neuseeland, Brasilien, Südafrika, dem Mittleren Osten, den USA und sogar Nepal. Unter ihnen sind auch Dark-Tranquillity-Frontmann Mikael Stanne - ein begeisterter Roadburn-Supporter - und Primordial-Frontmann Alan Averill, der dieses Jahr bei den Aftershow-Metal-Discos auflegt. Viele Musiker reisen privat zum Roadburn, um sich im 013, einem der besten Liveclubs Europas, auf der Mainstage (2.200 Zuschauer), im Green Room (350 Zuschauer) oder im Stage01 (150 Zuschauer) sowie in der Kirche Het Patronaat (650 Zuschauer) und dem Musikcafé Cul de Sac Konzerte anzuschauen.
Die Party-Ader des Festivals ist die angrenzende Kneipenzeile, die von Roadburnern auch „Weirdo Canyon" genannt wird. Hier trifft man sich zwischen den Konzerten vor dem Pub, in der Pommesbude oder beim Mexikaner. Wer hungrig ist, kann sich „Napalm Death Spareribs", „Tribulation Tofu" oder den „Old Man Gloom Burger" genehmigen.
Das Roadburn ist ein Mekka für Musikliebhaber. Ein mal toleranter, hippiehafter und mal nerdiger, schubladenverschossener Haufen aus Fans, die noch ein wenig genauer auf den richtigen Patch, den richtigen Bart und das richtige Shirt zu achten scheinen. Dennoch sieht man hier Dreadlock-Träger neben Black-Metal-Kutten und gediegenere Bühnenklamotten neben verschwitzten Kreator-Shirts. Künstlerischer Leiter des Roadburn ist Walter Hoeijmakers, selbst ein begeisterter Musikfan, den man stets mitten im Geschehen sieht. (cs)

Donnerstag

Bevor es zu Hull geht, die als erste Band auf der kleinsten Bühne eigentlich etwas verheizt werden, eröffnen eine Stunde vorher LOCRIAN das Festival im Het Patronaat. Bei den Chicagoern treffen Einflüsse aus unterschiedlichen Richtungen wie Krautrock, Noise und Black Metal zusammen, um u.a. in massiven Drone-Klangaufbauten zu gipfeln. Wenn man den Event gerade auch für seine moderneren und experimentellen Auswüchse schätzt, ist das ein guter Start in den Tag. Nach einer halben Stunde muss man dann aber langsam ins 013 rüber, zumal es vor der Stage01 eng werden könnte. Auf dem Weg dorthin mache ich mir noch ein Bild davon, wie SOURVEIN ihren dreckig-derben Doom in den Hauptbühnenboden rammen und dabei diesmal spielerisch keine so katastrophale Performance abliefern wie an selber Stelle vor drei Jahren.
Dann HULL: Mit einer energischen Mixtur aus Sludge-Sound, Uptempo-Geballer, Prog-Anflügen und Stoner-Vibes überzeugt das wild bangende Quartett aus Brooklyn auf ganzer Linie, besonders bei der fast 20-minütigen Schlussnummer ´Viking Funeral´. Der frenetische Applaus, der im aufgeheizten Raum schon so früh am Tag losbricht, ist völlig berechtigt.
Auf der Mainstage geht das Programm mit BEASTMILK weiter, die den Saal prompt proppenvoll kriegen. Mag ja sein, dass der Gothrock der Finnen gerade der letzte Schrei und auch recht catchy ist, im Roadburn-Kosmos fühlt sich das Ganze jedoch ehrlich gesagt wie eine etwas unpassende und wenig spektakuläre Sache an.
NAPALM DEATH auf einem Festival mit Doom-Schwerpunkt? Jawohl, auch das macht Sinn. Die britischen Grindcore-Helden spielen einen Set, der sich auf ihre schleppenden, atmosphärischen und dabei auch mal etwas sperrigen Songs konzentriert. „Eigentlich sind wir es gar nicht gewohnt, so langsam zu spielen!", merkt Frontmann Barney sogar selbst zur Begrüßung an. Begleitet von dunklen Hintergrund-Projektionen des Künstlers Costin Chioreanu, funktioniert das Ausnahmekonzept mit Swans-beeinflussten Groovern wie ´Morale´ und der Premiere eines neuen Tracks allerdings rundum gut und unterstreicht wieder mal die Einzigartigkeit des Festivals.
Die düstere Reizüberflutung geht mit CORRECTIONS HOUSE weiter. Corrections House sind Neurosis´ Scott Kelly, EyeHateGod-Schreihals Mike IX Williams, Yakuza-Saxophonist Bruce Lamont und der generell recht umtriebige Sanford Parker. Im Rahmen einer chaotisch wirkenden Show mit dystopisch eingefärbter Gesamtverpackung wird den Festivalgängern vor allem eigenwilliger Industrial Metal mit Drone-Akzenten und Drumcomputer-Geboller vor den Latz geknallt. Parker schlägt ausholend auf Keyboards ein, während Mike IX immer wieder ein Buch mit dem Bandlogo hochhält. Eine etwas wirre Angelegenheit, die die angestrebte Weltuntergangsstimmung allerdings nicht verfehlt.
Eigentlich würde man sich danach gerne eine Pause zum Durchatmen gönnen. Geht aber nicht, weil gleich schon CROWBAR einen draufsetzen. Und selbst im Roadburn-Paralleluniversum, in dem man einiges gewohnt ist, grooven und kloppen Kirk Windstein und seine Mitstreiter derart mächtig und druckvoll, dass man Angst um die Statik des Gebäudes bekommt. Die Mischung aus brutalen Brechern und melancholischen Hymnen (Hammer: ´The Lasting Dose´) ist ziemlich gelungen und ´Let Me Mourn´ der perfekte Hit zum Abschluss.
Auch sich aufteilen müssen gehört zum Roadburn dazu. So beende ich den Tag damit, zunächst bei MANTAR (deren Sänger und Gitarrist Hanno dank Magen-Darm-Grippe stets einen Kotz-Eimer in Reichweite hat und von einem vor Begeisterung ausrastenden Spanier nonstop angebrüllt wird - cs) im Stage01-Raum für zwei, drei Laune machende Songs das Tanzbein zu schwingen, um dann noch ins Het Patronaat zu wechseln, wo die kalifornischen GRAVES AT SEA den Sack mit ihrem Sludge-Doom und einem arschcoolen Cover von Sabbaths ´Lord Of This World´ zumachen. Runde Sache! (sd)

Freitag

Der Roadburn-Freitag, für dessen Programm Opeth-Frontmann Mikael Åkerfeldt als Kurator verantwortlich ist, beginnt entspannt im „Weirdo Canyon", wo man die ersten Festival-Gäste schon am frühen Mittag bei Kaffee oder Bier in der Sonne sitzen sieht.
Geradezu statisch mutet dagegen die Alte-Herren-Esoterik der Progressive-Folker COMUS auf der Hauptbühne an. Aber das Sextett ist Kult und begeistert auch Mikael Åkerfeldt, der fast den kompletten Tag mit leuchtenden Augen in den Zuschauerreihen steht. So auch bei den italienischen Progrockern CLAUDIO SIMONETTI´S GOBLIN, einer Kooperation von Goblin-Original-Keyboarder Claudio Simonetti und der Metalband Daemonia, die den bombastisch-sphärischen Zombie-Soundtrack-Klängen, für die Goblin u.a. bekannt sind, einen härteren Anstrich verpasst. Der Auftritt ist ein cineastisches Spektakel, visualisiert mit Projektionen und dirigiert von einem Keyboarder, der mit der Begeisterung eines kleinen Jungen mittels Effektgerät spacige Alien-Stimmen erzeugt und sich gegen Ende eine silberne Skeletor-Maske aufsetzt. Dabei wirkt der 62-Jährige in seinem mit Glitzersteinchen besetzten Hemd eher wie ein Kegelclub-DJ im Sauerland als ein international geschätzter Komponist.
CANDLEMASS spielen das komplette „Ancient Dreams"-Album. Als Live- bzw. Gastmusiker auf der Bühne dabei sind Spiritual-Beggars-Keyboarder Per Wiberg und Primordial-Frontmann Alan Averill, der ´Incarnation Of Evil´ performt. Bei ´Epistle No. 81´ lässt es sich Band-Chef Leif Edling nicht nehmen, den alten schwedischen Song mit einem Glas Wein in der Wand selbst zu singen, während das Publikum dazu klatscht.
Als krönender Abschluss des Mainstage-Programms steht Gast-Kurator Mikael Åkerfeldt selbst mit seiner Band OPETH auf der Bühne. Im Gegensatz zum optischen Overkill, den so manch andere Roadburn-Band mit Projektionen und Videos betreibt, setzt das Quintett auf klare, reduzierte Visuals. Lediglich das Bandlogo thront durchgehend auf dem Backdrop, während die Bühne in langsam wechselnde Farben getaucht wird. Vom neuen Album gibt´s noch nichts zu hören, dafür bedienen sich die Schweden ab dem 1999er Werk „Still Life" aus ihrer kompletten Diskografie - mit charmant-trockenem Humor kommentiert von Åkerfeldt.
Alles andere als trocken - nämlich feucht-fröhlich - geht es ab ein Uhr bei der Metal-Disco im Foyer des 013 zu, wo Primordial-Frontmann Alan Averill mit Old-School-Hardrock-Klassikern das sonst eher reservierte Roadburn-Publikum zum Tanzen bringt. Sogar Veranstalter Walter Hoeijmakers wird feiernd im Phono-Rausch aus Status Quo & Co. entdeckt. (cs)
Erwähnenswert ist im Übrigen auch noch, dass Exile On Mainstream Records hier und heute 15-jähriges Bestehen feiern und dafür ein paar Bands im Cul de Sac auffahren. Darunter mit TREEDEON eine Truppe mit altbekannten Gesichtern (Yvonne Ducksworth von Jingo De Lunch und Arne Heesch von Ulme) und eine Ladung geballter Wahnsinn von den österreichischen Weirdo-Rockern BULBUL. (sd)

Samstag

Auch heute kann man wieder Zeuge eines typischen Roadburn-Phänomens werden: Bei WINDHAND - eine Band, die gerade mal beim zweiten Album ist, mit ihrem Stoner/Doom-Sound aber wohl den exakten Konsens-Nerv der Besucher trifft - ist der Hauptsaal zum Bersten gefüllt, während sich der Andrang bei der britischen Alternative/Space-Rock-Legende LOOP einen Ticken entspannter gestaltet. Dabei vermitteln gerade die grundsätzlich guten Windhand ein bisschen das Gefühl, noch nicht ganz bereit für die riesige Mainstage zu sein, während die souveräne Performance von Loop absolut tadellos ist. Die gesetzteren Briten rocken auf dem Headliner-Slot ihr gleichermaßen atmosphärisches wie krachiges Material raus und bekommen vor allem für Songs des „Heaven´s End"-Albums einiges an Jubel.
Überhaupt hat es das samstägliche Hauptbühnen-Programm in sich. Los geht´s mit dem monströsen SloMo-Crust von NOOTHGRUSH, bei denen Dino Sommese (ex-Dystopia, Ghoul, Asunder) ins Mikro schreit, während die mit Schmackes draufkloppende Schlagzeugerin zwangsläufig ein Blickfang ist.
YOB, als Großmeister des brachialen und etwas eigensinnigeren Doom im Roadburn-Kontext Superstars, spielen das Album „The Great Cessation" am Stück. Was sich allein schon lohnt, weil der Opener ´Burning The Altar´ ein unglaublicher Wahnsinnssong ist, der beim gewohnt klaren 013-Sound derart dicht und dick alles zudrückt, dass mir zwischendurch folgender Gedanke kommt: „Wenn ich sterbe, möchte ich in einem Riff von Mike Scheidt begraben werden!"
Auch OLD MAN GLOOM leben u.a. vom Sound, weswegen die Band um Aaron Turner (Isis) mit sowohl massiv walzenden als auch atmosphärischen Passagen im großen Saal ziemlich gut funktioniert. (sd)
Auch jenseits der großen Mainstage kann sich das Samstagsprogramm blicken lassen. Schon der Showcase von DARIO MARS & THE GUILLOTINES zur Mittagszeit im Cul de Sac ist ein Highlight. Quentin Tarantino müsste das umjubelte Quartett eigentlich sofort für seinen nächsten Film engagieren, so packend ist der düster-bluesige Garagen-Rock der Belgier, dessen i-Tüpfelchen der soulige Gesang der schwarzen Frontfrau Bineta Saware ist.
Nicht minder gut kommen die Stoner-Rocker MONSTER TRUCK an, die dafür sorgen, dass der Green Room aus allen Nähten platzt und das reservierte Roadburn-Publikum enthusiastischer mitrockt.
Weiter geht´s auf der mit flauschig-gemusterten Teppichen ausgelegten Empore der Kirche Het Patronaat, in der die US-Classic-Hardrocker SCORPION CHILD spielen. Das Venue ist optisch ein absolutes Highlight und in Sachen Atmosphäre kaum zu toppen - erst recht, wenn man die Show gemütlich in einem Sessel sitzend verfolgen kann, während um einen herum Dope-Gerüche aufsteigen. Musikalisch sind heute allerdings die stilistisch ähnlichen HORISONT packender. Jede Sekunde der leidenschaftlichen Show der fünf Schweden ist es wert, sich durch die eng gequetschten Zuschauerreihen im Cul de Sac zu zwängen, um einen Blick auf die Show zu erhaschen.
Schließlich laden noch Wendy Stonehenge, Doug Graves, Lorfin Terrafor, Kandi Moon und Fancy Cymballs von den selbsternannten Pink-Metallern GLITTER WIZARD zum Tanztee ins proppenvolle Stage01. Doch keine Sorge, dahinter steckt trotz Schlangenleder-Stiefeln, Glitzerleibchen und Leggins mit Animal-Print keine billige Kreuzung aus J.B.O. und Steel Panther, sondern ein verspieltes Quintett aus San Francisco, das sich voller Hingabe einem Mix aus Hardrock, Psychedelic, Stoner und Garage mit Glam-Attitüde hingibt und sich die Laune auch nicht von ein paar Sound-Problemen verderben lässt. (cs)
Spätes Spektakel im Green Room: INTER ARMAs zeitgemäßer Allerlei-Metal kommt u.a. mit einem übermotivierten Frontmann, einem das Teil die ganze Zeit nur am Bühnenrand reparierenden Theremin-Spieler sowie einem total irren Drummer daher. Letzterer wechselt kurz vor dem Gig am Kit die Shorts, ist damit nicht der Erste, der auf der Bühne blankzieht (die finnischen CIRCLE taten es früher am Tag gar geschlossen), und gibt bei der Doublebass-lastigen Nummer ´´sblood´ eine beachtenswert sportliche Darbietung.
Im Het Patronaat beenden A STORM OF LIGHT den Abend. Und jene haben sich echt gemacht! Klang die Band um Josh Graham anfänglich wie ein lahmer Neurosis-Abklatsch, tönt sie inzwischen etwas noisiger und mit weitaus mehr Drive. Cool! (sd)

Sonntag

Sonntag ist der Tag, an dem das Roadburn mit dem „Afterburner" ausklingt. Den Anfang auf der Mainstage machen SELIM LEMOUCHI´S ENEMIES, die ein bewegendes Abschiedskonzert zu Ehren ihres vor ein paar Monaten verstorbenen kreativen Kopfs Selim spielen, der ursprünglich mit auf der Bühne stehen sollte. Auf dem Roadburn begann vor sechs Jahren mit dem ersten Konzert von The Devil´s Blood eine der musikalisch kreativsten und erfolgreichsten Phasen des Holländers, und auf dem Roadburn endet sie auch mit einem Auftritt seines letzten Projekts. Zehn Musiker stehen im Halbkreis auf der Bühne. Links Selims schwarz gekleidete Schwester Farida mit der letzten The-Devil´s-Blood-Besetzung, rechts weitere Mitglieder von His Enemies. Sie spielen das komplette „Earth Air Spirit Water Fire"-Album, das wie eine Totenmesse aus den Boxen schallt, die Pink Floyd nicht besser hätten performen können. Von der ersten Sekunde an herrscht eine ergriffene Atmosphäre in der Halle, die von stimmungsvollen Videoprojektionen untermalt wird, die u.a. in wechselnden Farben das Album-Logo - ein großes Fünfeck - zeigen.
Als sich ´Thistle´ von der EP „Mens Animus Corpus" hinter ´The Ghost Of Valentine´ schiebt, ein Geiger als elfter Musiker dazukommt und das dazugehörige Schwarz-weiß-Video mit Live-Impressionen im Hintergrund läuft, schaudert es einen. Plötzlich sieht man den Verstorbenen wieder konzentriert in die Saiten greifen oder mit geschlossenen Augen ins Mikro singen. Es laufen einem kalte Schauer den Rücken runter, als man bei ´The Deep Dark Waters´ und ´Molasses´ die bereits von früheren Konzerten bekannten Video-Projektionen sieht, die Selim im Wasser zeigen. Im Zeitlupen-Tempo bewegt er sich durch das Element, lässt seine Hand scheinbar an der Kameralinse entlangwischen und kippt immer wieder zurück in die Wellen, um in ihnen zu verschwinden. Es scheint, als habe Selim dieses Video mit all seinen bedrückenden Assoziationen zum Verschwinden, Versinken und Ertrinken bewusst für diesen Anlass inszeniert. Es ist ein denkwürdiges Konzert - unheimlich, berührend und wunderschön zugleich. (cs)
Danach gestaltet sich der sonntägliche Endspurt alles andere als entspannt. Bei BÖLZER ist der Andrang so groß, dass viele die Band nur von außerhalb des Green Room hören und mit Glück so gerade eben sehen. YOB überzeugen auf der Mainstage ein zweites Mal, u.a. mit dem stimmungsvollen ´Adrift In The Ocean´, der Killernummer ´Quantum Mystic´ und zwei Songs vom kommenden Album.
TRIPTYKON: Es muss am besonderen Vibe des Roadburn liegen, dass selbst der Meister der Dunkelheit gute Laune zeigt. Im Kontrast zur ultradüsteren Schwärze der Übernummer ´Goetia´ überrascht Extrem-Metal-Gottvater Thomas Gabriel Fischer mit ein, zwei recht witzigen und selbstironischen Ansagen. So schmunzelt er gönnerhaft über die „Ugh!"-Rufer im Publikum und kündigt zur Feier des gerade erschienenen neuen Albums ein Lied aus der Hellhammer-Steinzeit an. Weitere Highlights: das Organisator Walter gewidmete ´Messiah´ (ebenfalls Hellhammer), ´Circle Of The Tyrants´ (Celtic Frost) und ein hypnotisch-epischer Abschluss im tiefen Sog von ´The Prolonging´.
Wer noch stehen kann, für den legen MORNE den finalen Abriss hin. Man merkt den Fenriz-Faves aus Boston an, so große Bühnen nicht gewohnt zu sein, dennoch kracht es herrlich, was die meisten Fans erschöpft, aber zufrieden zurücklässt. (sd)

Auf dem Roadburn lauschten glücklich und zufrieden seltsamen Klängen: Conny Schiffbauer (cs) und Simon Dümpelmann (sd).

Live-Pics: Saskia Gaulke

»Ich war das dünne Kerlchen mit dem Motörhead-Shirt«

Interview mit Roadburn-Veranstalter Walter Hoeijmakers

Walter, wie verlief deine musikalische Sozialisation?

»Meine Eltern haben nur Klassik gehört. Ich mochte Golden Earring, kannte aber ansonsten erst mal nur Radiomusik. In meiner Altersgruppe hörten damals alle New Wave. Dann entdeckte ich Motörhead und wusste, dass das MEINE Musik ist. Ich erinnere mich, wie ich in einen Plattenladen rannte und nach einem Heavy-Album fragte und schlussendlich mit Iron Maidens Debüt rausging. Ich war mir sicher, dass ich es mögen würde. Und so war es dann auch. Ich war das dünne Kerlchen mit dem Motörhead-T-Shirt. Die anderen haben meine Musik nicht verstanden, aber mich hat sie zu dem gemacht, was ich heute bin.«

Wie bist du zum Stoner Rock gekommen?

»Ich arbeitete in einem lokalen Jugendclub, der mich, als ich 15 Jahre alt war, damit beauftragte, die aus 3.000 Alben bestehende clubeigene Plattensammlung zu reinigen und zu katalogisieren. Darunter waren Scheiben von Hawkwind und Black Sabbath, die mir sofort gefielen. Ich mochte sowohl die harte Heavy-Musik als auch die psychedelischen Sachen. Als Mitte der Neunziger die ersten Alben von Kyuss und Monster Magnet auf den Markt kamen, war ich restlos begeistert. Das waren die alten Vibes, die ich so sehr liebte, aber von jungen Typen gespielt.«

Du bist Vinyl-Sammler. Hat dir das Sammeln schon immer gelegen?

»Ja, auf der Highschool hatte ich eine große Briefmarkensammlung. Mit 15, 16 Jahren entdeckte ich die Musik und begann, Kassetten zu kaufen, die deutlich günstiger als Vinyl waren. Ich hatte tonnenweise Musik-Tapes zu Hause. Es dürften 2.000 bis 2.500 Stück gewesen sein. Irgendwann hatte ich einen Job und konnte mir endlich Vinyl leisten. Heute besitze ich 5.000 Platten.«

Das Roadburn begann als Website, die du mit Artikeln fülltest, die du ursprünglich für ein Print-Magazin verfasst hattest, das eingestellt wurde. Ein weiterer wichtiger Meilenstein in der Roadburn-Geschichte war der von dir zusammengestellte Sampler „Stoned Revolution - The Ultimate Trip".

»Mein Mitstreiter Jürgen und ich bekamen, nachdem wir einige wichtige Artikel zum Thema Stoner Rock verfasst hatten, die Gelegenheit, eine eigene Compilation zusammenzustellen. Der Auftraggeber wollte Kyuss und Monster Magnet draufhaben, aber den Rest durften wir uns selbst aussuchen. Dadurch kamen wir mit vielen Musikern in Kontakt, was den Weg zum Festival ebnete.«

Wie verlief die erste Roadburn-Ausgabe im Februar 1999?

»Wir schnappten uns das Tour-Package Cathedral, Orange Goblin und Terra Firma, packten drei gute holländische Bands dazu und ließen das Line-up unter dem Namen Roadburn an drei aufeinander folgenden Abenden in drei verschiedenen holländischen Städten spielen.«

Wie anstrengend ist es für dich, die endgültige Running Order festzulegen?

»Ich habe jeden Tag 50 verschiedene Versionen vor mir liegen. Meistens brauche ich rund drei Wochen, um einen Tag festzulegen. Das ist wahnsinnig schwierig. Ich versuche, jeden zufriedenzustellen.«

Nach welchen Kriterien suchst du den Kurator aus, der von dir ein bestimmtes Budget bekommt und das Line-up eines Festivaltages gestalten darf?

»Ich suche Musiker, die besonders wichtig für ein Genre oder eine Szene sind, weil sie zum Beispiel einen echten Genre-Klassiker veröffentlicht haben oder Mitbegründer eines Stils sind. Mit ihrer Hilfe soll das Roadburn seine Grenzen erweitern und sich entwickeln.« (cs)

Pic:Holger Stratmann

Bands:
CANDLEMASS
OPETH
MORNE
TRIPTYKON
CROWBAR
MANTAR
THE VINTAGE CARAVAN
SCORPION CHILD
HORISONT
Autor:
Simon Dümpelmann
Conny Schiffbauer

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