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ToneTalk 28.06.2017

RIVAL SONS - »Singen bringt das innere Chaos zum Schweigen«

RIVAL SONS-Frontmann Jay Buchanan zählt zu den wichtigsten und ausdrucksstärksten Rock´n´Roll-Stimmen der heutigen Zeit. Wer nun hofft, mit seinen Übungsroutinen, Tricks und Kniffen von Tourkumpanen wie Steven Tyler oder Ian Gillan den Rockolymp zu erklimmen, hat die Rechnung ohne Interviewpartner Jay gemacht: Er verzichtet auf ein Warm-up, raucht, schätzt einen guten Whiskey und hat in seinem Leben noch keine Gesangsstunde genommen. Statt sich über technische Aspekte den Kopf zu zerbrechen, konzentriert sich Buchanan auf etwas wesentlich Profunderes: er selbst zu sein.

Jay, du bist in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen und hast bereits in jungen Jahren begonnen, zu singen und Instrumente zu spielen. Welche Rolle hat Musik in deiner Kindheit gespielt?

»Musik war für mich immer ein zentrales Thema. Musik machen, Musik hören oder einfach nur über Musik reden – das fühlte sich natürlich und gleichzeitig sehr wertvoll und besonders an. Tatsächlich habe ich sehr früh mit dem Singen angefangen. Etwas am Singen bringt das innere Chaos, interne Konflikte, die sicherlich jeder kennt, zum Schweigen und lässt alles klar erscheinen.«

Wusstest du schon damals, dass du dich in deinem Leben aufs Singen konzentrieren möchtest?

»Auf jeden Fall. Schon als ich sehr jung war, wusste ich, dass es das ist, was ich später machen möchte. Natürlich musste ich auch lernen, Instrumente zu spielen, um Songs schreiben zu können. Songwriting nahm für mich von Anfang an eine wichtige Rolle ein. Ich wollte über Dinge singen, die ich fühle, die mich beschäftigen, nicht Songs anderer umsetzen. Ich wollte eines Tages ein Künstler sein, meinen eigenen Stil entwickeln. Ich habe viel Zeit damit verbracht, zu verstehen, wie Songs entstehen, wie ich etwas, das mich bewegt, zu Papier bringen kann. Mir war sehr früh bewusst, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Ich dachte lange Zeit, dass es jedem so geht. Ich habe erst mit 20 oder 21 realisiert, dass die meisten Menschen gar nicht wissen, wohin sie wollen, und dass das völlig normal ist.«

Unter deinen Einflüssen befinden sich eine Reihe Singer/Songwriter.

»Absolut. Singer/Songwriter vermitteln in der Regel sehr persönliche Geschichten. Einige stammen aus einer Zeit, in der sie mehr ausprobieren und sich freier bewegen konnten. Heute, finde ich, sind die Grenzen viel enger gesteckt. Alles wird in Genres und Sub-Genres heruntergebrochen.«

Joni Mitchell, Bob Dylan, Nina Simone oder Eric Burdon zum Beispiel zählen zu den Künstlern, die dich beeinflusst haben. Gibt es etwas, das sie verbindet, das für dich eine gute Sängerin, einen guten Sänger ausmacht?

»Eine Stimme, die mich für sich einnimmt, gut und natürlich klingt. Sie gehört einer Person, die nicht versucht, dich zu beeindrucken oder sich zu verkaufen. Einem Großteil der Musiker siehst du an, dass sie Verkäufer oder Geschäftsleute sind, die versuchen, dich davon zu überzeugen, dass sie cool sind. Und es gibt nichts Uncooleres, als Coolness zu erzwingen. Coolness hat für mich mit Authentizität zu tun. Coolness geht damit einher, sich nicht zu viele Gedanken darüber zu machen, ob man toll aussieht oder cool ist, sondern sein Ding durchzuziehen, man selbst zu sein. Leute können sich toll kleiden, toll aussehen und alles haben außer Natürlichkeit. Ich arbeite jeden Tag hart daran, ich selbst zu sein, zu bleiben und mich auf mein Herz zu konzentrieren.«

Neben Authentizität und Ehrlichkeit sind es aber auch technische Fertigkeiten, die Leute an deiner Stimme schätzen, beispielsweise deine Fähigkeit, eine sehr schwierige Note zu treffen, oder deinen Stimmumfang. Hast du je Gesangsunterricht genommen?

»Nein, ich habe einfach mit dem Singen begonnen. Als kleines Kind habe ich meiner Mutter und Großmutter zugehört, als sie mir etwas vorsangen. Und sie konnten großartig singen. Also habe ich ihnen zugehört und gedacht, so klingt eine gute Stimme. Ich war zwei Jahre Teil des High-School-Chores, aber dort lernst du nicht zu singen. Da stehen theoretische, technische Aspekte im Vordergrund. Sie bringen dir dort bei, Noten zu lesen und gemeinsam zu singen. Im Prinzip versuchst du, wie alle anderen zu klingen. Spaß gemacht hat es trotzdem. Für meine Entwicklung stand der Prozess im Fokus, wie ich meinen Körper nutzen kann, Emotionen in mir wie Freude, Angst oder Schmerz zu transportieren.«

Du stehst seit 2009 mit den RIVAL SONS auf der Bühne. Inwieweit hat sich dein Gesang in dieser Zeit bewusst und gegebenenfalls auch unbewusst verändert?

»Natürlich gab es in dieser Zeit Entwicklungen, allein schon durch die Erfahrungen, die ich durch konstantes Spielen und Touren sammle. Ich stehe jeden Abend auf der Bühne, und jede dieser Shows ist anders. Wenn ich mir heute Aufnahmen vergangener Konzerte anhöre, sehe ich sowohl Unterschiede in meiner Stimme als auch in meinem Vorgehen. Für mich ist es vor allem ein Reifeprozess durch Wiederholungen und die ständige Live-Praxis. Was ich besonders spannend finde, ist, dass meine Stimme mit dem Alter immer stärker wird. Es überrascht mich, weil mir all diese alten Rocklegenden erzählen: „Du musst vorsichtig sein. Du solltest den Song in einer tieferen Stimmlage singen.“ Mein Stimmumfang nimmt auch zu. Ich kann dir nicht erklären, wie es funktioniert, aber es funktioniert. Ich denke wenig über technische Aspekte nach, weil ich mich nicht zwanghaft mit meiner Stimme beschäftigen möchte. Viele großartige Sänger sprechen den ganzen Tag nicht. Ich hingegen laufe jeden Tag vor der Show, manchmal vier oder fünf Meilen, manchmal bis zu zehn. Nach diesem Interview mache ich es hier schön warm in diesem Raum, und dann werde ich anderthalb bis zwei Stunden Ashtanga Yoga (eine Form des Yogas, die festgelegte Abfolgen von Übungen mit Atemtechniken kombiniert - asr) praktizieren. Diese Dinge mache ich, um gesund zu bleiben, um meinen Körper, meine Stimme, meine Lunge fit zu halten. Ich versuche auch, so viel Schlaf wie möglich zu bekommen. Aber davon mal abgesehen, trinke und rauche ich, wenn auch nur ein, zwei Zigaretten am Tag.«
 
Wie wärmst du dich vor einer Show auf?

»Ich habe noch nie Aufwärmübungen gemacht. Ich denke jedoch den ganzen Tag an die Show: Aufstehen, Laufen, Essen, Soundcheck, Yoga – all das ist Teil einer Meditation, die mit dem letzten Song endet. Selbst jetzt bin ich mit meinen Gedanken bereits auf der Bühne. Ich verkörpere keine Bühnenfigur, ich schlüpfe nicht in eine Rolle. Wenn ich auf die Bühne gehe, dann bin ich ich selbst.«

Diese Meditation ist für dich also wichtiger als Technikübungen?

»Ich konzentriere mich darauf, das Chaos in mir zum Schweigen zu bringen. Ich versuche, so wenig wie möglich am Telefon zu hängen oder E-Mails zu schreiben, ich habe keinen Facebook-Account. Ich lese viel, treibe viel Sport, und ich versuche viel Raum für Entspannung zu lassen. Denn das, was ich jeden Abend auf der Bühne mache, ist körperlich so anstrengend, dass ich zwei Stunden lang an meine Belastungsgrenze gehe. Du musst sehr gut auf dich achten, sonst nimmt die Bühne alles von dir. Also musst du den Tag nutzen, um aufzutanken, dich auf positive Gedanken zu konzentrieren, aber auch anderen mit Respekt zu begegnen und nett zu ihnen zu sein. Dieser ganze Hippie-Kram eben.«

Ihr schreibt Alben in vergleichsweise kurzer Zeit. Spontanität ist euch dabei sehr wichtig. Wie entstehen die Songs konkret bei euch? Entwickelt ihr zunächst ein instrumentales Gerüst, und du steuerst dann Gesangslinien und Lyrics bei?

»Ein Song kann auf verschiedenste Art und Weise entstehen. Ich schreibe komplette Stücke, damit die Musik und Lyrics gut aufeinander abgestimmt sind. Natürlich arbeiten wir aber auch gemeinsam an Songs. Wenn wir jammen oder Scott beispielsweise Riffs anbringt, setze ich mich mit der Musik auseinander und versuche herauszufiltern, was sie bedeutet. Ich kenne die Jungs, ich weiß, wer sie sind, wie sie denken, und versuche zu verstehen, was sie mit der Musik sagen wollen. Ich nehme die Aufgabe, Lyrics zu schreiben, keineswegs auf die leichte Schulter. Lyrics entstehen dabei auch vor Gesangslinien. Ich habe einen bestimmten Satz, eine Zeile im Kopf, und die Gesangsmelodie ist ein Mittel, die Bedeutung dieser Textzeile zu transportieren.«

Ihr hattet die Gelegenheit, mit einer Menge Rocklegenden zu touren.

»Ja, Black Sabbath, Aerosmith, Judas Priest, Alice Cooper, Guns N´ Roses, Kiss, Lenny Kravitz, Joan Jett. Eigentlich alle bis auf die Rolling Stones und die Black Crowes. Oh Mann, was würde ich darum geben, mit den Black Crowes zu spielen. Ich liebe diese Band!«

Was hast du von erfahreneren Musikern lernen können?

»Wir waren mit Sammy Hagar unterwegs, und Sammy hat mich wirklich beeindruckt. Er hat eine großartige Stimme, aber viel wichtiger: Er strahlt so viel Freude und Zufriedenheit aus. Stimmlich passen wir nicht wirklich zusammen, aber er ist ein Freund und supernett. Und er liebt es zu singen. Das ist das Allerwichtigste. Oder Glenn Hughes zum Beispiel. Ich liebe seine Stimme, sie ist echt. Es ist großartig, ihn live zu sehen. Die Musikindustrie, dieser ganze Lebensstil haben ihn nicht kleingekriegt, er zieht das noch immer durch und ist unheimlich gut dabei. Steven Tyler hat ebenfalls eine beeindruckende Stimme. Und ich finde es großartig, wenn eine Stimme reift und älter wird, wenn sie Menschlichkeit und Erfahrung ausstrahlt. Nimm Leonard Cohen, bevor er starb – diese dunkle Stimme, da steckt so viel Leben drin.
Aber um zu deiner Frage zurückzukehren: Ich glaube nicht, dass ich mir viele Tricks und Kniffe durch Gespräche mit diesen Sängern mitgenommen habe. Ich habe einen eigenen Ansatz entwickelt, der für mich gut funktioniert. Leute wie Ozzy oder Ian Gillan stehen sehr stark im Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie sind den ganzen Tag mit Interviews oder Meet & Greets beschäftigt. Ich freue mich überhaupt nicht auf die Zeit, in der Dinge wie diese auf mich zukommen. Ich mag es, meinen eigenen Weg gehen zu können.«

Welches Equipment ist für dich unerlässlich? Welche Tipps hast du für die Sänger unter unseren Lesern?

»Ich benutze das Shure KSM8, ein fantastisches Mikrofon. Es ist erst seit letztem Jahr auf dem Markt, und ich durfte es bereits vorab testen. Ein gutes Mikrofon kann einen großen Unterschied machen. Ohne meinen Soundtechniker Neil McDonald geht es allerdings nicht. Sobald ich auf die Bühne komme, weiß ich, dass die Monitore gut klingen. Egal, was passiert – er ist mein Rettungsanker auf der Bühne. Darüber hinaus ist es nicht nur wichtig, ein gutes Mikrofon zu besitzen, sondern auch damit umgehen zu können, zu verstehen, wie die Membran eines Mikrofons funktioniert. Die Membran kann den Klang deiner Stimme verändern. Du siehst immer wieder Sänger, die ihr Mikrofon nicht richtig einsetzen, keine Mikrofontechnik besitzen. Also, arbeite mit dem Mikrofon. Das ist eigentlich schon alles. Ach ja, und treib viel Sport und sei nett zu den Leuten um dich herum.«

Bands:
RIVAL SONS
Autor:
Alice Srugies

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