Schwatzkasten

Schwatzkasten 26.09.2012

THIN LIZZY , THE ALMIGHTY - RICKY WARWICK (Thin Lizzy, The Almighty)

RICKY WARWICK war der Kopf von The Almighty, mit MTV-Moderatorin Vanessa Warwick verheiratet und steht seit 2009 bei Thin Lizzy hinter dem Mikro. Im Schwatzkasten-Interview erzählt der 46-Jährige über seine Jugend in Nordirland, das Lampenfieber vor seinem ersten Thin-Lizzy-Auftritt und seine Ansichten zu Glaube und Politik.

Ricky, wie und wo bist du aufgewachsen?

»Ich bin aufgewachsen in einer kleinen nordirischen Stadt mit Namen Newtownards, die ca. 15 Kilometer östlich von Belfast liegt. Ich habe zwei ältere Schwestern, und gelebt haben wir mit unseren Eltern auf einer Farm, zu der 60.000 Hühner, 300 Schafe und 150 Rinder gehörten. Es war eine verrückte Zeit, denn während meiner Kindheit war ständig der Nordirland-Konflikt präsent. Es gehörte zum Alltag, dass Soldaten auf der Straße standen und Bomben explodierten. Das war seltsam, aber ich kannte es nicht anders. Als ich 15 Jahre alt war, beschloss mein Vater, mit der ganzen Farm nach Schottland überzusiedeln. Wir siedelten uns südwestlich von Glasgow an. Weil mein Vater die Farm nicht alleine betreiben konnte, packte ich täglich nach der Schule mit an.«

Gehörtest du in der Schule zu den Troublemakern oder zu den Vorzeigeschülern?

»Ich war definitiv kein lieber Junge mit guten Noten, aber ich gehörte auch nicht zu den totalen Chaoten. Ich hatte mich immer gut unter Kontrolle und schaffte es dadurch, mich aus dem größten Ärger rauszuhalten. Ich war ein bisschen ein Träumer. Ich liebte Fußball, Rugby und Leichtathletik. Generell war ich in Sport immer sehr gut. Das half mir.«

Kannst du dich an deinen ersten Kontakt mit harter Musik erinnern?

»Meine zwei älteren Schwestern standen auf Rockmusik und kauften sich Alben von Slade, T.Rex, David Bowie und Thin Lizzy. Das war mein erster Kontakt mit Thin Lizzy. Wenn sie außer Haus waren, stibitzte ich mir ihre Platten und legte sie heimlich selbst auf. Dadurch wurde ich so richtig angefixt. Darüber hinaus hörte ich als Kind aber sowieso auch immer Radio. Es gab einen Sender mit Namen Radio Luxemburg, den wir nur nachts empfangen konnten und dessen Empfangsqualität ständig schwankte. Dort lief großartige Rockmusik. Weil ich damals noch ein Kind war und zeitig schlafen sollte, versteckte ich das Radio immer unter meiner Bettdecke und hörte nachts heimlich den Sender.«

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem du wusstest, dass du professioneller Musiker werden möchtest?

»Ein Schlüsselerlebnis war mein erstes Konzert, das ich mit 14 Jahren in Belfast besuchte. Stiff Little Fingers spielten. Sie stammten selbst aus Belfast und waren dabei, richtig erfolgreich zu werden - zumindest in der Punkszene. Dieses Konzert hat mich geprägt und mein Leben verändert. Von diesem Abend an wusste ich genau, was ich in meinem Leben machen möchte. Ich kratzte alles Geld zusammen, das ich mit meiner Arbeit auf der Farm verdient hatte, borgte mir noch ein wenig bei meinem Vater und kaufte mir eine Woche später meine erste E-Gitarre. Da war es um mich geschehen. Mit 19 Jahren hatte ich meinen ersten Einsatz bei New Model Army. Ich zog zu Hause aus, und meine musikalische Reise begann.«

War dein Vater nicht enttäuscht, als er gesehen hat, dass du die Farm nicht übernehmen wirst?

»Mein Vater und ich haben ein sehr gutes Verhältnis. Er sah, wie sehr ich Musiker werden wollte und wie hart ich dafür arbeitete. Ich schrieb Songs seit meinem 15. Lebensjahr und opferte dafür alles. Wenn die anderen Kinder draußen spielten, saß ich in meinem Zimmer, spielte Gitarre und schrieb Songs. Als ich die Chance bekam, mit der Musik Geld zu verdienen, sagte er: „Geh deinen Weg, mach das, was du liebst, und werde glücklich!“ Mein Herz hing nie richtig an der Farm. Ich liebte die Musik.«

Kannst du dich an dein erstes eigenes Konzert erinnern?

»Kurz nachdem wir nach Schottland gezogen waren, gründete ich eine Band mit meinen späteren The-Almighty-Bandkollegen Stump und Floyd. Stump spielte Schlagzeug und Floyd Bass. Wir gingen noch zur Schule und zockten unseren ersten Gig auf Stumps Party zu seinem 16. Geburtstag. Auf der Setlist standen ausschließlich Coverversionen. Wir spielten eine wilde Mischung, zu der u.a. ´Doctor Doctor´ von UFO, ´Teenage Kicks´ von The Undertones sowie Songs von Motörhead und den Buzzcocks gehörten. Wir waren richtig schlecht, aber natürlich hielten wir uns selbst für großartig. Wir fühlten uns an diesem Abend wie die beste Band der Welt. Die Lautsprecherboxen hatten wir in der Schule selbst gebaut, und auch unser sonstiges Equipment hatte mindere Qualität, weil wir uns nichts Teureres leisten konnten. Nichtsdestotrotz fühlt man sich als 15-Jähriger, der auf der Party eines 16-Jährigen auftritt, wie ein Mega-Act, der im Madison Square Garden Headliner ist (lacht).«

Erinnerst du dich an ein Konzert in deiner Karriere, bei dem alles schief gegangen ist?

»Na klar. Ich habe schon Shows für den Typen hinter der Bartheke gespielt, weil sonst niemand da war. Mir sind schon Gitarren während des Konzerts kaputtgegangen, und wir sind von der Bühne gefallen. Aber so was passiert eben live. Man lernt, damit umzugehen. Man sollte immer darauf vorbereitet sein, dass etwas Unvorhergesehenes passiert.«

Welche Musiker - tot oder lebendig - spielen in deinem Traum-Line-up?

»Das ist echt schwer. Vermutlich würde meine Band aus 20 Leuten bestehen, weil ich mich nicht entscheiden kann. Als Erstes kämen mir aber folgende Musiker in den Sinn: Keith Moon sitzt hinter dem Schlagzeug, Phil Lynott zupft den Bass, Steve Jones und James Hetfield spielen Gitarre, Martha Reeves singt, und Chrissie Hynde übernimmt den Backing-Gesang. Eigentlich dürften aber auch Lemmy und Johnny Cash nicht fehlen. Das ist echt eine schwierige Frage.«

Welche Alben würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

»Ich würde auf jeden Fall „Inflammable Material“ von Stiff Little Fingers und „Live And Dangerous“ von Thin Lizzy einpacken.«

Welchen Hobbys gehst du neben der Musik nach?

»Ich lese gerne, höre viel Musik und bin ein großer Fußball-Fan. Früher habe ich sogar selbst regelmäßig Fußball gespielt, aber jetzt bin ich zu alt dafür und schaue mir die Spiele einfach nur noch gerne an. Ich bin zu einem richtigen Familienmenschen geworden. Wenn ich nicht auf Tour bin, verbringe ich meine Zeit am liebsten zu Hause bei meiner Frau und meinen Kindern.«

Wie war es für dich, zum ersten Mal mit Thin Lizzy zu spielen?

»Es war ein sehr, sehr seltsames Gefühl. Ich wusste, was es für die ganze Band und mich bedeutet. Ich hatte sechs Monate Zeit, um die Songs zu lernen. Mir war klar, dass mir Thin Lizzy in Fleisch und Blut übergehen mussten. Ich musste es zu meinem Ding machen, denn sonst hätten mich alle in der Luft zerfetzt, und das wäre es für mich gewesen. Ich bin morgens aufgestanden, und dann habe ich fünf bis sechs Stunden Thin Lizzy aufgelegt und zusammen mit Phil Lynott gesungen. Die Songtexte hingen überall im Haus - sogar am Kühlschrank und an den Treppen. Wenn ich meine kleine Tochter aus dem Hort abgeholt hatte, haben wir gemeinsam ´The Boys Are Back In Town´ gesungen. Am Ende der sechs Monate fühlte ich mich sehr gut vorbereitet. Meine erste Show mit Thin Lizzy fand in Aberdeen statt. Sie war mit 2.500 Gästen ausverkauft. Vor dem Auftritt habe ich ständig auf die Uhr geschaut. Mein Hals wurde trocken, und ich war wahnsinnig nervös. Als jemand sagte, dass das Konzert in zehn Minuten beginnt, fragte ich mich: „Fuck, was habe ich nur getan? Was mache ich hier?“ Dann ging ich in die Waschräume, betete und sprach zu Phil Lynott. Das mache ich übrigens noch heute vor jeder Show. Ich sagte: „Hey, steh mir bei. Lass uns das stemmen. I love you. Wir vermissen dich!“ Danach lief mir ein Schauer über den Rücken. Dann gingen wir auf die Bühne und warteten hinter dem Vorhang. Der erste Song war ´Are You Ready´. Der Vorhang fiel, und ich konnte die Fans hören. Ich hätte fast angefangen zu weinen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie nervös ich war. Panisch fragte ich: „Wie lautet noch die erste Zeile von ´Are You Ready´? Oh Mist!“ Dann spielten wir, und in dem Moment war alles in Ordnung. Es war wirklich ein großartiger Abend.

Noch heute bin ich vor jedem Konzert nervös, aber es wird zunehmend besser. Aber es hört nie auf, irgendwie surreal und eine echt große Sache zu sein. Natürlich war es auch immer aufregend, mit The Almighty oder als Solokünstler aufzutreten, aber das hier ist doch eine andere Nummer. Ich komme ja selbst aus den Reihen der Thin-Lizzy-Fans. Ich habe mich immer gefragt, was die Fans sehen wollen. Natürlich soll es wie Thin Lizzy klingen, aber am Ende des Tages bin und bleibe ich natürlich RICKY WARWICK. Es gab Leute, die gefragt haben, warum kein Phil-Lynott-Double aus einer Thin-Lizzy-Coverband ins Line-up geholt wurde. Das wäre die größte Beleidigung gewesen, die man Phil Lynott hätte antun können. Er ist nicht zu ersetzen. Ihn einfach zu imitieren, wäre total dumm. Ich singe weder in derselben Tonlage wie Phil, noch versuche ich, seine Bewegungen auf der Bühne nachzumachen. Er war ein Leben lang ein großer Einfluss für mich und nicht irgendein Typ.«

Hast du jemals Phil Lynotts Grab besucht?

»Obwohl ich einige Jahre in Dublin gelebt habe, hatte ich nie das Bedürfnis, sein Grab zu besuchen. Es hat sich einfach nie richtig angefühlt, aber ich weiß nicht, wieso. Vielleicht hatte ich Angst davor, dass es mich aufwühlt. Dadurch dass ich ihn als Fan mit Thin Lizzy in Erinnerung habe und nun auch in seiner ehemaligen Band spiele, fühle ich mich ihm sowieso nahe und denke jeden Tag an ihn. Zufälligerweise hatten wir letzte Woche einen Day-off in Dublin, und ich fühlte mich sogar bereit für einen Besuch an seinem Grab. Doch dann hatte der Flieger Verspätung, und es hat aus Zeitgründen nicht mehr geklappt. Ich muss gestehen, dass ich auch immer noch nicht sicher bin, was mir so ein Besuch persönlich geben könnte.«

Was war das schönste Geschenk, das du je von einem Fan bekommen hast?

»In Großbritannien habe ich von einem Fan ein Thin-Lizzy-Tournee-Programm und einen Tourpass von 1980 geschenkt bekommen. Die komplette damalige Besetzung hat darauf unterschrieben.«

Wo verbringst du am liebsten deinen Urlaub?

»Ich fahre gerne von Los Angeles, wo ich seit acht Jahren wohne, mit meiner Familie in die Wüste zum Joshua-Tree-Nationalpark. Meistens verbringe ich meinen Urlaub aber in Irland - insbesondere in Belfast, wo viele Mitglieder meiner Familie leben.«

Wofür gibst du viel Geld aus?

»Für meine Kinder. Kinder sind nicht gerade billig, erst recht, wenn man wie ich zwei eigene Kinder und zwei Stiefkinder hat. Glaub mir, bei uns ist immer viel los (lacht). Ich gehe aber auch gerne mit meiner Familie essen. Und ich kaufe eine Menge Musik auf iTunes.«

Sammelst du Vinyl?

»Nein, nicht wirklich. Ich besitze zwar viel Vinyl, aber ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich Musik heutzutage einfach per Klick bekommen kann. Insbesondere, wenn ich auf Tour bin, weiß ich diese Möglichkeit zu schätzen. Aber natürlich wertschätze ich auch die Qualität von Vinyl.«

Sammelst du überhaupt irgendetwas?

»Nein. Ich bin kein Mensch, der viel aufbewahrt. Mir gefällt es nicht, wenn alles vollgestopft und durcheinander vor lauter Kram ist. Ich fühle mich wohler mit weniger Zeug. Ich mache mir noch nicht mal viel aus Fotos, weil ich die Erinnerungen sowieso in meinem Kopf habe. In der Regel bewahre ich nur einige wenige Dinge auf, die ich wirklich behalten möchte. Ich besitze nicht 30 Gitarren, sondern nur acht. Aber diese acht Gitarren spiele ich auch alle. Wenn ich eine Gitarre kaufe, dann nutze ich sie auch.«

Kannst du kochen?

»Nein, ich bin ein fürchterlicher Koch und versuche gar nicht erst, besser zu werden. Zum Glück ist meine Frau eine fantastische und begeisterte Köchin.«

Welchen Prominenten würdest du gerne mal treffen?

»Ich bin ein großer Fan von Bruce Springsteen und würde ihn gerne fragen, wie er es geschafft hat, so viele großartige Lieder zu schreiben, und was ihn bei einzelnen Songs inspiriert hat. Außerdem würde ich ihn fragen, wie er es immer noch schafft, Konzerte zu spielen, die dreieinhalb Stunden dauern. Seine Liebe zum Rock´n´Roll ist nicht zu übersehen. Ich habe mir gerade erst die DVD „London Calling: Live In Hyde Park“ gekauft. Sie ist brillant.«

Bist du ein politischer Mensch?

»Als ich noch in London lebte, war ich ein sehr politischer Mensch. Und natürlich bin ich in einem Land aufgewachsen, in dem Politik ein großes Thema ist. Aber ich muss gestehen: Je älter ich werde, desto weniger bedeutet mir Politik. Es gibt keinen Politiker, dem ich vertraue oder an den ich glaube. Ich bin deswegen aber nicht traurig. Ich denke einfach nur, dass sie alle Bastarde sind.«

Stell dir vor, du wärst der Präsident der Vereinigten Staaten. Welches politische Projekt würdest du als Erstes vorantreiben?

»Ich würde meine Energie in die Gesundheitsvorsorge und die Schulen stecken. In diesen Bereichen herrscht viel Chaos, und es gibt unverantwortliche finanzielle Kürzungen.«

Bist du ein religiöser Mensch?

»Ich würde mich selbst nicht als Christen beschreiben, aber ich trage einen eigenen spirituellen Glauben in mir und glaube an eine höhere Macht. Normalerweise gehe ich nicht in die Kirche, aber wenn ich in Belfast bin, besuche ich die Kirche, in die ich immer mit meinem Cousin gegangen bin, als wir noch klein waren. Mir gefällt die Atmosphäre in dieser Kirche, und ich mag den Pfarrer.«

Glaubst du, dass der Tod nicht das Ende von allem ist?

»Ja, das glaube ich, und mir gefällt der Gedanke, darauf zu hoffen. Ich bin mir zwar nicht hundertprozentig sicher, aber ich habe das Bedürfnis, daran zu glauben. Diese Hoffnung beschert mir einen Grund, jeden Morgen aufzustehen und mein Leben so gut wie möglich zu führen.«

Welcher Song soll auf deiner Beerdigung laufen?

»´C´mon Everybody´ von Sid Vicious.

www.facebook.com/ricky.warwick

DISKOGRAFIE (Auszug)

mit The Almighty:

Blood, Fire And Love (1989)
Soul Destruction (1991)
Powertrippin´ (1993)
Crank (1994)
Just Add Life (1996)
The Almighty (2000)
Psycho-Narco (2001)

als Solokünstler:

Tattoos & Alibis (2003)
Love Many Trust Few (2005)
Belfast Confetti (2009)

mit Circus Diablo:

Circus Diablo (2007)

Pic: Kevin Nixon/Getty Images/Future Publishing

Bands:
THE ALMIGHTY
THIN LIZZY
Autor:
Conny Schiffbauer

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