Kolumne

Kolumne 21.03.2018

Religion und Weltanschauung

Interessant sind oft die Leserporträts hier im Heft, wo die Vorgestellten (wie viele Frauen waren bislang eigentlich darunter?) auch ihre Top-20-Platten auflisten dürfen, was mich wiederum ein wenig neidisch macht.

Mit zumindest einer meiner Lieblingsplatten möchte ich jetzt auch mal schüchtern winken, nämlich „The Power Cosmic“ von den Briten Bal-Sagoth, die rätselhafterweise nicht allerorten kultisch verehrt werden. So sad! Ihr Epoche machendes 1999er Opus trägt schließlich derart zur Ergötzung bei, dass man sich ekstatisch und nackt mit dem vom Blute genüsslich zerstückelter Feinde verkrustetem Schwert Conans durch das Schloss Versailles stürmen sieht (in seiner Opulenz das architektonische Äquivalent zu diesem galaktischen Battle-Metal-Husarenritt), dabei wieder und wieder kulminierend in güldene, von Walküren umflirrte, donnernde Ejakulationen ins All, die in Photonenantrieb-Reisegeschwindigkeit alle Planeten auf ihrem Weg in die Unendlichkeit nachhaltig befruchten, auf dass dort alsbald Kolonien von drei Meter großen kosmischen Rittern und interstellaren Doppel-D-Burgfräuleins erblühen. Dankbar knien diese dann vor Bal-Sagoth-Schreinen, um gemeinsam ´Behold, The Armies Of War Descend Screaming From The Heavens!´, aber auch ´And Lo, When The Imperium Marches Against Gul-Kototh, Then Dark Sorceries Shall Enshroud The Citadel Of The Obsidian Crown´ vom fantastischen Vorgänger „Starfire Burning Upon The Ice-Veiled Throne Of Ultima Thule“ anzustimmen (die Krone für den glanzvollsten buchstabenreichen Songtitel gebührt jedoch selbstverständlich Demilich mit ihrem ´The Sixteenth Six-Tooth Son Of Fourteen Four-Regional Dimensions (Still Unnamed)´). Machtvolle Kompositionen, die inkomparabel zwischen barocken Galoppel-Rhythmen, dröhnend-sentimentalen Basil-Poledouris-Hommagen und skandinavischen Black Metal erbrechenden Manowar mäandern, in ihrer sprühsahnigen Spritzigkeit eindringlich flankiert von Byron Roberts beinahe Hans Paetsch Konkurrenz machender Märchenonkel-Stimme und Keyboard-Fanfaren von fast heilsamer Reinheit – vielleicht ist sogar eine Entzündungshammond-Orgel unter den Tastenzaubereien Jonny Maudlings auszumachen.
„The Power Cosmic“ ist das „Master Of Puppets“ des nordbritisch-sinfonischen Sci-Fi-Battle-Metal. Bal-Sagoth, die seit 2006 und „The Chthonic Chronicles“ grausam schweigen, haben eigens, damit die Vollkommenheit vieler ihrer Elaborate nicht das Stendhal-Syndrom unter der Anhängerschaft auslöst, ihre Tonträger mit variierend kitschigen Artworks und dezent ulkigen Bandfotos (Lichtschwerter-Posing etc.) versehen. So wie einst die Erbauer der Kathedralen an einigen Stellen die Perfektion ihrer Bauten durchbrochen haben, um die Perfektion des Göttlichen nicht herauszufordern. Doch Bal-Sagoth gehorchen keinem Gott, ist „The Power Cosmic“ doch selbst längst Religion und Weltanschauung. Wo könnte auch das Rock Hard heute stehen, hätte man in der Vergangenheit statt Lemmy immer wieder Bal-Sagoth aufs Cover genommen?

Autor:
Gregor Olm

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