ToneTalk

ToneTalk 21.10.2015

REFUSED - »Ich war der größte Malmsteen-Fan der Welt«

Name: Kristofer Steen
Band: Refused
Instrument: Gitarre

17 Jahre nach ihrem wegweisenden Album „The Shape Of Punk To Come“ und der darauffolgenden Auflösung haben sich REFUSED mit „Freedom“ eindrucksvoll zurückgemeldet. Im Oktober lässt sich die schwedische Hardcore-Instanz auch wieder auf deutschen Bühnen abfeiern. Wir sprachen mit ihrem Riffbastler Kristofer Steen über Vorbilder, Fitness und die Wahl der richtigen Gitarre.

Kristofer, wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen?

»Ich glaube, das war mit 15 oder 16 Jahren. Vorher habe ich Schlagzeug gespielt. Ich bin zur Gitarre gewechselt, weil ich das Instrument einfach liebe. Es ist das beste Instrument der Welt. Die Finger auf dem Griffbrett zu bewegen, ist ein großartiges Gefühl. Außerdem kam ich echt in Schwierigkeiten, als ich anfing, Songs zu schreiben – es war ziemlich merkwürdig, der Band Parts und Songs auf dem Schlagzeug vorzustellen. Ich wollte richtig schreiben, Riffs und so etwas. Das war mein Hauptanliegen.«

Hattest du damals Unterricht?

»Nicht wirklich. Ich habe es mir im Wesentlichen selbst beigebracht. Allerdings habe ich einen älteren Bruder, der sehr gut Flamenco-Gitarre spielte. Er hat mir die Grundlagen erklärt.«

Hat das Spuren in deinem Spiel hinterlassen?

»Es ist ein komplett anderer Ansatz – sehr viel theoretischer als das, was ich mache. Allerdings gibt es im Flamenco jede Menge aufregende rhythmische Spannung. Das versuche ich schon in meine Riffs einfließen zu lassen. Aber ansonsten hat es mit Flamenco definitiv nichts zu tun.«

Hattest du damals Vorbilder?

»Als ich anfing, Gitarre zu spielen, stand ich total auf die ganzen Shredder. Ich war der größte Yngwie-Malmsteen-Fan der Welt. Kein Scheiß! Das ist ein Stück weit komisch, denn ein paar Jahre später kam der Punk. Da habe ich all das hinter mir gelassen.«

Hast du dich an Yngwies Sachen versucht?

»Klar. Zumindest habe ich es probiert. Seine Sachen sind wahnwitzig. Nicht unbedingt das Richtige für den Anfang, wenn man Gitarre lernt. Ich habe es dann auch schnell aufgegeben. Generell haben mich gar nicht mal so sehr seine Soli interessiert, ich liebte damals vor allem die Riffs. Seine Soli sind total abgedreht. Aber ich war echt angetörnt von den Riffs. Mir war jedoch klar, dass ich mindestens fünf bis zehn Jahre üben müsste, bevor ich mich damit auch nur im Ansatz auf die Bühne stellen können würde. Als ich dann anfing, in Punkbands zu spielen, konnte alles sofort passieren: Songs schreiben, Musik machen, auftreten. Ich wollte nicht fünf Jahre warten. Im Lauf der Zeit hat mich diese Art von Musik auch nicht mehr so angemacht wie zu Beginn. Für mich waren das so etwas wie leere Kalorien. Ich respektiere das Talent dieser Leute, aber die Musik bewegt mich nicht sonderlich.«

Gab es nach Yngwie und den Shreddern andere Einflüsse?

»Irgendwann hast du keine Idole mehr. Aber natürlich gibt es Vorlieben. Ich liebe zum Beispiel Nile Rodgers (Chic, Sister Sledge - Red.). Noch mehr als sein Spiel mag ich seine Songs. Sie sind großartig. Die Lieder müssen gut sein, nicht nur das Gitarrenspiel. Außerdem stehe ich auf Robert Fripp von King Crimson. Er ist einer dieser Go-to-Guys. Er hat so viele spannende Sachen gemacht, die ganzen atmosphärischen Sounds, dazu seine „Frippertronics“-Experimente (frühe Form des Loopings/Delays mit Hilfe von zwei gekoppelten Tonbandgeräten - Red.). So etwas finde ich sehr interessant. Auch Sachen wie John McLaughlin und sein Mahavishnu Orchestra höre ich mir heute noch gerne an.«

Wie viel und wie oft übst du?

»Üben ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber zumindest spiele ich viel. In der Regel fallen mir Dinge ein, wenn ich nicht darüber nachdenke und ich die Finger einfach laufen lasse. Ich habe nicht die Geduld – um noch einmal Yngwie heranzuziehen –, Skalen zu üben. Ich spiele im Schnitt mindestens eine Stunde pro Tag. Ich weiß nicht, ob das viel ist. Früher habe ich natürlich mehr gespielt. Stundenlang.«

Ihr geht mit REFUSED wieder auf Tour. Hast du ein Fitness-Programm, um dich dafür körperlich in Form zu bringen? Shows wie die euren sind ja körperlich sehr fordernd.

»Meinst du so was wie Joggen?«

Oder ins Fitness-Studio gehen oder Rad fahren. Oder bei dir als Schwede: Eishockey spielen.

»Ich jogge ganz gerne. Allerdings nicht nur vor Touren, sondern regelmäßig. Ich brauche das, weil ich ansonsten durchdrehen würde. Außerdem will ich fit bleiben. Aber es stimmt, du brauchst schon eine Portion Stehvermögen, um diese Art von Musik zu spielen.«

Zu den Gitarren. Wie viele hast du?

»Genau zwei: eine Gibson Les Paul Custom in Silver Burst und eine schwarze Gibson ES-335.«

Das ist außergewöhnlich. Die meisten Gitarristen können kaum genug bekommen...

»Ich bin kein Sammler. Es interessiert mich nicht, Sachen zu besitzen. Generell nicht. Ich bin nicht der Typ, der eine Million Dinge braucht. Wenn ich eine neue Gitarre bekäme, würde ich wahrscheinlich eine von den beiden verkaufen, die ich habe. Ich möchte gar keine große Auswahl an Gitarren haben. Ich finde, Instrumente sollten gespielt werden. Ich mag den Gedanken nicht, dass sie herumliegen, wenn jemand anderes sie benutzen könnte. Sie sollten gespielt werden und nicht im Koffer versauern.«

Von wann sind sie? Und hast du irgendwelche Modifikationen vorgenommen?

»Es ist nichts Besonderes an ihnen, gar nichts. Sie sind auch nicht mal alt. Die Les Paul ist eine Reissue, ich glaube sie stammt von 2008. Die ES-335 ist gerade mal zwei Jahre alt. Ich habe nichts an ihnen verändert, Tonabnehmer getauscht oder so etwas. Ich bin total glücklich mit ihnen, so wie sie sind. Diese Gitarren klingen großartig und sind wunderbar leicht zu spielen. Ich hatte früher jede Menge Instrumente, an denen ich ohne Ende rumgebastelt habe. Ich bin so froh, dass ich das aufgegeben habe.«

Wie wichtig ist das Aussehen einer Gitarre?

»Schon ziemlich wichtig, wie ich finde. Die Silver Burst sieht großartig aus. Ich habe auch nach einer ES-335 in diesem Finish gesucht, denn ich wollte denselben Stil, aber sie sind schwer zu kriegen. Ich weiß nicht mal, ob sie existieren. Also habe ich mich für eine schwarze entschieden.«

Könntest du dir auch vorstellen, auf der Bühne mit REFUSED eine Les Paul Standard in Sunburst-Optik zu spielen?

»Nein (lacht). Ich finde zwar, dass sie toll aussehen – allerdings an anderen Gitarristen. Da sind sie sicher perfekt. Aber für mich funktioniert das nicht.«

Im Punk, Metal oder ähnlichen Stilen fällt auf, dass sehr häufig Les Paul Customs gespielt werden. Standard-Modelle sieht man tendenziell eher beim Blues, Southern- oder Classic Rock.

»Das ist schon etwas seltsam, denn es sind wirklich schöne Gitarren. Vielleicht liegt es daran, dass die Customs einen so kräftigen Ton haben.«

Sicherlich. Aber es ist wohl auch eine Image-Sache. Dass man als Punkrocker nicht wie die Allman Brothers rüberkommen mag.

»(Lacht.) Das stimmt schon.«

Gibt es in eurem Repertoire Parts, die live besonders schwierig zu spielen sind? Auf welchen Song oder welches Riff bist du besonders stolz?

»Schwere Frage. Es gibt nichts extrem Schwieriges. Aber ich bin stolz auf alles, was ich gemacht habe. Es ist, als ob man sich sein Lieblingskind aussuchen müsste. Das ist schwer (lacht). Ich würde der Band jedenfalls nichts vorstellen, auf das ich nicht stolz bin. Das Intro von ´New Noise´ ist schon ein bisschen tricky. Wenn die Leute es hören, denken sie, es wird auf einer Saite gespielt. Aber es sind drei Saiten. Der Wechsel zwischen ihnen macht es ziemlich unangenehm zu spielen. Es ist jetzt nicht wahnsinnig schwierig, aber eine von den Sachen, die sich leichter anhören, als sie sind.«

Auch wenn du nur zwei Gitarren hast: Besuchst du Gitarrenläden oder liest Fachzeitschriften?

»Nicht sehr oft. Nur wenn ich einen konkreten Grund habe. Ich gehe nicht dorthin, um Instrumente zu testen. Fachzeitschriften habe ich auch schon länger nicht mehr gelesen. Früher habe ich das jedoch viel getan. Ich bin durch sie im Lauf der Jahre auf jede Menge interessante Musik gestoßen.«

Interessierst du dich für technologische Neuheiten? Software, Modeling Amps...

»Nein, dafür bin ich zu unpraktisch. Ich habe kein Problem damit, aber mir fehlt die Geduld, mir das draufzuziehen. Ich bin ein ziemlich analoger Typ. Es dürfte auch sehr hart werden, mich davon abzubringen.«

Kabel oder Wireless?

»Kabel. Zu 100 Prozent.«

Warum? Stört dich ein Kabel nicht bei der Bühnenshow?

»Es ist eher so, dass ich mir keine Schwierigkeiten aufhalsen möchte. Ich bin mir sicher, dass es tolle Systeme gibt, aber in meinem Kopf sehe ich eine Senderanlage eher als potenzielles Problem. Es macht mich nervös, auf der Bühne noch ein Teil zu haben, das ausfallen könnte. Und auch wenn es den Ton nur geringfügig verändert, ist das für mich ein Fehler. Ich bin viel zu besorgt, um so etwas zu verwenden. Und ich brauche es auch nicht. Ich bin nicht Angus Young.«

Gibt es Gitarristen, mit denen du gerne mal reden oder spielen würdest?

»Vielleicht Omar Rodriguez-Lopez von The Mars Volta. Er ist ein sehr interessanter Gitarrist. Ich mag The Mars Volta. Nicht alles, aber ich finde, sie waren eine sehr spannende Band.« 

Kennst du ihr neues Projekt Antemasque?

»Nein, zumindest habe ich nicht bewusst etwas davon gehört. Aber sie hatten etwas mit The Mars Volta. Das war ziemlich erfrischend und aufregend. Ich wünschte, sie würden weitermachen. Wir beide wären jedenfalls eine interessante Kombination: Ich komme eher vom Riffing und spiele sparsam und ökonomisch, er hingegen ist mehr psychedelisch unterwegs.«

Was war dein größter Moment auf der Bühne?

»Wahrscheinlich die erste Show mit REFUSED. Das war definitiv einer der Höhepunkte meines Lebens. Es muss 1992 gewesen sein. Ich kam mir vor, als würde ich mit den Beatles auf die Bühne steigen, so nervös war ich. Es war wirklich eine große Sache. Im Publikum standen vielleicht 200 Leute, doch mir kam es vor wie Wembley. Das erste Mal ist nun mal besonders intensiv. Du versuchst ein Stück weit, diesen Moment der Erregung immer wieder neu zu erschaffen.«

Gibt es konkrete Dinge, die du als Gitarrist noch erreichen möchtest?

»Ich bin immer auf der Jagd nach dem perfekten Song oder dem perfekten Riff. Das treibt mich an. Ich möchte nicht zufrieden sein, sondern immer hungrig bleiben.«


www.facebook.com/RefusedBand

Pic: Dustin Rabin

Bands:
REFUSED
Autor:
Jens-Ole Bergner

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