Interview


Pic: Joseph Gorelick

Interview 21.12.2018, 13:32

RED DRAGON CARTEL - In der Ruhe liegt die Kraft

Jake E. Lee ist ohne jeden Zweifel ein talentierter Musiker. Immerhin hat er zusammen mit Ozzy Osbourne die beiden Platten „Bark At The Moon“ und „The Ultimate Sin“ eingespielt, die zu Recht Kultstatus besitzen. Nachdem er auch mit den Badlands drei Alben veröffentlicht hatte, gab es – wie es sich für einen echten Guitar Hero gehört – auch Soloalben von ihm zu hören. Ganze drei an der Zahl hat Jake E. Lee bislang unter das Volk gebracht. 2014 gründete er eine neue Band mit dem Namen RED DRAGON CARTEL. Noch im selben Jahr veröffentlichten Lee und seine Mannen das gleichnamige Debütalbum, das nun mit „Patina“ einen Nachfolger an die Seite gestellt bekommen hat. Logisch, dass wir Lee vor das Diktiergerät zerren mussten.

Zunächst überrascht der Gitarrist bei seinem neuen Album damit, dass es gar kein typisches „Gitarrenhelden-Album“ geworden ist, sondern er sehr songdienlich agiert.

»Ich habe mich immer als Musiker, der Gitarre spielt, gesehen. Nicht als Gitarrist, der auch Musiker ist. Musik ist so viel mehr als nur ein einzelnes Instrument. Jimmy Page war beispielsweise einer der ersten sogenannten Gitarrenhelden. Es ist aber nicht sein Gitarrenspiel alleine, das ihm diesen Status einbrachte. Meiner Meinung nach war die Musik, mit der er bekannt wurde, seine eigentliche Leistung. 'Kashmir' ist in meinen Augen das eindrucksvollste Musikstück überhaupt und zudem absolut zeitlos.«

Ok. Aber war es eine bewusste Entscheidung von dir, deine Gitarre zu Gunsten der Songs zurückzunehmen? Ich kannte bisher nur deine Arbeit mit Ozzy, und dort spielst du alles an die Wand. Verglichen mit den beiden Platten von damals, hältst du dich heute merklich zurück.

»Als ich bei Ozzy einstieg, war ich noch viel jünger und wilder (lacht). Ich musste ein gewisses Gefühl entwickeln und ausgelassen agieren, um die Leute auf mich aufmerksam zu machen. Seitdem hat sich mein Spiel natürlich weiterentwickelt. Es würde sich vermutlich auch albern anhören, wenn ich versuchen würde, 35 Jahre später wie ein 25-jähriger Gitarrenheld zu klingen, oder meinst du nicht? Zumindest fühlt sich das für mich nicht richtig an. Und es ist langweilig. Ich würde mich fühlen, als würde mein Spiel stagnieren.«

Oder liegt es daran, dass dir diese „Immer schneller, immer lauter“-Attitüde einiger Gitarristen heute zuwider ist?

»Ehrlich gesagt, war mir das schon Ende der Achtziger zu viel. Es wurde zu einer Parodie seiner selbst. Ich meine, guck dir einmal das Spiel von David Gilmour, Jeff Beck oder Jimi Hendrix an. Diese Leute hatten alle nicht das Ziel, der schnellste oder der lauteste Gitarrist sein. Sie haben sich eher auf das Vermitteln von Gefühlen verstanden. Es gäbe im Rock noch so viel Raum für jüngere Gitarristen was Energie und Enthusiasmus angeht. Schade, dass ein Mann in seinen Sechzigern den Jüngeren zeigen muss, wie es geht (lacht).«

Dein neues Album „Patina“ offenbart verschiedene Stilrichtungen. Weniger auf Heavy Metal bezogen, aber es gibt eine wilde Mischung aus Hard Rock und Alternative Rock, die außerdem modern klingt. Wolltest du bewusst eine Platte machen, die sich vom gängigen Heavy Metal abhebt?

»Hmm…eigentlich habe ich nur das gemacht, was ich immer mache. Ich habe alles auf mich wirken lassen und daraus sind dann schlussendlich die Songs entstanden. Ich hatte sicherlich keinen Masterplan im Kopf, der vorsah, dass dieses Stück jetzt unbedingt nach Heavy Metal klingen müsste oder jenes nach Hard Rock. Ehrlich gesagt, mag ich es, wenn man viele verschiedene Einflüsse in ein Stück einbringt. Es klingt dadurch offener und man kann eine Menge darin entdecken.«

Ich kann mir vorstellen, dass dies einer der Gründe ist, warum „Patina“ mehr als einen Durchlauf braucht, um zu zünden. Als Beispiel kann man hier das Stück 'Ink & Water' anführen. Es fängt mit einem sehr coolen, jazzigen Part an und entwickelt sich dann zu einem sehr entspannten Rocker weiter.

»Ich stimme dir voll und ganz zu. „Patina“ braucht mehrere Durchläufe, damit man alle musikalischen Nuancen für sich entdecken kann. Es gibt viele musikalische Schichten innerhalb der Songs. Ich persönlich stelle immer wieder fest, dass ich heute Platten mag, zu denen ich früher keinen Zugang gefunden habe. Von daher hoffe ich, dass die Leute unserem neuen Album eine faire Chance geben. Wobei das aber auch nur ein frommer Wunsch in der heutigen Zeit des schnellen Konsumierens sein kann (lacht).«

Die Möglichkeit besteht. Welches Equipment hast du für die Aufnahmen verwendet? Ich glaube, einen Orange Amp herauszuhören.

»Gutes Gehör! Ich habe ein regelrechtes Arsenal an Gitarren für die Platte verwendet, die mir ein Freund geliehen hatte. Zum Beispiel jeweils eine 58er und eine 68er Telecaster, eine 57er und eine 63 Stratocaster, eine 57er Gretsch oder eine 69er Les Paul von Gibson, sowie meine ganzen Charvel-Modelle. Ich habe sie tatsächlich alle benutzt. Es kam eben auf den Part im jeweiligen Song an, wann sich welche Gitarre dafür am besten eignete. Um da tiefer einzutauchen, müsste ich meine Notizen bemühen. Ich habe beispielsweise auch über 100 Pedale benutzt. Dazu verschiedene Topteile und Boxen. Den Großteil der Songs habe ich wohl mit der 57er Strat, der Les Paul und meinen Charvel-Signature-Modellen eingespielt. Mit Marshall und dem von dir erwähnten Orange Amp habe ich auf dem Album am häufigsten gearbeitet. Tiefer will ich aber nicht in die Details gehen. Das langweilt eure Leser nur.«

Kann gut sein. Trotzdem danke, dass du so offen über das benutzte Equipment sprichst! Es gibt eine Menge Musiker, die sich dahingehend nicht in die Karten schauen lassen wollen. Wo habt ihr die Scheibe denn aufgenommen?

»Das ist auch kein Geheimnis. Wir haben bei unserem Basser Anthony Esposito aufgenommen. Er besitzt mitten auf dem Land eine Ranch, wo wir ungestört aufnehmen und uns in vollem Umfang auf die Musik konzentrieren konnten. Und trotzdem hat die Produktion eineinhalb Jahre in Anspruch genommen. Wir wollten das Album eben nicht nur gut, sondern perfekt machen.«

Wie würdest du die Musik von RED DRAGON CARTEL bezeichnen?

»Das ist gar keine einfache Frage. Ich habe keine Ahnung. Gitarrenorientierter Rock, gespickt mit einer Menge unterschiedlicher Aromen vielleicht (lacht)?«

Das lässt einen auf jeden Fall schmunzeln. Denkst du, dass es heutzutage noch nötig ist, ein Label im Rücken zu haben? Braucht man im Zeitalter von Homerecording und den vielen günstigen Angeboten von Presswerken letzten Endes nicht doch nur eine gute Promotionagentur?

»Ich denke, damit könntest du Recht haben. Wofür bräuchte man ein Label, wenn nicht, um einen Vorschuss auf die Plattenproduktion zu bekommen? Zu deiner Liste hinzu kommt natürlich noch ein guter Vertriebsweg und der Kontakt zu allen relevanten Magazinen und Radiostationen. Warte, vielleicht braucht man heute Labels doch noch (lacht).«

Wie geht es nach „Patina“ nun weiter bei RED DRAGON CARTEL?

»Zunächst starten wir eine Tour durch Amerika. Dort wird es im Februar 2019 losgehen und im Anschluss sind ab April Gigs in Japan geplant. In Europa würden wir selbstverständlich auch sehr gerne spielen. Wenn hier Interesse besteht und die Angebote stimmen, könnten RED DRAGON CARTEL vielleicht im Sommer bei euch zu hören und zu sehen sein.«

www.reddragoncartel.com

www.facebook.com/reddragoncartel

Bands:
RED DRAGON CARTEL
Autor:
Colin Büttner

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