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Foto: Heilemania

ToneTalk 18.09.2020, 08:00

PRIMAL FEAR - Geld ist nicht alles

In gleicher Weise, wie PRIMAL FEAR eine Konstante in Sachen Power Metal sind, zeichnen sich die beiden Bandköpfe durch Beständigkeit in allen Lebensbereichen aus. Lockdown-Labern mit Sänger Ralf Scheepers und Bassist Mat Sinner über die großen und kleinen Fragen im Künstleralltag…

Ralf, was hat dich dazu bewogen, ausgerechnet Sänger zu werden? Man sollte dabei schließlich einen Hang haben, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen...

Ralf: »Da bin ich irgendwie hineingerutscht. Ich habe als Kind viel gesungen, was meiner Mutter und meinem Musiklehrer zufolge nicht schlecht klang. Mit 15, 16 begleitete ich mich selbst auf der Gitarre, weshalb ich zum Sänger meiner Schülerband auserkoren wurde. Irgendwann habe ich bemerkt, dass ich kein Gitarrist sein wollte, und konzentrierte mich ausschließlich aufs Singen. Ich war eigentlich nie darauf aus, im Mittelpunkt zu stehen, und gewöhnte mich im Lauf der Jahre an diese Rolle.«

Mat, was hat dich zum Bass hingezogen?

Mat: »Wir starteten als Schülerband mit einem Gitarristen, der viel besser war als ich, aber die Position des Bassisten musste besetzt werden, und da ich auch singen wollte, war das der ideale Kompromiss. Davon abgesehen mochte ich schon immer Frontleute wie Sting, Phil Lynott oder Kip Winger.«

Hat dich deine lokale Umgebung in irgendeiner Weise als Künstler beeinflusst?

Mat: »Gar nicht, die Gegend war eher langweilig, obwohl in guter Lage, weil Flughafen, Autobahn und City in der Nähe waren. Trotzdem ging in meinen vier Wänden mehr ab!«

Wann war euch klar, dass ihr professionell Musik machen wolltet?

Ralf: »Eigentlich bin ich erst seit elf Jahren selbstständig. Vorher hatte ich einen Job und verband beides miteinander, wobei ich schließlich in Zeitnot kam und entschied, meiner Leidenschaft nachzugehen, statt ein regelmäßiges Gehalt zu beziehen. Aber im Ernst: Wenn ich nicht davon leben und meine Familie versorgen könnte, hätte ich das wahrscheinlich nicht getan. Dazu bin ich zu sehr auf Sicherheit hin erzogen worden.«

Mat: »Bei mir war schon früh klar, wohin die Reise gehen sollte. Meine Karriere als Profifußballer konnte ich nach zwei schweren Verletzungen knicken. Einen regulären Job hatte ich, und der machte mich überhaupt nicht an, also war die Laufbahn vorgegeben, wenn auch über Umwege.«

Mat, wie bist du auf die Produzenten-Schiene geraten, und welchen Stellenwert würdest du dieser Rolle im Verhältnis zu deiner Tätigkeit als aktiver Musiker zuschreiben?

Mat: »Ich konnte mit einigen historischen Größen arbeiten und war trotzdem nie gänzlich zufrieden. Daraus folgte „learning by doing“, wobei ich mich mit viel Ehrgeiz und ein wenig Talent auch in dieser Position entwickelte. Die Tätigkeit macht mir Riesenspaß, und Homestudio-Alben oder „Cut & Paste“-Geschichten wollen wir nicht, wie man hoffentlich an der organischen Produktion unseres neuen Albums „Metal Commando“ erkennt. PRIMAL FEAR geben bei Plattenproduktionen für heutige Verhältnisse fast schon unerhört viel Geld aus. Der Sound der Instrumente spielt eine gewichtige Rolle. Das Schlagzeug etwa haben wir für die letzte Scheibe bei Jacob Hansen in Dänemark aufgenommen, der einen herrlich klingenden Raum dafür hat, und unser neuer Drummer Michael Ehré, der auch bei Gamma Ray spielt, übertraf sich dabei selbst. Außerdem konnten wir bei unserem Tourmanager, der ein super Tonstudio im Allgäu besitzt, im Januar vier Tage lang in wunderbarer Atmosphäre die Gitarren aufnehmen. Wir spornen uns stets gern gegenseitig an und begegnen einander wie die alten Freunde, die wir ja auch sind.«

Warum eigentlich dein Künstlername?

Mat: »Weil mir zwei „Kollegen“ den Bandnamen Sinner klauen wollten, ließ ich mir den Namen schützen, und jetzt komme ich nicht mehr ohne Weiteres aus der Sache raus, denn in meinem Pass steht „Mat Sinner“, und wenn das nicht so wäre, würde ich beispielsweise kein Arbeitsvisum in den USA bekommen.«

Rock Meets Classic dürfte eines deiner aufwendigsten Projekte sein. Was reizt dich daran?

Mat: »Das ist ein Vollzeitjob, in dem ich jeden Tag arbeite. Praktisch alle Angelegenheiten landen auf meinem Tisch, die Planung und Durchführung einer solchen Tournee ist eine große Herausforderung, doch im Endeffekt bin ich für die letzten zwölf Jahre RMC dankbar, auch weil ich Freundschaften mit Legenden der Musikgeschichte geschlossen habe. Langfristig wollen wir noch so einige Ideen umsetzen, und das ist definitiv mein Hauptfokus.«

Sind Gastauftritte bei anderen Künstlern mehr als eine zusätzliche Möglichkeit, sich zu profilieren und Geld zu verdienen?

Ralf: »Es bedeutet auf jeden Fall mehr als Geld verdienen. Die Musik muss mir gefallen, also mache ich auch nichts, was mir nicht zusagt.«

Wie viel bedeutet dir deine Tätigkeit als Gesangslehrer? Was bringst du Schülern bei, das sie anderswo nicht geboten bekommen?

Ralf: »Erfahrung weiterzugeben, ist mir wichtig. Bei mir lernt man nicht nur Technik, sondern auch das, worauf es ankommt, um eine Stimme über Jahre hinweg zu pflegen. Schülerinnen und Schüler können zu mir ins Studio kommen und von Aufnahmen profitieren, weil auch Selbstreflexion beim Lernen eine große Rolle spielt. Im Unterricht über Skype ist das nicht zu machen.«

Rob Halford ist wohl ein überlebensgroßer Einfluss für dich, aber gibt es auch andere?

Ralf: »Natürlich war er am Anfang ein großes Idol, und ich schätze ihn immer noch sehr, neuerdings glücklicherweise sogar als Freund. Inspirationen bekommt man eigentlich immer beim Musikhören, was nicht immer nur mit dem Gesang zu tun hat.«

Ihr tragt jeweils zur Entwicklung von Mikrofonen bei und habt Endorsements von hochkarätigen Instrumentenfirmen. Ist so etwas heutzutage unerlässlich?

Ralf: »Ich tue das nicht, weil es etwas an den angebotenen Produkten auszusetzen gäbe, sondern will den Herstellern mit meiner Erfahrung helfen, ihre Sachen zu verbessern. Die Marke Horch, für die ich das mache, liegt da schon ganz weit vorn.«

Mat: »Auf diesem Feld habe ich relativ wenig Zeit investiert. Es gibt Produkte, auf die ich mich schon seit Jahren verlasse, woran sich kaum etwas ändern dürfte, obwohl ich es bedaure, dass es noch keinen Signature-Bass von Mat Sinner gibt (lacht).«

Ralf, du warst vor deiner Profi-Musikkarriere in der Fertigungsbranche tätig. Was hast du davon für deinen jetzigen Weg mitgenommen?

Ralf: »Die Zeit als Teilprojektleiter hat mich in Sachen Zeitmanagement, Planung und Zuverlässigkeit geprägt. Vieles von dem, was ich dabei lernte, lässt sich auf meine Selbstständigkeit als Künstler und mein Privatleben übertragen.

Wie wichtig ist Fitness für dich? Du bist ja schon immer eine imposante Gestalt gewesen…

Ralf: »Das ganze Leben beruht auf Balance – zu viel von einer Seite ist nicht gut und der Mittelweg der richtige. Wenn ich nicht trainieren würde, wäre ich wohl kugelrund bei dem, was ich alles esse, denn ich lasse mich gern gehen. Um Bodybuilding handelt es sich nur bedingt, denn da gibt es schwerere Kaliber, und zu Steroiden hat es mich eh nie hingezogen. Dazu bin ich zu gesundheitsbewusst. Mitunter sitzt man auf Tournee im Flugzeug, nachdem man alle Filme gesehen und die Getränkekarte durchprobiert hat, sodass man nicht mehr weiß, was man tun soll. Einmal hörte ich ein neues Instrumentaldemo, wozu mir keine Gesangsmelodie einfiel, also schrieb ich genau darüber und dass ich meine Familie zu Hause vermisste. So entstand die aktuelle Nummer ´Hear´. Das ist eine der Schattenseiten des Musikerberufs und gar nicht so einfach. Die übliche „Sex, Drugs & Rock´n´Roll“-Phase haben wir schließlich hinter uns.«

Den Frontmann zu mimen, ist kräftezehrend. Was wirst du tun, wenn du körperlich nicht mehr dazu imstande bist – auch angesichts der Nullverdienste von Musikern mit physischen Tonträgern?

Ralf: »Ginge es darum, viel Geld zu verdienen, hätte ich nie selbstständig werden dürfen, aber klar, der finanzielle Aspekt gehört dazu. Deswegen hoffe ich, meinen Kühlschrank langfristig mit dieser Kombination aus Konzerten mit PRIMAL FEAR und meiner Lehrertätigkeit füllen zu können. Und eine totale Nullrunde sind Plattenverkäufe ja noch nicht.«

Wie ist das bei dir, Mat?

Mat: »Ich könnte zum Glück davon leben, was Urheberrechte, Streams und dergleichen abwerfen, falls physische Tonträger irgendwann komplett wegfallen, wobei ich kein Problem damit habe, viel und intensiv zu arbeiten. Das respektlose Geschnatter des Spotify-Chefs geht mir allerdings gewaltig auf die Nuss, und jede Chart-Analyse hat einen faden Beigeschmack; das ist leider der vorherrschende Zeitgeist. Ich versuche, meine Nische zu finden und trotzdem möglichst viel Spaß zu haben. Musik ist mein Leben – auf der Bühne, im Studio und eben auch hinterm Schreibtisch. Ich habe mir in all den Jahren sehr wertvolles Know-how angeeignet und kann auch eine soziale Komponente einbringen, die in diesem Business häufig zu kurz kommt. Also sorge ich mich nicht allzu sehr um die Zukunft.«

Du bist auch als Ghostwriter für andere Acts tätig.

Mat: »Ich halte grundsätzlich nichts davon, Songs wie am Fließband zu produzieren. Bei mir steht die Band, mit der ich zu einer gegebenen Zeit arbeite, immer hundertprozentig im Mittelpunkt, und damit bin ich bisher recht gut gefahren. Es gab Phasen, da habe ich für eine Vielzahl von Künstlern komponiert. Im Moment tue ich das aber nur noch mit Leuten, an deren Produktion ich auch in irgendeiner Weise beteiligt bin.«

Welche Schwierigkeiten habt ihr jetzt während der Pandemie?

Ralf: »Gesundheitlich zum Glück so weit keine. Natürlich fallen Live-Aktivitäten aus, weshalb man immense Einkommenseinbußen hat, doch ich verfüge über Rücklagen, wenn auch begrenzt. Einfach ist es also nicht, aber das war noch nie der Fall, und somit gilt es, weiterzukämpfen. Man versucht halt, geschäftsmäßig das Beste daraus zu machen, und kann zu Hause kreativ sein, aber finanziell wird es langfristig anstrengend. Die CD-Verkäufe sind zwar schon vor langem eingebrochen, und der Musiker war ohnehin immer das letzte Glied in der Kette, doch jetzt spürt man das umso deutlicher. «

Mat: »Problematisch ist für mich vor allem die Tatsache, dass weltweit ca. 100 Shows abgesagt werden mussten und niemand weiß, wann es letzten Endes weitergeht. Wir verlegen die Tour auf 2021 und sehen dann weiter. Hoffentlich wird dieses Berufsverbot über kurz oder lang aufgehoben, sodass wir die Gigs mit unseren Kumpels von Firewind und Symphony X nachholen können.«

Warum erwecken PRIMAL FEAR dennoch den Anschein, durch nichts zu erschüttern zu sein?

Ralf: »Wir brachten halt alle Erfahrung mit in die Band – Mat von Sinner her, während ich bei Tyran´ Pace und Gamma Ray gesungen hatte. In der Übergangszeit bereitete ich mich aufs Vorsingen bei Judas Priest vor, wo ich in die engere Auswahl für Rob Halfords Nachfolge gelangt war, und gründete eine entsprechende Cover-Band. Die Urbesetzung von PRIMAL FEAR kannte sich schon länger aus der Esslinger Szene, und nach der Absage, die ich schlussendlich aus England bekam, wollte ich eigentlich alles an den Nagel hängen, doch dann meinte Mat, wir sollten etwas zusammen starten. Auf ein Demo, das wir aufnahmen, sind dann mehrere Plattenfirmen angesprungen. Aus Japan kam zudem die Frage, was ich denn machen würde, von wegen man wollte alles unter Vertrag nehmen, wo ich mitsinge. Ich bin froh, wie sich alles entwickelt hat. Etwas Besseres hätte nicht passieren können.«

Mat: »Lange Konzertreisen verkraftet man nur, wenn man aus Überzeugung dabei ist. Wenn ich mir vor Augen halte, dass ich seit drei Jahrzehnten mit Alex Beyrodt und Tom Naumann Musik mache, ist das schon Wahnsinn. Eine gesündere Grundlage gibt es kaum, und ich weiß das sehr zu schätzen. Gerade Tom trifft sich oft mit mir, und Ralf wohnt auch nicht weit weg. Mit unserem zweiten Gitarristen Magnus Karlsson pflege ich seit 2007 eine Partnerschaft, die viel Material abwirft. Manchmal tauschen wir uns stundenlang zwischen Deutschland und Schweden über Skype aus. Das läuft sehr professionell und entspannt ab.«

www.primalfear.de

www.facebook.com/primalfearofficial

Bands:
PRIMAL FEAR
Autor:
Andreas Schiffmann

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