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ToneTalk 23.05.2018

PHIL CAMPBELL AND THE BASTARD SONS - »Ich sollte mehr üben«

Über 30 Jahre drosch PHIL CAMPBELL für Motörhead in die Saiten, nach Lemmys Tod und dem Ende der Band im Dezember 2015 hob er Phil Campbell And The Bastard Sons aus der Taufe. Mit seinem Sohn Todd hat er dort nach langer Zeit wieder einen zweiten Gitarristen an seiner Seite. Er selbst verzichtet heute gerne auf die eine oder andere Note.

Phil, wie würdest du deinen Ansatz als Gitarrist beschreiben?

»Je länger ich spiele, desto weniger Töne werden es. Ich denke, ich bin ein Blues-Spieler. Vielleicht noch ein Hardrocker, aber ich würde mich nicht einen Heavy-Metal-Gitarristen nennen. Ich bin mit meiner rechten Hand nicht sehr schnell. Es ist am ehesten Blues. Lauter Blues.«

Wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen?

»Ich hörte Jimi Hendrix´ „Hendrix In The West". Dieses Live-Album habe ich geliebt. Das muss 1972 gewesen sein.«

Hattest du damals Unterricht?

»Ich hatte einige Stunden in der Schule. Da ging es allerdings um Folk auf der Akustikgitarre.«

Was waren deine Vorbilder?

»Jimi Hendrix, Jimmy Page, Michael Schenker, Ritchie Blackmore, Tony Iommi. Die sind alle supergut.«

Wie viel und wie oft übst du?

»Nicht so viel, wie ich sollte. Ich bin immer ziemlich beschäftigt. Wenn ich mal zur Ruhe komme, ist das Letzte, was ich tun will, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Ich übe nicht so viel wie etwa Slash. Der hat immer eine Gitarre bei sich und spielt die ganze Zeit. Deswegen ist er auch so gut. Ich sollte da eher wie Slash sein und mehr üben.«

Hast du ein Fitness-Programm, um dich für Tourneen körperlich in Form zu bringen?

»Nicht wirklich. Ich versuche einfach, so gesund wie möglich zu bleiben, nichts zu übertreiben und genug Schlaf zu bekommen.«

Hast du spezielle Rituale vor einem Konzert?

»30 Minuten Ruhe vor einer Show. Da will ich für mich alleine sein. Das ist eigentlich auch schon alles.«

Man kennt dich als Gitarrensammler. Wie viele Exemplare besitzt du?

»Ich weiß es nicht. Ich gebe viele für einen guten Zweck weg. Ich habe vielleicht noch hundert, aber es waren mal mehr.«

Welche sind deine Favoriten?

»Meine Gibson Les Paul Custom von 1957 mit Bigsby-Vibrato und Alnico-Pickups. Die ist komplett original – sogar die Potis und die Drähte. Nur der Sattel und das Pickguard (Schlagbrett - jb) wurden gewechselt. Das ist die beste Gitarre, die ich je in meinem Leben gespielt habe. Aber die nehme ich nicht mit auf Tour, dafür ist sie zu wertvoll. Schick ist auch meine 1964er Gibson Firebird. Was noch? Es sind zu viele. Ich habe einige alte Gitarren, etwa eine von nur zwölf gebauten Gibson ES-125 von 1961. Auch meine ES-225 ist eines von nur zwölf in einer besonderen Serie produzierten Modellen. Das ist die Gitarre, die Scotty Moore, der Gitarrist von Elvis Presley, gespielt hat. Es sind schon einige. Ich bin ein glücklicher Kerl, ich habe viele schöne Gitarren.«

Allerdings sind dir auch einige gestohlen worden.

»Ein paar Les Pauls. Sie wurden geklaut, obwohl sie bei einer Frachtgesellschaft gelagert waren. Das musst du dir mal vorstellen. Sie wurden nicht hinter der Bühne entwendet, sondern bei einer professionellen Company. Das sollte nicht passieren. Am besten lagert man sie an einem sicheren Ort. Du kannst viele dieser Gitarren nicht ersetzen.«

Live sieht man dich regelmäßig mit Modellen von Framus und deiner markanten Lag Explorer.

»Meine Framus-Gitarren sind fantastisch. Ich kann nichts zum Modellnamen sagen („Panthera Supreme" - jb), aber ich liebe sie. Auch die Lag spiele ich noch häufig, auf Tour ist sie nach wie vor einer meiner Favoriten.«

Wie wichtig ist dir das Aussehen einer Gitarre?

»Nicht so sehr, ehrlich gesagt. Hauptsache, sie klingt gut. Natürlich ist es schön, einen klassischen Look zu haben. Ich bin auch nicht übermäßig versessen darauf, etwas zu spielen, das bescheuert aussieht. Aber der Sound ist das Wichtigste.«

Bei den Bastard Sons spielt dein Sohn Todd ebenfalls Gitarre, ihr könnt euch die Parts also aufteilen. Bei Motörhead warst du 20 Jahre der einzige Gitarrist. Gab es dort Parts, die live besonders schwierig zu spielen waren?

»Es gab schon einige schnelle Passagen, aber meistens ging es. Auf dem Album „Kiss Of Death" gibt es eine Nummer namens ´Trigger´, die hat einen Iron-Maiden-artigen Harmony-Part in der Mitte. Es hat ein bisschen gedauert, das hinzubekommen. Ich brauchte ein paar Stunden, um diese Sequenz auszutüfteln. Aber das war es wert. Ich fordere mich ganz gerne mal heraus.«

Interessierst du dich für technologische Neuheiten wie Software?

»Mein Sohn tut das. Er hat sein eigenes Aufnahmestudio. Das überlasse ich also ihm. Für mich ist das zu kompliziert. Ich bin zu alt, um all diese Informationen aufzunehmen. Mein Sohn weiß alles darüber, also soll er das machen.«

Sind die Tonabnehmer auf deinen Gitarren aktiv oder passiv?

»Ich kenne den Unterschied nicht.«

Vereinfacht gesagt: Stammen sie eher aus dem Hause EMG, oder verwendest du Versionen von Firmen wie DiMarzio oder Seymour Duncan?

»Auf den meisten meiner Gitarren sind Seymour-Duncan-Pickups. Ich mag die klassische Kombination aus den Modellen Jeff Beck (SH-4, Steg-Tonabnehmer - jb) und ´59 (SH-1, am Hals - jb).«

Gibt es Gitarristen, mit denen du gerne reden oder spielen würdest?

»Reden? Gitarristen?«

Oder spielen. Zum Beispiel, wenn Jimi Hendrix noch leben würde.

»Ich hätte Angst, mit ihm zu reden. Vielleicht Frank Zappa.«

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Gibson Les Paul Custom

Ende 1953 stellte Gibson eine gehobene Version der Les Paul vor. Der namensgebende Erfinder hatte für diese Edel-Variante die Anmutung eines Smokings vor Augen, das Ergebnis bekam schnell den Spitznamen Black Beauty. 1957 verbaute Gibson zudem erstmals Humbucker, die den Les Pauls den bis heute so geliebten kräftigen Ton verleihen. Seitdem ist die Les Paul Custom so etwas wie der Heilige Gral unter den Gitarristen und aus den Händen legendärer Sechssaiter wie Randy Rhoads, Ace Frehley, Jimmy Page, Steve Jones, Zakk Wylde oder John Sykes nicht wegzudenken.

Bands:
PHIL CAMPBELL AND THE BASTARD SONS
Autor:
Jens-Ole Bergner

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