Schwatzkasten

Schwatzkasten 26.02.1997

TYPE 0 NEGATIVE - PETER STEELE (Type O Negative)

 SCHWANZKASTEN

mit

Peter Steele

TYPE O NEGATIVE

Heute zu Gast im Schwatzkasten: Peter Steele - ein bekanntermaßen schlauer Kopf, der sich schon seit Jahren nicht mehr hinter rüden Provokationen versteckt, sondern lieber durch seinen trockenen, manchmal sarkastischen Humor auffällt, aber auch sehr ernste Statements von sich gibt.

Wo bist du aufgewachsen?

»In Brooklyn, New York.«

Wo möchtest du am liebsten wohnen?

»Ich könnte mir theoretisch vorstellen, in Island oder Skandinavien zu leben - aber jedesmal, wenn ich auf Tour oder sonstwie unterwegs bin, möchte ich zurück nach Brooklyn. Es ist nicht gerade die schönste, sauberste oder billigste Gegend, aber ich fühle mich dort wohl. Es ist also gut möglich, daß ich den Rest meines Lebens in Brooklyn verbringen werde.«

Wann hattest du deinen ersten Autounfall?

»Als ich 19 war, mit dem Wagen meiner Schwester. Ich mußte zu einem Gig, war spät dran und wurde beim Überholen von einem Lkw gerammt. Ich hatte seitdem ein paar kleinere Unfälle, aber nichts Gravierendes.«

Bist du ein CD- oder eher Vinyl-Liebhaber?

»Ganz klar: Ich bevorzuge CDs. Wenn ich Musik höre, möchte ich auch die Feinheiten mitbekommen, und Vinyl ist soundtechnisch einfach zu limitiert. Es gibt Leute, die behaupten, Vinyl habe einen ganz besonderen Sound - und das stimmt: Vinyl klingt besonders mies.«

Welche Erfindung ist die deiner Ansicht nach wichtigste?

»Das Alphabet. Ohne Buchstaben oder Zeichen könnten wir nicht kommunizieren und unsere Erkenntnisse nicht der Nachwelt überliefern.«

Bist du in der Lage, eine genießbare Mahlzeit zuzubereiten - oder ist die Küche ein unbekannter Ort für dich?

»Ich bin ein recht guter Koch - zumindest sagt das jeder, der schonmal bei mir gegessen hat. Ich esse leidenschaftlich gerne, besonders italienische Speisen, und da ich alleine lebe, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als selbst zu kochen.«

Hast du ein Idol?

»Es gibt viele Menschen, vor denen ich Respekt habe - im Grunde vor allen, die etwas aus sich gemacht haben. Wenn ich mir eine Frau und einen Mann aussuchen sollte, dann würde ich Arnold Schwarzenegger und Madonna nehmen. Schwarzenegger, weil er sich seine Unabhängigkeit in jeder Beziehung hart erarbeitet hat - und Madonna aus dem gleichen Grund. Viele Leute sagen, sie hätte sich an die Spitze gebumst. Egal, ob das stimmt oder nicht - fest steht, daß sie es bis zur Spitze geschafft hat, und dafür verdient sie Respekt.«

Hast du Angst vor starken Männern?

»Nur jemand, der schwach ist, würde andere als zu stark empfinden. Es gibt sicherlich Männer, die mir überlegen sind, physisch wie psychisch, aber vor denen habe ich keine Angst. Ich versuche vielmehr, von ihnen zu lernen.«

Wie stehst du zu starken Frauen?

»Wenn ich an starke Frauen denke, dann denke ich an solche, die unabhängig sind und keine Angst davor haben, ihre weiblichen Gefühle zu zeigen. Frauen, die sich gefühlsmäßig öffnen können, aber ihre Souveränität im Leben nicht aufgeben, gefallen mir. Was ich auf gar keinen Fall möchte, ist eine Frau, die ihren Lebenssinn ausschließlich in mir sieht - genausowenig, wie ich mein gesamtes Leben auf eine einzige Person ausrichten will. Ich weiß, wohin das führt...«

Gibt es irgendetwas, wovor du Angst hast?

»Ich habe Angst davor, einen langsamen Tod zu sterben. Wenn ich eine unheilbare Krankheit hätte und wüßte, daß ich einen langen Leidensweg vor mir hätte, würde ich mein Leben beenden. Ich denke, diese Möglichkeit ist ein Privileg des Menschen und in einer solchen Situation akzeptabel.«

Praktizierst du Safe Sex?

»Ja - auch wenn ab und zu ein Kondom reißen kann. Aber ich tue mein Bestes, um Risiken weitestmöglich auszuschließen. Gäbe es das Fach „Vorsorge“ in der Schule, hätte ich darin eine Eins. Ich stülpe mir sogar Kondome über die Zunge...«

Für welches öffentliche Amt würdest du kandidieren?

»Ich würde mich um die öffentlichen Parkanlagen in New York kümmern. Das meine ich nicht ironisch - denn erstens könnte ich mir durchaus vorstellen, wieder für die Stadt zu arbeiten, und zweitens hatte ich ernsthaft vor, diesen Berufsweg weiterzuverfolgen.« (Anm. d. Red.: Peter hat vor seiner Musikerkarriere Parkanlagen in New York gesäubert.)

Würdest du die Pro-Marihuana-Kampagne unterstützen?

»Ja. Ich würde diverse Drogen legalisieren, weil man sie dann besteuern könnte. Allerdings würde ich den legalen Genuß solcher Drogen auf den Privatbereich oder spezielle Orte - wie die Coffeeshops in Holland - beschränken. Wenn ich jemanden bekifft oder zugekokst am Steuer bzw. bei der Arbeit erwischen würde, würde ich ihn empfindlich bestrafen. Es ist okay, Spaß zu haben - aber nur dann, wenn man andere nicht gefährdet.«

Warst du als Schüler der typische ´Troublemaker´ oder eher schüchtern und still?

»Bis zur Pubertät war ich schüchtern, still und introvertiert. Mit meinen Eiern wuchsen jedoch auch die Sorgen meiner Lehrer. Ich war zwar nicht gewalttätig, wurde aber unkontrollierbar und entwickelte mich zu einer echten Nervensäge.«

Fällt dir ein Beispiel ein?

»Ich bin auf eine relativ strenge katholische Schule gegangen. Natürlich haben wir - wie alle anderen Schüler auch - die Wände auf dem Klo beschmiert, und wenn uns die Lehrer dabei erwischten, wurden wir zur Strafe nach dem Unterricht ins Klassenzimmer eingesperrt. Ich kann mich an einen Tag erinnern, als ich mit einem anderen Schüler nachsitzen mußte. Wir waren allein im Klassenzimmer, und mein Kumpel mußte dringend aufs Klo, durfte den Raum aber nicht verlassen. Also habe ich ihn festgehalten, während er den Arsch aus dem Fenster hielt, um sein Geschäft zu erledigen. In diesem Moment kam der Lehrer ins Zimmer. Ich habe meinen Freund vor Schreck losgelassen - und der arme Kerl fiel kackend aus dem Fenster...«

Hast du jemals einen Manager gefeuert, weil er sich mehr als seine 20 Prozent eingesackt hat?

»Ja, mehr als einmal - allerdings nicht nur aus finanziellen Gründen. Wir haben uns soeben von unserem letzten Manager getrennt, aber die Sache ist rechtlich noch nicht ausgestanden, so daß ich auf diese Frage lieber nicht näher eingehen möchte...«

Bist du schonmal so richtig von einer Plattenfirma ausgenommen worden?

»Meine Plattenfirma (Roadrunner) nimmt mich eigentlich konstant aus und verfüttert mich an die Medien, aber das ist ja auch ihr Job. Am liebsten wäre es Roadrunner, wenn ich ständig im ´Playgirl´ oder sonstwo auftauchen würde. Inzwischen kennen die Leute ja so ziemlich alles Intime an mir - es fehlt eigentlich nur noch eine öffentliche Autopsie. Trotzdem können mich Roadrunner natürlich nicht zu Aktionen zwingen, mit denen ich nicht einverstanden bin. Unterm Strich lehne ich von drei Wünschen meiner Plattenfirma oder anderer Leute zwei ab.«

Welcher „Wunsch“ war denn der extremste?

»Von den Aktionen, die ich mitgemacht habe, die ´Playgirl´-Sache. Es gab aber auch schon Anfragen von Pornofilm-Produzenten, die ich abgelehnt habe.«

Warum? Du hältst doch sonst nicht mit deinen ´Hobbies´ hinterm Berg.

»Ich möchte aber nicht als Pornostar bekannt sein. Das hat was mit gutem und schlechtem Geschmack zu tun. Ich sehe mir persönlich auch nicht gerne Pornos an.«

Nicht gerne oder überhaupt nicht?

»Ich habe vielleicht fünf Pornos in meinem Leben gesehen - ehrlich. Warum soll ich mir Filme anschauen, wenn ich aktiv Sex haben kann?«

Weil dir die Groupies früher vielleicht noch nicht in Scharen nachgelaufen sind.

»Das stimmt zwar, aber mir haben Pornofilme auch früher nicht gefallen, weil sie einfach billig gemacht sind. Anders dagegen diverse Magazine wie ´Playboy´ oder ´Penthouse´, die sind okay.«

Was hältst du für deine schlechteste Angewohnheit?

»Die Tatsache, daß ich oft überreagiere. Ich rege mich über irgendwelche Nichtigkeiten auf und muß mich dann hinterher, wenn der Rauch abgezogen ist, für mein Verhalten entschuldigen. Ich wünsche mir, gelassener zu sein.«

Und deine größte Stärke?

»Ich bin immer pünktlich. Und wenn nicht, dann gibt es dafür einen verdammt guten Grund!«

Würdest du mit einer Free Jazz-Band oder einer Reggae-Kapelle touren, wenn die Kohle stimmt?

»Ich habe gelernt, niemals nie zu sagen - und wer weiß, was die Zukunft bringt? Ich würde aber darauf achten, daß es für die Fans interessant und nachvollziehbar bleibt.«

Was bedeutet für dich Intelligenz?

»Wenn ich welche hätte, könnte ich das vielleicht beantworten.«

Weißt du noch, wo und wann du deinen schlechtesten Auftritt hattest?

»Da gab´s so verdammt viele. Besonders schlecht sind sie, wenn ich gesundheitlich angeschlagen bin. Ich kann mich zum Beispiel an eine Show in L.A. zusammen mit Queensryche erinnern, die ich eigentlich hätte canceln sollen: Fünf Minuten vor dem Auftritt hing ich mit einer Lebensmittelvergiftung und Durchfall auf dem Klo, während ich gleichzeitig zwischen meinen Beinen hindurch in die Schüssel gekotzt habe...«

Welche Musikstile lehnst du komplett ab?

»Es gibt sicherlich Stile, die mir nichts geben, aber keine, die ich hasse. Am wenigsten interessieren mich Rap, Jazz, Blues oder Thrash Metal.«

Welches Instrument klingt deiner Meinung nach so schrecklich, daß es verboten werden sollte?

»Mein Bass.«

Hast du neben der Musik andere Interessen?

»Graphische Kunst, besonders die der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre. Es hat mich immer schon fasziniert, wie sehr sich die graphischen Elemente im Faschismus und Kommunismus ähneln - von einem objektiven Standpunkt aus betrachtet. Außerdem interessiert mich Architektur; ich würde gerne irgendwann mein eigenes Haus entwerfen und einrichten.«

Welche Songs trällerst du unter der Dusche?

»Ich stehe nicht gerne länger unter der Dusche und habe deshalb keine Zeit zum Singen.«

Hat dich deine Frau schonmal vor die Wahl gestellt: die Musik oder ich?

»Ich hatte Freundinnen, die sehr eifersüchtig auf die Band waren, aber vor die Wahl gestellt hat mich noch keine. Ich würde auch nicht auf die Musik verzichten, weil sie einfach zu meinem Leben gehört. Eher würde ich mir ein Bein amputieren lassen.«

Wie hättest du Kurt Cobain vorm Selbstmord gerettet?

»Ich glaube nicht, daß ich das überhaupt gekonnt hätte, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer man von einem solchen Vorhaben abzubringen ist. Ich habe mir am 15. Oktober 1989 die Pulsadern aufgeschnitten, weil mir meine gesamte Existenz sinnlos vorkam. Ich hatte mein Leben auf eine bestimmte Frau ausgerichtet, die mich verlassen hat. Damit ging für mich die Welt unter, so daß ich mein Leben beenden wollte. Und damals hätte mir niemand helfen können, weil meine Gedanken völlig irrational waren.«

Leidest du unter Minderwertigkeitskomplexen oder eher unter Größenwahn?

»Weder, noch. Ich betrachte mich heute als vollkommen durchschnittlich, habe aber das Glück, daß sich andere Menschen für mich interessieren. Das Besondere an mir, auch wenn´s kitschig klingt, ist die Treue meiner Fans, oder besser: meiner Freunde.«

Wie würdest du einem Außerirdischen die Erde schmackhaft machen?

»Ich würde ihm die Natur zeigen - aber sicher nicht die Städte oder die Menschen.«

Was tust du für deine Gesundheit?

»Ich treibe Kraftsport und achte auf meine Ernährung.«

Könntest du dir als Ex-Carnivore (Fleischfresser) vorstellen, Vegetarier zu sein?

»Nein, denn Pflanzen schreien, wenn man sie kocht.«

Hast du schonmal im Knast gesessen?

»Nein.«

Welcher Sound soll auf deiner Beerdigung laufen?

»Der Sound von Wind und Wasser.«

Mit wem würdest du auf gar keinen Fall zusammen in die Sauna gehen?

»Mit dem Rest von Type O Negative. Aber Spaß beiseite: Ich hasse niemanden, weil das zuviel Energie kostet.«

Hältst du es für wichtig, dich als Künstler zu politischen Themen zu äußern?

»Das kommt auf den Künstler an. Wenn jemand politische Ambitionen hat und sie in seiner Kunst ausdrückt, muß er sie auch erklären können. Ich persönlich äußere mich nur dann zu politischen Themen, wenn ich konkret danach gefragt werde.«

Was würdest du tun, wenn du einen Tag lang unsichtbar wärst?

»Da ich leicht paranoid bin, würde ich meine Freunde belauschen, wenn sie über mich reden.«

Welche drei Dinge bzw. Personen würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

»Eine Frau, ein Buch und ein Feuerzeug.«

Welches Buch liest du gerade?

»Überhaupt keins, weil ich momentan auf Tour bin und mich deshalb nicht auf Bücher konzentrieren kann. Zu Hause in den Staaten lese ich meist irgendwelche Fachbücher. Romane interessieren mich weniger - mein eigenes Leben ist spannend genug.«

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»Gäbe es das Fach „Vorsorge“ in der Schule, hätte ich darin eine Eins. Ich stülpe mir sogar Kondome über die Zunge...«

Peter Steele: Genießer & Komiker

Bands:
TYPE 0 NEGATIVE
Autor:
Götz Kühnemund

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