Interview

Interview 10.12.2020, 10:40

PERSUADER - Gut Ding will Weile haben

Emil Norberg klingt entspannt, aber auch etwas müde und nachdenklich, als wir uns am Tag der Veröffentlichung des fünften PERSUADER-Langeisens „Necromancy“ auf Skype zum Gespräch treffen. Auskunftsfreudig über den mittlerweile zur Seltenheit gewordenen Fall eines neuen Albums der schwedischen Power-Metaller zeigt sich der Gitarrist aber trotzdem. Seit dem starken „The Fiction Maze“ von 2014, das seinerzeit acht Jahre auf sich warten ließ, sind sechs weitere Jahre ins Land gezogen. Nichtsdestotrotz ist den Jungs mit „Necromancy“ wieder ein Genre-Highlight gelungen. Wir sprechen mit Emil nicht nur über den Weg zum neuen Album und den unvermeidbaren Umgang mit Corona, sondern wagen auch einen Ausflug in die Vergangenheit des Gitarristen und der Metalszene in seiner schwedischen Heimatstadt Umeå.

Emil, Glückwunsch zum neuen Album „Necromancy“! Könnt ihr den Release heute den Umständen entsprechend ein bisschen feiern?
»Nein, ich muss alleine feiern (lacht). Ich habe ein paar Bier im Kühlschrank und werde mir zur Feier des Tages später noch Makkaroni mit Käse machen. Besser wird es tatsächlich nicht.«

Ja, es ist im Moment nicht gerade einfach, mit der Pandemie umzugehen.
»Die Situation ist traurig für jeden. Nicht nur für Bands, sondern auch für die Leute, die bei Konzerten oder Festivals arbeiten und ihren Lebensunterhalt nicht verdienen können. Es betrifft eine Menge Menschen in der Industrie, natürlich nicht nur in der Musik. Mit PERSUADER waren wir aber sowieso noch nie ständig auf Tour unterwegs, deshalb schadet uns die Situation kaum. Wir verlieren nicht so viel Einkommen wie manch anderer.«

Wie hast du die letzten Monate mit dem Virus persönlich erlebt?
»Es lief eigentlich ziemlich normal. Wir leben im Norden von Schweden, etwa 700 Kilometer von Stockholm entfernt. Als sich die Situation dort verschlimmerte, hatten wir hier oben kaum Fälle. Im Moment verbreitet es sich etwas mehr. Ich bin Elektriker und kann dadurch nicht von zu Hause aus arbeiten, aber ich weiß von vielen Leuten, dass sie es tun. Wir waschen unsere Hände ein bisschen öfter und spucken uns wahrscheinlich nicht mehr so oft gegenseitig ins Gesicht wie früher (lacht).«

Lass uns über das neue PERSUADER-Album sprechen. Seit der Veröffentlichung von „The Fiction Maze“ sind sechs Jahre vergangen...
»Bitte frag mich nicht, was wir in dieser Zeit gemacht haben... (lacht)«

Interessieren würde es mich eigentlich schon.
»Ja, ich weiß. Ich mache nur Spaß. Nun, das Leben schreitet voran und die Zeit vergeht. Die meisten der Jungs haben ihre Familien und auch die Arbeit beansprucht viel Zeit für sich. Es ist nicht unmöglich, aber für uns zumindest schwierig, einen konstanten Output zu haben. Du arbeitest acht oder neun Stunden, kommst nach Hause, kochst das Abendessen und hast dann bestenfalls noch ein oder zwei Stunden. Die Zeit ist heutzutage einfach begrenzter als in unseren frühen Zwanzigern, auch wenn ich die Schuld nicht alleine darauf schieben kann.«

Du hast diese Frage in den letzten Wochen vermutlich andauernd gehört.
»(Lacht.) Das stimmt, auch schon beim Album davor. Für „The Fiction Maze“ haben wir ja noch länger gebraucht. Du siehst, wir schließen die Lücke, langsam aber sicher!«

Gut Ding will bekanntlich Weile haben. Das Warten hat sich aber auch dieses Mal gelohnt, „Necromancy“ ist ein starkes Album geworden!
»Es war schwierig, dieses Album zu schreiben. Es war in gewisser Weise so wie bei „The Fiction Maze“. Wir hatten etwas von unserem Geist verloren, als wir nach „When Eden Burns“ (2006 - sb) diese Probleme mit unserem Label hatten. Dasselbe gilt für Savage Circus, was unserer Motivation nicht unbedingt zu Gute kam.«

Dein Bandkollege und Sänger Jens Carlsson und du habt Savage Circus, die Band des ehemaligen Blind-Guardian-Schlagzeugers Thomen Stauch, 2014 verlassen, um euch mehr auf PERSUADER konzentrieren zu können. Hat das schlussendlich doch nicht funktioniert?
»Zumindest mussten wir uns nicht mehr mit Savage Circus beschäftigen. Aber um diese Zeit herum bekam Jens auch sein erstes Kind, was ihn natürlich in eine andere Richtung lenkte. Wir sind aber auch ziemlich faul, muss ich sagen. Wir arbeiten nicht übermäßig hart (lacht).«

Wie blickst du heute auf euer neues Album?
»Um ehrlich zu sein, ich bin nie mit etwas zufrieden. Aber ich möchte mir meine Musik im Nachhinein nicht wirklich anhören. Es ist ein starkes Album, aber es gibt immer Raum für Verbesserungen.«

Bist du ein Perfektionist?
»Überhaupt nicht. Wäre ich ein Perfektionist, würden zwischen den Alben noch viel mehr Jahre liegen oder ich würde niemals eines veröffentlichen. Irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man loslassen muss. Vielleicht wäre ich persönlich noch zufriedener, wenn ich ein paar Sachen anders gemacht hätte, aber mir würde nur die Zeit davonlaufen und das wäre sinnlos.«

„Necromancy“ klingt noch einmal deutlich aggressiver und direkter als eure vorherigen Alben. Liegt das vielleicht auch an der grundlegenden Spannung, die zurzeit überall auf der Welt zu spüren ist?
»Mein Ziel war, als wir mit dem Songwriting begannen, es nicht simpler zu halten, aber direkter auf den Punkt zu kommen. Zumindest bei manchen Songs. Es gibt andere, die vielleicht nicht kompliziert sind, aber doch eine andere Songstruktur als üblich vorzuweisen haben. Wir haben ein wenig die Brücke zum „Evolution Purgatory“-Sound (2004 - sb) geschlagen. Fredrik (Mannberg, Gitarrist. - sb), unser neuer Gitarrist von Nocturnal Rites, ist wahrscheinlich einer der größten Kreator-Fans überhaupt und hört auch grundsätzlich viel Death Metal. Er hat eine Menge thrashigen Input beigesteuert.«

Die Songtitel werden mit 'Hells Command', 'Infernal Fires', 'Raising The Dead' und 'Reign In Darkness' von düsteren Schlagwörtern dominiert. Hat dieses verrückte Jahr in gewisser Weise Einzug in die Lyrics gehalten?
»(Lacht.) Ja, natürlich. Wir haben die Songs aber schon so genannt, bevor die Hölle losbrach. Vielleicht haben wir einfach eine Art der Weitsicht in der Band. Auch wenn es natürlich nicht schwer zu erkennen ist. Jedes Jahr hat seine zu überwindenden Schwierigkeiten.«

Machst du dir Sorgen im Moment?
»Nicht auf einer persönlichen Ebene. Es ist eine schlimme Zeit, aber wir mussten davor schon schlimme Zeiten ertragen und haben sie überstanden. Es bringt nichts, sich zu viele Sorgen zu machen, auch wenn meine Eltern natürlich nicht mehr die jüngsten sind. Ich lebe mein Leben weiter. Natürlich mit deutlich weniger Partys, auf die man gehen kann. Das heißt aber auch, dass ich mehr Zeit habe, um Gitarre zu spielen. Ich versuche, die positiven Seiten zu sehen.«

Wie die großen Monty Python einst sagten: "Always look on the bright side of life."
»Ganz genau! John Cleese ist mein leitendes Licht!«

Für 'Necromancy' habt ihr die Zusammenarbeit mit einem neuen Label gestartet. Eigentlich sind Frontiers eher für ihre Melodic-Rock-Gruppen und -Projekte bekannt, öffnen sich seit einiger Zeit aber auch verstärkt für härtere Bands. Wie habt ihr zueinander gefunden?
»Ich denke, es war Ende 2017, als uns unser früherer Labelmanager mitteilte, dass er aus Downsizing- und persönlichen Gründen keine neuen Alben mehr veröffentlichen würde. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie der Kontakt zu Frontiers aufkam. Es gab drei oder vier Labels, die an uns interessiert waren. Wir sahen uns die Verträge an und fühlten, dass, auch wenn andere eher im härteren Metalbereich unterwegs waren, Frontiers uns das bessere Angebot machten. Wie du sagst, sie haben damit angefangen, verstärkt härtere Künstler einzubringen und wir sind auch selbst große Achtziger-Hard-Rock-Fans. Es gefällt uns sehr, beim selben Label wie Joe Lynn Turner oder auch Jorn Lande zu sein. Wir haben für mehrere Alben unterschrieben und ich hoffe, dass die Zusammenarbeit für alle gut funktionieren wird.«

Auf dem neuen Album habt ihr zum ersten Mal mit Fredrik Mannberg von Nocturnal Rites an der Gitarre zusammengearbeitet. Nachdem ihr beide aus der schwedischen Stadt Umeå kommt und dein Bruder Nils schon bei Nocturnal Rites gespielt hat, kennt ihr euch vermutlich schon Weile, nicht wahr?
»Mein Bruder Nils fing 1995/1996 bei Nocturnal Rites an. Ich war damals 15 und Fredrik vielleicht fünf Jahre älter. Ich erinnere mich daran, dass ich für Nils als Gitarrentechniker bei seinem ersten Gig mit der Band gearbeitet habe. Nils wollte mir nur ein Light-Bier geben, aber Fredrik kam mit Bier-Tickets für das gute Zeug (lacht). Ich glaube, wir landeten schließlich in ihrem damaligen Proberaum und feierten danach eine wirklich seltsame Party. Also ja, wir kennen uns schon eine Weile. Er ist ein toller Gitarrist und hat eine Menge gute Musik und Riffs zum neuen Album beigetragen.«

Wie eng ist die Musikszene in deiner Heimatstadt Umeå eigentlich verknüpft? Hast du beispielsweise auch Kontakt zu den Jungs von Meshuggah, die von dort stammen?
»Mein Bruder kennt sie und Fredrik auch. Einer ihrer allerersten Bassisten, Peter Nordin, hat früher eine Menge Partys in seinem Haus geschmissen, da waren wir ein paar Mal dabei und die Meshuggah-Jungs hingen dort ab. Sie sind aber nicht ganz meine Generation. Neben ihnen gibt es auch noch Naglfar, Nocturnal Rites, uns und einige andere große Bands, die von hier stammen, wenn auch nicht unbedingt aus dem Metal-Bereich. Ich weiß nicht, ob du von Refused gehört hast? Die gehen eher in Richtung Hardcore und hatten ein ziemlich umjubeltes Album mit dem Titel „The Shape Of Punk To Come“. Es ist vielleicht keine eng verbundene Szene, aber als wir früher öfters in Bars gingen, haben wir uns immer getroffen und zusammen etwas unternommen.«

Wie war es für dich, in Umeå aufzuwachsen?
»Ich kann mich nicht beschweren. Wir lebten immer ein paar Kilometer außerhalb und zogen einige Male um. Als ich von Zuhause auszog, lebte ich ein paar Jahre in der Stadt, ging dann aber zurück in einen Ort namens Holmsund, der am Meer liegt. Wenn man den Ozean zwischen Finnland und Schweden so nennen kann. Es war ein guter Ort, um aufzuwachsen. Besonders, als wir in unseren jungen Jahren viel probten. Die Stadt vermittelte uns ziemlich günstig Proberäume, Equipment und Veranstaltungsorte, um live zu spielen. Das war sehr hilfreich, um unsere Fertigkeiten weiterzuentwickeln.«

War dein musikalischer Werdegang also von Anfang an vorherbestimmt?
»Rückblickend ist das schwer zu sagen. Mir hat es schon immer viel Spaß gemacht, zu spielen und mich zu verbessern. Aber ich bin da, wo ich heute stehe, also muss ich zumindest eine Idee gehabt haben, was ich machen will und wie ich dorthin komme. Eine schwierige Frage. Aber ich habe auf jeden Fall nie darüber nachgedacht, aufzuhören.«

www.facebook.com/Persuader

Bands:
PERSUADER
Autor:
Simon Bauer

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