Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 25.09.2013

HYPOCRISY , VENOM , HEAVEN SHALL BURN - PARTY.SAN OPEN AIR 2013 - Der Durchbruch!

Geschafft! Das neue PARTY.SAN-Gelände in Schlotheim hat sich endgültig etabliert. Rund 10.000 zahlende Besucher sind erstens mehr als in den letzten beiden Jahren und zweitens eindeutiger Beleg für das Vertrauen der Party.San-Gemeinde in das äußerst kompetente Veranstalterteam. Die RH-Belegschaft fühlte sich mal wieder wie im Paradies!

DONNERSTAG

In der Tat. Denn neben der erneut erstklassigen Organisation gibt´s on top während der nächsten drei Tage das perfekte Festivalwetter (weder zu heiß noch zu kalt und vor allen Dingen kein Regen) und zum ersten Mal auf dem Party.San: Flüssignahrung aus dem Guinness-Zapfhahn. Hell is open! Okay, beim Opener BOMBS OF HADES noch nicht so ganz. Von den ca. 10.000 Besuchern, die am Wochenende für einen Besucherrekord sorgen werden, finden sich am späten Nachmittag gerade mal ein paar hundert Neugierige vor der Mainstage ein, als das schwedische Quartett den ersten Festivaltag eröffnet. Atmete deren 2012er Album einen durchaus ansprechenden, ziemlich vitalen Old-School-Death-Metal-Vibe mit Crust-Anleihen, trümmert die blecherne Snaredrum live den eh nicht gerade differenzierten Restsound in Grund und Boden. Wer hier nicht mit den Songs vertraut ist, hat keine Chance, sich ein objektives Bild zu machen. Zumindest lassen ein gutes Dutzend ordentlich rotierende Birnen direkt vor der Bühne darauf schließen, dass ein paar Eingeweihte wissen, worum es geht.

Anschließend wird´s schon voller vor der Bühne und der Sound besser, aber die intellektuellen Post-Black-Metaller FARSOT haben sichtlich Probleme, die große Mainstage mit Präsenz zu füllen. Sich dann auch noch wie Bassist v.03/170 ein sechssaitiges Bügelbrett, also sozusagen die holzgewordene Immatrikulationsbescheinigung, unter den Hals zu klemmen und unsicher von einem Beinchen aufs andere zu tippeln, vermittelt irgendwie den Eindruck, eigentlich lieber auf dem Montreux Jazz Festival als auf dem PSOA spielen zu wollen. Spielerisch ist bei den Ostdeutschen hingegen alles im Lot. Aber auch wenn der Rest der Band mit zunehmender Dauer ein bisschen auftaut: Ohne den passenden optischen Nachdruck für die hochgelobte komplexe musikalische Grenzenlosigkeit zwischen aggressiven Black-Metal-Attacken und melodischer Düstermelancholie bleibt das irgendwie eine seltsame und unentschlossen wirkende Angelegenheit.

Das sieht bei DENIAL OF GOD komplett anders aus, und vollkommen zu Recht wurden die Dänen vom Kollegen Kranz zum PSOA-Catwalk-Sieger gekürt (siehe Splitter). Sänger Usto im unheiligen Rock, der Rest im Untoten-Look plus eine anständige Portion Corpsepaint - und schon genießt das Auge im Einklang mit den Ohren den wirkungsvoll dargebotenen Horror-Mix aus Death-, Black- und Old-School-Metal. Klar: Klischee. Aber geil! Das sieht auch das mittlerweile recht zahlreiche Publikum so, das die Dänen zum bisherigen Etappensieger kürt.

Allerdings scharren ALCEST umgehend mit den Hufen, um den Nordeuropäern diesen Platz streitig zu machen. Von unserem Schandmäulchen Wolf-Riedscher für das Debüt „Souvenirs D´un Autre Monde“ einst als „schleimige Flachheit“ und „vertontes Einwegtaschentuch“ abgewatscht, beweisen die Franzosen, dass ein gar nicht mal so kleiner Teil des PSOA-Publikums durchaus ein Faible für melancholischen Frauenversteher-Metal hat. Mit mehrstimmigem Gesang und erstklassigem Handwerk untermauern ALCEST selbstbewusst, welch überzeugenden Wirkungsgrad das Ausloten musikalischer Grenzen und der konsequente Wandel zwischen den Gegenpolen der Dynamik haben kann. Man mag es kaum glauben, aber der Mix aus melancholischem Black Metal, Psychedelic-Rock-Elementen und Opeth´scher Progressivität bringt sogar ein Pärchen zum Tanzen. Auf dem Party.San!

Okay, das gehört dann doch eher in die Kategorie „Dinge, die die Welt nicht braucht“. In dieselbe Kategorie gehört auch der Ausstieg von Drummer Mersus und Gitarrist Shrapnel bei DESTRÖYER 666. Und wenn man weiß, welch unorganisierter Chaot Bandleader, Gitarrist und Sänger K.K. Warslut sein kann, kann man sich auch problemlos vorstellen, dass die beiden Neuzugänge an Gitarre und Schlagzeug sicherlich nicht sonderlich viel Zeit im Proberaum verbringen konnten, um sich das aktuelle Programm der Australier draufzuziehen. Das würde zumindest die etwas seltsam anmutende und gefühlt sehr kurz geratene Setlist erklären. Man geht mal kurz pissen, und schon lärmt einem mit ´I Am The Wargod (Ode To The Battle Slain)´ an zweiter Stelle ungewohnt früh einer der Überhits der Band entgegen. Man holt sich ein Bier und lässt sich anschließend von Götz zulabern, wie „Metal as fuck“ Frontsau K.K. ist und wie geil er gar die Araya-Schreie bei der Slayer/Jeff-Hanneman-Huldigung ´Black Magic´ hinbekommt, und schon ist der Spaß, der zudem auch deutlich leiser ausfällt als bei den Bands zuvor, fast vorbei. Und Götz ist nach seiner Frage, wo eigentlich die epischen Songs geblieben sind, mit seinem „WTF?“-Gesicht beileibe nicht allein auf weiter Flur. (ah)

CARPATHIAN FOREST sind heute die eigentlichen Headliner. Zumindest ziehen sie das zahlenmäßig stärkste Publikum vor die Bühne (etwa dreimal so viele Fans wie Heaven Shall Burn) und werden in den Gesprächen hinterher und am nächsten Tag oft als Highlight genannt. Ich persönlich sehe es ein kleines bisschen anders: Die Band um Fäkalfetischist Nattefrost spielt ihren punkigen Black Metal sauber und tight - aber auch wenig spektakulär. Die Vocals erinnern (inzwischen) manchmal an Nuclear Assaults John Connelly, manchmal auch an Destructions Schmier, und eigentlich rumst auch alles ganz ordentlich, aber irgendwie passt ein solch „sauberes“, technisch einwandfreies Konzert nicht zu Carpathian Forest. Das nächste Mal bitte wenigstens auf die Bühne kacken! (gk)

Für ihre Verhältnisse haben sich LEGION OF THE DAMNED in letzter Zeit regelrecht rar gemacht. Dafür steckt man mit dem 2011 eingestiegenen Sechssaiter Twan van Geel, Hein Willekens an der zweiten Live-Klampfe und dem Anfang kommenden Jahres erscheinenden sechsten Longplayer „Ravenous Plague“ aber wieder voller Tatendrang. Die beiden vorab präsentierten neuen Tracks - das catchy ´Mountain Wolves Under A Crescent Moon´ und das LOTD-untypisch mit einem regelrecht exzessiven Gitarrensolo startende ´Summon All Hate´ - klingen vor allem deshalb vielversprechend, weil sie die Holländer etwas aus der Slayer/Kreator-Gedächtnisriff-Wohlfühlzone hieven, in der sie bei aller Songwriting-Qualität ansonsten rumdümpeln. Live hilft es natürlich, wenn selbst Nichtkennern jede zweite Idee irgendwie vertraut vorkommt und die Vorbilder gerade nicht verfügbar sind, so dass der Gig als absolut okay durchgeht. Durch die heutige Schwachbrüstigkeit von Maurice Swinkels´ Vocals verlieren LOTD aber in der B-Note.

HEAVEN SHALL BURN ernten als Tagesheadliner gemischte Reaktionen. Man wird trotz des für die meisten PSOA-Besucher ohnehin befremdlichen zweiten Platzes in den Media-Control-Charts den Mief der Thüringer Landluft nicht los (was den mal wieder etwas unbeholfen wirkenden Sänger Marcus Bischoff zu dem selbstironischen Kommentar verleitet, dass ihn heute immerhin die Hälfte des Publikums verstehen würde). Man erfüllt auch optisch nicht die üblichen Szeneklischees, im Publikum kursieren Veganer-Flachwitze, und sowieso sind die Kerle ja viiiiiel zu modern, zumindest wenn man mit seiner „Modern“-Definition in den späten Neunzigern stehen geblieben ist (1999 haben HSB hier amüsanterweise sogar schon mal gespielt). Es wird leider häufig ignoriert, dass die Band außer klug mit unserem Boris zu palavern auch gut die Extrem-Metal-Sau rauslassen kann. Die Performance ist auf jeden Fall die energischste und mit brutalste des gesamten Donnerstags. Aufgrund der Scheuklappen von Teilen des Publikums reicht´s aber nur zu einem Arbeitssieg vor sich langsam leerender Kulisse. (jj)

FREITAG

GUTALAX springen als Mittagstisch-Grind-Ersatz für Jig-Ai ein, da darf man nicht von technikbesessenen Feinmotorikern ausgehen. Die Tschechen entern zum „Ghostbusters“-Titelsong in scheißebeschmierten weißen Schutzanzügen die Bühne, der Vokalist mit dem stimmlichen Repertoire eines Nutzviehhofs liebevoll mit einer Klobrille behangen. Ihre Rumpelattacken diesseits der Zwei-Minuten-Grenze thematisieren ausschließlich „Pipi, Aa, Lölölö“ - oder wie in ´Robocock´ andere Genitalverirrungen und Sperma-Ausscheidungen. Auch musikalisch ist das Ganze pubertär und monoton, der Witz mit dem ultraverfremdeten Geröchel nutzt sich für den Normal-Metaller schnell ab. Dafür hat die Fraktion der kotnaschenden Karnevalsaktivisten ihren Spaß und kloppt sich am Ende der akustischen Bejauchung wie Piranhas im Blutrausch um die ihnen zugeworfene Klobrille. (btj)

Die Verbindung von Grind und Power Violence führt bei den Amis MAGRUDERGRIND zu einer technischen Perfektion und leichten Schrägheit, die Fans der schlampigen Crust-Schlagseite vieler Euro-Grinder schon wieder fast zu anstrengend ist. Dennoch reicht den Kerlen die in diesem Genre öfter auftauchende basslose Minimalbesetzung Vocals/Gitarre/Drums, um das Volk vor der Bühne begeistert die erste Polonäse starten zu lassen -  Circle-Pit kann man das Gewanke nun wirklich nicht nennen.

Der alte Sänger Dr. Ape war mit seinem dünnen Stimmchen live ein Schwachpunkt bei DR. LIVING DEAD!. Mit Dr. Mania am Mikro hat man aber etwas aufgerüstet. Die schwedischen Suicidal-Tendencies/Anthrax/Nuclear-Assault-Fanboys nimmt natürlich aufgrund ihres Venice-Beach-Zombie-Looks kaum jemand ernst, für ´ne unterhaltsame Live-Abfahrt sind sie jedoch bestens geeignet. Ständig kommen einem irgendwelche Parts verdächtig bekannt vor, so dass viele Achtziger-Aficionados nach ´ner Weile gut in Wallung geraten und je nach Fasson Haupthaar, Bierbauch oder Tanzbein schwingen. (jj)

GRAVEYARD (die Spanier) gehören zu den angesagten Underground-Death-Metallern der Stunde und spielen heute auf der größten Bühne ihrer Karriere. Ihr an frühe Dismember erinnernder, mit ein paar schleppenderen Asphyx-Parts angereicherter Sound kommt akustisch sehr gut, optisch aber nur nett rüber. Man sieht, dass sich die Band sehr auf ihre musikalische Performance konzentriert, worunter das Stageacting etwas leidet. Trotzdem wirken Graveyard authentisch und düster genug, um im Laufe des Sets immer mehr Leute vor die Bühne zu locken. Der anfangs matschige Sound bessert sich innerhalb der 45 Minuten ebenfalls erheblich.

Auch die Japaner COFFINS ballern mächtig - und bieten zudem eine ansehnliche, energiegeladene, total sympathische Show. Ihr stellenweise doomiger Death Metal kracht so wuchtig aus den Boxen, dass man als Zuschauer gar nicht unbeteiligt bleiben kann. Vor mir zappeln fünf japanische Fans (vier bangende Girls und ein Thrasher mit Bolt-Thrower-Kutte), die ihre Landsleute voller Stolz abfeiern und von den Umstehenden sofort in diverse kleine Moshpits integriert werden. Geil auch die witzigen, in erstaunlich gutem Englisch vorgetragenen Ansagen, die viel echten Death-Metal-Spirit beweisen. Nach 38 Minuten erkämpfen sich Coffins sogar eine „Zugabe“ (45 Minuten Spielzeit sind ja vorgesehen) und werden vom Publikum dafür lauthals gefeiert. Definitiv einer der Tageshöhepunkte! (gk)

Wenn Mädels feuchte Höschen kriegen und mit einer Mixtur aus Faszination und Angst zur Bühne glotzen, wenn nicht nur der Musikfan, sondern auch der Katastrophentourist einem Auftritt entgegenfiebert, dann heißt es Showtime für Kvarforth. Mittlerweile ist aber alles nur noch halb so wild. Der SHINING-Chef vollführt seine ekelerregenden Ritzereien nicht mehr live fürs große Publikum, sondern geriert sich mittlerweile als geistesarme Zeitbombe nebst Alkoholproblem. Sein stetes Hantieren mit einer Pulle Jack Daniel´s ist albern, und sein laszives, homoerotisches Vollmeisengehabe wirkt durch und durch aufgesetzt. Da Kvarforths Mitmusiker allesamt blasse Figuren sind, konzentriert sich der Zuschauer logischerweise einzig auf die affektiert agierende Reizfigur auf der Bühne. Musikalisch hingegen liefert der Depri-Black/Düster-Metal-Fünfer gute Kost ab, leider mit Gewichtung auf Stücke der letzten beiden Alben. Ach, und provokativ gemeinte Sprüche wie „Come on, you fucking mongoloids!“ taugen als Aufreger auch nur wenig. Wie auch immer: Shining sollten ihr Glück künftig auf Gothic-Festivals versuchen, denn neben Sperrmüll wie ASP und Xandria kann selbst die größte Hohlbirne noch Wirkung erzielen. (wrm)

Die holländischen All Stars GRAND SUPREME BLOOD COURT aus dem unerschöpflichen Asphyx/Hail-Of-Bullets-Baukasten sägen sich durch ihr Debütalbum „Bow Down To The Blood Court“ und hinterlassen mit ´Piled Up For The Scavengers´ und ´Fed To The Boars´ bei den Kennern im Publikum schmerzende Nackenwirbel und Kehlen. Die Riffs malmen, der Bass knirscht, Martin van Drunen verkündet mit unverkennbarer Röhre das Urteil des Blutgerichts über die Fans, von denen jedoch die meisten das Schauspiel nur aus der Entfernung und mit lockerem Beifall goutieren. Zu unbekannt ist dieses Projekt wohl, und da im Verlauf des Sets auch noch Soundspratzler von einem lockeren Stecker an den Nerven zerren, geht dieser Auftritt im direkten Vergleich zur Performance von Asphyx oder Hail Of Bullets nur mit einer Bronzemedaille über die Bühne. (jk)

Auch Tage danach kann ich das Massaker, das ANAAL NATHRAKH veranstaltet haben, nicht so richtig nachvollziehen. Brüllbrocken Dave, auch bekannt als einstiger Fronter bei Benediction, und seine vier Krachmacher donnern wüst, brutal, hysterisch, stets an der Grenze zum Chaos, aber technisch auf patentem Niveau ihre Gemeinheiten heraus, die irgendwo zwischen Black Metal, Death Metal und Grindcore zu verorten sind. Manchmal hat man das Gefühl, dass sie eher fertig werden wollen, denn die Eruptionen peitschen schneller als auf den Alben, und manchmal meint man, zwei Stücke gleichzeitig zu hören, was natürlich Quatsch ist. Da hat uns vermutlich Rensen mit seinem heimlich verteilten Schwarzgebrannten einen Wahrnehmungsstreich gespielt. (wrm)

Ich stehe voll auf Midtempo-Death und/oder Doomdeath. Wirklich! Aber der heutige Tag war bereits voll davon, und früher oder später wird der effektive Schlag in die Fresse unvermeidlich. Dafür sind VOMITORY zuständig, und die kennen nur ein Tempo: ultraschnell. Die Schweden fetzen und prügeln, dass es eine wahre Freude ist. Dass dieser Gig zu den letzten der Schwedentod-Institution gehört, stimmt traurig - umso schöner, dass heute kein Wunsch unerfüllt bleibt und der geneigte Zuhörer noch mal das volle Programm geboten bekommt. Der Rundumschlag berücksichtigt die meisten Alben, ein ausführlicherer Streifzug fällt letztendlich der unerbittlich tickenden Uhr zum Opfer. Die Band gibt noch mal alles und - zumindest das ist sicher - wird den Fans in bester Erinnerung bleiben. Und vielleicht juckt es den Musikern in ein paar Jahren ja doch wieder in den Fingern... (fp)

PRIMORDIAL kann man so oft sehen, wie man will, und es wird nie langweilig. Wie bei Motörhead wird die Show immer gleich eröffnet: „We are Primordial from the Republic Of Ireland! Are you with us?“ Und immer gehen sämtliche Arme nach oben. Alan weiß, dass er einer der charismatischsten, mitreißendsten Frontmänner überhaupt ist, und er inszeniert sich jedes Mal wie ein ganz, ganz Großer. Trotzdem stellt er seine langhaarigen, pausenlos bangenden Nebenleute nie in den Schatten, sondern achtet stets darauf, dass ein rundes Gesamtbild entsteht. Primordial sind definitiv eine der geilsten Livebands im extremeren Metal - akustisch UND optisch. Die großen Hits ´As Rome Burns´, ´The Coffin Ships´ und ´Empire Falls´ kennt inzwischen eh jeder. Da muss niemand mehr groß zum Mitbrüllen auffordern, und die Fäuste recken sich automatisch in den Himmel. Auch wenn es wie eine langweilige Phrase klingt: Primordial waren wieder mal eine der allerbesten Bands des gesamten Festivals. (gk)

„Auf UNLEASHED kann man sich halt verlassen“, so drückt es mein Hintermann aus, und Recht hat er. Auch wenn man die Band mehr oder weniger überall sieht und sich die Vorfreude dementsprechend in Grenzen hält, schaffen es die Viking-Death-Metal-Warriors immer wieder, ihr Publikum mitzureißen. Ein gut aufgelegter Johnny Hedlund führt durch einen straffen Set, der nur durch die üblichen Publikumsmitbrüllereien ein wenig aufgebläht wird. In puncto Setlist haben die Schweden allerdings etwas missverstanden: Ja, ´Into Glory Ride´ brauchen sie tatsächlich nicht unbedingt, aber das heißt nicht, dass die Frühphase komplett ausgeklammert werden soll. ´Before The Creation Of Time´ oder ´Shadows In The Deep´ könnten echt mal wieder kommen. Immerhin stimmt ´To Asgaard We Fly´ Altfans versöhnlich. (fp)

Freunde von derbem Death Metal kommen in diesem Jahr etwas kurz, weshalb der DYING FETUS-Auftritt umso mehr herbeigesehnt wird. Der Groove-Grunzer ´Grotesque Impalement´ bildet zugleich den Start des ersten Circle-Pits, und die bis weit hinter den FOH-Turm wogende Menschenmasse verdeutlicht, dass Brutal Death Metal, das Schmuddelkind im Krachland, weitaus mehr Fans hat, als manch einer zugeben mag. Bassist Sean Beasley und Gitarrist John Gallagher spielen sich die Textzeilen punktgenau zu, und Drummer Trey Williams nagelt mit Hyperspeed am Fundament der Perlen ´Killing On Adrenaline´ oder ´Your Treachery Will Die With You´. Die Fans feiern jeden Slam ausgelassen mit, und als sich zu ´Second Skin´ auch ein Aufpuste-Krokodil als Crowdsurfer versucht, steht der Headliner der Herzen fest: Dying Fetus sind fetter als der Grillnebel vom Rostbrätel-Stand und „reignen“ wahrlich „supreme“. (jk)

Mit „End Of Disclosure“ haben HYPOCRISY ihrer beindruckenden Anzahl an Atmo-Death-Metal-Hymen (Ferkel! - Red.) wieder einige Neuzugänge verschafft. Kein Wunder also, dass sie mit dem Titelsong als Opener, dem räudig holzenden ´Tales Of Thy Spineless´ und später auch ´The Eye´ und ´44 Double Zero´ ausgiebig darauf hinweisen. Ein offenbar aus privaten Gründen derzeit etwas angefressener Peter Tägtgren, der kurzfristig die Autogrammstunde platzen ließ, pumpt selbst in die von düsterem Keyboard-Beiwerk aufgeblähten Mainstream- oder Konsens-Todesblei-Hits eine Extraportion Gift und Galle. Davon profitieren die Standards ´Fractured Millenium´ und ´Roswell 47´. ´Necronomicon´ geleitet in die kompromisslose Band-Urzeit, als Hypo selbst noch keine Standards setzten, sondern u.a. zu Deicide aufschauten. Ein verdienter Headliner, der Hardliner und Gemäßigte eint. (btj)

SAMSTAG

Die vermeintliche mexikanische Todesschwadron zum Tagesauftakt stammt aus Kalifornien und ist die Old-School-Death-Metal-Spielwiese von Fueled-By-Fire-Gitarrist Chris Munroy. Der tritt bei SKELETAL REMAINS in die Fußstapfen des jungen Martin van Drunen, mit einer schrillen John-Tardy-Note im bestialischen Abgang. Der Vierer holzt sein Debüt „Beyond The Flesh“ durch und glänzt besonders in ´Homicidal Pulchritude´. Der Balanceakt zischen direkter Brutalität mit einigen Schüben Demolition Hammer/Solstice/Malevolent Creation (Chris kann den Thrasher nicht ganz ausschalten) im Riffing und kranken Harmonien gelingt. Statt des Gorguts-Covers (LP-Bonustrack) hauen die auch später beim Biertrinken hochmotivierten Jungs gemeinsam mit Originalsänger Marc Grewe den Morgoth-Hit ´Body Count´ raus und haben damit noch mehr Sympathien auf ihrer Seite. (btj)

PROCESSION eröffnen ihre Doom-Messe mit einem satanischen Intro, das von zwei okkulten Bannern optisch abgerundet wird. Um trotzdem keinerlei Gesinnungszweifel aufkommen zu lassen, bringt Sänger/Gitarrist Felipe diverse Male seine Abneigung gegen „Hippies“ zum Ausdruck: „Fuck them! Enough with them! Long live Heavy Metal!“ Ob er damit all die friedlichen Doomheads meint, die epische Großtaten wie ´To Reap Heavens Apart´ Wort für Wort mitsingen, darf allerdings bezweifelt werden. Ist auch nebensächlich, denn die tollen Gitarrenharmonien und die wuchtigen, mit Präzision gespielten Powerdrums (Uno von In Solitude) werden von Black-Metal-Kriegern und Doom-Hippies gleichermaßen abgefeiert. Der kleinste gemeinsame Nenner sind da wohl Rainbow oder die Dio-Phase von Black Sabbath - und diese Einflüsse finden sich ganz unüberhörbar auch bei Procession wieder. Neben einer gigantischen Portion Candlemass natürlich. (gk)

Es ist kein Vergnügen, bei diesen sommerlichen Temperaturen akkurat zum Bandnamen in Kapuzen gehüllt aufzutreten, aber irgendjemand muss den dreckigen Job ja erledigen. Lasse Pyykkö und einige seiner heutigen Mitstreiter haben vor über 20 Jahren mit Phlegethon finnische Death-Metal-Geschichte geschrieben. HOODED MENACE zelebrieren auf drei Alben und den zahlreichen Split-Singles ebenso wie live die konsequente Entschleunigung des Genres. Nachhallende Riffs, der überbetonte Bass und die trägen Beats riechen modrig nach alter Kathedrale. Selten brechen sie aus in karg groovende Stoner-Wüstenlandschaften oder memorables Melodiewerk (´Effigies Of Evil´). Noch seltener erhöht gar Celtic-Frost-geschwängertes Uptempo den Lavafluss. Auf wie vor der Bühne machen sich dabei Ermüdungserscheinungen breit, zumal die Finnen optisch nichts bieten. (btj)

Pünktlich zum ersten Nachmittags-Snack - tatsächlich sind überdurchschnittlich viele Fans kauend anzutreffen - läuten DEMONICAL die Glocke des schwedischen Todes. „Ey, der Sänger sieht voll aus wie Johan Hegg“, schmatzt ein Fan zum anderen rüber, und Tatsache: Sverker Widgren hat im ärmellosen Shirt mit Lederstutzen, Zottelbart und blonder Mähne durchaus Ähnlichkeit mit dem Amon-Amarth-Fronthünen. Zwischen den Songs plaudert er mit sympathischer Lockerheit, doch sobald die ersten Takte eingezählt werden, mutiert die Quasselstrippe zum Headbang-Monster. Dazu serviert das Quintett aus Avesta den fettesten Schweden-Death des Wochenendes (sorry, Unleashed!) und verzückt alte und neue Fans gleichermaßen mit einer umfassenden Setlist vom Demo-Urschleim ´Unholy Desecration´ bis zu aktuellen Hymnen wie ´March On For Victory´. Dafür ernten Demonical verdienten und langen Beifall. (jk)

TSJUDER werden von einer riesigen Meute vor der Bühne empfangen, denn sie zählen zu den wenigen echten Schwarzmetall-Bands des Billings. Der üppig geschminkte und mit einer halben OBI-Filiale an Nägeln bewehrte Dreier holzt hysterisch und kalt seine nordischen Gemeinheiten, und man wünscht sich, in einem dunklen Club zu stehen - und nicht auf einem sonnendurchfluteten Areal. Wie auch immer: Musikalisch gibt´s wenig zu meckern, denn Stücke wie ´Daudir´ und ´The Daemon Throne´ von „Legion Helvete“, dem jüngsten Album der Osloer Truppe, kann man durchaus als fiese Hirnficks bezeichnen. (wrm)

Das Angebot für die Tech-Death-Fans ist zwar klein, aber mit OBSCURA mehr als fein besetzt. Münchens Könige des Überschall-Sport-Metal kündigen ´The Universe Momentum´ als „Stück für alle Gitarristen auf dem Acker“ an und lassen die Kauleisten der anwesenden Musiker im Folgenden gar nicht erst wieder zuschnappen. Das so leichtfüßig anmutende Wechselspiel aus melodischen Passagen und rasant-brutalen Parts der Gitarrenhexer Christian Münzner und Steffen Kummerer wird von den Fans zum Teil staunend, zum Teil wie in Trance bangend abgefeiert. Vor allem die frenetischen Reaktionen auf das mit aberwitzigen Solo-Sturzflügen und Riff-Loopings gespickte Konsenz-Kunstwerk ´The Anticosmic Overload´ zeigen deutlich, warum Obscura zu den international wichtigsten Vertretern des progressiven Death Metal zählen: Die Jungs haben es einfach drauf und sind bei aller sportlichen Überlegenheit grundsympathische Kerle. (jk)

Die Sonne macht ´ne kurze Pause. Oder flieht sie vor dem nordischen Heidensturm HELRUNAR, der das Gelände mit musikalischer Kälte überzieht? Unpeinlicher, absolut authentischer, unkommerzieller Pagan/Viking Metal (der überhaupt GAR nichts mit der Methorn-Wackinger-Ballermann-Fraktion zu tun hat, sondern sich frühen Helheim und Enslaved verbunden fühlt) mit geilen Black-Metal-Melodien, ausdrucksstarkem, teils gegrowltem Gesang und sehr viel Atmosphäre überkommt Schlotheim und zieht Tausende in seinen Bann. Der charismatische Frontmann Skald singt so flexibel und akzentuiert, dass man finstere Hymnen wie ´Nebelspinne´, ´Unter dem Gletscher´, ´Grátr´ (vom ersten Demo), ´Ich bin die Leere´ (dito) und natürlich ´Älter als das Kreuz´ Wort für Wort mitbekommt, obwohl seine Mitmusiker oft genug Vollgas geben. Jakob steht beeindruckt neben mir und trifft den Nagel auf den Kopf: „Das ist kein Klamauk. Das ist ultrafies!“ Genau. Und trotzdem auf unaffektierte Weise poetisch. Hammer! (gk)

Egal, wo DESASTER aus dem Taxi, Bus, Zug oder Flieger geschmissen werden: Wenn sie einstöpseln und Krach machen, ist die Welt wieder in Ordnung. Ich habe noch nie einen schlechten, nicht einmal einen mittelmäßigen Gig der Koblenzer Verbrecherbande gesehen, denn selbst wenn dem Getränkequartett, allen voran dem Duo Tormentor´n´Odin, die Orgie der letzten Nacht noch in den Knochen steckt, ackert die Truppe auf der Bühne wie bekloppt, denn sie ist herzmäßig mehr Metal als die Hälfte des Gesamtbillings. Und so feiert das Party.San einmal mehr mit geballten Fäusten und wehenden Haaren Black-Thrash-Perlen wie ´Phantom Funeral´, ´Teutonic Steel´ sowie das wuchtig heruntergeholzte Slayer-Cover ´Black Magic´. Bärenstark!

Zunächst Autopanne und verspätetes Eintreffen auf dem Festivalgelände, danach die große Enttäuschung des Wochenendes: IMPALED NAZARENE, speziell Mika Luttinen, sind nur ein Schatten ihrer selbst. Der Sänger, einst berühmt-berüchtigt für eine der hysterischsten Stimmen der gesamten Szene und eine provokante Aura, hat gewichtsmäßig kräftig zugelegt, tapert wie ein Teddybär über die Bühne und wirkt wie eine entführte Couchpotato. Seine Stimme hat jegliche Aggression und Durchschlagskraft verloren, und bereits nach wenigen Minuten japst er erschöpft nach Luft. Und seine Begleitband wirkt alles andere als fies, gemein und außergewöhnlich. Prachtgeschosse wie ´The Horny And The Horned´ vom Gottalbum „Ugra-Karma“ klingen heutzutage wie stinknormale Thrash-Nummern. Sorry, aber bei den Finnen ist die Luft komplett raus. Sollte das tatsächlich der Normalzustand sein: bitte auflösen! (wrm)

Alte Teutonen-Thrash-Legenden sind auf dem Party.San immer gern gesehen. Daher ist es kaum zu glauben, dass DESTRUCTION dieses Jahr erstmals hier auftauchen. Der Dreier um unseren Lieblings-Choleriker Schmier (b./v.) donnert zunächst durch okaye aktuellere Geschosse wie ´Thrash Till Death´, ´Spiritual Genocide´ und ´Nailed To The Cross´, bevor überwiegend die ganz alten Nackenbrecher ausgepackt werden. ´Total Desaster´, ´Mad Butcher´, ´Bestial Invasion´ und ´Curse The Gods´ zeigen mal wieder mit gänsehäutiger Eindringlichkeit, dass die Kerle einen Haufen echte Gott-Riffs in ihrer History haben, auch wenn die allesamt aus dem letzten Jahrhundert stammen. Cool ist, wie der neue Drummer Vaaver den Oldies durch sein variables Spiel einige originelle Facetten verpasst. Das lässt dann auch über den teilweise arg matschigen Sound hinweghören.

An Finnlands Pagan-Folk-Metaller KORPIKLAANI trauen sich die Party.San-Veranstalter schon zum dritten Mal ran. Wenn man bedenkt, dass auf dem Rock Hard Festival einige Fans bereits den um einiges ernsthafteren Ensiferum die Arschkarte zeigten, ist das nach wie vor ein bisschen seltsam. Aber es kommt wie in den Jahren zuvor: Der extrem durstige Sound der Finnen zündet am besten bei Zuschauern, die schon zu Beginn des Sets gut abgefüllt sind oder sich beim Anblick der Knalltüten auf der Bühne blitzschnell volltanken. Gemeinsam üben sich dann Met-Metaller und Frustsäufer in mal mehr, aber meist minder gelungenem Ausdruckstanz. Der Rest ignoriert den Schmonz einfach. (jj)

CARCASS wollen es noch mal wissen. Mit neuem Gitarristen Ben Ash (u.a. ex-Desolation) und dem ebenfalls frischen Daniel Wilding an den Drums (hat schon für so verschiedene Bands wie Heaven Shall Burn, Trigger The Bloodshed und Aosoth gespielt) hat die Truppe um Sänger Jeff Walker ein neues Album eingeprügelt und ist in dieser Festivalsaison dementsprechend das letzte Mal mit einer reinen Old-School-Setlist zu sehen. Neues Material gibt es nicht zu hören, dafür prügelt sich eine bestens aufgelegte Truppe durch einen vor Highlights strotzenden Set und entwickelt dabei häufig sehr viel mehr Groove, als es die Originalversionen hergeben. Walkers Stimme ist nach wie vor eine Ausgeburt an Gemeinheit, und die Gitarrenparts fließen mit spielerischer Leichtigkeit von den Fingern in die Verstärker. Carcass sind auch heute für ihre Nacheiferer unerreichbar. (fp)

VENOMs aktuelle Szenerelevanz liegt ungefähr bei null, und dass sie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mal ´ne Platte „Black Metal“ genannt haben, ist der zeitgenössischen Schwarzmetall-Elite aufgrund des ganzen „Wir haben das damals doch gar nicht ernst gemeint!“-Gelabers weitgehend egal. Konzentrieren wir uns also auf das, was wir heute hören wollen: einen laut Basser/Sänger/letztem Originalmitglied Cronos „einmaligen Old-School-Set“ derbe rockender Evil-Metal-Classics. In beinahe chronologischer Reihenfolge und zum Teil in monströse Medleys verpackt dröhnen fast alle Hits von 1980 bis ´83 (u.a. ´Witching Hour´, ´Live Like An Angel (Die Like A Devil)´, ´Bloodlust´, ´Leave Me In Hell´ ´Don´t Burn The Witch´, ´The 7 Gates Of Hell´ und natürlich ´Black Metal´) in die begeisterte Meute. Als einziger Song mit weniger als 30 Jahren auf dem Buckel schleicht sich zum Abschluss das geile ´Pedal To The Metal´ ein. Cronos stolziert und röhrt wie in den Achtzigern. Nur der Haaransatz rückt immer weiter gen Nacken. Rage behandelt die Mantas-Riffs mit Respekt, und Dante ist ein Power-Trommler der Mikkey-Dee-Liga, der den Abaddon-Dilettantismus der Vorlagen drei Stufen aufwertet und z.B. dem doch eher verzichtbaren ´In League With Satan´ einen ganz neuen Drive verpasst (also bitte niemals im Original-Line-up reformieren!). Die erwartete Pyroshow fällt weitgehend weg, aber fuck it: Der Venom-Gig ist ein großartiger Abschluss eines ohnehin saucoolen Party.San 2013! (jj)

Auf dem Party.San am Start wie ´ne Eins: Andreas Himmelstein (ah), Götz Kühnemund (gk), Jan Jaedike (jj), Wolf-Rüdiger Mühlmann (wrm), Björn Thorsten Jaschinski (btj), Jakob Kranz (jk) und Felix Patzig (fp).

DIE ZELTBÜHNE

FREITAG

Auf Platte auch schon eher eine „Yo, ganz nett“-Band, schaffen es BLEEDING RED als Opener der Zeltbühne zwar, ihre guten 20 Minuten Spielzeit nicht gerade langweilig, allerdings auch nicht wirklich begeisternd zu gestalten. Vor allen Dingen der Gitarrensound ist zu matschig, weshalb die Black/Death/Thrash-Melange leider ein bisschen seelenlos und aufgesetzt hart rüberkommt. Aber die Band hat Spaß, Klampfer Manuel und Sänger/Gitarrist Timo rotieren sich fast die Rüben von ihren Schädeln, und Letzterer freut sich darüber, dass das Publikum um diese Uhrzeit das Zelt voll macht. Hüstel. Auch wenn der Zuschauerzuspruch für eine Newcomerband um diese Uhrzeit auf der Nebenbühne durchaus positiv ausfällt: Zwischen einem vollen und einem zu einem Drittel gefüllten Zelt liegen immer noch zwei Drittel leeres Zelt. Tipp: Fielmann.

WOUND zählen zu den Hoffnungsträgern im Death-Metal-Untergrund und verteidigen ihre Vorschusslorbeeren souverän gegen die Konkurrenz. Die Wiesbadener haben das Zelt sofort im Griff, ihr gallegiftiger Sound mit der notwendigen Dosis Groove kommt bei den Fans erwartungsgemäß gut an. Sänger Chris keifbrüllkrächzt in die immer dichter werdende Wolke aus Staub und Schweiß, Drummer Johannes unterhält mit Stick-Kunststücken, und die Saitenfraktion pumpt dicke Lava durch die Boxen. Seine knappe Spielzeit von nur 25 Minuten nutzt das Quartett bestmöglich aus, packt sogar noch einen Song vom 2012er Demo mit ins Programm und liefert so eine lupenreine Bewerbungsmappe für einen Auftritt auf der Hauptbühne in den kommenden Jahren ab.

Im Anschluss wird das ohnehin schon hohe Niveau durch DESERTED FEAR noch überboten. Ein Blick auf die Shirts der Fans im Zelt zeigt, dass die Thüringer den mit Abstand größten Fanclub aufbieten können. Durch diesen angestachelt, kämpft die Band besonders energisch um ihren Heimspiel-Sieg. Die Songs ihres im vergangenen Herbst bei F.D.A. Rekotz erschienenen Debütalbums „My Empire“ sprechen die klare Sprache der alten Schule, bekommen aber durch Wechselgesang, das eigenständige Spiel von Macbeth-Drummer Simon Mengs und die fette Walze aus akzentuierten Riffs eine ganz eigene und interessante Note. Mit jedem Stück drücken die Eisenberger mehr auf die Tube und kommentieren ihren Auftritt vor dem letzten Song mit einem charmanten „Saugeil, Aldorr!“. F´jeden! (jk)

Jede Menge Nebelschwaden, die das komplette Festivalzelt durchströmen und schlussendlich aus dem Zelt herausquellen, dazu gedämpftes blaues und lila Licht auf der Bühne - und vier finstere Gestalten, die man eher erahnen als sehen kann: ALCHEMYST zählen zur neuen Generation an mystischen, okkulten Death-Metal-Bands. Eigenwillige Songstrukturen, ein eher skandierender als brüllender Sänger, sakrale Stimmung und atmosphärische Parts zwischen den Songs (Highlights: ´House Of Aides´ und ´The Inner Fire´) - bei den Thüringern handelt es sich eher um ein Ritual als um einen Auftritt. (wrm)

Was FRAGMENTS OF UNBECOMING auf der Newcomerbühne zu suchen haben, ist zumindest mir nicht ganz klar. Die Truppe kann immerhin auf 13 Jahre Bandgeschichte zurückblicken und hat auch schon vier Longplayer im Rücken. Daher wundert die Routine im Auftreten der Laudenbacher nicht wirklich. Sie präsentieren ihren melodischen Death Metal und erfreuen damit eine gar nicht so kleine Fanschar, die sich vor allem von den Gitarren verwöhnen lässt. Dennoch erreicht die Band nicht die Reaktionen der Zelthöhepunkte, was der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass ihre Musik den Nerv des Party.San-Publikums nicht ganz so stark trifft wie Alchemyst oder Erazor, aber auch daran liegt, dass die Performance nicht besonders wild und/oder emotional ist. Stark ist der Gig aber allemal. (fp)

SAMSTAG

ERAZOR sind mal so richtig geil. Also, wirklich so richtig schweinegeil! Der Auftritt ist ausgezeichnet dazu geeignet, das Vertrauen in den deutschen Underground herzustellen. Die jungen Wilden beackern die Bühne, dass der Zuschauer gar nicht weiß, wohin mit seinem Auge, trotz fehlender Ansagen ist eine beständige starke Verbindung zwischen Musikern und Publikum zu erkennen, und es fließt literweise Herzblut. Ein schlechter Monitorsound führt zu ein paar Problemen im Zusammenspiel, die aber mit viel Energie ausgeglichen werden und für das Gesamterlebnis kaum ins Gewicht fallen. Dazu überzeugt die musikalische Mischung, die zwar simpel, aber keineswegs stumpf daherkommt und immer wieder mit interessanten Schlenkern überzeugt. Schickt diese Band mit einem Headliner der Marke Deströyer 666 auf Tour, und die Underground-Clubs Europas werden erbeben. (fp)

DEATHRONATION aus Nürnberg zerlegen das halbvolle Zelt mit einer blutigen Mischung aus düsterem, brutalem Death Metal und fiesem, traditionellerem Black Metal, verpackt in ein okkultes Gewand. Sehr viel tighter sei die Band geworden, sagen Nürnberger Deathronation-Fans, die die Band schon mehrmals live gesehen haben. Ich kenne nur ihre (auch im Rock Hard besprochene) „Exorchrism“-Demo-CD, die zwar sehr vielversprechend, aber noch nicht so brachial wie diese Performance heute war. Da könnte in den nächsten Jahren ein echter Sturm auf uns zukommen! (gk)

SULPHUR AEON machen spätestens seit dem finster-bombastischen Black-Death-Opus „Swallowed By The Ocean´s Tide“ hörig. Die minimale Live-Erfahrung merkt man dem erst kürzlich bühnentauglich aufgestockten Duo nur anhand der statischen Frontlinie an. Angesichts der Wucht ihrer Kompositionen ist diese Standhaftigkeit der Saitenfraktion aber eine Kunst: Bei dem Rückstoß würden andere erbärmlich einbrechen. Die Reaktionen im zum Bersten gefüllten Zelt sprechen für sich. ´Those Who Dwell In Stellar Void´ und das Albumtitelstück ziehen mal rasend schnell, mal mit doomiger Schwere und mystischem Melodiewerk von Mastermind T. in die Tiefe zu Cthulu. Beim „Ia! Ia! Cthulu fhtagn!“-Mantra vom EP-Track ´Ruins Underneath The Waves´ geht Grollstimme M. mit eindringlichen Schreien aus sich heraus, unterstützt vom hundertfachen Echo des Publikums. (btj)

Die größten Zuschauerreaktionen aller Zeltbands heimsen eindeutig ATTIC ein. Das Fünfergespann ist mit der The-Devil´s-Blood-Tour und der bereits bestrittenen Festivalsaison im Rücken zu einem routinierten Liveact gereift, dem auch in spielerischer Hinsicht niemand mehr etwas vormacht und der bereits beim Opener ´Funeral In The Woods´ alle Fäuste und Stimmen auf seiner Seite hat. Das zahlreiche Publikum frisst Fronter Cagliostro aus der Hand, singt vor allem den Hit ´The Headless Horseman´ lautstark mit und spornt die hochmotivierten Musiker zu Höchstleistungen an. Dass die Band stilistisch nicht richtig aufs Party.San passt, stört niemanden, Zugaberufe erschallen und werden mit dem Pentagram-Cover ´Dying World´ beantwortet. So sieht dann wohl ein Triumphzug, vor allem aber ein Gesellenstück aus, das die Band für die großen Bühnen qualifiziert. (fp)

Die schnörkellose PURGATORY-Dampframme bildet den Abschluss der Zeltbühnen-Action. Die Party.San-Urgesteine aus dem sächsischen Nossen müssen sich zwar anfangs noch mit einer 15-minütigen Verzögerung rumschlagen, die jedoch andererseits für einen noch größeren Zuschauer-Zustrom sorgt. Und so ist zu den ersten Riffs kaum noch ein freies Plätzchen vor der Bühne zu finden, und Sänger Mirko Dreier hat mit der bangenden Meute leichtes Spiel. Egal, ob Purgatory auf ältere Klassiker oder Material vom aktuellen Killer-Album „Deathkvlt - Grand Ancient Arts“ setzen: Das Getrümmer entspricht genau der Kragenweite der Fans, die sich von der energisch aufspielenden Band schnell mitreißen lassen. Purgatory sind ein würdiger Headliner auf der an Highlights reichen Underground-Stage des Party.San-Jahrgangs 2013. (jk)

RANDNOTIZEN

  • Die Rock-Hard-Wortfindungskommission hat am Party.San-Samstag bei 500 frisch gezapften Bierchen getagt, nach langer Beratung den „Witz des Wochenendes“ gewählt und dabei den jüngsten aufrüttelnden Editorial-Worten Michael Rensens Rechnung getragen: Ein Mann steht vor einer Kneipe und weint. Kommt ein anderer Mann des Weges, sieht den Weinenden, geht hin und fragt: „Was ist denn mit dir los? Warum weinst du?“ - „Kein´ Durst!“
  • Auf der Rückfahrt vom Gelände outet sich wrm als Kenner des aktuellen Heino-Albums, das in voller Lautstärke (inklusive Navi-Ansagen) aus den Boxen dröhnt. Konsens-Highlight ist der Gassenhauer ´Kling Klang´ der DDR-Hippies Keimzeit. O tempora, o mores!
  • Der Titel „Härtester unter der Sonne Gottes“ wird an Kollege Himmelstein verliehen, der trotz fieser Umknick-Aktion und daraus folgender Regenbogenfärbung am Fuß cool blieb, den Rest des Festivals auf einem Bein balancierend verbrachte und sich nur gelegentlich am Erfrischungsstand aufstützen musste.
  • Papa Götz war Festivalkönig, da er der Belegschaft sein Auto als Garderobe, Kleider- und Plattenschrank zur Verfügung stellte. Der meistgehörte Satz war demzufolge nicht „Willste auch noch eins?“, sondern „Kann ich das in deinem Auto lassen?“.
  • Kollege Kranz wird von einem Fan die Missachtung der StVO unterstellt. „Du hast vor zwei Stunden noch im Radio gesagt, dass du HSB sehen willst. Die 340 Kilometer von Potsdam nach Schlotheim sind in dieser Zeit nicht zu schaffen!“ Dem aufmerksamen Mitbürger musste daraufhin detailliert die Funktionsweise eines Aufnahme- und Abspielgerätes erklärt werden, denn die Radiosendung war eine Aufzeichnung.
  • Bei der internen Dienstbesprechung wird das letzte Rock-Hard-Editorial analysiert. Die Rensen-These „Es kann nicht sein, dass sich Leute damit brüsten, bei Festivals mehr Bier getrunken als Bands gesehen zu haben!“ wird von Fotofee Saskia mit einem trockenen „Was kann ich dafür, dass hier nur 30 Bands spielen?“ kommentiert. Womit das Motto der Saison gesetzt wäre.
  • Neuester Trend der Fan-Spackerei ist nach „Extrem-Plüschtier-Verkleiding“ und „Stoffhasen-Mützen-Banging“ das bislang nur aus der Autotuner-Szene bekannte „Wrapping“: Dazu wird ein ahnungsloser Maniac erst entkleidet und anschließend komplett und mehrere Zentimeter dick in Frischhaltefolie gewickelt. Der Ärmste musste von zwei Bekannten im Weihnachtstannen-Tragegriff zum Pissoir getragen werden. Wie er sich dort Erleichterung verschaffte, verschweigen wir an dieser Stelle. Aus Gründen.
  • Backstage erlebt die finnisch-finnische Nachbarschaftspflege zu später Stunde einen späten Frühling. Der Inhalt der Unterhaltung zwischen Impaled Nazarene und Korpiklaani ist aus Mangel an Kenntnis der südfinnischen Gossensprache nicht kolportiert, es tauchen jedoch immer wieder Formulierungen wie „Jenau, Alter!“, „Kennze? Kennze?? Kennze???“, „Café frappé“ und „Schuppenshampoo“ im Gemurmel auf.
  • Auf dem offiziellen PSOA-Catwalk siegen Denial Of God in hautengen und samtschwarzen Spandexbuxen inklusive Patronengurt knapp vor Korpiklaani-Bassist Jarkko in zerlatschten Biolatschen und einem Kollegen der fotografierenden Zunft in DDR-Grenztruppenuniform. Außerhalb der offiziellen Wertung läuft Papa Götz K., der sich vor der Abreise zum Gelände von der Belegschafts-Stylepolizei optisch beraten ließ: „Nee, das Thrash-Of-The-Titans-Shirt geht nicht schon wieder. Haste noch was anderes mit?“ - „Ja, ich hab noch ´n paar in meinem fahrbaren Kleiderschrank!“ Die Wahl fiel per demokratischer Mehrheitsentscheidung auf ein „Nightfall“-Leibchen von Candlemass. So geht Swag, bitches!
  • Das Intro zur Venom-Show lief bereits, da musste Wolf-Riedscher Miehlmonn kurz feucht aufstoßen: direkt von hinten in Götz´ linken Schuh. Während die Umstehenden, z.B. die Herren von Desaster, die Szene amüsiert beobachteten und laut bejubelten, stampfte der Dicke im Black-Metal-Wahn eine gute Stunde lang durch die übel riechende Pfütze. Lecker!

Bands:
VENOM
HEAVEN SHALL BURN
HYPOCRISY
Autor:
Felix Patzig
Björn Thorsten Jaschinski
Jan Jaedike
Götz Kühnemund
Andreas Himmelstein
Jakob Kranz
Wolf-Rüdiger Mühlmann

Auch interessant:


Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.