Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 21.09.2011

PARTY.SAN 2011 - Neuer Ort, neues Glück

Das Party.San, Deutschlands bestes Extrem-Metal-Festival, musste aus logistischen Gründen von Bad Berka nach Schlotheim umziehen. 8.500 Black-, Death- und Thrash-Metal-Fans waren aber trotz leichter Anlaufschwierigkeiten unterm Strich auch mit der neuen Location rundum zufrieden.

Donnerstag

Der erste Festivaltag startet stürmisch: Ein heftiger Wind wirbelt nicht nur Frisuren und Bierbecher durcheinander, sondern auch die Dachplane der Hauptbühne. Die hält den Böen nicht stand; aus Sicherheitsgründen wird deshalb das komplette Freitagsprogramm auf die Zeltbühne verlegt. Eine Panne, die man den Veranstaltern nicht anlasten kann, die aber bei anderen Festivals schnell zu größerem Ärger führen würde. Im Falle Party.San weiß jeder, dass alles Menschenmögliche getan wird, um solch drastische Schritte zu verhindern. Sind Konsequenzen trotzdem unumgänglich, hat so gut wie jeder Verständnis. Deshalb Daumen hoch für die Crew!

Und zumindest für den Opener BYFROST ist die etwas intimere Atmosphäre sicherlich nicht die allerschlechteste Lösung - das Zelt ist zu Beginn nur leidlich gefüllt. Nach und nach steigt der Zuspruch für den Black-Thrash des norwegischen Trios, dessen Mitglieder so klangvolle Namen wie Heavyharms, R.I.P. Meister und Alkolust tragen. ´Buried Alive´ vom aktuellen Album „Of Death“ groovt z.B. ziemlich gut, und bei ´Horns To The Sky´ reißt dann auch der Letzte im Publikum engagiert seine Arme in die Höhe. (kp)

Gut gefüllt ist es auch bei DEW-SCENTED. Im hinteren Teil des Zeltes scheint allerdings der aktuelle Umstand „Zelt statt Bühne“ noch ein bisschen auf die Stimmung zu schlagen. Dafür geht´s vorne aber weiterhin ordentlich zur Sache. Bei anständigem Sound fügt sich Neuzugang Michael Hankel (Holy Moses) nahtlos ins Bandgefüge ein, und die Burschen um Sänger Leif liefern die gewohnt solide und überzeugende Thrash-Kost ab. (ah) (Zwei, drei Songtitel hätte man vielleicht auch noch erwähnen können, Herr Himmelstein... - Red.)

„We want everybody to fuckin´ die!“, brüllt Sven de Caluwé in sein Mikro. Er macht es in seinem schwarzen Kurzarmhemd auf der Bühne vor, und im Publikum geht´s rund: Bei ABORTED ist kollektives Durchdrehen angesagt, bis das Kondenswasser von der Decke tropft. Überzeugen kann das belgische Abrisskommando, das über die vergangenen 16 Jahre zu einem festen Bestandteil der Death-Metal-Szene gewachsen ist, vor allem mit seinen ultrabrutalen Nummern und einer Performance voller Adrenalin. Während die erste Reihe über den Absperrgittern hängt und bangt, was die Nackenmuskulatur hergibt, zieht dahinter ein Circle-Pit nach dem nächsten seine Kreise. Mit Aufforderungen dazu spart de Caluwé nicht, als Begleitprogramm fliegen Schuhe und Crowdsurfer - der weibliche Anteil ist hier ziemlich hoch - durch das mehr als gut gefüllte Zelt. (kp)

Nach der wüsten Hackebeil-Lehrstunde folgt das komplette Kontrastprogramm: Wald, Wiese, Berge und Gebirgsbäche statt Blutrausch; Nachdenklichkeit statt Angriffslust. NEGURA BUNGET, das muss selbst der größte Verächter von spirituellen Pagan-Sounds zugeben, sind echt, greifbar und glaubwürdig. Oder um es anders auszudrücken: Weil immer mehr windschiefe, unheilbar alberne Methornkapellen die Pagan-Szene zur lächerlichen Travestie verkommen lassen, werden die Rumänen von Jahr zu Jahr wichtiger. Mit ihren großen, oftmals überlangen Kompositionen und der beeindruckenden Bühnenperformance inklusive der vielen selbstgebauten hölzernen Instrumente liefern Drummer und Bandboss Negru und seine Mitstreiter eine packende, inspirierende Show ab, die die große Bühne absolut verdient hätte. Highlights: das Doppel ´Paminit´ und ´Dacia Hiperboreana´ sowie die „Om“-Großtat ´Tesarul De Lumini´. (wrm)

DARKENED NOCTURN SLAUGHTERCULT hatten extra einen Sack Pyros gekauft, um auf der großen Bühne mal so richtig die Sau rauszulassen. Aber das Zelt brennt beim Gig des Vierers auch ohne Feuerwerk, und die Schädel-Pentagramm-Kreuz-Dekoration ist ein echter Hingucker. Wobei der wahre Augenschmaus natürlich Onielar (g./v.) bleibt, die abwechselnd an ´ner Bierdose und ´ner Blutflasche nippt und schon nach fünf Minuten das geilste blutverschmierte Corpsepaint seit Kiss´ „Alive II“ im Gesicht trägt. Dazu krächzt die Dame mit der fast knielangen Matte die unheiligsten Shrieks, wo gibt. Es ist immer wieder faszinierend, wie sie und der zweite Bandkopf Velnias (g.) blitzschnell von ihrer „bürgerlichen“ Existenz in ihre Black-Metal-Alter-Egos schlüpfen, ohne im Mindesten zu wirken, als würden sie lediglich schauspielern. Musikalisch gibt´s ebenfalls nix zu meckern, speziell ´The Descent To The Last Circle´ hat einen der besten Grooves, die je aus einer deutschen Schwarzmetall-Fabrik kamen. (jj)

Unter den eher suboptimalen Umständen im Partyzelt leiden natürlich auch DECAPITATED, speziell im soundtechnischen Bereich. Die Drums sind zu laut, die Gitarren dagegen nicht druckvoll genug. Stören tut das indes kaum jemanden; zu groß ist die Freude, die neu formierte Truppe um das letzte verbliebene Gründungsmitglied Vogg endlich mal wieder live sehen zu können - zumal lange unklar war, ob die vom Schicksal arg gebeutelte Band (Drummer Vitek starb vor vier Jahren nach einem schweren Tourbus-Unfall) überhaupt weitermachen würde. Zwar haben sich die Polen auf ihrem neuen Longplayer „Carnival Is Forever“ ein Stück weit von ihrem typischen, technischen Death-Metal-Sound verabschiedet, heute Abend darf man sich aber über viele alte Songs in der Setlist freuen, die von der Band mit großem Enthusiasmus dargeboten werden. Willkommen zurück! (fa)

Kompromisslose Intellektualität nicht als gewähltes Alleinstellungsmerkmal, sondern als tief empfundene Notwendigkeit: Was ein Teil des Publikums (wenig überraschend, aber auch nicht weiter schlimm) als langweilig empfindet - das Zelt ist sehr gut gefüllt, mit ein bisschen Geduld und Spucke kann man sich während der Show aber durchaus noch nach vorne kämpfen -, ist genau der Reiz, der bereits früh bei Celtic Frost angelegt wurde und bei TRIPTYKON nun in voller Blüte steht. Auf die Musik der Band muss man sich dementsprechend mehr denn je einlassen, als Festivalabschluss nach acht Stunden Brutz-&-Brakel-Betankung gerät der unbarmherzige Sog, den Repetitives von ´Procreation (Of The Wicked)´ bis ´The Prolonging´ entwickelt, schnell zur Geduldsprobe. Wer seinen inneren Schweinehund besiegt, findet sich aber wieder einmal gefangen in unglaublicher Atmosphäre und auch sich selbst, mehr denn je sanft geführt von einem heute anscheinend nicht gerade großartig gelaunten, aber gerade deshalb umso charismatischeren Thomas Gabriel Fischer (Tom hatte vor der Show nur wenig Bock aufs Zelt) und Bassistin Vanja Slajh, diesem undurchschaubaren Blickfang, den man sich immer wieder an der Seite von Lina Romay in einem alten Jean-Rollin- oder Jess-Franco-Film vorstellt. (bk)

Freitag

Die Schweden PUTERAEON profitieren zum einen davon, dass nach dem gestrigen Tag einfach jeder geil auf eine richtige Open-Air-Sause ist, zum anderen bestehen sie trotz ihres jungfräulichen Bandalters aus gestandenen Musikern, die den Elchtod alter Schule aus dem Effeff beherrschen. Entsprechend voll klingt der Sound. Das ändert nichts daran, dass Gitarrist und Growler Dr. Lindblood (Taetre) kein wirklicher Frontmann ist. „Ausstrahlung wie eine Rolle Klopapier“ meint ein eifriger Banger aus dem Mittelfeld zwischen Bühne und FOH treffend dazu. Also scheiß auf die Ansagen zum obligatorischen Gitarrennachstimmen nach jedem Song und rein ins Vergnügen: ´Experience Zombiefication´ verneigt sich zwischen den Uffta-Parts knietief im Staub vor Autopsys „Mental Funeral“, der ´Graverobber´ hat rhythmisch was von Unleasheds ´Bloodbath´. Man fühlt sich direkt zu Hause und ist bereit fürs ´Coma´. (btj)

Einmal kräftig schütteln und rühren, bitte! Sich nach dem vorabendlichen Exzess mit immer noch gefühlten zweieinhalb Promille auf dem Kessel und nach wie vor komplett auf links gedrehten Gehirnwindungen dem TRUPPENSTURM aus Aachen auszuliefern, erweist sich als gewagtes Ausnüchterungsexperiment. Das Trio verweigert sich komplett jeglichen schnell nachvollziehbaren Song- und Melodiestrukturen und schnellfeuert unverfälscht und roh (Drummer Meilenwald verzichtet als einer von ganz wenigen Schlagzeugern des Wochenendes auf die Trigger-Lügentechnik und ähnlichen Scheißdreck) eine gute halbe Stunde lang einen unsagbar infernalischen Lärmwall in die vom Vorabend geschundenen Leiber. Nach einem kurzen Schwindelanfall kehrt allerdings auch endlich die Fähigkeit zur Unterscheidung der Himmelsrichtungen zurück. Danke dafür! Und gut zu wissen, dass die Burschen maximal Halbgas gegeben haben, wie Meilenwald nach dem Auftritt meint: „Wir waren allesamt noch so unfassbar verkatert, dass wir einfach mal einen Song weggelassen haben, und ich habe es auch nicht geschafft, den richtigen Punch zu entwickeln, damit das ordentlich druckvoll wird...“ Also, mir hat´s gereicht. (ah)

„If you don´t bang your fucking heads in the fucking air, we´ll piss on your pants, you fuckers!“ Warme Worte in einer kalten, kalten Welt. Derlei intelligente Statements sondert URGEHAL-Kreischbolzen Nefas in Massen ab, um das Publikum zu körperlichen Höchstleistungen anzustacheln. Wohin das Auge blickt, halten sich Fans die Bäuche und lachen. Black Metal für Gutgelaunte. Und für den Nacken. Vor allem dann, wenn die nieten- und nagelbewehrten Stachelschweine ihre massive Darkthrone-Schlagseite offenbaren, schädelspaltende Midtempo-Riffs fräsen und dabei im schicken Uffta-Beat galoppieren, bildet man sich ein, dass diese Combo das Genialste seit der Erfindung von geschnittenem Brot ist. Ansonsten gilt: unterhaltsame Satanismus-Mittelklasse. ´Satanic Black Metal In Hell´, wenn du weißt, was ich meine. Passend dazu der glatzköpfige Klampfer Enzifer und seine üble Stachelmaske. (wrm)

Die Ohio-Dreck-Thrash-Rumpler SKELETONWITCH, deren Vorliebe für (europäische) Death- und Black-Metal-Klassiker man ja nahezu permanent hört, finden alles super in Obermehler: Vor und nach der Show wird das Festivalgelände, immer ein gutes Köstritzer in der Hand, abgegrast, und auf der Bühne feiert Frontassel Chance Garnette zwischen angenehm knackig vorgetragenen Schoten wie ´Reduced To The Failure Of Prayer´, ´Beyond The Permafrost´ oder ´Within My Blood´ weniger sich selbst und seine Band, sondern viel lieber das „total tolle Publikum“, generell auch mal „geile Old-School-Scheiße“, und er hat am Ende ein paar nicht unwichtige Ratschläge für die tendenziell eher jungen Supporter vor der Bühne parat: „Drink beer, smoke weed and eat some fucking pussy!“ Ob Kristina Schröder das als „pädagogisch wertvoll“ unterschreiben würde, wage ich zu bezweifeln, aber die war diesmal eh nicht da. Ist im Mutterschutz, die Alte. (bk)

Es war das Jahr 1994, als DESULTORY zuletzt in Deutschland live spielten, seinerzeit als Opening-Act auf einer legendären Tournee mit Cannibal Corpse und Samael. Damals wie heute verwenden die Schweden einen Song von Dead Can Dance als Intro, man fühlt sich direkt in eine Zeit zurückversetzt, als Death Metal der Sound der Stunde war. Als Opener wählt die Band mit ´In A Cage´ zwar ein neues Stück, aber direkt danach beginnt mit ´Tears´ die Zeitreise. Allerdings öffnet der Himmel passend zum Songtitel seine Schleusen und lässt einen bösen Platzregen über den Flugplatz Obermehler nieder. Viele Headbanger flüchten in die umliegenden Zelte, nicht wenige Unentwegte verharren aber vor der Bühne und lauschen der feinen Mischung aus alten Klassikern wie ´Into Eternity´ oder ´Forever Gone´ und einigen neuen Stücken, die qualitativ absolut auf Augenhöhe mit den Frühwerken sind. Als der Regen nachlässt, füllt sich der Platz vor der Bühne wieder, sehr zur Freude von Frontmann Klas Morberg, der sich ausgiebig für das gute Feedback bedankt. Dabei sind wir es doch, die zu danken haben - und zwar für einen formidablen, sauber gespielten Set. Und dafür, dass Desultory überhaupt wieder da sind. (fa)

ABSU gehören für mich zu den Headlinern des Festivals, weil sie viel zu selten live zu sehen sind. Nach dem heftigen Regen kommt nun auch wieder die Sonne zum Vorschein, und während der längeren Umbaupause versammeln sich immer mehr neugierige Extrem-Metaller vor der Bühne. Bei recht gutem Sound brettern die US-Black-Thrasher los und haben spätestens mit ´Night Fire Canonization´ alles fest im Griff. Die gekrächzten Ansagen sind vielleicht etwas albern, passen aber ins originelle Gesamtkonzept der Band - wie auch das chaotisch-anspruchsvolle Drumming und der wechselnde Leadgesang. So gut das letzte Album „Absu“ auch war: Meine Favoriten bleiben ´Highland Tyrant Attack´, ´Swords And Leather´ und ´Never Blow Out The Eastern Candle´, die alle drei gespielt und von Tausenden bejubelt werden. Proscriptor rules! (gk)

Immer und überall werden die Iren gerne gesehen: Vielleicht ist die heutige Show nicht der beste PRIMORDIAL-Auftritt aller Zeiten (was vor allem am ziemlich matschigen Sound mit zudem zu vordergründigem Gesang liegt); wenn Alan Nemtheanga, der die live überragenden San-Francisco-Käuze Slough Feg vor kurzem als „konstanteste Metalband der letzten 20 Jahre“ bezeichnet hat, das Publikum - wohlgemerkt ohne großartige Ansagen - dirigiert, zeigt sich aber sehr schnell, welches hohe Level diese nachdenklichen wie fordernden Metal-„Paganisten“ mittlerweile erreicht haben. In Sachen Hitfaktor kann in gut 40 Minuten („Time is short“) sowieso nichts schief gehen: ´No Grave Deep Enough´, ´As Rome Burns´, ´Bloodied Yet Unbowed´, ´Empire Falls´ oder ´The Coffin Ships´ sorgen für herrlichste Chöre und großes Gefühl. Nur dieser fast schon spießige „Zeigt mir eure Pommesgabeln!“-Scheiß sollte wirklich unter der Würde einer Band wie Primordial sein. (bk)

Jetzt wird´s Zeit für „Mesopotamian Black Metal“. Oder um es mit den Worten von Bandleader, Gitarrist und Sänger Ashmedi zu sagen: für „Sumerian Sonic Magic“. Gitarrist Moloch kann aufgrund einiger Verpflichtungen in seiner Wahlheimat USA leider nicht dabei sein und wird von einem Ersatzgitarristen vertreten, der sich mit einer schwarzen arabischen Kopfsocke im Stile eines Beduinen optisch nahtlos in den orientalischen Extrem-Metal von MELECHESH einfügt. Bassist Rahm musste allerdings nach nur knapp zwei Jahren die Band endgültig verlassen, und sein Vertreter befindet sich zur Zeit in einer Probephase. Musikalisch kann die Ersatzbank problemlos mit den beiden verbliebenen ständigen Mitgliedern Ashmedi und Xul (dr.) mithalten, der Sound ist klasse, und das zahlreich vor der Bühne versammelte Publikum kommt in den Genuss einer ausgewogenen Setlist aus aktuellem Material (u.a. ´Sacred Geometry´, ´Defeating The Giants´) und etlichen Songs der früheren Alben (u.a. ´Rebirth Of Nemesis´, ´Ladders To Sumeria´). Super! (ah)

BELPHEGOR sind eine der perfektesten europäischen Extrem-Metal-Schwadronen. Die österreichische Schrulligkeit und das Sadomaso-Image von Gitarrist/Sänger Helmuth Lehner und seinen Gespielen erheben den Vierer zu einer Ausnahmeband, die mit Wonne bei allen aneckt, die lieber gleichgeschalteten Standard-Acts folgen. Anders gesagt: Wenn der überwiegende Rest der Knüppelkapellen die Missionarsstellung bevorzugt, sind Belphegor ein Haufen fieser Arschficker. Zu diesem Image passt, dass Herr Lehner nach der Show im Backstage seine Blase an dafür eigentlich nicht vorgesehenen Orten entleert. Schon on stage hat er einen ansehnlichen Schwips. Seine geknurrten Ansagen mit amüsanten Kombinationen wie „Fuck you, Germania! Danke schön, Deutschland!“ machen genauso Spaß wie die leider nur für die ersten Fanreihen gut sichtbare Gasmaske-und-sonst-fast-nackt-Tänzerin. Die Feuereffekte kommen in der Dunkelheit gut zur Geltung. Die Bühne ist ästhetisch-abstoßend dekoriert, die Band strahlt eine martialisch-blutige Präsenz aus. Belphegor-Hasser werden nach wie vor nicht konvertieren, aber ich fand´s klasse.

Auf Platte servieren 1349 in den letzten Jahren ganz gern mal irgendwelchen verkopften Müll, denn Black Metal ist ja Kunst und grenzenlos und blablaschnarch. Live stehen die Pest-Metaller aber immer noch für eine imposante Soundwand. Die klingt zwar streckenweise etwas zusammenhangslos, weil man im direkten Vergleich mit den norwegischen Kollegen von Urgehal und Taake einfach keine richtigen Hymnen schreiben kann (oder will, man weiß ja nie...); aber genau dadurch versprüht der Auftritt eine radikale Garstigkeit. Und davon kann Black Metal kaum genug haben. Auch toll ist das tief montierte Gegenlicht, das die Band im Verbund mit dem Kunstnebel zu geisterhaften Silhouetten morpht. (jj)

Pünktlich zum Auftritt von ENSIFERUM, die mit einer Viertelstunde Verspätung die Bühne betreten, beginnt es zu regnen. Das mag einer der Gründe sein, warum es bei den Co-Headlinern des Freitags leerer ist als zur gleichen Zeit am darauffolgenden Tag. Es könnte aber auch daran liegen, dass der metgeschwängerte Folk Metal der (bis auf Keyboarderin Emmi) oben ohne und in Röcken auftretenden Finnen trotz der schnellen Gitarren nicht jedermanns Sache auf dem Party.San ist. Ein Großteil des Publikums schaut sich das 35 Minuten dauernde Konzert eher interessiert als enthusiastisch an. Richtig abgegangen wird hingegen in den ersten Reihen, wo die Fans die heroischen (manchmal ein wenig schief von der Band vorgetragenen) Chöre mitsingen, synchron zu den Headbang-Einlagen des Quintetts mitmoshen oder im Schatten der bunten Lichtshow ihre Fäuste in die Luft recken. (cs)

Man mag den Experimenten des neuen MORBID ANGEL-Albums kritisch gegenüberstehen: Wenn die Florida-Götter live mit ´Immortal Rites´ einsteigen und David Vincent die makabren Gitarrentriller wie ein Schamane mit Opernausbildung begleitet, beißt man sich lieber die Zunge ab, als weiter über Techno-Parts oder seine Optik zu lästern. Zumal ´Fall From Grace´ noch mehr killt. „Blessed Are The Sick“ bleibt „Altars Of Madness“ eben doch überlegen. Mehr denn je fokussiert sich das Geschehen auf Vincents Charisma. Pete Sandoval scheidet als Blickfang aus, beim alt und krank wirkenden Trey ist man einfach froh, dass er seine Parts auf die Reihe bekommt und sicke Soli abliefert. ´Angel Of Disease´ kramen die satanischen Eminenzen tief aus den Archiven, ´Lord Of All Fevers And Plague´ und ´Chapel Of Ghouls´ gehören dagegen zum erwarteten, dennoch großartigen Standard. Absolut headlinerwürdig. (btj)

Samstag

Wer sein Debütalbum „Legends Of Brutality“ nennt, muss vor Selbstbewusstsein strotzen. Dazu haben DAWN OF DISEASE auch allen Grund, ohne deswegen großkotzig zu wirken. Geschickt verbinden sie den vom Titel implizierten moderneren amerikanischen Death-Metal-Ansatz mit einer gehörigen Schweden-Note. Sprich: Die Melodien kommen weder butterweich noch zu kurz. Die Saitenfraktion bangt sich die Nackenwirbel zu Kleinholz, und Sänger Tomasz stapft auf dem schmalen Grat zwischen angepisst und vergnügt über die Bühnenbretter. In der für einen Opener großzügigen Dreiviertelstunde legen die Osnabrücker beinahe ihr komplettes Debütalbum vor, ergänzt um den wenige Tage zuvor bereits auf der Homepage angekündigten brandneuen Song ´Dead Child Conserved´. Kriegsgerät der steinalten, von einer anderen Crew eingetrümmerten „Through Bloodstained Eyes“-EP bleibt dafür komplett im Hangar. (btj)

CLITEATER sind in Sachen Bandname und Plattentitel (ick sag nur „Clit ´Em All“, „Scream Bloody Clit“ und „The Great Southern Clitkill“) dermaßen jenseits von Gut und Böse, dass man für sie nur zwei Schubladen parat hat: Kult oder Scheiße. Kult sind die Holländer auf jeden Fall für einen Haufen Fans, der Hits wie ´Crime Scene Cleaner´ und ´M.I.L.F. Hunter´ mit ´ner witzigen Polonäse begleitet. Auch on stage lässt man sich nicht lumpen. Fronter Joost hat außer bestem Gurgelgrunzkreisch und Propellerbanging ein paar schicke Kampfsport-Moves drauf. Die Saitenfraktion glänzt mit derb groovenden Edel-Riffs, und die ganze Band strahlt dermaßen über die super Publikumsresonanzen, dass man die Songs noch einen Zacken schneller runterhackt („Wir spielen Death-Grind, wir haben es immer eilig!“). Anders als am Vortag die verkaterten Truppensturm, die froh waren, schon ´ne Viertelstunde vor Ende der Spielzeit von der Bühne zu können, hängen Cliteater daher ´ne wohlverdiente Zugabe dran.

Danach lädt die Riffschule Fulda zu einer Lehrstunde in Sachen Teutonic Thrash. WITCHBURNER feuern rasiermesserscharfe Salven ab, die so mancher Schnell-Metall-Legende die letzten grauen Haare vom Schädel pusten. Denn auch wenn das Quintett mittlerweile selbst aufs 20. Jubiläum zumarschiert, hat es sich eine immense Frische bewahrt und ist natürlich true as true can fucking be. Schon zum Linecheck krächzt Fronter Andy ein paar Zeilen aus Sodoms ´Outbreak Of Evil´ durch die P.A. Vor lauter Bodenständigkeit vergisst der Mikroschwinger allerdings - zumindest hier und heute auf der Riesenbühne des PSOA - die nötige Performance. Er schafft es kaum, die Fans zu animieren. Dass man zu Witchburner-Attacken eher headbangt, als ´ne Polonäse aufzuführen, ist klar, aber mit etwas mehr Selbstbewusstsein hätte man das Publikum besser auf Betriebstemperatur bekommen, zumal es wieder zu regnen beginnt. „Fuck the rain!“ ist da nicht unbedingt die motivierendste Ansage. (jj)

Klar ballern PANZERCHRIST - umrahmt von den Kettenfahrzeugen des Party.San-Logos links und rechts der Bühnenbespannung - auf dem richtigen Schlachtfeld. Die Dänen feiern ihren ersten Deutschland-Gig in 17 Jahren Bandgeschichte mit Bierspenden und einem beeindruckenden Arsenal schwerer Kaliber. Besonders Material von „Room Service“ (´Creature´) stößt bei den Manöverbeobachtern auf Begeisterung. Doch auch Neues der Marke ´For The Iron Cross´ und das mörderisch drückende ´Metal Church´-Cover verfehlen ihren Zweck nicht. Man traut dem schlaksigen, kurzgewachsenen Fronter zunächst gar nicht so ein derbes Organ zu. Ex-Illdisposed-Gitarrist Lasse, intern nur Idiot genannt und bei der Signing-Session mit alkoholfreien Fruchtcocktails abgefüllt, post dazu am Bühnenrand wie ein verhinderter Weltmeister. Man muss nur mit etwas Fantasie die Camouflage-Klamotten durch mehr Glam ersetzen. (btj)

Zwischen Panzerchrist und Taake wirken HEIDEVOLK wie die reinste Karnevalscombo - und das nicht nur, weil während des gesamten Gigs eine bunt bezopfte Hippie-Kräuterhexe mit entrückt geschlossenen Augen und sich um die eigene Achse drehend durchs Publikum tänzelt und zwei Fans nach jedem Song Spielzeug-Maschinenpistolen mit befestigen Fliegenklatschen hochhalten. Bei dem Sextett aus den Niederlanden ist gute Laune angesagt. Und die wird selbst störrischen Düsterheimern im Brechstangen-Verfahren mit eindringlichen Ansagen („Bekommen wir auch die Death- und Black-Metaller zum Singen?“) eingebläut. Und tatsächlich geht die Rechnung der gelegentlich schief und drucklos singenden Holländer beim Bandhit ´Saksenland´ auf, als ein Großteil des Publikums beherzt mitgrölt und animiert von den hochgehaltenen Hörnern der Sänger erst mal einen Schluck aus den eigenen Bierbechern nimmt. (cs)

Exhumed sind dermaßene Traditionalisten, dass sie lieber nach Bad Berka als nach Schlotheim fahren (kein Scherz), so dass TAAKE ihren Set vorziehen. Passend zum großartigen neuen Machtwerk „Noregs Vaapen“ zelebrieren die Norweger ein absolutes Black-Metal-Highlight. Banddiktator Hoest asselt im lumpigen Jeanslook, mit schmutziger Norwegen-Flagge und einem umgedrehten Kreuz auf der kritisch beäugten Brust gen Stage und deibelfauchkeift die frech bratende Sonne vom Himmel. Er covert mit seinen Hilfsarbeitern GG Allin und huldigt ´Da Da Da´ von Trio. Vor allem aber stehen Taake trotz aller Ruppigkeit und Leck-mich-am-Arsch-Attitüde für einprägsame Riffs und hypnotische Leads, was ihrem basischen Schwarzmetall mehr Atmosphäre verschafft, als es jede zum Altar umgebaute Bühne und antikosmische Faselei je hinbekommt. Fast beiläufig und mit cooler Rock´n´Roll-Attitüde spendiert der Auftritt zudem die leckersten Deathgrunts und Uffta-uffta-Beats des Tages.

Dann finden EXHUMED doch noch den Weg zur neuen Festival-Location und brauchen keine 30 Sekunden, um unsere Conny mit einem gequälten „Diesen Krach verkrafte ich jetzt echt nicht!“ gen Backstage zu treiben. Die trinkfesten Amis sind nach monatelangem Touren immens gut eingespielt und dennoch souverän lässig. Ihre grindigen Gore-Death-Geschosse kommen punktgenau und haben trotz diverser kompositorischer Schlenker einen höllischen Fluss. In den thrashigen Passagen klingt man gar wie ultramies gelaunte Kreator. Nach ein paar neuen Stücken surft man durch die erlaucht hämmernde History und kredenzt Hit-Epen über Kettensägen, furzende Leichen und andere Niedlichkeiten. (jj)

Ich könnte wetten, dass „Addicts: Black Meddle Pt. II“ im Drogenrausch geschrieben wurde, nüchtern kann man auf diese Suchtmelodien nicht kommen, und als NACHTMYSTIUM den Titelsong ´Addicts´ spielen, verspüre ich den Wunsch nach einem magischen Pilzcocktail als Abendbrot - und ebendiese Zaubertöne in der Endlosschleife. Dooferweise gibt´s nur Bier und Steak, aber trotzdem beglücken mich die Amis mit meinem persönlichen Konzert des Festivals. Blake Judd agiert an der Schwelle zum Genrestar: große Aura, gewinnend-herrisches Auftreten, lässige Ansagen - das volle Programm eben. Es bleibt zu hoffen, dass er trotz wachsender Popularität Blake Judd bleibt und nicht etwa zu einer Yankee-Version von Satyr mutiert. Ein selbstherrlicher Versace-Black-Metaller auf der Welt ist mehr als genug. Wie auch immer: Das Miteinander aus klassischer Schwarzmetall-Raserei, Progrock und postrockigen Elementen begeistert, spielerisch präsentiert sich der Fünfer in Höchstform, kurz: Nachtmystium zementieren ihre Stellung als wichtigstes Dunkelkommando Amerikas. (wrm)

Ein Typ wie Martin van Drunen passt perfekt zu einem Festival wie dem Party.San: ehrlich, direkt, sympathisch, in der Szene hochgeachtet und mit einer langen Historie im Death-Metal-Sektor behaftet. Zudem ist van Drunen ein geiler Frontmann mit witzigen Ansagen („Jetzt geht´s zurück an die Ostfront, nicht nach Ostfriesland!“), der zusammen mit seinem wild bangenden Asphyx-Sidekick Paul Baayens an der Gitarre für die Show auf der Bühne sorgt. Womit die Leistung der übrigen HAIL OF BULLETS-Mitglieder keineswegs geschmälert werden soll. Und wer Signature-Tracks wie ´Full Scale War´, ´Operation Z´ oder ´Ordered Eastward´ in seinem Repertoire hat, kann auf diesem Festival nur gewinnen. (fa)

WATAIN als derzeit wichtigste „echte“ Schwarzmetall-Band zu titulieren, ist erstens nicht ganz richtig, und zweitens greift diese Beschreibung viel zu kurz. In inhaltlicher und kompositorischer Hinsicht sehe ich Deathspell Omega mindestens auf Augenhöhe - aber Watain sind das einzige vollends gelungene Gesamtkunstwerk der Szene. So, wie sich die Schweden live inszenieren, gab es das noch nie zuvor im Black Metal. Jeder Feuerstrahl scheint von langer Hand dirigiert zu werden, jedes brennende Symbol ist Teil eines vollkommenen Ganzen. Und die Ausstrahlung und Bewegungen der Musiker vollenden das Puzzle. Da ist ein Sänger (Erik), der predigt, verdammt und die Truppe souverän anführt, da sind Gitarristen, die gleichermaßen perfekt spielen und auch aufeinander abgestimmt agieren. Eine große, bitterböse Show stets an der Grenze zum Übertriebenen. Besser geht´s nicht. Eigenartigerweise verzichten die Schweden auf ihre zwei absoluten Übersongs ´Sworn To The Dark´ und ´Legions Of The Black Light´. Sie können sich das mittlerweile leisten. (wrm)

Wenn eine Band zurückkehrt, die man für eine lange Zeit sehr verehrt hat, ist man immer hin- und hergerissen. Einerseits freut man sich, dass man die alten Lieblingstracks mal wieder live hören kann, andererseits ist man skeptisch, ob die Band das Level von früher noch halten kann. Auf dem Rock Hard Festival haben mich MORGOTH nicht restlos überzeugt, inzwischen sind aber Routine und Selbstsicherheit zurückgekehrt. Eigentlich haben Morgoth nach der furiosen Watain-Show keine Chance, aber nach einer kurzen Aufwärmphase ziehen sie das Publikum trotzdem auf ihre Seite. Das verdanken sie zum einen ihren zahlreichen Klassikern wie ´Body Count´, ´Pits Of Utumno´, ´Exit To Temptation´ oder ´Isolated´, zum anderen der Tatsache, dass Marc Grewe immer noch eine echte Rampensau ist, die die Leute in ihren Bann ziehen kann. Auch der aktuelle Bassist Sotirios Kelekidis ist ein agiler Bursche, der technisch fast ein wenig unterfordert zu sein scheint, während das Gitarrenduo Swart/Busse ebenfalls eine grundsolide Performance anbietet. Feine Sache! (fa)

Im Gegensatz zu vielen Festivalbands des Wochenendes sind die Norweger ENSLAVED eine eingespielte Band. Souverän und atemberaubend sicher schiebt sich die Soundwand in die beginnende Dunkelheit. Verglichen mit dem Härtegrad anderer Bands sind die wallenden, epischen Kompositionen von Grutle & Co. geradezu soft, aber nach unentwegtem Nonstop-Geballer scheint die begeisterte Meute dankbar für etwas Ohrenmassage zu sein. Auch wenn es mit ´Allfadr Odhinn´ einen Song der 1993er EP gibt, liegt der Schwerpunkt doch auf dem neuen Alben. ´Ethica Odini´ oder ´Raidho´ mit ihren unverwechselbaren Beats sind die perfekte Auftaktdoublette, bei ´Fusion Of Sense And Earth´ vom unerreichten „Ruun“-Album drehen die PSOA-Jünger vollends ab und haben sich in den Spinnennetzkompositionen der Nordmänner verfangen. Unterstützt von einer prachtvollen Lichtshow, wird beim finalen ´Isa´ die Generalprobe zum Weltuntergang eingeläutet. Auf den letzten Schlag öffnen sich die Himmelsschleusen, Enslaved haben bewiesen, dass sie zu Recht Co-Headliner des Tages sind.

Obwohl es schon stramm auf 1:15 Uhr zugeht, ist es proppenvoll auf dem Gelände, als AT THE GATES die Bühne entern. ´Slaughter Of The Soul´ eröffnet einen nahezu 70-minütigen Reigen, in dem sich Band und Fans gemeinsam in einen Rausch steigern. „At The Gates! At The Gates!“-Rufe zwischen jedem (!) Song: Wenn eine Band abgefeiert wird an diesem Tag, dann Tompa & Co. Mit dem fettesten und vor allem lautesten Sound des Tages gesegnet, spielen die Göteborger groß auf. Neben Abrissbirnen der letzten Platte, die Tompa an diesem Tag lediglich als „the brown album“ ankündigt, sorgen vor allem Uraltkracher wie ´Windows´, ´Raped By The Light Of Christ´ oder ´The Beautiful Wound´ für magische Gänsehautmomente. Als Zugaben krönen ´Blinded By Fear´ und ´Kingdom Gone´ eine rundum gelungene Show. Besser könnte das PSOA 2011 nicht enden! (vw)

Auf dem Party.San standen stramm: Götz Kühnemund (gk), Frank Albrecht (fa), Andreas Himmelstein (ah), Boris Kaiser (bk), Wolf-Rüdiger Mühlmann (wrm), Jan Jaedike (jj), Björn-Thorsten Jaschinski (btj), Volkmar Weber (vw), Katharina Pfeifle (kp) & Conny Schiffbauer (cs). Als Fotograf dabei: Friso Gentsch.

Autor:
Katharina Pfeifle
Boris Kaiser
Andreas Himmelstein
Götz Kühnemund
Wolf-Rüdiger Mühlmann
Volkmar Weber
Conny Schiffbauer
Frank Albrecht
Björn Thorsten Jaschinski

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