Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 15.09.2010

NAPALM DEATH , AUTOPSY , ASPHYX - PARTY.SAN 2010 Die geilste Schlammschlacht des Jahres!

Wenn es eine Woche lang in Strömen gießt, ist auch das schönste Festivalgelände nur noch ein einziges Schlammfeld. So geschehen dieses Jahr im idyllischen Bad Berka, das mit knapp 9.000 feierwütigen Death-, Black- und Thrash-Metal-Fans trotzdem gut bevölkert war. Dauerregen? Egal. Verschlammte Klamotten? Uninteressant. Stiefel im Matsch verloren? Macht nix. Wir haben es trotzdem genossen!

Die rührige Party.San-Crew tat wirklich alles Menschenmögliche, um die Situation in den Griff zu bekommen. Rund um die Campingplätze wurden zum Beispiel nachts Gräben ausgehoben, um die Wasserfluten abzuleiten. Es wurden ständig Holzspäne und Stroh gestreut und Autos mit Traktoren aus dem Dreck gezogen - alles ohne Aufpreis für die Besucher. Und gute Miene zum bösen Spiel machten alle noch dazu. Daher an dieser Stelle ein Riesenlob an Mieze, Boy, Jarne und ihre über 200 Helfer, die wirklich Großartiges geleistet haben. Wir kommen wieder - selbst wenn das Fegefeuer über Bad Berka tobt! (gk)

Donnerstag

Den Opener des diesjährigen Spektakels machen KETZER aus Bergisch Gladbach, die jüngste Band des Festivals. »Wenn du die Augen zumachst, denkst du ja, Deströyer 666 stehen auf der Bühne!«, sagt der Typ neben mir - und zeigt sich tief beeindruckt. Ketzer spielen in der Tat pechschwarzen Thrash Metal der australischen Schule, sind aber schon jetzt wesentlich besser als D666 in ihrer Anfangsphase. Die Jungs, die bis auf ´Crushing The Holy´ alle Songs ihres starken „Satan´s Boundaries Unchained“-Albums sowie den nagelneuen Hammer ´He Who Stands Behind The Rows´ spielen, haben unglaubliches Potenzial und werden noch in größerem Maße auf sich aufmerksam machen. Darauf könnt ihr einen lassen! (gk)

Mit MERRIMACK bricht eine der angesagtesten Bands aus der prosperierenden Schwarzmetall-Szene Frankreichs über das Party.San herein. Die Attacke des Quintetts überzeugt vor allem in musikalischer Hinsicht, denn brillant gespielte, mit jeder Menge Atmosphäre und Spirit versehene Dunkelperlen wie ´Omniabsence´ und ´Cold Earth Mourning´ vom aktuellen, sehr modernen Album „Grey Rigorism“ sowie ´Seraphic Conspiracy´ vom Beinahe-Meilenstein „Of Entropy & Life Denial“ gehören zur ganz hohen Genreschule. Merrimack haben ihre stilistische Marduk-Nachbarschaft komplett hinter sich gelassen und den Schritt zu einer eigenen Vernichtungsmarke vollzogen. Doch die Bühnen-Performance an sich ist im Vergleich zur Champions League (Watain, Mayhem & Co.) noch zu lahm, bieder und, ähem, pazifistisch. Vor allem die Saitenfraktion EsX und Daethorn könnte ihren Aktionsradius und ihr Fiesheitspotenzial rapide vergrößern. Künftig bitte mehr Tod´n´Deibel, die Herren! Apropos: Vermutlich hatten die Franzosen ihre Bühnengewalt im Hotelzimmer vergessen, denn nach ihrer Rückkehr in die Herberge verwüsteten sie ihre Räume mit Käse, Kagga und Eiweiß aus dem privaten Füllfederhalter. Diese Säue! (wrm)

Die Amis DEVOURMENT sind das amerikanische Brutal-Death- und Slam-Kultgeschütz neben Suffocation. Bassist Chris mit seiner Pferdemaske ist ein hyperaktiver Wirbelwind, Sänger Mike, der seit drei Jahren den verstorbenen Wayne Knupp ersetzt, eine ewige Röhre. Neben dem bekanntesten Song ´Baby Killer´ können auch ´Masturbating At The Slab´, ´Butcher The Weak´ und ´Postmortal Coprophagia´ mithalten. Aufgrund der Schlammsituation gibt´s nur einen kleinen Moshpit, aber die oberen Extremitäten lassen sich auch so gut bewegen. Zum ersten Mal überhaupt spielt die Band ´Fucked To Death´, und prompt ist irgendwas mit dem Drumkit. Nach fixem Technik-Check geht´s aber noch mal von vorne los, und die Meute johlt. Ein herzerfrischender Auftritt! (mf)

Mit viel Spannung erwartet die Death-Metal-Gemeinde den Gig der Florida-Urgesteine MONSTROSITY, auch weil man die Mannen um den unverwüstlichen Trommelmeister Lee Harrison nicht unbedingt an jeder Steckdose bewundern kann. Und das Quintett überzeugt von der ersten bis zur letzten Minute mit einem kraftstrotzenden, technisch herausragenden Auftritt, an dem es rein gar nix zu mäkeln gibt. Das Zusammenspiel der Jungs ist phänomenal, als hätte es die unzähligen Line-up-Wechsel der Vergangenheit nie gegeben. Harrison drischt alles und jeden punktgenau in den schlammigen Boden, Mike Hrubovcak mimt den engagierten, souveränen Frontmann, und die Saitenfraktion liefert sich wahre Riff-Schlachten. Ein Song wie ´Firestorm´ kommt haargenau so wie auf Platte, der Sound ist beängstigend klar und fett, die Setlist umfasst sämtliche 20 Jahre der Bandhistorie. Glückwunsch zu einem Auftritt, der fast schon ein wenig zu perfekt ist! (ps)

Ob THE DEVIL´S BLOOD auf einem Extrem-Festival wie dem Party.San würden bestehen können, war keineswegs ausgemachte Sache. Doch schon bereits vor dem Auftritt ist die knisternde Stimmung im Publikum zu spüren. Was folgt, ist ein denkwürdiger Auftritt, der in der gesamten Festivalhistorie sogar als nahezu einzigartig gelten dürfte. Eine Offenbarung, angefangen beim wundervoll warmen, durchdringenden Sound über eine stimmige, atmosphärische Lichtshow bis zur ungeheuren Bühnenpräsenz. So muss sich Papa gefühlt haben, als er in den Siebzigern mit Drogen experimentiert hat. Faridas Ausstrahlung, das vollkommene Zusammenspiel dreier Gitarren und eine unbändige Rhythmussektion versetzen sogar Extrem-Band-Shirtträger in andächtige Stimmung. Ein Blick über den musikalischen Tellerrand tut gerade einem stilistisch recht starren Festival sehr gut. Wenn es nach den Leuten gegangen wäre, hätten die Holländer noch Stunden weiterspielen können. Pure Anti Kosmik Magick! (vw)

WATAIN, die sicherlich umstrittenste und zugleich eine der bestbesuchtesten Bands des Festivals, fahren schweres Geschütz für die Bühnengestaltung auf. Wimpel, unzählige Kerzen, Symbole und runtergekommene Gewandung beschwören in kürzester Zeit eine böse Atmosphäre herauf, die auch auf Weitsicht ungeheuerlich wirkt. Der ausschweifende pyrotechnische Einsatz macht zusätzlich einen höllischen Eindruck. Der Set ist fast ausschließlich von starken Nummern bestimmt, z.B. ´I Am The Earth´, ´Sworn To The Dark´, ´Rabid Death´s Curse´, ´Legions Of The Black Light´ und ´Black Salvation´. Einzige Beanstandung: Die Leadgitarre ist etwas zu leise, das hätte der Mann an den Reglern merken müssen. Die Offenbarung des Abends ist das Dissection-Cover ´The Somberlain´. Es lässt den Spirit der aufgelösten Band für ein paar Minuten wieder aufleben. Großes Getuschel und andächtige Mienen überall. Klar weit vorne sind daneben hauptsächlich ´Four Thrones´, ´Malfeitor´ und ´Reaping Death´ vom neuen Album „Lawless Darkness“: schwarz, thrashig, schwer, satanisch, böse und fesselnd. Ein selten ganzheitliches Konzert! (mf)

Freitag

Das Anti-Kater-Antipasti-Frühstück mit Pepperoni und Oliven ist verdrückt, da bieten sich zum Schließen des Magens entweder holländischer Käse oder Schwedenhappen an. Manege frei für ONHEIL: Das Quintett aus Zwijndrecht bezeichnet sich zwar als Black-Metal-Band, orientiert sich kompositorisch aber an den skandinavischen Hybriden aus Death und Black, die vor 15 Jahren auf No Fashion, Wrong Again, Black Sun und Invasion Records ihr Unwesen trieben. Nach ausgiebigem Testen der Nebelanlage ballern sie die vor herrlichen Leads und Twin-Gitarren übersprudelnden Killer ´As Hope Dies´ und ´Rain Of Fire´ ins überschaubare Auditorium. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben - Dissection- und Naglfar-Fans gibt´s auf dem Gesamtgelände mehr als genug. Leider schifft es dazu weiterhin nur konventionell. Ein Durchgang mit dem Flammenwerfer hätte dem umgepflügten Matschacker gutgetan. (btj)

Ein Auftritt der Weltraumziegen vom Planeten GoatEborg ist alles, nur nicht langweilig. Manche bezeichnen es als durchgeknallt, andere als Schwachsinn auf höchstem Niveau. MILKING THE GOATMACHINE polarisieren und vereinen zugleich, heute locken sie als zweiter Act des Tages dermaßen viele Zuschauer vor die Bühne, dass man sich als neutraler Beobachter verwundert die Augen reibt. Dreh- und Angelpunkt der Bekloppten ist Drummer/Sänger Goatleeb, quasi der Dirigent des Wahnsinns. Seine drei Vorderziegen plus zwei Bekloppte, die in verschiedenen Kostümen dem Publikum einheizen (u.a. mit aufblasbaren Gummitieren und Wodka aus dem Wassermaschinengewehr), posen um die Wette und ernten wahlweise Gelächter oder Kopfschütteln. Musikalisch ist das Deathgrind-irgendwas-Spektakel aber nicht zu unterschätzen und der Ausblick aufs nächste Album in Form des neuen Songs ´Here Comes Uncle Wolf´ mehr als reizvoll. (ps)

Von den Deathgrindern LIVIDITY hätte ich mir aufgrund ihrer Platten ganz klar mehr erhofft, vor ein paar Jahren war die Band auch angeblich noch besser und fitter. Die catchy Linien kommen zwar grundsätzlich gut rüber, und einige Ansagen erheitern auf ihre Art („Wir lieben das deutsche Bier, die deutschen Frauen und das Party.San. Na gut, wir scheren uns in Wirklichkeit nur um die Frauen!“); trotzdem springt der Funke nicht wirklich über, was vielleicht am wenig aktiven Auftritt oder aber am eher unspritzigen Sound liegt. Geboten wird natürlich leckere Kost wie ´Brains For Lubrication´ oder ´My Cock It Bleeds´. Nun ja, die Fans sind sicher erheitert, der Überflieger war´s aber nicht unbedingt. (mf)

Als die SUICIDAL ANGELS den Beweis antreten, dass in erster Linie immer noch die Musiker selbst dafür verantwortlich sind, welche Soundqualität letztendlich aus der P.A. dröhnt, finden sich vielleicht gerade mal etwas über hundert Nasen in der Schlammgrube vor der Bühne ein. Ultra-tight und dank einer perfekten Dosis Gain auf den Gitarren mit einem sehr differenzierten Klangbild gesegnet, drehen die Griechen so mancher Band, die den von ihr produzierten Soundmatsch nach dem Wochenende auf eine angeblich schlechte P.A. oder einen mittelmäßig begabten Mischer schieben wird, eine lange Nase. Das kommt auch an den Fress- und Merchständen im hinteren Teil des Geländes an, so dass sich im Laufe des Gigs mehr und mehr Leute vor die Bühne begeben. Nach Aufforderung von Sänger und Gitarrist Nick Melissourgos starten einige Schlammfetischisten ein paar Circle-Pits und erweisen einem wirklich erstklassigen Gig die gebührende Ehre. Mit dieser Qualität wären die Suicidal Angels vor 20 Jahren den ganz Großen des Thrash-Genres wohl auch kommerziell sehr nahe auf die Pelle gerückt. Klasse!

Keine Ahnung, warum der Basser, der Gitarrist und der Drummer von ORIGIN so wieselflink auf ihren Instrumenten herumwuseln, aus der P.A. kommt jedenfalls nichts davon. Keine Töne, keine Harmonien, keine Songs, keine Riffs - lediglich eine einzige hin und wieder durch kurze Krachpausen unterbrochene Frequenz lärmt aus der Soundanlage. Wer das geil findet, zahlt auch Höchstpreise für ´ne Wohnung ohne Fenster zwischen Güterbahnhof und Großbaustelle. Während sich unser Ex-Praktikant Simon selig lächelnd beim Lärm der Amis über „Musik fürs Herz“ freut, zieht es mich nach wenigen Songs zurück zur Tränke, wo Tongue Gonzales (die schnellste Zunge des Erzgebirges) alias Wolf-Rüdiger Mühlmann gerade lauthals verkündet: „Meine Zunge ist getriggert!“ In mittelgroßer, geschlechtsübergreifender Runde schwadroniert er von seinen übermenschlichen Cunnilingus-Fähigkeiten. Aber obwohl sich durchaus weibliches Prüfpersonal bereiterklärt, die Aussage unseres Fabulators auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, wird bis zum Ende des Festivals nichts über die abschließenden Prüfergebnisse bekannt.

Musikalisch haben OFERMOD mit ihrem 2009er Album „Tiamtü“ ja wirklich ein böses Black-Metal-Meisterwerk der Güteklasse 666 abgeliefert. Aber was die Burschen da gerade live auf der Bühne zelebrieren, hat dann doch mehr von „Hui Buh“ als von einer schwarzen Messe. Die Schweden sind mit einem Zeremonienmeister angereist, der in eine schwarze Robe gehüllt erst mal ein paar Psalme, Gebete, Beschwörungen oder weiß der Teufel was rezitiert, um sich dann für den Rest der Show kniend vor dem Schlagzeug niederzulassen. Der in die gleiche Robe gehüllte Sänger Nebiros beschränkt seine Aktionen auf das Umblättern der vor ihm auf einem Ständer platzierten Textblätter, ansonsten passiert nicht viel bis gar nichts auf der Bühne. Musikalisch gibt´s am Dargebotenen allerdings nichts zu bemängeln, und dass die Burschen ihre Sache absolut ernst meinen, bezeugt ja nicht zuletzt die Tatsache, dass man „Tiamtü“ über das französische orthodoxe Black-Metal-Label Norma Evangelium Diaboli veröffentlichte. Nichtsdestotrotz wirkt die Show für den unbedarften Zuschauer eher unfreiwillig komisch bis grotesk, und da passt es ins Bild, dass die Gitarre von Michayah plötzlich keinen Ton mehr von sich gibt und der Zeremonienmeister in Ermangelung eines Ersatzinstruments das Ende der Show verkündet. Die Frage, ob beim Ritual wohl kräftig was in die Binsen gegangen ist, wurde leider ebenso wenig beantwortet wie die, welche Macht hier letztendlich wirklich ihre Hand im Spiel hatte. (ah)

Zum PSOA gehört mindestens eine schwedische Death-Metal-Band, die den guten alten Schwedentod transportiert. 2010 übernehmen DEMONICAL diesen Job und haben einen Gitarrensound aufgelegt, der irgendwo tief unten im Schlamm vor der Bühne wummert; „Left Hand Path“ lässt grüssen. Die vier trinkfesten Nordmänner sind ganz sicher keine Filigrantechniker, aber das müssen sie auch nicht sein, denn die Intensität, mit der sie ihr Todesblei von der Leine lassen, ist beeindruckend genug. Ohne Kompromisse und Schnörkeleien gibt´s hier geradewegs was auf die Fresse, wenngleich der Sound ein wenig zu breiig aus den Boxen eiert. Doch die Jungs haben sichtbar Spaß in den Backen und verleiten das Volk mit ihrem Voll-auf-die-Glocke-Geprügel immer wieder zu wilden Kopfschüttelattacken. So und nicht anders muss Death Metal made in Sweden klingen. Well done, guys! (ps)

Auf dem Comeback-Album „Doomsday King“, dessen Titelsong tatsächlich die Iommi-Dröhnung verabreicht, vermisst man die Ein-Mann-Armee Johan Lindstrand nicht. Live sieht die Sache bei THE CROWN (noch) anders aus: Bei geschlossenen Augen überzeugt Jonas Stålhammar, seit God Macabre, Abhoth und Utumno eine Schwedentod-Underground-Legende. Sein trockener Krächzgesang passt zu ´Deathexplosion´, ´Under The Whip´ oder dem ´Executioner´, der das Licht ausmacht. Darüber hinaus strahlt er null Charisma aus. Kassenbrille statt Elvis, noch dazu bewegungsscheu. Auch der Rest der Band taut erst mit ´Blitzkrieg Witchcraft´ und ´Crowned In Terror´ auf. Die Schlammwerfer im Pit zielen dennoch nicht auf die Bühne, sondern auf ihresgleichen, von denen einige ohnehin wie Moorleichen mit Sägewerksabfallpanade aussehen. Das Manko der Setlist: keine Frühwerke von „Eternal Death“. Nach ´Total Satan´ ist Schicht.

„Ohne Party.San 2007 kein ASPHYX“, beschreibt Martin van Drunen die Bedeutung des Festivals für die Wiedergeburt der Death-Metal-Doomer nach ´Scorbutics´. Nachdem bei The Crown Zuschauer Wunderkerzen hochreckten, kommen während des Auslaufens der ´M.S. Bismarck´ massive Flammenwerfer zum Einsatz. Dazu setzt es rhetorisches Zuckerbrot mit Peitschenhieben: „Für alle Bands, die nicht wissen, was Death Metal ist: aufhören, ficken, in Pension gehen!“ Kann es eine schönere Überleitung zu ´Death... The Brutal Way´ geben? Und auf welchen Ort passt die Beschreibung ´Wasteland Of Terror´ besser als auf das dank unzähliger Freiluft-Pisser nach Kloake müffelnde Areal rund um die Bühne? Desasters Torrmentor erfährt, dass pünktlich zu seinem 30. Geburtstag um Mitternacht gesoffen und über Leichen gegangen wird, bevor ´Asphyx (Forgotten War)´ und das legendäre ´The Rack´ den Sack dichtmachen. (btj)

DYING FETUS sind die Schweizer Uhr unter den amerikanischen Perfektions-Death-Metallern. Und John Gallagher (Brüll!, Gitarre) und Jason Netherton (Brüllbrüll!, Bass) sind das wohl perfekteste, heftigste und verrückteste Nichtehepaar der extremen Musik. Man muss kein Freund von Perfektionszwang sein, man darf komplexen Death Metal doof finden - aber wer von sich behauptet, dass der Live-Tornado dieses Trios einem am Arsch vorbeigeht, ist entweder tot, frigide oder lügt. Das Massaker wird dermaßen präzise in die Meute gedonnert, dass man fast hypnotisch seine Birne kreisen und die Kniescheiben klappern lässt. Gleichzeitig bieten die drei Knüppel-Amis genügend Platz für Improvisation und Spontanität. Und DAS macht Dying Fetus wertvoller als pure Reißbrettmaschinisten. Ich jedenfalls habe an Highlights wie ´Destroy The Opposition´ meine helle Freude, obwohl mein Hirn vom Köstritzer Schwarzbier bereits komplett abgedunkelt ist.

Auf SARKE hatte ich mich nach der unterhaltsamen Performance beim Roadburn-Festival ganz besonders gefreut. Doch - und dafür kann ich nichts - mein Aggregatzustand schreit am späten Freitag ununterbrochen nach Notaufnahme, Amputation und Mageninhalt-Entleerung. Ich bin ja der Meinung, dass es sich um eine Fischvergiftung handelt, andere behaupten, ich hätte sieben Fässer Wein getrunken und eine toxikologische Fortbildung an einer Universität auf einem Parallelplaneten absolviert. Egal: Das Bild, das Sarke bieten, ist ein Puzzle. Ich sehe Nocturno Cultos linkes Auge, daneben flimmern Sterne, und dann beginnt schon sein Hals. Als ob man in meinem Schädel eine Discokugel installiert hätte. Deshalb nur so viel zum künstlerischen Programm: Sarke sind Co-Headliner und spielen keine Darkthrone-Coverversionen, die man ja lieber spielen sollte, wenn man als Nocturno Culto Co-Headliner ist. Allerdings erlebe ich das dritte Drittel des Auftritts nicht mehr als menschliches Wesen, deshalb weiß ich nicht, ob Sarke nicht doch Knaller von Darkthrone gespielt haben. Ein Journalist einer Mitbewerber-Postille meinte am nächsten Tag, dass definitiv nix von Darkthrone gespielt wurde, aber vielleicht wollte er mich ja ganz gezielt mit Fehlinformationen vor unserer Leserschaft blamieren. Hahaha! Der groovende, beinahestumpfe Midtempo-Black-Metal aus der Hellhammer/Celtic-Frost-Schule rumpelt jedenfalls direkt ins Herz, macht Laune und durstig. Feinfein! (wrm)

Der verhasste Dauerregen sorgt bei den umwerfenden Headlinern für besondere „Shitfun“-Atmosphäre. AUTOPSY sind ultra-tight, aber trotzdem krank und dreckig bis zum Abwinken. Mit Gastbasser Danny Lilker (u.a. Brutal Truth und Nuclear Assault) in der Bühnenmitte entsteht auch ohne Frontmann keine Lücke. Der Debütklassiker „Severed Survival“ umschließt den Set, und so heißt es nach dem Titeltrack, ´Pagan Saviour´ und ´Disembowel´ nur lapidar hinter dem Drumkit: „Guess what? Ein weiterer alter Song!“ Positiv unter Strom sagt Chris Reifert ´Slaughterday´ aus Versehen gleich mehrfach an und meint zum nicht ganz halbminütigen ´Fiend For Blood´, angesichts des epischen Songs würde sicher manchem langweilig. ´Charred Remains´ und ´Critical Madness´ schließen u.a. nach ´Dark Crusade´ vom doomigeren „Mental Funeral“ und dem ersten Autopsy-Song überhaupt (´Human Genocide´) wieder den Bogen zum Debüt. Matsch hin oder her: zum Niederknien! (btj)

Samstag

Man muss UNDER THAT SPELL tatsächlich mit „verzaubert“ übersetzen, wenn endlich die Sonne scheint. Die Osnabrücker Black-Metaller um den ehemaligen Helrunar-Gitarristen Dionysos und den weiterhin dort live aushelfenden Basser Sin entführt musikalisch ebenso wie der Opener des Vortags zeitweise ins tödlich schwarze Schweden, was bei manchen Melodien verzückte Kommentare („Wie Vinterland!“) provoziert. Im Winterland wäre allerdings der Boden gefroren... „This one goes out to the black souls“, heißt es in ´Black´, aber die schwarzen Seelen sind mehrheitlich noch mit der Morgentoilette oder Grillen plus Pegelsaufen beschäftigt. Solange sie die Mucke immerhin hören, verpassen sie dabei nicht viel: Zu statisch ist der Vortrag, was angesichts der Bühnengröße und -tiefe schlicht mehr auffällt als bei einer Clubshow. Die mit dem Debüt „Apotheosis“ angekündigte Gottwerdung steht noch aus. (btj)

Die Schweden TRIBULATION sorgen mit einem sphärischen Intro für ungläubige Blicke, um kurze Zeit später in einem gewöhnungsbedürftigen Outfit die Bühne zu entern. Gitarrist Zaars sieht aus, als käme er von einem Drag-Queen-Contest, während Frontmann/Bassist Andersson mit zotteliger Mähne und zerrupften Klamotten wie eine Punk-Assel rüberkommt. Keine Frage, diese Band zieht die Blicke auf sich. Die garstige Black-Thrash-Mischung ist nicht weniger anziehend, sehr ursprünglich und roh, aber dennoch mit allerhand technischen Raffinessen versehen. Das Quartett agiert bemerkenswert tight und bringt auch verschiedene Stimmungsbilder sehr gut rüber. Ich muss sagen, meine Wenigkeit ist angenehm überrascht von diesem Auftritt, der sehr viel Abwechslung bietet und die Nordmänner als die etwas andere Black-Metal-Band etabliert. (ps)

Endlich scheint die Sonne - und das ausgerechnet bei der Band, zu der dunkle Wolken, Regen und die damit einhergehende melancholische Stimmung ganz gut passen würden. GHOST BRIGADE begeistern dennoch bei ihrem ersten Party.San-Auftritt mit einem atmosphärischen Mix aus Aggression, unpathetischer Schwermut und treibenden Riffs. Vor der Bühne tummeln sich während des 45-Minuten-Gigs zwar gerade mal geschätzte tausend Fans, aber die feiern die fünf Finnen mit viel Applaus ab und jubeln bei Highlights wie ´Into The Black Light´, ´My Heart Is A Tomb´ oder dem düsteren Instrumental ´22:22 Nihil´.

Mit ihrem vierten Party.San-Auftritt gehören DESASTER schon fast zum Festival-Inventar. Die vier Koblenzer kommen wie immer sehr gut an. Neben mir überlässt sogar ein Fan seine Sandalen dem Matsch-Nirwana, um barfuß ordentlich zum Opener ´Satan Soldiers Syndicate´ abgehen zu können. Geburtstagskind des Tages ist (neben Markus von „Brutz & Brakel“) Schlagzeuger Tormentor, der laut Frontmann Sataniac angeblich erst sein 18. Wiegenfest feiert und vom Publikum mit einem „Happy Birthday“-Ständchen bedacht wird. Zwischendurch klingt der Bass ein wenig verzerrt, doch das ist auch schon das einzige Manko eines ansonsten gelungenen Gigs, bei dem regelmäßig „Desaster“-Rufe aufkeimen, geballte Fäuste in die Luft gereckt werden und Anfeuerungssalven ertönen. Als Reaktion auf die „Zugabe“-Chöre ballert das Quartett schließlich noch Razors ´Cross Me Fool´ durch die Lautsprecherboxen. (cs)

Es war irgendwie klar: VARG sind dem feindlichen Dauerfeuer diverser politischer Tiefflieger als Sieger entstiegen. Nicht umsonst heißt ein Song der Kerle ´Viel Feind, viel Ehr´. Die Paganisten-Wölfe kommen nach dem abgefeierten W:O:A-Gig auch auf dem PSOA gut an. Die Bühnenpräsenz der jungen Beinahe-Lokalmatadore ist souverän. Die Feuershow passt bestens zum unpeinlichen heroischen Flair. Kernige Härte behält gegenüber flacher Eingängigkeit fast immer die Oberhand. „Genug mit Melodie“, knurrt Fronter Freki dennoch sicherheitshalber in das derbere Töne gewöhnte Publikum, als er den Titelsong des bei uns mit zwei hanebüchenen Punkten abgesauten „Blutaar“-Albums ankündigt. Auch ´Sieg oder Niedergang´ und ´Wolfszeit´ sind kleine Hits, und mit ´ner Ansage wie „Mögt ihr Bier?“ können die Schwarz-Roten eh nix falsch machen. (jj)

Trotz Violinen-Einsatz wirken MANEGARM bei weitem nicht so deplatziert auf dem Party.San wie im letzten Jahr Eluveitie. Es stehen zwar etwas weniger Leute vor der Bühne als noch bei Desaster, und einige eingeschworene Death-Metaller wenden sich desinteressiert ab, aber die Anwesenden feiern die einheitlich in schwarze Hosen und Hemden gekleideten Schweden ordentlich ab. Hinter mir wälzt sich ein Typ enthusiastisch im Schlamm, vor mir wird die Begeisterung für die fünf Skandinavier mit einer schwedischen Flagge ein wenig dezenter gezeigt. Manegarm wissen ihre Fans zu schätzen, machen viele Ansagen und verstehen es mit ruhigeren Momenten wie z.B. einem kurzen Geigen-Solo, Abwechslung in die 45-Minuten-Show zu bringen. Am Ende ertönen zu Recht nach einem guten Konzert Zugaberufe. Nur leider ist keine Zeit für einen weiteren Song. (cs)

NECROPHAGIST gehören zu den wenigen Frickel-Extremisten, die die Kinnlade nach unten klappen UND die Rübe schwenken lassen. Die Griffbrettraserei ist bereits Show-Element genug. Die Bühne bleibt schmucklos und ohne Effekthascherei, das Stageacting ist unspektakulär, wenn auch weniger schüchtern als das einiger anderer Kapellen des Wochenendes. Necrophagist lassen ihre Songs für sich sprechen. Ihre tödlichen Eruptionen kommen dermaßen genau auf den Punkt, dass diverse selbstverliebte Kollegen hier dringend Nachhilfe nehmen sollten. Das Energielevel ist unglaublich. Necrophagist spielen ihre Fans in einen Rausch, bei dem die Pausen zwischen den einzelnen Abrissbirnen regelrecht störend wirken. Der sich viel zu rar machende Vierer hätte ruhig noch ´ne halbe Stunde dranhängen können.

AURA NOIR sind nach diesem Lehrstück eine ganz andere, aber nicht minder mitreißende Kiste. Die selbsternannte hässlichste Band der Welt um den vielgedienten Veteranen Apollyon (b./v.; u.a. Immortal, Cadaver Inc.) rockt einem mit ihrer Mixtur aus frühen Venom, Voivod und Sodom, harten Motörhead und klassischer Rumpel-Black-Metal-Unfreundlichkeit den Arsch weg. Angenehm spröde und knietief in den Achtzigern steckend, gewinnt der Dreier mit obercoolem Posing. Apollyon rülpst Death-Grunts, die Matten wehen auf und vor der Bühne, und bei ´Condor´ sind bis zum Mischpult jede Menge Fäuste oben. Als Abschluss darf zum ersten Mal seit fünf Jahren der seit einem Unfall an Rollstuhl und Krücken gefesselte Aggressor für einen Song ans Mikro. (jj)

NAPALM DEATH sind immer eine Bank - egal, ob auf dem With Full Force vor Punk-Publikum, auf dem Fuck The Commerce vor Grind-Maniacs oder hier auf dem Party.San vor Extrem-Metallern. Barney hat jedes Publikum mit seinen intelligenten, sympathischen Ansagen fest im Griff, und seine unglaubliche Energie reißt auch gemütlichere Zeitgenossen wie die Herren Albrecht, Stappert oder Kupfer jedes Mal mit. Und jeder, wirklich JEDER, brüllt das Intro zu ´Nazi Punks Fuck Off´ begeistert mit, auch hier in Bad Berka. Live sind Napalm Death so gottverdammt heavy und dabei so dermaßen tight, dass auch die frühen Grindcore-Walzen mit punktgenauer Präzision alles niedermetzeln. Auch wenn ich mir zu Hause zugegebenermaßen selten Napalm-Death-Scheiben auf den Plattenteller lege: Live habe ich den irren Haufen - zumindest mit Barney am Mikro - noch nie schwach erlebt. (gk)

Kaum sind Napalm-Barneys Aufrufe zum Weltfrieden verhallt, präsentiert SUFFOCATION-Frontglatze Frank Mullen seine Sicht der Dinge. Er fordert die Fans auf, sich angesichts der nahenden Apokalypse umgehend zu bewaffnen, um zumindest „in glory“ abzutreten. Machen wir! Bestens eingegroovt und frisch von Finnlands schnuckeligem Jalometalli-Festival übergesetzt, begeistert New Yorks Brutalo-Legende mit Riffherrlichkeit ohne Ende. Derek Boyer spielt seinen Bass oberarschcool am liebsten senkrecht, und Mullen ist wohl der einzige Mensch auf dem Gelände, der ´ne hellblaue Jeans trägt (außer unserer Conny, aber die darf das). Seine Aufforderung, mal einen anständigen Pit zu starten, ist angesichts der Matschpampe, bei der man froh ist, seine Stiefel überhaupt halbwegs unfallfrei aus dem Modder zu ziehen, etwas neben der Kappe. Ebenso mitfühlend wird ´Entrails Of You´ als „Love song for the ladies“ angesagt. Sehr cool hingegen ist seine „Wir sind alle Metal“-Rede, in der sogar Hardcore-Kids und Hair-Metaller, die die sexy Unterwäsche ihrer Schwester tragen, als Teile der Szene geduldet werden. Suffocation überzeugen mit einem deutlich besseren Sound als die über-crunchigen Napalm Death und legen die Latte für Lock Up verdammt hoch.

Deren Schreihals Tompa Lindberg weiß immerhin besser übers Wetter Bescheid und bedankt sich mehrfach bei den Fans für ihr Durchhaltevermögen. Napalm-Superscheitel Shane freut sich sichtlich, dass er heute Abend bereits zum zweiten Mal auf die Bretter darf. Speziell im Vergleich zu Napalm ist jedoch klar, dass LOCK UP zu hoch im Billing positioniert sind. Kultfaktor hin, Allstar-Line-up her: Was Shane & Co. hier an ein paar Nachmittagen bei ´ner Tüte Fish & Chips und ein paar Kästen Bier an Songs zurechtgezimmert haben, ist in Sachen Deathgrind weit vorn („Pleasures Pave Sewers“ gewann vor ´ner guten Dekade sogar unseren Soundcheck), hat aber nicht die Substanz von Napalm Death oder Suffocation. Spaß macht der Set dennoch. Anton Reisenegger (g.; Criminal, Pentagram, Inner Sanctvm) ersetzt den verstorbenen Jesse Pintado, dem man zwei Terrorizer-Evergreens widmet, etwas unauffällig, aber gut, und Nick Barker bleibt einer der geilsten Extrem-Trommler des Planeten. (jj)

Der letzte Akt fürs Party.San 2010 heißt CANNIBAL CORPSE. Die Bühne ist umsäumt von erschöpften Leidensgesichtern, aber trotz der Kälte und der anstrengenden Schlammwanderungen wollen viele die Kannibalen noch mitnehmen. Der Sound ist wunderbar, und der erste Song ´Savage Butchery´ macht Lust auf mehr. Es folgen etwa in der Reihenfolge ´Sentenced To Burn´, ´I Will Kill You´, ´I Cum Blood´, ´Death Walking Terror´, ´Priests Of Sodom´ und ´The Time To Kill Is Now´. Die nächste Ansage besteht in der Aufforderung von Frontmann Corpsegrinder, bitte endlich richtig zu moshen und seinen Nachbarn zu ´Make Them Suffer´ am besten in den Schlamm zu werfen. Man könne auch gerne versuchen, es in Sachen Headbanging mit ihm aufzunehmen. Ein listiger Scherz, wie sein bekannter Kopfschleudergang vermuten lässt. Die letzten zwei Gassenhauer ´Stripped, Raped And Strangled´ und ´Hammer Smashed Face´ beweisen die Aktualität und Beliebtheit der alten Gassenhauer. Ein unbestritten vorzüglicher Ausklang des letzten Tages! (mf)

Bands:
NAPALM DEATH
ASPHYX
AUTOPSY
Autor:
Conny Schiffbauer

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.