Interview

Interview 15.01.1989, 12:55

OZZY OSBOURNE - Furz – Trocken!

Interviews mit OZZY OSBOURNE, einer der letzten Legenden im Heavy Rock, sind eine Besonderheit, die auch den abgebrühtesten Schreiber (keine Charakterisierung des Verfassers!) noch aus der Reserve locken. Der Madman weilte also anlässlich der Promotion zur neuen LP „No Rest For The Wicked“ in Köln und stellte sich den Fragen der zahlreich vertretenen Presse.

Neben anderen wartete dort auf ihn auch ein ROCK HARD-Redakteur, der eine schillernde, imponierende Persönlichkeit erwartete, aber das genaue Gegenteil antraf: Ozzy war körperlich völlig am Ende, musste das Interview (das er ausdrücklich zuende führen wollte) mehrmals unterbrechen, zitterte am ganzen Körper und konnte kaum zusammenhängend sprechen – gezeichnet von Alkohol, Drogen und Medikamenten. Dennoch hat dieser Mann etwas, das seine Idolfunktion rechtfertigt: Er ist ehrlich und weiß, wovon er spricht.

Erklär doch bitte zunächst mal die wirklichen Gründe für den Ausstieg Jake E. Lees. Es gab da Gerüchte, er habe dich von Anfang an nur dazu benutzt, seine Solokarriere vorzubereiten. Andererseits hieß es, er sei sauer gewesen, weil du mit „Tribute“ ein Livealbum ohne sein Mitwirken veröffentlicht hast.

»Beides Bullshit. Jake wollte zwar eine Solokarriere starten und das hat er ja jetzt auch getan, aber das war nicht der Grund für seinen Ausstieg. Und die Sache mit dem Livealbum war zwischen uns abgesprochen, also auch kein Grund. Ich konnte Jake nicht länger ertragen, weil er ein absolut unzugänglicher Typ war. Er hat den ganzen Tag in der Ecke gesessen, gesoffen und hat sich mit niemanden unterhalten – weder mit der Crew, noch mit den Musikern oder mir selbst. Irgendwann geht dir so ein Typ einfach auf den Wecker! Es ist ja kein Geheimnis, dass ich selbst Probleme mit dem Alkohol habe, und da kann ich niemanden brauchen der mir das Leben noch unnötig schwer macht.«

Jake ist also nicht von selbst gegangen?

»Nein, ich konnte ihn einfach nicht mehr um mich haben. Kannst du dir vorstellen, mit jemanden auf Tour zu sein, der nicht mal „Hallo“ sagen kann? Ich hatte halt die Schnauze voll.«

Inwieweit unterscheidet sich deine neue Entdeckung, Zakk Wylde, spielerisch von Randy Rhoads oder Jake E. Lee?

»Er ist noch wirklich heiß auf Rock 'n' Roll und steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Stilistisch erinnert er wohl eher an Randy als an Jake. Randy war ein echter Metal-Gitarrist, Jake dagegen ein typischer L.A.-Rocker. Zakk konzentriert sich 24 Stunden am Tag auf seine Gitarre und kümmert sich einen Dreck um dieses ganze Star-Getue. Ich habe manchmal fast das Gefühl, als ob Randy vor mir stünde, weil Zakk dieselbe Einstellung zur Musik hat. Mit ihm macht es einfach Spaß; er säuft nicht und macht keine unnötigen Probleme.«

Du besitzt zweifellos einen besonderen Riecher für neue Gitarrentalente. Randy ist zum Vorbild einer ganzen Generation geworden, Jake ist auf dem besten Wege dazu, sich einen Ruf als Weltklasse-Gitarrist zu erspielen, und auch Zakk wird eine große Zukunft prophezeit. Du bist inzwischen so etwas wie ein Entwicklungshelfer für neue Gitarristen geworden...

(Grinst unbeholfen) »Kann sein. Ich habe halt Glück mit meinen Musikern, und sie wissen alle, dass sie durch mich groß werden. Ich hoffe nur, dass Zakk nicht irgendwann abdreht, sondern auf dem Boden bleibt. Dann könnte aus ihm ein zweiter Randy Rhoads werden.«


Kommen wir zur neuen LP: „No Rest For The Wicked“ ist für meinen Geschmack überraschend heavy ausgefallen. In irgendeinen Interview hast du aber mal gesagt, dass du nach „The Ultimate Sin“ einen etwas kommerziellen Weg einschlagen wolltest. War Zakk für den Sinneswandel verantwortlich?

»Ja, zum Teil bestimmt. Er hat so viel Energie, dass man einfach mitgerissen wird. Aber wo hast du denn gelesen, dass ich kommerziellere Musik machen wollte? Ich kann mich nicht erinnern, das jemals gesagt zu haben (gießt sich mit zitternden Händen Kaffee ein und furzt in ohrenbetäubender Lautstärke). Was soll's, ich werde sowieso dauernd falsch zitiert. Ist mir inzwischen auch egal.«

Die neuen Songs finde ich, ehrlich gesagt, nicht mehr ganz so stark wie deine alten. Besonders die erste Seite ist meiner Meinung nach stellenweise etwas schwach geworden...

»Findest du? Jedem gefallen andere Songs auf der Platte. Mir haben heute auch schon viele gesagt, dass sie gerade die erste Seite gut fänden. Meine persönlichen Favoriten sind 'Fire In The Sky' und 'Crazy Babies'. Ich bin jedenfalls zufrieden mit der Scheibe, besonders mit Zakks Gitarrenarbeit. Er war schon immer Sabbath-Fan und hat deshalb vielleicht unbewusst wie Tony Iommi komponiert.«

Die LP enthält mit 'Demon Alcohol' einen sehr persönlichen Song. Möchtest du dich weiter zum Thema Alkohol äußern?

(Kurze Pause) »Macht mir eigentlich nichts aus. Ich akzeptiere die Tatsache, dass ich Alkoholiker bin und verhalte mich entsprechend. Ich bin krank und jeder Tropfen könnte mich in die Hölle bringen. Ich würde jetzt nichts lieber tun, als mich zu besaufen, aber zum Glück gibt es hier Leute, die auf mich aufpassen. (Anm. d. Red.: Uns wurde vor dem Interview ausdrücklich nahegelegt, keine Utensilien mitzubringen, die Ozzy in irgendeiner Weise verleiten könnten.) Die einzige Hilfe, die ich habe, ist meine Familie. Ohne die läge ich wahrscheinlich schon längst im Grab. Ich besuche regelmäßig Treffen der anonymen Alkoholiker, weil ich über mein Problem reden muss.«


Bist du denn jetzt trocken?

»Ja, seit fast zwei Monaten, aber das kann sich jeden Tag wieder ändern. Ich versuche, mich mit Medikamenten über Wasser zu halten, so gut's eben geht.«

Du bist nicht unbedingt beliebt bei der „seriösen“ Presse. Man wirft dir vor, du könntest nicht singen, seist hochgradig verrückt und würdest die Jugend negativ beeinflussen. Inwieweit berührt dich sowas?

»Überhaupt nicht. Es ist mir egal, was die konservativen Arschlöcher von mir halten. Wenn sie meinen ich wäre verrückt, dann bin ich's eben. Und wenn ihnen meine Stimme nicht gefällt, sollen sie weghören. Ich versuche auch nicht die Jugend zu beeinflussen. Ich will nur meinen Spaß.«

Du bist aber für viele Kids ein echtes Idol und hast somit auch eine Menge Verantwortung. Bist du dir dessen bewusst?

»Klar, aber ich bin auch nur ein Mensch und will niemanden zu irgendwas verleiten. In den Staaten will man mir Selbstmorde von Jugendlichen anhängen, die sich angeblich meine Platten angehört haben. Das ist doch völliger Schwachsinn! Als ob jemand durch Musik in den Tod getrieben werden könnte! Die Nachrichten im Fernsehen sind viel brutaler, als es irgendein Songtext je sein könnte. Ich fühle mich da jedenfalls nicht schuldig.«

Wundert es dich denn, wenn die Leute auf Sprüche wie „Let's have a riot!“, die du bei deinen Konzerten oft ablässt, extrem – also beispielsweise mit Gewalt – reagieren?

»Vielleicht gibt es Idioten, die sich dadurch zu Schlägereien anstacheln lassen, aber das ist dann nicht mein Problem. Ich kann nur immer wieder betonen, dass ich sowas nicht beabsichtige und auch nicht verstehe. Ein Konzert sollte Spaß machen, sonst nichts.«


Du hast in den vergangen 18 Jahren mehr Rockgeschichte geschrieben, als die meisten anderen Musiker zusammen. Bist du noch wirklich hungrig?

»Glaubst du, sonst würde ich noch hier sitzen? Ich habe genug Geld verdient, um mich zurück ziehen zu können. Aber ich wüsste gar nicht, was ich mit der ganzen Zeit anfangen sollte. Mein Leben ist die Musik, und ich bin glücklich, wenn ich auf der Bühne stehe. Natürlich macht's nicht immer Spaß; manchmal habe ich die Schnauze gestrichen voll und möchte mich in irgendeine Ecke verkriechen. Aber ein Leben ohne Musik kann ich mir momentan nicht vorstellen (furzt laut).«

Fühlst du dich in deiner Rolle als Hampelmann der Szene wohl?

(grinst) »Warum nicht? Es ist mir egal, wenn die Leute über mich lachen, solange sie ihren Spaß haben. Ich bin schließlich ein Entertainer und kein Prediger. Wenn ich also den Ruf habe, ein Hampelmann zu sein, ist's mir recht.«

Du bist einer der wenigen Musiker, die bei Fans und Bands jeglicher Schattierungen innerhalb des Heavy Metal – vom Hardrock bis zum Thrash – beliebt sind. Besonders Speed- und Thrash-Bands wie Metallica, Anthrax oder Slayer reißen sich förmlich darum, bei dir im Vorprogramm zu spielen. Woran meinst du, liegt das?

»Keine Ahnung, vielleicht an der Tatsache, dass ich mein Ding ohne Kompromisse durchziehe. Die Fans wissen, was sie von mir erwarten können. Thrash Metal basiert ebenfalls auf Ehrlichkeit, wahrscheinlich akzeptieren mich deshalb Bands wie Metallica. Vielleicht sind sie auch einfach nur alte Sabbath-Fans, die mal mit ihrem Idol zusammenspielen wollen. Ich weiß es nicht.«

Mit Geezer Butler spielt ein alter Bekannter aus Black-Sabbath-Tagen in deiner jetzigen Band. Sind die Streitereien behoben?

»Mit Geezer habe ich nie Probleme gehabt. Als er bei mir einsteigen wollte, war ich deshalb sofort einverstanden. Mit Tony Iommi sieht's da schon anders aus; sonst hätten wir Sabbath längst reformiert.«

Ich gehe doch sicher recht mit der Annahme, dass die neue Liveshow einige Sabbath-Klassiker enthalten wird, oder?

»Mit Sicherheit werden wir ein paar Songs ausgraben, mit denen niemand gerechnet hätte. Um welche es sich handelt, möchte ich aber natürlich noch nicht verraten.«

In England hast du vor kurzem eine Tour durch Clubs und kleine Hallen absolviert, nachdem du 1986 als Headliner in Donington aufgetreten bist. Warum dieser Schritt zurück zur Basis?

»Ich wollte einfach mal wieder das alte Feeling spüren – keine Effekte, keine Riesen-Lightshow, kein unnötiger Bullshit. Wir haben uns einfach auf die Bühne gestellt und gespielt, wie vor 15 Jahren. Die Leute sind völlig ausgerastet, und für mich war's wie ein Zeitsprung. Ich würde sofort nochmal machen.«


Du startest in den kommenden Wochen eine US-Tour zusammen mit Anthrax. Legst du ein paar mehr Day-offs ein, oder wie willst du das körperlich durchstehen?

»Ja, wir müssen regelmäßig kurze Pausen einschieben, sonst bin ich schon nach der ersten Woche am Ende. Wenn ich mich zusammenreiße, wird's schon klappen.«

Wann können wir dich in Europa erwarten?

»Direkt im Anschluss an die US-Tour. Ich hoffe, dass ich im Frühjahr oder Sommer '89 hier spielen werde.«

Du weißt sicher noch nicht, wer dich als Support bei uns begleiten wird. Gibt es eine Band, die du gerne mitnehmen würdest?

»Nee, ist mir auch scheißegal.«

Okay, letzte Frage: Du bist selber Vater. Würdest du deinen Kindern eine Ozzy-Show sehen lassen?

»Natürlich, ich nehme meine Kinder so oft mit wie möglich, und mein ältester Sohn bangt sogar schon mit! Bis jetzt ist er noch völlig normal und denkt nicht an Selbstmord – ich bin also wohl doch nicht so gefährlich....«

Bands:
OZZY OSBOURNE
Autor:
Götz Kühnemund

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