Interview


Pic: Jule Scheler

Interview 19.02.2019, 13:30

OUR SURVIVAL DEPENDS ON US - Online-Ergänzung zum Interview in Rock Hard Vol. 382

OUR SURVIVAL DEPENDS ON US sind mit „Melting The Ice In The Hearts Of Men“ nicht umsonst zu einer unserer Dynamit-Scheiben geworden – doch nicht nur die Platte ist besonders, auch so haben die Österreicher etwas mehr zu sagen, was wir euch natürlich nicht vorenthalten wollen. Wir sprachen mit Sänger Mucho und Gitarrist Thom.

Grundsätzlich spielt die Zahl „4“ für das übergeordnete Konzept eures Albums eine wichtige Rolle – ihr bezieht euch u.a. auf die vier Elemente und die vier Jahreszeiten, richtig?

Mucho: »Ja, das könnte man ewig fortführen. Die vier Elemente, die vier Erzengel, du kannst das durch hundert verschiedene Kulturen und Religionen beobachten. Es sind immer die gleichen Grundtransmitter und Grundinformationen, die Menschen in verschiedenen Kulturen verschieden benennen, aber an sich ist es eine sehr universelle Sache, die überall auf der ganzen Welt gleich in unser Leben greift. Die Vier ist auch die Zahl der Geborgenheit oder der Familie und der Anfang von der Acht – und die Acht steht immer für die Stärke und für die Verantwortlichkeit, was wir mit der Stärke machen. Wir arbeiten seit Jahren sehr intensiv bei unseren Alben mit solchen Sachen und sind dann oft auch selbst überrascht wie stimmig, wie schlüssig Sachen sind, wenn wir es im Nachhinein betrachten.«

Thom: »Man könnte das sogar noch weiter ausführen. „Scouts On The Borderline...“ war für uns eine Grenzüberschreitung. Es war ein Neuanfang und wir haben Neuland betreten und jetzt, bei „Melting The Ice...“ ist es so, dass wir uns verorten. Da gibt es immer diese vier Himmelsrichtungen und wir sind jetzt in der Lage uns zu verorten, also einen Schritt weiter im Prozess. Wie Mucho schon sagt, könnte man tausend Vergleiche ziehen: Es gibt die vier Reiter der Apokalypse und so weiter. Wir haben uns also schon ganz bewusst für die Zahl Vier entschieden und das Album ganz bewusst auf diese Länge limitiert. Nicht zuletzt auch, weil wir ein Fan des Formates sind, denn ein Doppelalbum macht auch nur Sinn, wenn du wirklich sehr, sehr viel zu sagen hast und das Ganze schlüssig ist. Was für uns keinen Sinn macht, wäre irgendetwas künstlich aufzublasen. Darum haben wir gesagt, wir bleiben fokussiert, bleiben bei diesen vier Songs und können es so wirklich auf den Punkt bringen.«


Ein weiteres Merkmal ist für mich, dass ihr zwar grundsätzlich Metal macht, aber dennoch eine Schönheit in eurer Musik liegt, die weit weg vom destruktiven Charakter vieler Extrem-Metal-Bands liegt – hat das auch etwas mit eurer Weltansicht zu tun?

Mucho lacht: »Wir glauben an das Gute im Menschen. Es freut uns immer wieder, wenn Leute beobachten, dass es so etwas wie eine positive Grundstimmung gibt, denn auch, wenn die Welt um uns immer härter wird, gibt es trotzdem noch extrem viel Schönheit in dieser Welt. Genauso wie in vielen Menschen, Künsten, in der Musik, in der Malerei, das sind alles Sachen die uns auf eine Weise berühren und gut tun oder uns zum Nachdenken bringen – und solange das so ist, ist noch nicht alles verloren.«

Thom: »Ich widerspreche dem Mucho, ich glaube nicht an das Gute im Menschen.«

Mucho: »Ja, das war vollkommen klar (lacht).«

Thom: »Aber die Conclusio ist dieselbe. Ich glaube, wir lassen das Gute im Menschen zu und jeder Mensch hat die Chance dazu gut zu sein, aber ich glaube nicht, dass der Mensch von Natur aus gut ist.«

Mucho: »Das habe ich auch nicht gesagt!«

Thom: »Ich glaube auch nicht, dass ihn nur soziale Umstände schlecht machen. Es ist vielmehr eine Frage des Gleichgewichts, wir müssen dafür sorgen, dass es sich nicht auszahlt ein Arschloch zu sein, dass wir solche Dinge einfach nicht zulassen. Vielleicht ist das der Aspekt der Schönheit (lacht), eine gewisse Toleranz gegenüber der Schönheit.«


Außerdem habt ihr, so wirkt es, eine sehr künstlerische Herangehensweise an eigentlich alles was ihr macht – man sieht es am Video zu ´Gold And Silver´ und hört es in der Musik, was ich als sehr erfrischend empfinde, weil gerade im digitalen Zeitalter alles so schnelllebig und inflationär erscheint und Musik, wie ihr sie macht, daran erinnert, dass Musik mehr als nur ein Entertainment-Tool und mehr als ein Industrieprodukt ist.

Mucho: »Ja sicher, für uns ist Musik vordergründig in keinster Art und Weise ein Entertainment-Tool. Jede Art von Kunst und Musik im Besonderen ist die einzige Sprache, die die gesamte Welt ungefiltert versteht – auch, wenn uns sprachliche Barrieren trennen. Jeder sieht ein Bild, jeder hört Musik und auch ohne den Text zu verstehen, kann man eine tiefe emotionale Bindung dazu aufbauen.«

Thom: »Ich glaube, das ist auch unsere alpine Sturköpfigkeit, die da durchkommt (lacht). Diese Entschleunigung ist bei uns einfach Programm, das siehst du ja sofort: Wir haben einen langen Bandnamen, der nicht wirklich catchy ist, unsere Albentitel sind sehr lang und so nehmen wir uns auch Zeit für unsere Songs, damit sie atmen und leben können, damit sie sich entwickeln können. Natürlich ist das ein Statement. Für die einen ist es Anachronismus, für die anderen ist es progressiv, es ist eine Frage des Standpunktes.«

Mucho: »Interessant ist, dass extrem viele Menschen, die unsere Musik hören – egal, ob auf Platte oder live – immer von einer ganz besonderen Art der Berührtheit oder Zeitlosigkeit sprechen und das fällt uns als Musiker gerade bei Live-Shows auf. Die Menschen wirken oft runtergedrosselt und entschleunigt und das ist etwas, das total wichtig ist in einer Zeit, die so schnelllebig ist: Indem wir einen zeitfreien Raum schaffen, steigern wir unser Empfinden.«

Thom: »Die Kunst musst du auch zulassen können. Die Kunst braucht einfach einen Raum, damit sie sich entwickeln kann. Wenn du das Video zu ´Gold And Silver´ ansprichst, da ist es ja nicht so, als hätte eine riesige Crew zu Verfügung gestanden, die ein Drehbuch durchgegangen ist, während es tausend Teamgespräche gab. Es entstand durch irrsinnig viel Improvisation und organisch gewachsenes. Wir geben uns Zeit, den Raum und den Rahmen, laden alle Mitwirkenden dazu ein und schauen, was passiert. Das was du im Video siehst, das war natürlich getragen vom textlichen Inhalt, aber es hat sich auch durch die einzelnen Szenen, Menschen und Input vor Ort entwickelt.«


Im Heftinterview sagt ihr, dass es für den Aufstieg der Bösen ausreicht, wenn die Guten passiv sind. Was könnte man denn aktiv tun?

Mucho: »Wenn man jung ist, hat man immer ganz große Visionen und möchte die Welt verändern. Das kennen wir alle. Meine persönliche Beobachtung war, dass jede Art von Revolution immer ihre Kinder fressen wird und, dass die einzige Möglichkeit ist, wie du irgendetwas positiv oder konstruktiv veränderst – egal, ob du Musiker bist oder irgendeine andere Art von Kunst machst – indem du um dich herum einen Kreis aufbaust und durch dein eigenes Beispiel anfängst vorzuleben, dass es anders auch funktioniert. Und dann ist man oft sehr oft überrascht, was für Dimensionen das annehmen kann. Das ist viel Arbeit und niemand wird dir dafür danken, aber es funktioniert – ganz nach Carlos Castanedas „Die Lehren des Don Juan“: Wenn du etwas machen musst, dann mach es, aber erwarte nie eine großartige Dankbarkeit dafür. Dann verändert sich etwas in deinem Wirkungsspektrum und in dem, was um dich herum passiert – zumindest, wenn die Menschen um dich herum reinen Herzens sind und mit an einem Strang ziehen. Das gilt auch für die Musik und die Metal-Szene und das ist für uns oft sehr interessant zu beobachten.«


Das Ende von ´Song Of The Lower Classes´ lädt dazu ein, einen Moment innezuhalten, in sich zu gehen und sowohl sich als auch die Welt zu beobachten – war das so gedacht, als Moment der Reflexion?

Thom: »Jeder Song braucht diesen Moment der Wendung und es ist umso besser, wenn du Raum hast, um Stille zuzulassen, denn nach der Stille wirkt die Kraft doppelt so stark. Bei ´Song For The Lower Classes´ passt das umso besser, wenn es darum geht, die eigene Stärke wahrzunehmen. Und damit man das wahrnehmen kann, muss man sich kurz rausnehmen, vielleicht den eigenen Puls spüren und sich dann wieder bewusst werden.«

Mucho: »Und aber trotzdem noch den realistischen Blick behalten. Der Song endet damit, dass wir erkennen, dass wir vielleicht nicht mehr so „nieder“ sind, wie wir mal waren, weil unsere Gesellschaftsform sich verändert hat oder die Art der Sklaverei sich sozusagen verändert hat, aber es trotzdem immer noch die Unterschiede gibt. Wir leisten sicher oft noch Folge, auch wenn es gegen unseren Verstand oder unser eigentliches Menschsein geht. Und das ist sicher etwas über was wir alle nachdenken sollten in Zukunft. Was der Sinn ist, was uns Mensch sein lässt, was wir ändern können, damit wir es in Zukunft etwas besser und fokussierter machen.«

www.facebook.com/oursurvivaldependsonus


Bands:
OUR SURVIVAL DEPENDS ON US
Autor:
Mandy Malon

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