Interview


Pic: Jule Scheler

Interview 31.03.2021, 13:01

OUR SURVIVAL DEPENDS ON US, DAETH DAEMON - Interview mit Thom Kinberger zur Corona-Krise

Im zweiten Teil unserer großen Umfrage, inwieweit die Corona-Krise das Musikbusiness verändert, sprechen wir u.a. auch mit Thom Kinberger. Der Österreicher ist neben seinem kreativen Schaffen in zwei Extrem-Metal-Bands auch auch als Landesvorsitzender der Metaller Gewerkschaft PRO-GE sowie der Österreichischen Gesundheitskasse tätig. Ergänzend zu unserem Interview in Rock Hard Vol. 406 gab uns der Gitarrist noch weitere persönliche Einschätzungen zum Thema.

Thom, leidest du unter der aktuellen Situation?
»Nein gar nicht. Das hängt aber auch damit zusammen, dass Krisen, Konflikt und Improvisation Teil meiner Ausbildung sind. Ein großer Vorteil ist auch, dass ich wirtschaftlich breit aufgestellt bin.«

Inwieweit sind deine Bands von der Corona-Krise betroffen?
»Für OUR SURVIVAL DEPENDS ON US war das ein beschissenes Timing. Wir haben 2019 unser neues Album „Melting The Ice In The Hearts Of Men" via Van Records veröffentlicht und waren deshalb für 2020 super gebucht. Dragon Productions hat uns ein wunderbares Programm quer durch die europäischen Festivals organisiert. Dazu waren wir für den Austrian Music Award in Wien nominiert. Unser eigenes Festival „House Of The Holy" bzw. „Funkenflug" war ausverkauft und der dazugehörige Dokumentarfilm „Shadows Of Light" war Sieger beim Europäischen Independent Film Festival in Paris. All das konnten wir vergessen, oder nur von zuhause via Streaming mitverfolgen. Das hat uns echt angepisst, wird uns aber in keiner Weise kreativ beeinflussen. Als Musiker und Kreativer musst du erschaffen, das ist ein innerer Drang und eine Leidenschaft, der kein Virus etwas anhaben kann.«

Wie zufrieden bist du mit den lokalen Regierungen oder nationalen Entscheidungsträgern in Österreich?
»Wir erleben ein einzigartiges Versagen der politischen Institutionen auf europäischer Ebene und in den Ländern. Föderalistischer Aktionismus, kopflose Kurzsichtigkeit und die nachhaltige Demontage von Verfassung und Menschenrechten wird alles sein, was rückblickend bleibt. Wenigstens ist die Wertschätzung für den Sozialstaat und ein öffentliches Gesundheitswesen gestiegen. Selbst die neoliberalsten Privatisierungsgeier, haben plötzlich nach einer staatlichen solidarischen Gesellschaft gerufen. Der Politik ist außer Berufsverboten und Freiheitsberaubung nicht viel eingefallen. Die einzigen sinnvollen Verschärfungen wären im Gesundheitssystem zu treffen gewesen. Bessere Bezahlung, respektvolleres Arbeitsklima, Pflegeschlüssel anpassen und Budgeterweiterung statt Kürzung. Damit würden viele gut ausgebildete Fachkräfte länger in diesem Beruf bleiben und sich nicht nach dem dritten Burnout umschulen lassen. Einer Gesundheitskrise ist mit der Stärkung des Gesundheitssystems zu begegnen und nicht mit Bestrafung und Entmündigung.«

Was können wir aus dieser Krise lernen, gibt es produktive Schlussfolgerungen, die wir für eine (bessere) Zukunft von Kunst und Kultur ziehen können?
»Ich versuche ein paar harte Fakten zusammenzufassen. Der europäische Musiksektor beschäftigt zwei Millionen Menschen und trägt jährlich 81,9 Milliarden Euro zur Wirtschaft in den 27 EU-Mitgliedstaaten und Großbritannien bei.* 31 Milliarden Euro Steuerleistung werden von der Musikbranche beigetragen. In Österreich verzeichnet der Musikmarkt 2019 das dritte Umsatzplus in Folge, mit einer Wachstumsrate, die wir nur aus den neunziger Jahren kennen. Das war tatsächlich dem Streaming zuzuschreiben. Dabei ist dieses Potenzial noch weit nicht ausgeschöpft. Die CD ist immer noch der beliebteste Tonträger, Vinyl verkauft in Relation dazu 20 Prozent. Die Industrie hat sich bei uns zumindest einen Teil an Krisen-Förderungen sichern können. Der Verband der österreichischen Musikwirtschaft hat 2020 ein Hilfsprogramm für heimische Musiklabels mit einer Million Euro dotiert. Eine direkte Interessenvertretung für Künstler hat sich jedoch weder in Österreich noch in Deutschland etabliert. Insgesamt sind gewerkschaftliche Organisation und Lobbyarbeit nicht stark genug, um die Interessen der Beschäftigten durchzusetzen. Die Gewerkschaft Verdi, Bereich „Kunst und Kultur", hat bundesweit 5.000 Mitglieder. Damit ist es unmöglich in den politischen Raum wirken. Dann gibt es noch die Deutsche Orchestervereinigung, den Deutschen Tonkünstlerverband und die Deutsche Jazz Union. All das hat aber nichts mit unserer Szene zu tun.«

Was ist das Beste, das du während des Lockdowns gemacht hast?
»Wir haben die Zeit ohne Shows und Festivals natürlich genutzt, um neue Musik zu schreiben. Besonders stolz bin ich auf meine neue Death-Metal-Band DAETH DAEMON, mit der wir im April 2020 unsere Debüt-EP „The Skeleton Spectre" veröffentlicht haben. Wir haben bei Blood Blast Distribution einen Digital-Vertriebsdeal unterschrieben. Das ist für uns sehr interessant, da sich die Firma weltweit auf den digitalen Vertrieb von Extreme Metal auf allen Streaming-Plattformen spezialisiert hat. Alle Rechte auf Produktion und Vermarktung der physischen Tonträger bleiben dabei vollständig bei uns. Vinyl, Tapes und Merch gibt es exklusiv bei uns via Bandcamp. Das ist richtig gut gelaufen und wir hatten eine Menge neuer Ideen, deshalb sind wir gerade wieder im Studio, um unseren ersten Langspieler aufzunehmen. Ab einer gewissen Größenordnung wird es ohne professionelles Label sicher nicht gehen, aber für's Erste ist das ein zukunftsträchtiges Konzept, das natürlich gut in die aktuelle Situation passt. Barth (OUR SURVIVAL DEPENDS ON US, b. - mam) hat auf seiner Neudegg Alm neue Gebäude errichtet, einen Fischteich angelegt und eine Hausbrauerei aufgebaut. Zum nächsten „House Of The Holy"-Festival gibt's dann unser eigenes Bier zum Verkosten. In einer miesen Situation etwas Neues anpacken, auf die eigene Kraft vertrauen, das ist unser persönlicher „Survival Instinct".«


http://osdou.com/

www.facebook.com/oursurvivaldependsonus/

http://daethdaemon.bandcamp.com/album/the-skeleton-spectre


(* Quelle: Oxford Economics: „The Economic Impact of Music in Europe")

Bands:
OUR SURVIVAL DEPENDS ON US
DAETH DAEMON
Autor:
Mandy Malon

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