Interview

Interview 20.05.2020, 11:36

ORANGE GOBLIN - Ein Vierteljahrhundert im Zeichen des Goblins

Ein 25-jähriges Bandjubiläum stellt immer einen guten Anlass dar, einen Rückblick auf die eigene Geschichte zu werfen. So ist es auch bei ORANGE-GOBLIN, die zum Jubiläum ein neues Live-Album namens „Rough & Ready, Live & Loud“ in Petto haben. Der sympathische Fronter Ben Ward zeigt sich im Interview dankbar für Freunde und Bands, mit denen er diesen Weg gemeinsam beschreiten durfte, offenbart sich als absoluter Judas-Priest- und Saxon-Fanboy und hofft, dass die Menschheit gebessert aus der derzeitigen COVID-19-Pandemie hervorgeht.

Hut ab vor einem Vierteljahrhundert ORANGE GOBLIN! Was ist deiner Meinung nach das „Geheimnis“, dass ihr so weit gekommen seid?

»Uh, das ist schwer zu sagen. Ich würde sagen, der wichtigste Punkt ist, dass wir alle es lieben, gemeinsam Musik zu machen. Das hat sich bis heute nicht geändert! Wir haben einfach Spaß an dem, was wir gemeinsam auf die Beine stellen. Wenn es darum geht, Musik zu machen, gibt es nichts Schöneres als mit seinen Freunden zusammenzukommen, neue Songs zu schreiben, Alben aufzunehmen und die Musik mit unterschiedlichsten Leuten in unterschiedlichen Kulturen zu teilen. Obwohl wir das jetzt seit 25 Jahren machen, haben wir einfach immer noch einen Heidenspaß daran. Solang wir dieses Gefühl in uns tragen, werden wir auch immer weiter machen.«

Den von dir erwähnten Spaß in der Band hört man auf jeden Fall auf eurer neuen Live-Platte „Rough & Ready, Live & Loud“ raus.

»Genau dieses Gefühl sollte auch bei „Rough & Ready, Live & Loud“ rüberkommen. Das Material, das ja auch an unterschiedlichen Orten aufgenommen wurde, wurde nie mit dem Hintergedanken festgehalten, als Live-Album zu erscheinen. Aufgrund der derzeitigen COVID-19-Pandemie und dem hieraus resultieren Umstand, dass wir diesen Sommer nicht auf Tour gehen können, haben wir uns entschieden, einige Live-Aufnahmen zusammenzusetzen und daraus ist dann „Rough & Ready, Live & Loud“ entstanden. Diese Zusammensetzung von spontanen Momentaufnahmen ist dann auch der Grund, warum unsere Spielfreude hier besonders durchkommt.«

Ich kann mir vorstellen, dass ihr euch das 25-jährige Bandjubiläum sicher anders vorgestellt habt. Wie erlebt ihr diese seltsamen Zeiten?

»Das ist natürlich eine Lage, die noch niemand von uns allen je erlebt hat. Ich denke, jeder hat da grundsätzlich seine eigenen Ansätze und versucht, so gut wie möglich diese Zeiten zu durchstehen. Ich kann mich derzeit glücklich schätzen, einen Job zu haben, der es mir ermöglicht, von zuhause aus zu arbeiten und durch den ich ein regelmäßiges Einkommen erhalte. Es hilft mir auch sehr, dass ich meine wunderschöne Frau hier bei mir habe, um diese Zeiten gemeinsam zu durchstehen. Durch meinen Job bin ich eigentlich auch die ganze Zeit beschäftigt, ich arbeite nämlich als Booking Agent, außerdem vermarkte ich unterschiedlichste ORANGE-GOBLIN-Sachen. Und ich denke, wenn der Verstand die ganze Zeit arbeitet, hilft dir das enorm, diese Krisenlage besser zu durchstehen. Ich denke, am schwersten ist die Situation vermutlich für Leute, die jetzt allein sind und nicht viele Möglichkeiten haben, wie sie sich beschäftigen können. An diesem Punkt wird es dann kritisch.

So oder so, es sind für uns alle sehr seltsame Zeiten und als ORANGE GOBLIN sind wir beispielsweise im Moment total verstreut. Ich bin hier in Ost-London, Joe (Hoare, Gitarrist der Band -l h) ist grundsätzlich nicht so weit weg, aber Chris (Turner, Drummer - lh) lebt unten an der Südküste in der Nähe von Brighton und Martyn (Millard, ORANGE-GOBLIN-Bassist – lh) wohnt auch ungefähr in der Ecke. Es ist also im Moment nicht so, als hätten wir die Möglichkeit, als Band zusammenzukommen, zu proben, unterwegs zu sein oder gemeinsam Songs zu schreiben. Wir versuchen gerade einfach, uns alle angesichts der Lage möglichst beschäftigt zu halten.«

Ihr habt euer neues Live Album „Rough & Ready, Live & Loud” bislang ausschließlich digital veröffentlicht. Habt ihr auch eine physische Veröffentlichung der Platte angedacht? Das Cover mit euch als „Vier Biker der Apokalypse“ macht sich doch sicher auch auf Platte gut.

»Da stimme ich dir voll und ganz zu! Es haben uns schon einige Leute gefragt, ob das Album auch auf Vinyl oder CD erscheinen wird. Der einzige Grund, warum das noch nicht passiert ist, ist der, dass wir im Moment kein Label haben. „The Wolf Bites Back“ von 2018 war unsere letzte Platte bei Candlelight Records. Seitdem waren wir mit ein paar verschiedenen Labels im Gespräch, es hat sich aber noch nichts neues ergeben. Wenn mit unserem aktuellen Live-Album weiterhin alles gut läuft, könnten wir uns überlegen, ob wir die Platte selber in physischer Form rausbringen. Denn ich stimme dir vollkommen zu, dass das Cover echt klasse geworden ist und ein Album in fester Form in jedem Fall verdient hätte. Wer weiß, wie sich das alles noch entwickelt. Im Moment läuft die digitale Fassung der Platte schon mal ziemlich gut und erscheint auf den unterschiedlichsten Kanälen. Also mal sehen, wenn der Markt dafür da ist, besteht vielleicht auch die Möglichkeit, dass wir das Album selbst in physischer Form veröffentlichen.«

Ihr habt für die Veröffentlichung Songs von Live-Shows aus den Jahren von 2016 bis 2019 ausgewählt. Die Auswahl fiel euch sicher nicht leicht, oder?

»Die Entscheidung war eigentlich mehr von Glück als bewussten Entscheidungen abhängig. Die Songs sind ja von Shows, bei denen unser Tontechniker gerade zwischendurch mal was aufgenommen hat. Er nimmt ja nicht jede Live-Show von uns einfach so auf. Wir haben wirklich großes Glück gehabt, dass er eine Open-Air-Show in Frankreich, einen Gig in London und den Athen-Gig im letzten Jahr mitgeschnitten hat. Die Setlists bei diesen drei Shows stellen einen ziemlich guten Querschnitt der ganzen Bandgeschichte dar, von den allerersten Platten bis zu „The Wolf Bites Back“. Anlässlich unseres 25-jährigens Bandjubiläums war es uns wichtig, all diese Bandphasen auf dem Live-Album einzufangen. Und mit diesen drei Shows konnten wir glücklicherweise genau das bewerkstelligen. Klar, ein paar Feinschliffe mussten wir dann für die Produktion noch vornehmen, aber der „Rough & Ready“-Teil des Titels bringt es schon ziemlich auf den Punkt, denn das hier ist keines dieser Live-Alben, bei denen alles auf Hochglanz poliert wurde. Das ist einfach der Sound von ORANGE GOBLIN und unsere Vorstellung dessen, was ein Live-Album sein sollte. Wenn man an all die großen Live Alben denkt, wie Motörheads „No Sleep ‘til Hammersmith“ oder Iron Maidens „Live After Death“, zeichnen die sich alle durch dieses Raue, Unpolierte aus. Wenn jemand in einer Band einen Fehler macht, dann ist das nicht das Ende der Welt, sondern vermittelt dem Hörer ein Gefühl der Echtheit und des „Dabeiseins“. Und gerade in Zeiten wie diesen, können die Leute sicher so etwas wie ein Live-Feeling gebrauchen, denn wer weiß, wann man wieder Konzerte genießen kann und Musikern nahe sein kann. „Rough & Ready, Live & Loud“ soll einfach dieses Gefühl ins Wohnzimmer transportierten, dass die Leute sich dazu ein Bier aufreißen können und sich wie auf einem ORANGE-GOBLIN-Gig fühlen können.«

Mit welcher Band wolltet ihr eigentlich schon immer mal gemeinsam auf Tour gehen, mit der es bislang nicht geklappt hat?

»Wir können uns schon glücklich schätzen, dass wir bereits mit vielen unserer persönlichen Lieblingsband touren durften. Natürlich gibt es auch ein paar Bands, mit denen wir gerne spielen würden, wo das aber traurigerweise einfach nicht mehr geht, wie zum Beispiel Motörhead oder Black Sabbath, obwohl wir immerhin schon mal mit Heaven & Hell spielen durften. Was noch im Rahmen des Möglichen wäre und ein absoluter Herzenswunsch meinerseits: Iron Maiden. Einfach mal die Jungs Abend für Abend zu erleben und zu erfahren, wie es ist, mit dieser „Maschine“ unterwegs zu sein. Metallica wäre natürlich auch total cool, oder Kiss oder AC/DC… Einfach mal all diese riesigen Bands in Gänze zu erleben. Aber natürlich muss man realistisch bleiben. In unserem Band-Kosmos können wir uns schon wirklich glücklich schätzen, dass wir bereits mit so großen Bands wie Queens Of The Stone Age, Monster Magnet oder Down touren durften. Es gibt da wirklich nicht mehr viele offene Wünsche… Es sei denn, wir bekämen mal einen Anruf von Judas Priest oder Saxon, da sehe ich aber eher nicht, dass das mal passiert. Vielleicht kannst du die beiden Bands ja mal fragen, ob sie Lust hätten, mit ORANGE GOBLIN zu touren (lacht).«

Klar, wenn ich mal mit den Jungs rede, lege ich ein gutes Wort für euch ein. Kannst du mir verraten, was für dich persönlich die absoluten Höhe- und Tiefpunkte der Bandgeschichte darstellen?

»Puh, 25 Jahre sind natürlich schon eine ziemlich lange Zeit, gar nicht so leicht, das mal kurz in ein paar Minuten abzudecken. Im Großen und Ganzen hatten wir vor allem viele gute Zeiten und glücklicherweise kaum schlechte Zeiten. Fangen wir vielleicht mal mit Sachen an, die besonders haften geblieben sind. Unschön war es zum Beispiel, als Pete O‘Malley, unser ehemaliger Gitarrist, die Band verlassen hat, das war 2002. Es war nie eine schwierige Entscheidung, danach als Band weiterzumachen, aber es war einfach traurig, dass Pete nicht mehr dabei war. Unschön war es auch, als sich Joe 2013 auf Tour seine Achillessehne angerissen hat und dann heim fliegen musste, um dort medizinisch versorgt zu werden. Dann mussten wir auf einen Gitarrentechniker zurückgreifen und ihm das gesamte Set innerhalb eines Tages beibringen. Wenn sich solche Umstände auftun, kann man nicht einfach mit dem gleichen Spaß und Selbstvertrauen wie sonst auf die Bühne gehen.

Aber von diesen Geschichten abgesehen, haben wir eigentlich nicht viel Schlechtes in unserer Bandgeschichte erlebt. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum es uns nach 25 Jahren noch gibt. Wo fange ich bei den Highlights nur an… Als wir die Band 1995 gegründet haben, hatten wir noch überhaupt keine Vorstellung, wo unsere Reise mal hingehen würde. Wir waren einfach ein Haufen Freunde, der gelangweilt zusammensaß, die Liebe zum Heavy Metal teilte und Krach machen wollte. Wir hätten nie gedacht, dass es mal darüber hinausgehen würde, vielleicht mal ein Demo aufzunehmen und im lokalen Pub zu spielen. Aber ziemlich direkt zu Beginn kam dann alles schon anderes und binnen eines Jahres durften wir dann in London als Vorband für Electric Wizard und später dann auch Cathedral spielen. Ich würde sagen, dann bei Rise Above Records einen Deal abzuschließen, war auf jeden Fall ein ziemliches Highlight. Das hat uns eine tolle Basis geboten am unserer Kariere zu arbeiten und wir kamen in die glückliche Situation, fünf Alben mit der Hilfe von Lee Dorian (Cathedral-Frontmann und Gründer von Rise Above Records – lh) aufzunehmen. Der war natürlich ein ganz großer Held für uns. So konnten wir dann auch in immer mehr Ländern auf Tour gehen und plötzlich war man in Europa, Asien und den USA unterwegs. Wir haben uns plötzlich wie absolute Rockstars gefühlt. Da hat man dann 38 Tage zusammen in einem Van verbracht, ist teilweise 20 Stunden am Tag gefahren, um dann irgendeinen Müll in irgendwelchen beschissenen Tankstellen zu futtern und ist dann auf die Bühne gegangen (lacht). Ein nächster großer Schritt war dann, als wir plötzlich auf immer mehr Festivals spielen konnten, ganz in der Nähe unserer musikalischen Helden wie Metallica zum Beispiel. Wir können uns also rückblickend wirklich glücklich schätzen. Es war auch immer viel harte Arbeit, aber es waren bis zu diesem Zeitpunkt wirklich schöne 25 Jahre. Hoffen wir einfach, dass es genau so weitergeht!«

Ben, wenn du einen Song wählen müsstest, der sich für alle Ewigkeit in der ORANGE GOBLIN-Setlist halten soll, welcher Track wäre das und warum?

»Das ist wirklich eine verflixt knifflige Frage. Das ist so, als müsste man ein Lieblingskind auswählen (lacht). Unser Bandkatalog ist im Rahmen von 25 Jahren und neun Studioalben ja doch ziemlich umfangreich geworden. Aber ich schätze, wenn ich einen wählen müsste, wäre das ein Track, mit dem wir in letzter Zeit immer unser Set beendet haben und der seit der Veröffentlichung im Jahr 2012 Dauergast in unserer Setlist ist: 'Red Tide Rising'. Der Track bringt einfach auf den Punkt, was ORANGE GOBLIN ausmacht. Der Song ist bombastisch, energetisch, hat verschiedene Schichten, tolle Riffs, eingängige Gesangslinien, einen einprägsamen Refrain und ein tolles Video. Immer wenn wir den Song live spielen, scheint das Publikum total wild abzugehen. Das ist quasi unser 'Ace Of Spades' oder 'Paranoid', den wir scheinbar immer live spielen müssen. Was allerdings witzig ist: Der Song ist auf keinem unserer Live-Alben (lacht).«

Kannst du mir schon etwas zu einem potentiellen Nachfolger eurer 2018er Platte „The Wolf Bites Back“ berichten?

»Ich wünschte, das könnte ich, aber die Wahrheit ist, dass es im Moment noch kein neues Material gibt. Unter den jetzigen Umständen können wir natürlich auch leider nicht zusammenkommen und proben, aber ich weiß, dass Joe aktuell ein paar Ideen hat und die ganze Zeit neue Riffs schreibt und Chris auch an etwas arbeitet. Ich habe aber keine Ahnung, ob die Sachen gut sind oder nicht (lacht). Ich denke aber nicht, dass „The Wolf Bites Back“ unser letztes Album war. Motörhead haben noch Alben veröffentlicht, als Lemmy schon 70 war, ich habe also bis dahin noch 25 Jahre. Wir führen dieses Gespräch dann einfach in 25 Jahren weiter und sprechen über 50 Jahre ORANGE GOBLIN.«

Klar, das machen wir. Spontan aus dem Bauch heraus: Was machst du als erstes, wenn sich die globale Situation wieder normalisiert hat?

»Ich will dann als erstes mit meiner Frau ihre Eltern in Frankreich besuchen. Diese Woche war der Geburtstag ihrer Mutter und eigentlich wären wir da gewesen, um mit ihr zu feiern. Ich weiß, was es für sie bedeutet, dass wir das jetzt nicht machen konnten. Also wird das die erste Sache sein, die wir machen, wenn sich die Lage wieder normalisiert hat. Und dann besuchen wir meine Familie. In Zeiten wie diesen wird einem bewusst, wie wichtig die Familie ist. Ich denke, Zeit mit den Liebsten zu verbringen ist so eine Sache, auf die wir uns alle freuen, wenn es die Lage wieder zulässt. Ich denke, auch wenn die Umstände jetzt schwierig sind, wird sich das Bewusstsein der Menschen in vielerlei Hinsicht verbessern, wenn wieder andere Zeiten anbrechen. Ich denke, dann werden wir unsere Freiheiten, die Umwelt, die Zeit, die wir haben und wie wir sie nutzen, vollkommen anders zu schätzen wissen.«

Wollen wir es hoffen!

www.orangegoblinofficial.com

www.facebook.com/orangegoblinofficial

Bands:
ORANGE GOBLIN
Autor:
Lukas Höpfner

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