Kolumne

Kolumne 29.08.2018

Nur Karlheinz ist geblieben

Bei Sodom heißen die einzigen festen Bandmitglieder Angelripper und Knarrenheinz, wobei sich Letzterer kompositorisch bislang noch nicht hervorgetan hat. Sehr im Gegensatz zu Frank Blackfire – der hatte großen Anteil am Gelingen von „Persecution Mania“ und „Agent Orange“, ohne die Sodom heute HSV-like eine Liga tiefer spielen würden.

Da Blackfire zurückgekehrt ist, fühlt man sich dieser Tage beinahe entwaffnet, wenn man als Fan der Band motzen und randalieren möchte, weil sie über die Jahre wegen der Line-up-Wechsel immer wieder kaum wiederzuerkennen war. Sodom bestünden nur aus Angelripper und (unterbezahlten) Gastmusikern, konstatierte einst Ex-Sodomist Atomic Steif, und nun ist also auch Bernemann leider Sodom-Geschichte. Der war aber zugegebenermaßen 20 Jahre dabei, und es steht außer Frage, dass Tom (mit Karlheinz Knarrenheinz) Sodom trotz veränderter Line-ups mit Beharrlichkeit und Glaubwürdigkeit zu einer Institution gemacht hat. Ohne Kontinuität in der Besetzung kann eine Bandidentität jedoch zerfasern, ja zerbröseln wie Camping-Zwieback unter der haarigen Kimme eines Grizzlys.
Beispiel Rock´n´Rolf: Die Kritik an ihm fiel nach meinem Empfinden in der Vergangenheit oft zu hysterisch aus, doch der Leitsatz „Never change a winning team“ war ihm auf seinem mächtigen Dreimaster Running Wild irgendwann noch so viel wert wie der Lappen für die Bordtoiletten. Das Resultat aus Beinahe-Alleingängen wie „The Brotherhood“ ist bekannt.
Mal ungeachtet der qualitativen Entwicklung einer Band: Die Sabina Classen hat fast mehr Männer verschlissen als der Erste Weltkrieg (pejorative, sexistische Pointe, aber ich kann nicht anders). Bei Wikipedia kann man beim Runterscrollen der Liste ehemaliger Holy-Moses-Mitglieder in Ruhe eine Flasche Bier trinken. Oder Peavy von Rage: Der hat bislang 23 Alben (Stand Juli 2018) eingespielt, beachtlich allerdings auch die Zahl der Interviews, in denen er die neue Rage-Besetzung preist, nachdem die alte sich verbraucht hat (oder zu Sub7even abgehauen ist). Und Boltendahl und Mille…
Aber mal weg vom teutonischen Banddiktatorentum. Dieses Besetzungskarussell-Ding ist beileibe keine allein deutsche Spezialität, und es nervt ebenso, wenn zwei Musiker als Band-Inner-Circle von Album zu Album salbungsvoll neue Kollegen vorstellen. Klar, es gibt sie, die suffkranken, uninspirierten, desertierten, explodierten Mitmusiker – ehe man sich versieht, ist man das Band-Überbleibsel. Und wer die Band als sein Lebenswerk begreift (und seine Kinder mit ihr ernährt), setzt entsprechend Prioritäten. Dennoch ist es schön, dass es eine Truppe wie Paradise Lost gibt, deren Stamm seit Anbeginn vier Musiker bilden. Denen kann man sogar ihre Depeche-Mode-Epigonen-Phase verzeihen. Viele mögen es anders sehen, aber ich empfinde es oft als Zumutung, wenn bei einem Konzert eine Band kaum wiederzuerkennen ist, weil schon wieder drei Neue da stehen. Die vielbeschworene Beständigkeit der Szene erscheint da doch sehr relativ.

Autor:
Gregor Olm

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