Kolumne

Kolumne 14.07.2010

SLIPKNOT - Nummer 2 lebt nicht mehr

PAUL GRAY ist tot. Der SLIPKNOT-Bassist wurde am Pfingstmontag um 10:50 Uhr Ortszeit in einem Hotelzimmer in Urbandale, einem Vorort von Des Moines, leblos aufgefunden. Sein unerwartetes Ableben schockiert Fans, Weggefährten aus dem Musikbusiness, Freunde und seine acht Bandkollegen gleichermaßen. Letztere zollten ihrem jahrelangen Mitstreiter einen Tag später in einer bewegenden Pressekonferenz Tribut. Ebenfalls anwesend war Pauls schwangere Ehefrau Brenna, die im Herbst das erste Kind des Paares erwartet.

Mit Paul Gray verlieren die Millionen-Seller aus Des Moines, Iowa nicht nur eines ihrer Gründungsmitglieder, sondern auch einen ihrer Hauptsongwriter. „Paul war die Essenz von SLIPKNOT“, erklärt Clown Shawn Crahan.

Los ging es mit Pauls musikalischer Laufbahn nicht im verschlafenen Des Moines, sondern im 2.700 Kilometer entfernten L.A. Dort wird Paul Dedrick Gray am 8. April 1972 geboren. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und beschreibt seine Kindheit selbst als ziemlich verrückt. Durch seinen älteren Bruder lernt er schon als Kind Lynyrd Skynyrd, Led Zeppelin, The Doors, Black Sabbath und Kiss kennen.
„Ich liebe Kiss, und ich liebe ihre Gitarrensoli“, diktiert er 2004 beim Rock-Hard-Interview ins Aufnahmegerät. „Schau dir doch mal an, wie abgefahren Kiss mit ihrem Make-up aussehen! Die liefern eine richtig fette Show ab. Und genau das wollen wir mit SLIPKNOT auch bieten!“

Mit zwölf Jahren beginnt Paul Gitarre zu spielen. Als er in der sechsten Klasse das erste Suicidal-Tendencies-Album geschenkt bekommt, versucht er es sofort auf der Gitarre eines Kumpels nachzuspielen. Black Sabbath, Black Flag, Dead Kennedys und generell Punkrock beschreibt er Jahre später als seine Haupteinflüsse. Sein Leben verändern allerdings erst Slayer. Nachdem Paul „Hell Awaits“ zum ersten Mal gehört hat, bettelt er seine Mutter an, ihm eine Gitarre zu schenken. Sie erhört ihn, und von da an zockt der Teenager tagein, tagaus auf seiner neuen Flying V. Unterricht nimmt er nie. Doch die Zeiten sind hart für Paul. Schon mit 16 Jahren bewohnt er ein eigenes Appartement. Mit 17 zieht er zu seiner Mutter nach Iowa.
In einem Musikgeschäft hört er zufällig, dass eine lokale Metal-Coverband einen neuen Bassisten sucht. Da Paul niemanden in seiner neuen Heimat kennt und auf der Suche nach Freunden ist, meldet er sich für den vakanten Posten, obwohl er noch nie in seinem Leben einen Bass in der Hand gehalten hat. Der Mann, der ihm in dem Laden gegenübersteht und mit ihm einen Termin fürs Vorspielen ausmacht, ist Anders Colsefini, der einige Jahre später der erste SLIPKNOT-Sänger wird. Paul leiht sich einen Bass und überzeugt die Coverband schon bei der ersten Probe von seinen Qualitäten, obwohl er nichts anderes macht, als die Gitarren-Parts auf seinem Bass nachzuspielen. Paul bringt sich selbst das Bassspielen bei. Er verehrt Metallicas Cliff Burton und ernennt Iron Maidens Steve Harris zu seinem Idol. Nachdem die Coverband am Ende ist, gründet er mit Anders die Death-Metal-Band Body Pit, die u.a. einige Riffs hervorbringt, die später in dem SLIPKNOT-Song ´Surfacing´ zu hören sind. Bei gemeinsamen Konzerten freundet sich Paul mit Shawn Crahan, Joey Jordison und Jim Root an, die ebenfalls in verschiedenen lokalen Bands aktiv sind.

Eines Tages beschließen Paul, Shawn, Joey und Anders, eine neue Gruppe zu gründen. „Das war die Urbesetzung von SLIPKNOT. Sie basierte stark auf Percussions“, erzählt Paul Gray später in einem Interview. SLIPKNOT wachsen. Jedes Bandmitglied erhält eine Nummer. Paul ist die Nummer Zwei. Schon bald unterschreibt die Gruppe mit ihrem neuen Sänger Corey Taylor bei Roadrunner Records. SLIPKNOT funktionieren prächtig. Vom ersten Album an sackt der Neuner reihenweise Platin- und Goldauszeichnungen ein, gewinnt einen Grammy und verkauft bis zum heutigen Tag weltweit rund 14 Millionen Platten. Obwohl Paul zu den Hauptsongwritern der Band gehört, gibt er selten Interviews. Die Frontarbeit überlässt er Sänger Corey Taylor, Shawn Crahan und Jim Root. 2003 gerät Paul dann aber doch in den Fokus der Medien, als er nach einem Autounfall wegen Besitzes von Kokain und Marihuana zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wird. 2008 äußert er sich in einem Interview über seinen Drogenmissbrauch in dieser Zeit: „Ich habe viel getrunken und Drogen genommen. Sehr, sehr heftige Drogen. Viel Heroin. Speedballs (eine geschnupfte oder intravenös injizierte Kombination aus Heroin und Kokain - cs) habe ich mir täglich geschossen. Dazu kamen noch Pillen. Ich wurde richtig süchtig.“

Pauls Zustand verschlimmert sich so sehr, dass er von seinen Bandkollegen angehalten wird, eine Entziehungskur zu machen. Doch schon 2004 schlägt die Drogensucht bei Gray wieder durch: „Wir gingen wieder auf Tour, und ich kannte einfach zu viele Leute... Und so begann ich, immer mal wieder irgendetwas zu nehmen. Ich erlebte sogar einige Nahtoderfahrungen.“ Ab 2006 (so heißt es) bekommt Paul seine Sucht in den Griff und bleibt clean. Er arbeitet mit seinen Kollegen am aktuellen SLIPKNOT-Album „All Hope Is Gone“ und heiratet seine Freundin Brenna. „SLIPKNOT und meine Frau sind die besten Dinge, die mir in meinem Leben passiert sind“, erzählt Paul 2008 glücklich. Alles scheint in Ordnung zu sein. Einen Monat vor seinem Tod gibt Gray bekannt, dass er mit der Allstar-Gruppe Hail!, zu der auch Tim „Ripper“ Owens (ex-Judas-Priest) und Andreas Kisser von Sepultura gehören, auf Tour gehen wird, während SLIPKNOT pausieren.
Am Pfingstsamstag, acht Tage vor dem geplanten Tourstart, checkt Paul in das Hotel ein, in dem er 48 Stunden später tot aufgefunden wird. „Wir haben am Wochenende noch telefoniert“, erinnert sich Hail!-Manager Mark Abbattista später. „Paul hat sich total auf die Tour gefreut, und wir haben noch rumgescherzt.“ Am Pfingstmontag versuchen Angehörige vergeblich, den Bassisten per Telefon zu erreichen. Hotelangestellte finden schließlich seinen Leichnam und angeblich auch eine Injektionsnadel und Pillen.

Was auch immer die Todesursache ist, Paul gehörte zum Herz von SLIPKNOT, und er lebte die Band und die Musik mit ganzem Herzen. 2004 erzählte er im Rock-Hard-Interview mit einem Schmunzeln folgende Anekdote: „Einige Eltern mögen uns immer noch nicht, aber die Kids lieben uns. Ich bin schon mitten in der Nacht davon aufgewacht, dass Kids Bier trinkend in meinem Garten saßen, die Anlage laut aufgedreht hatten und SLIPKNOT hörten. Als ich sie zur Rede stellte und fragte, was zur Hölle sie in meinem Garten treiben, waren sie wie versteinert. Na ja, schlussendlich habe ich sie in mein Haus eingeladen, und wir haben zusammen weitergefeiert.“
R.I.P., Paul!

Bands:
SLIPKNOT
Autor:
Conny Schiffbauer

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