Kolumne


Foto: Moritz Thau

Kolumne 26.01.2022, 08:00

Nöten Of A Dirty Old Fan: Der wahre Hund von Baskerville

Ausgerechnet Cindy & Bert setzen das erste deutsche Cover eines Heavy-Metal-Songs ins Werk. Ihre ´Paranoid´-Version ´Der Hund von Baskerville´ aus dem Jahr 1971 ist ein vieldeutiges Meisterwerk, das man viel zu lange wegen offensichtlicher Ressentiments gegenüber dem Schlagergenre belächelt hat. Bert selbst alias Nobert Maria Berger deutet das Original zu einer viktorianischen Schauerballade nach Motiven des gleichnamigen Sherlock-Holmes-Romans von Arthur Conan Doyle um. „Nebel zieht in dichten Schwaden / Übers Moor von Forrest Hill / Grün-gespenstisch grinst ein Irrlicht / Es ist Nacht in Baskerville“. Ein Gruselfilm-Set. Das Tier geht um. Aber warum und wieso, verrät Bert ausdrücklich nicht. „Nebel zieht in dichten Schwaden / Übers Moor von Forrest Hill / Und verbirgt des Rätsels Frage / Um den Hund von Baskerville“. Das Rätsel muss man schon selbst lösen.

Wenn ein „Irrlicht“ „grinst“, grinst der Hörer mit – und ahnt den ironischen Subtext. Bert erlaubt sich einen kleinen Spaß mit dem Gothic-Stoff. Und die Studio-Schergen der Würzburger Rocker Jay Five fühlen sich herausgefordert, sie adaptieren die musikalische Vorlage kongenial. In ihrer Fassung dominiert nicht Iommis Bratriff, sondern eine hundsgemein düstere Hammondorgel. Die passt nicht nur wunderbar ins Horrorszenario, sondern treibt obendrein Schabernack, als würde sie ein junger britischer Lord spielen: Jon Lord. Sie macht diesen Black-Sabbath-Song zu einer verkappten Deep-Purple-Nummer. Ich kann über solche Späße lachen.

Bei der TV-Präsentation in der schon im Veröffentlichungsjahr vorgestrigen Musiksendung „Hits à Gogo“ gibt es eine weitere ironische Brechung. Nicht sonderlich subtil, aber in ihrer Verstrahltheit immer noch ganz lustig. Die beiden singen ihr Lied, ein Studiopublikum tanzt, gelegentlich schaut Cindy angesichts des namenlosen Grauens von Baskerville hilfesuchend gen Himmel und dann wieder nach unten zu ihren Füßen. Da nämlich tummelt sich das Untier. Der Hund. Ein Pekinese. Wie gesagt, die Ironie der Mattscheibe ist immer etwas grobkörniger.
Echter Horror zeigt sich in diesem mehrfach gebrochenen Gruselstück aber auch noch, wenn man die Zeichen zu lesen versteht. Wahrhaft hündische Abgründe. Das Paar steht da, stocksteif in flamboyanter Huckeduster-Gewandung. Cindy mit dunklem Kajal und sanft-brutalem „Venus im Pelz“-Lächeln. Bert ein wenig linkisch dahinter, todernst. In seinem Halstuch kehrt das düstere Paisleymuster ihres Kleids wieder. Er gehört nicht nur zu ihr – er gehört ihr! Sein akkurater Domestiken-Zwirn wischt dann die letzten Zweifel beiseite: Er gibt ihren devoten Lustsklaven. „I wanna be your dog“, hechelte Iggy Pop schon zwei Jahre früher. Aber der Eleve hier weiß, was das bedeutet. Ihm ist das Lachen längst vergangen. Mit versteinertem Antlitz wartet er auf seine gerechte Strafe, heute Abend nach der Show. Das ist das eigentliche Drama – und Bert der wahre Hund im Hause Berger/Baskerville.

Autor:
Frank Schäfer

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