Interview

Interview 24.03.2022, 13:02

NITE - Marmor, Stein und Eisen

NITE aus dem sonnigen San Francisco haben mit „Voices Of The Kronian Moon“ ein Album erschaffen, das felsenfest im traditionellen Heavy Metal verwurzelt ist und gleichzeitig frische Akzente setzt. Klassisches Eigthies-Songwriting trifft auf angeschwärzte Vocals und eine Begeisterung für Mythologie und Science-Fiction-Themen. Sänger/Gitarrist Van Labrakis zeigte sich im Gespräch sehr motiviert und auskunftsfreudig, sodass wir vieles über ihn und seine musikalischen Leidenschaften erfahren konnten.

Van, NITE sind eine noch relativ neue Band. Ihr bringt verschiedene Elemente aus dem klassischen Heavy Metal auf ein neues Energie-Level. Hast du dir gedacht: „Hey, ich möchte Maiden-beeinflussten Metal machen und melancholische Melodien mit Black-Metal-Vocals hinzufügen“?

»Ja, so kann man es tatsächlich sagen! Für mich hat das alles begonnen, als ich „The Children Of The Night“ von Tribulation zum ersten Mal gehört habe. Ich stand sofort auf den Sound des Black-Metal-Gesangs über wenig verzerrten Gitarren und diesen Dark-Wave- und Goth-Touch. Für mich klangen sie wie Maiden aus der „Killers“-Phase mit extremerem Gesang. Ich dachte, was wäre wenn wir das mit „Somewhere In Time“-Maiden ausprobieren? „Powerslave“, „Somewhere In Time“ und „Seventh Son Of A Seventh Son“ sind meine Lieblingsalben aller Zeiten. Daher wollte ich diese Art von Musik schon lange machen, aber mit Klargesang fühlte es sich immer unpassend an. Diese kleine Veränderung brachte die Idee für mich ins 21. Jahrhundert. Legenden wie LG Petrov (2021 verstorbener Fronter von Entombed A.D., mes) und viele skandinavische Größen haben die Metalszene für immer verändert und ich könnte mir unsere Musik deswegen auch nicht mit anderen Vocals vorstellen.«

„Voices Of The Kronian Moon“ ist euer zweites Album, das in Zeiten der Pandemie und globaler Konflikte erscheint. Verarbeitet ihr diese Dinge in eurer Musik, oder sollten wir NITE als Weg aus der Realität sehen und an andere Welten, oder den kalifornischen Sonnenschein denken?

»Es scheint, als würde die Welt mit jedem Album, das wir machen, noch abgefuckter zu werden! Wir haben „Darkness Silence Mirror Flame“ eine Woche nach Beginn des ersten Lockdowns veröffentlicht. Hoffentlich gibt es für dieses Mal keine nukleare Pyrotechnik. NITE bringt uns alle wieder nach vorne und ermutigt uns wieder aufzustehen, wenn das Leben schwierig ist. Wir schreiben über unsere Probleme des Lebens und verwenden dazu einen Flickenteppich aus Mythologie und Metaphern. Die Themen sind ziemlich real, aber wir kommunizieren sie in einer Traumwelt, anstatt in der Realität. Diese Rolle spielt Mythologie schon seit Ewigkeiten und wir erfinden hier definitiv nicht das Rad neu. Für mich spielt Mythologie die gleiche Rolle für die menschliche Psyche, wie es Träume auch tun. Es kann helfen, in eine andere Welt einzutauchen, um Schmerz zu verarbeiten. Wenn du deine Probleme durch verschiedene Perspektiven siehst, kommst du besser über sie hinweg. Wir hoffen, dass Menschen mit unserer Musik ein wenig mehr Stärke für ihr Leben gewinnen, durch dass sie sich täglich kämpfen müssen.«

Gibt es ein lyrisches Konzept hinter dem Album? Das Artwork zeigt eine menschliche Kreatur namens „Time Raider“, der einen gebogenen Stab trägt, welcher mit dem Universum verbunden zu sein scheint.

»„Voices Of The Cronian Moon“ ist etwas, das manche Leute als Konzeptalbum bezeichnen. Eine Geschichte bewegt sich durch die gesamte Platte mit einem Anfang und einem Ende, auch wenn du die Songs auch für sich hören kannst. Die Archetypen und mythologischen Figuren, die wir benutzen, sind keine anderen als in der Artus-Sage, oder anderen Mythen, die es auf der Welt gibt. Wir konzentrieren uns auf den Weg des Helden zur Erleuchtung. Eine Art Suche nach dem heiligen Gral, wobei der Gral die Sonne ist. Die Aufgabe unseres Protagonisten, dem „Time Raider“, ist eine Reise durch Weltraum und Zeit, zu der außerirdischen Welt des „Kronian Moon“.«

Wer ist die Kreatur mit Kapuze, die wir auf dem Bild sehen? Sollten wir nach einer Verbindung zu dem suchen, was der „Kronian Moon“ ist?

»Ebenso wie beim ersten Album ist diese Figur die Verkörperung der Nacht. Wir lieben es, eine zentrale Figur zu verwenden und es ist auch eine Verneigung zu unseren Maiden-Lieblingsalben. Die Figur hat gewissermaßen ein Eigenleben entwickelt und ist zu einem Maskottchen geworden. Das Cover schildert die Begegnung von unserem Protagonisten mit der Gottheit der Nacht, der Verkörperung seiner persönlichen Konflikte, Gefahr aber auch Erlösung. DEIH (ein Graffiti-Künstler aus Valencia - mes), der das Bild meisterhaft in Szene gesetzt hat, kam mit der Idee auf uns zu, die Gestalt verhüllt, aber auch aus Marmor und Stein gemacht erscheinen zu lassen. Es hat was von Metallicas „...And Justice For All“, einem weiteren meiner Lieblingsalben.«

Du scheinst eine DIY-Attitüde zu verfolgen, da du Sänger, Songwriter, Produzent und Video Editor in einer Person bist. Warum hast du das Artwork dann abgegeben?

»Weil ich selbst nicht zeichnen kann?! (lacht). Ich verstehe, dass ich als Kontrollfreak erscheinen kann, wenn man einen Blick in die Credits wirft. Aber es war alles mehr ein Argument der verfügbaren Mittel. Wir hatten ein solides Budget für das Album, wollten aber auch Dinge machen, die damit nicht umzusetzen waren. Wenn es um Aufnahmen geht, bin ich glücklicherweise ein erfahrener Produzent und habe fast ein Jahr daran gearbeitet. Wenn wir jemand externes dafür bezahlen müssten, wären wir wahrscheinlich bei tausenden von Dollar an Arbeit. Zudem haben wir im Hinterkopf, dass wir in einem ziemlich teuren Teil der Welt leben. DEIHs Grafiken habe ich über seine Bilder für das HEAVY METAL-Magazine (US-Science-Fiction- und Comic-Heft – mes) kennengelernt. Er hat vorher noch kein Albumcover gemacht und wir mochten seine frische und einzigartige Arbeitsweise. Ich empfinde die selbe Brillianz wie von Moebius bei ihm. Er hat die „Kronian Moon“-Story mitgestaltet und damit die Songs 'Trident' und 'Liber ex Doctrina' beeinflusst.«

Bist du denn generell ein Fan von Comic- und Science-Fiction-Büchern, oder auch Filmen, welche dich über die Jahre inspiriert haben?

»Ja, allerdings. Ich bin großer Fan von europäischen Comics und der Metal-Hurlant-/Heavy-Metal-Magazine-Szene. Ich grabe in den Beständen von Second-Hand-Läden gern nach alten Ausgaben, wenn ich in Kalifornien oder anderswo in den Staaten unterwegs bin. Mit dieser Kunst bin ich in Griechenland aufgewachsen. Wir hatten ein Magazin-Äquivalent, „Para Pente“, das abseits vom Mainstream existierte und unglaubliche Künstler unterstützt hat. Ich fand immer, dass sich das gut mit Metal verträgt. Quasi ein Crossover von Moebius und Derek Riggs (Schöpfer von Eddie und vielen alten Maiden-Artworks – mes). Wir stehen alle auf Sci-Fi-Filme und Bücher. Ich sehe sie als moderne Form der Mythologie und liebe alles von Star Wars, Star Trek bis Babylon 5 und natürlich Alien, Predator und Blade Runner. Die Liste ist endlos.«

Das Video zu 'Kronian Moon' transportiert sehr positive Energie in Richtung des Publikums. Das Setting sind typische Lagerhallen, welche immer in Metal-Videos vorkommen, aber hier ist alles in helles Sonnenlicht getaucht. Im Kontrast dazu sind eure Bandfotos sehr düster.

»Wir mögen das Spiel mit Kontrasten sehr. Es beginnt mit den Vocals, die ein bisschen deplatziert wirken, aber für uns genau richtig sind. Das Risiko über die Optik des Videos war uns klar, vor allem wenn man ein so helles Video dreht, wenn die Band NITE heißt. Wir möchten nicht in einer klaren Schublade stecken. Dinge, die heute im Metal als ungewöhnlich wahrgenommen werden, waren es früher überhaupt nicht. In Zukunft wird es auch dunkle Videos und leuchtende Fotos von uns geben.«

Kommen wir zu mehr Details auf der musikalische Seite. Was kannst du aus deiner Perspektive über die Leadgitarre erzählen und wie du es schaffst ein Feeling für passende, aber nicht zu vorhersehbare Töne in der Spannungskurve von Soli zu entwickeln?

»Die Gitarre ist ein großer Teil meines Lebens und begleitet mich nun fast seit 30 Jahren. Ich ziehe Inspiration von sehr vielen Gitarristen, egal in welchen Genres sie spielen. Alan Holdsworth und Scott Henderson (britischer, sowie US-amerikanischer Jazzrock-Gitarrist – mes) haben meinen Horizont erweitert, als ich Teenager war und haben meine Entwicklung als Musiker bis heute geprägt. Ehrlicherweise haben mich zuletzt eher Sänger als Gitarristen inspiriert. Technischer Kram ist toll, aber die Essenz eines Gitarrensolos ist meiner Meinung nach eine lyrische. Gitarrensoli sind eine Komposition für sich, ein Song in einem Song. Daher sehe ich sie als Mini-Dioramen, mit denen ich Zuhörer auf eine Reise nehmen kann, bevor sie wieder zum Song zurückgeführt werden.«

Kurze Zeit nach dem ersten Longplayer ist euer Bassist ausgestiegen. Er wurde von Avinash Mittur ersetzt, der in der nordamerikanischen Black-Metal-Szene verwurzelt ist. Welche neuen Impulse konnte er einbringen?

»Avinash ist mitten in der Produktion dazugestoßen, also konnte er gar nicht mehr so viel Grundlegendes verändern. Aber er hat diese Band auf jeden Fall auf ein höheres Energielevel gebracht, mit seiner jugendlichen und positiven Energie. Er ist um einiges jünger als der Rest von uns und wenn wir zu faul sind, motiviert er uns noch mehr Songs zu proben. Das passiert echt häufig (lacht)! Es ist ein hart arbeitender Bursche, was sich live und im Studio auswirken wird. Avinash ist außerdem selbst Tontechniker. Diese Vorteile zeichnen sich jetzt schon im Frühstadium der neuen Songs aus.«

Wie stehen die Chancen, NITE in den nächsten Jahren in Europa zu sehen? Ich denke, eure Musik haut in Clubs und auf Festivals gut rein, wo viele Leute Classic Metal mögen, der auch eine dunkle und härtere Seite hat.

»Darauf arbeiten wir hin. Zunächst steht im nächsten Monat eine US-Tour an, die uns vom Westen in die Mitte der Staaten führt. Die Motivation für eine Europatour und die Festivals dort war von Beginn an sehr hoch bei uns. Es spielt auch eine große Rolle, dass ich Europäer bin und sogar zehn Jahre in Deutschland gelebt habe, bevor ich in die USA gezogen bin.«

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Bands:
NITE
Autor:
Meredith Schmiedeskamp

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