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ToneTalk 26.07.2017

NICK DOUGLAS , DORO - »Der Bass gab mir eine Stimme«

Doros scheinbar in einen Jungbrunnen gefallener Bassist NICK DOUGLAS ist die Sympathie in Person, während er so dasitzt in einem mit Equipment zugestellten Kämmerchen des Hauptsitzes seines Bass-Endorsers im sächsischen Markneukirchen. Nicks Augen blitzen auf, als sei er 15 und nicht 50, wenn er von seinen Anfängen in der Musikszene erzählt, weshalb man es ihm nicht übelnehmen sollte, dass er unser Gesprächsthema verfehlt. Was als Interview über sein Instrument und das Drumherum vorgesehen war, ufert zu einer auf andere Weise spannenden Unterhaltung aus.

Nick, der Bass und du, wie kam es dazu?

»Als ich zu spielen anfing, war ich ungefähr zwölf. Mein Onkel zeichnete professionell Comicstrips, also liegt ein Hang zur Kunst wohl in meiner Familie. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, über längere Zeit hinweg keinen Stift in der Hand gehalten zu haben. Ich musste immer irgendetwas kritzeln oder mich auf andere Weise kreativ austoben, sogar schon mit vier Jahren oder so, eigentlich seit ich denken kann. Ich ging zu Porträts und schließlich zu technischen Zeichnungen über, was mich auf eine Architekturschule führte. Während meiner ersten Semester dort kam ich mit Pink Floyds „The Wall” in Berührung, das zu jener Zeit gerade erschienen war. Als ich davon ausgehend den ganzen britischen Progressive Rock kennenlernte, war mein Schicksal besiegelt. Indem ich lernte, ein Instrument zu spielen, konnte ich mich besser mitteilen, denn ich war bis in die Pubertät hinein ein eher schüchterner Junge, der obendrein sehr leise gesprochen hat. Der Bass gab mir sozusagen eine Stimme, obwohl ich zuerst Schlagzeug spielen wollte. Das machten in unserer Gegend aber schon zu viele Gleichaltrige, zumal meine Mutter es nicht erlaubt hätte, und mein knapp zwei Jahre älterer Bruder spielte genauso wie mehrere andere Freunde schon Gitarre, also blieben für mich nur die vier Saiten übrig. Heute bin ich froh darum, denn dieses Instrument fühlte sich für mich sofort natürlich an.«

War es damals schwieriger, als Linkshänder zurechtzukommen?

»Ich wusste bereits durch Paul McCartney oder Jimi Hendrix, dass das kein Hindernis darstellt. Was die konnten, schaffte ich auch (lacht). Ich war immer sehr praktisch veranlagt, und vielleicht sagten mir das Schlagzeug und der Bass auch deshalb eher zu als Gitarren. Der Zugang ist unmittelbarer, wenn man auf Becken und Trommeln klopft oder dicke Saiten anschlägt. Mir war auch sofort klar, dass man mehr mit dem Ding anstellen kann, als nur Grundtöne zu spielen. Ich hatte das Glück, die Musikentwicklung in den Siebzigern hautnah erleben zu dürfen, die Pionierzeit harter Sounds und Stadionbands. Ich stürzte mich in dieses Getümmel und bin bis heute nicht wieder herausgekommen.«

Wie hast du dir deine ersten Sporen verdient?

»Mein Bruder und ich pflegten eine sehr kumpelhafte Beziehung und stießen auf ein anderes Brüderpaar, einen Schlagzeuger und einen Gitarristen. Schon stand unsere erste Band, die es zwar nie aus der Garage geschafft hat, doch das war immerhin ein Anfang. Allerdings brachten wir nie einen ganzen Song zustande, denn die meisten Ideen versumpften in einem 15-minütigen Solo meines Bruders. Danach hangelte ich mich von einer Kapelle zur nächsten, bis ich bei Deadly Blessing in New Jersey landete, meiner ersten Band mit einem Plattenvertrag. Damals war ich 19. Dort hielt ich es zwei Jahre lang aus, in denen wir das Album „Ascend From The Cauldron” veröffentlichten. Wegen unseres klassischen Metal-Stils mit sehr hohem Gesang gewannen wir viele Fans vor allem hier in Deutschland, aber solche Klänge waren Ende der Achtziger schon auf dem absteigenden Ast. Die anderen Mitglieder wollten härter werden, aber ich hatte von jeher einen Hang zu Melodien, weshalb ich mich ausklinkte.«

Bist du im Zuge der Aufmerksamkeit, die euch in Europa zuteilwurde, von Doro angeheuert worden?

»Zunächst zog ich in die City von New York, wo ich Bekannte hatte. In der Stadt versuchte ich mich auch in mehreren Bands, ehe ich von Doros vakantem Bassposten erfuhr. Ich spielte vor und erhielt den Zuschlag. Das war im August 1990, und wir sind immer noch hier – kaum zu fassen.«

Was hält dich als Amerikaner bei einer irgendwie doch typisch deutschen Künstlerin?

»Ich habe eine Menge von ihr gelernt und bin ihr deshalb auf ewig dankbar. Das bezieht sich beileibe nicht nur auf Musik und das Business, sondern reicht bis ins Private hinein. Sie versteht viel vom Umgang mit anderen Menschen und von Beziehungen, wodurch mir erst so richtig bewusst wurde, was es bedeutet, sich in dieser Branche Anstand und Selbstachtung zu bewahren. Da ich seinerzeit erst Anfang 20 war, hatte Doro Vorbildcharakter für mich. Ich staune bis heute, wenn sie selbst die letzte Hand schüttelt, noch ein Foto mit diesem Fan macht und jenem ein weiteres Autogramm auf eine Plattenhülle gibt.«

Kann man ohne Respekt vor sich selbst und anderen überhaupt langfristig in diesem Beruf bestehen?

»Ich glaube nicht. Doro jedenfalls versteht, dass es nicht um Manager und dergleichen geht, sondern um deine Hörer. Gleichzeitig sieht sie ihren andauernden Erfolg nicht als selbstverständlich an, sondern schätzt sich glücklich dafür und arbeitet hart, um ihn zu erhalten. Mit ihr kann man über alles Mögliche quatschen; in der Band befinden wir uns alle auf Augenhöhe. Man sollte sich generell in Demut üben, auch im normalen Alltag.«

Durststrecken hast du auch miterlebt – Stichwort „Machine II Machine”.

»Ein auf modern getrimmtes Album, das während einer Phase der Unsicherheit entstand. Niemand wusste Mitte der Neunziger genau, wie es mit Gitarrenmusik weitergehen würde, also wurde experimentiert, und die Ergebnisse fielen manchmal durchwachsen aus. Trotzdem haben wir uns mit dieser Scheibe nicht verbogen, sondern Durchhaltevermögen bewiesen, und waren unserer Zeit vielleicht sogar ein bisschen voraus.«

Heute herrschen andere Umstände vor, wobei es in geschäftlicher Hinsicht allerdings nicht unbedingt rosiger aussieht.

»Die Digitalisierung von Musik hat etablierte Strukturen aus dem Gleichgewicht gebracht, keine Frage. Man muss sich anpassen, sonst bricht einem der Boden unter den Füßen weg. Die gegenwärtige Situation ist in meinen Augen sehr aufregend und steckt voller Potenzial. Der technische Fortschritt, Streaming von Filmen und Songs, das Internet – all diese Errungenschaften begeistern mich, aber im Hinterkopf schwingt stets mit, dass wir Künstler, die das Ganze ja geschaffen haben, eigentlich nichts mehr damit verdienen. Was mich zuversichtlich stimmt, ist wiederum die Tatsache, dass Liveshows durch nichts zu ersetzen sind. Doro und die Band geben immer ihr Bestes, und das zahlt sich auf lange Sicht hin aus. Der Charterfolg unserer Konzert-DVD sagt diesbezüglich alles. Zudem wird es immer hartgesottene Fans geben, die das Komplettprogramm wollen – CDs oder LPs zum Anfassen mit Artwork und Texten. Wir sind die letzte Generation, die neben dem Jetzt auch die früheren Zustände kennt, und haben die Aufgabe, den Nachwachsenden einen korrekten Umgang mit Kunstgütern beizubringen.«

Was wird aber aus Musikern, deren Hauptertragsquelle sich auf die Bühne verlagert hat, wenn sie zu alt oder krank sind, um weiterhin aufzutreten?

»Ich habe erst kürzlich begonnen, mir Gedanken darüber zu machen, wobei ich schnell einsah, dass ich selbst Verantwortung übernehmen muss. Ich habe keine konkreten Pläne für den Fall, dass ich in 20 oder vielleicht schon zehn Jahren nicht mehr auf die Bretter steigen kann, vermute aber, dass sich meine Arbeit dann aufs Songschreiben für andere verschieben wird. Urheber- und Verlagsrechte sind ebenfalls ein Bereich, dessen Rolle in Zukunft immer wichtiger wird, denn dadurch schafft man sich eine finanzielle Grundlage mit regelmäßigen Einkünften. Davon abgesehen bewahren wir uns eine gewisse Kindlichkeit, die wohl jedem Musiker innewohnt, achten auf unsere Ernährung und nehmen keine Drogen. Ich will nicht sagen, dass etwa Alkohol per se schlecht ist, doch mir raubt er Energie, wenn ich mich ganz auf unser Publikum konzentrieren möchte. Ich unterschätze aber Flüssigkeitsaufnahme allgemein; mir wurde schon mehrmals sterbenselend, weil ich am Rande der Dehydrierung stand, nachdem ich einfach vergessen hatte, genug Wasser zu trinken.«

Was würdest du aufstrebenden Jungmusikern raten, die vorhaben, ihren Unterhalt mit Musik zu bestreiten?

»Bleibt euch selbst treu, haltet nichts für gegeben und seid dankbar für jeden weiteren Tag, den ihr auf diesem wunderbaren Planeten sein dürft. Zudem glaube ich an das Prinzip des Karmas: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, und das trifft sowohl auf die Zeit zu, die du in dein Instrument investierst, als auch auf dein Verhalten gegenüber anderen Menschen. Selbst wenn jemand schroff zu dir ist, begegne ihm immer mit einem Lächeln – so kann man nur gewinnen.«

www.doromusic.de

Das Interview mit Nick wurde auf dem Bass Camp 2016 geführt. Zur 35-Jahr-Feier der Firma Warwick am ersten September-Wochenende 2017 kann man ein limitiertes „Bass Camp Reunion“-Paket buchen, das den Eintritt zu allen Events des Wochenendes enthält, also auch zur Firmenfeier und dem Reeveland Festival, das mit Death Angel, Sodom, Moonspell, Rex Brown, Grave Digger, Havok und Battle Beast diesmal besonders attraktiv besetzt ist. Alle Infos unter: www.warwick.de/de/Warwick--Events.html

Bands:
DORO
NICK DOUGLAS
Autor:
Andreas Schiffmann

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