Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 22.03.2017

DEMON , BATTLEAXE , TOKYO BLADE , HIGH SPIRITS , GHOUL , TOLEDO STEEL - Newcastle upon Tyne, Northumbria Students Union

Brofest 5 im vermeintlichen Jahr zwei vor dem real existierenden Brexit. Ausgerechnet zum kleinen Jubiläum stand das NWOBHM-Veteranentreffen lange Zeit auf der Kippe. Die Macher operieren nach wie vor unter dem selbst auferlegten Diktat der freiwilligen Selbstausbeutung – von Fans für Fans und eben nicht für die eigene Geldbörse. Diesmal ist die Veranstaltung von drei auf zwei Tage eingedampft worden – mit der recht überschaubaren Anzahl von 14 Bands (zuzüglich des Warm-ups in der Rockbar Trillians).

Den Freitag eröffnen die Jungspunde von TOLEDO STEEL, die sich gegenüber ihrem Auftritt im Jahre 2014 stark verbessert zeigen, vor allem im Gesangsbereich. Ihr von der NWOBHM beeinflusster Stil beinhaltet zudem Versatzstücke aus dem US- und Euro-Metal.
Für BERLYN ist es ebenfalls der zweite Auftritt auf dem Brofest. Der Boogie-lastige Hardrock kommt beim Publikum gut an.
Mit MYTHRA folgt bereits zu einem ausgesprochen frühen Zeitpunkt der erste ganz große Höhepunkt des Festivals. Die lokalen Helden aus South Shields wurden bekanntlich 2015 fürs Brofest reanimiert. Seitdem ist eine Menge passiert: Shows auf dem Kontinent sowie die Ankündigung eines brandneuen Studioalbums. Mythra sind bis in die Haarspitzen (sofern vorhanden) motiviert und exzellent aufeinander eingespielt, Sänger Vince High ist gesanglich voll auf der Höhe. ´Death And Destiny´ wird selbstverständlich vom Publikum lautstark mitgetragen, aber es sind gerade die beiden Songs des kommenden Albums, das Titelstück ´Still Burning´ sowie ´A Call To All´, die den größten Eindruck hinterlassen.
Da können BATTLEAXE nicht ganz mithalten. Ihr auf die Dauer doch recht dröger Proto-Thrash wird zwar kompetent dargeboten, birgt aber kaum Höhepunkte, sieht man einmal vom kultigen ´Chopper Attack´ sowie der unzerstörbaren Mitsing-Hymne ´Burn This Town´ ab.
Unerklärlich, warum viele Bros im Vorfeld Zweifel bezüglich der Tauglichkeit von O/D SAXON hegten. Ob vor 2.000 Maniacs in Brande-Hörnerkirchen oder im kleinen Kreis in Haymarket: Es dauert keine zwei Stücke, bis Sänger Brian Shaugnessy (natürlich wieder mit Seventh-Son-Shirt) das Publikum voll auf seiner Seite hat. „We will make Metal great again!“ lautet sein Leitspruch in den folgenden 60 Minuten. Und genau das tun O/D Saxon während ihres Headliner-Sets an diesem kalten Freitagabend dann auch. Graham Oliver geht in seinem Gitarrenspiel voll auf, verzichtet aber weitgehend auf exponierte Solo-Spots, er ist nach wie vor ein äußerst sympathischer Teamplayer. Die Songauswahl beschränkt sich auf die größten Hits, lediglich das von Biffs Saxon nicht immer berücksichtigte ´Hungry Years´ (ein Stück über die Arbeitslosigkeit in Nordengland) sticht heraus.

Am Samstag öffnen sich die Türen bereits um 13 Uhr. Auf dem Campus der Universität herrscht reges Treiben. Langsam füllt sich der Studenten-Pub im Untergeschoss. In der Stadt dominieren die Farben Schwarz und Weiß. Einige Metro-Stationen weiter empfängt im St. James Park der Tabellenführer der zweiten Liga (mit einem Zuschauerschnitt von über 51.000) den Abstiegskandidaten Bristol City. Ein paar Fans mehr hätte dagegen das Brofest bitter nötig. Bei den Newcomern STARBORN ist die Halle ausgesprochen spärlich gefüllt. Die Dame hinter dem Schlagzeug überzeugt, während der Gesang doch stellenweise ein wenig schräg anmutet. Gespielt wird Material der gerade in Eigenregie veröffentlichten EP. Starborn bezeichnen ihren Stil selbst als Power Metal, und in der Tat lässt sich ein teutonischer Unterton der Hamburger Schule nicht leugnen.
BLACKMAYNE wird man außerhalb von Newcastle wohl nicht oft sehen. Das One-Trick-Pony von Ebony Records rumpelt so vor sich hin. Für den 40-minütigen Auftritt hat man zu wenig eigenes Material: ´Redline´ reicht Saxon nicht das Wasser, und über die Version von ´Whiskey In The Jar´ sollte man besser den Mantel des Schweigens hüllen.
Extra wegen STORMTROOPER sind viele Anhänger zum Brofest angereist. Leider steht auf der Bühne nicht Paul Merrell von Jaguar, der auf der einzigen Single „Pride Before A Fall“ zu hören ist. Stormtroopers Auftritt beginnt denkbar schlecht – eine Bassdrum hat ihren Geist aufgegeben und muss gewechselt werden. Das dauert eine gefühlte Ewigkeit. Die Pause vertreibt man sich mit den neuesten Fußball-Ergebnissen: Stormtroopers Home-Team führt tatsächlich 2:0 in Newcastle. Nach der wenig professionell moderierten Zwangspause steigern sich die Bristolians allerdings in einen wahren Spielrausch. Die teilweise über neun Minuten langen Stücke erinnern an eine Mischung aus Shiva und Legend (Jersey), recht progressiver Stoff also. Bassist und Gründungsmitglied Colin „Boggy“ Bond erzeugt über ein Pedal die Keyboard-Sounds, was erstaunlich gut funktioniert. ´Pride Before A Fall´ sowie ´Still Comin´ Home´ am Ende sind absolute Volltreffer.
TRAITORS GATE sind die zweite Band der fünften Auflage des Brofest, der die NWOBHM-Gemeinde entgegengefiebert hat. Leider kann die Gruppe im Gegensatz zu Stormtrooper nicht überzeugen: Das Songmaterial ist insgesamt zu bieder, die Performance nicht übermäßig tight – Prädikat durchschnittlich.
Auch SARACEN sind bekanntlich ähnlich wie Stormtrooper ziemlich proggy und melodisch. Die gewachsene Spielerfahrung der letzten Jahre (u.a. beim Hard Rock Hell in Wales) merkt man der Band deutlich an: Vom ersten Ton der Eröffnungsnummer ´We Have Arrived´ an stimmt eigentlich alles. Der Sound ist bombastisch und das Material des Debütalbums „Heroes, Saints & Fools“ sowieso unschlagbar.
Bereits am frühen Samstagabend steht der eigentliche Headliner auf der Bühne. Kaum zu glauben, dass DEMON in ihrer gesamten Karriere nie zuvor in Newcastle aufgetreten sind. Und leider haben die Mannen aus Stoke on Trent nach 36 langen Jahren lediglich einen mittelmäßigen Tag erwischt. Vielleicht liegt das auch ein wenig daran, dass man sich zu sehr auf die Palette der größten Hits einschießt – anstelle von ´The Plague´ wäre z.B. ´Life In Berlin´ ein wenig innovativer gewesen. Dave Hill versucht die Einheimischen damit aufzuziehen, dass Newcastle United nur 2:2 gegen Bristol gespielt hat. Wenig Old School: Der aufgeklappte Laptop mit dem Signet des angebissenen Apfels auf dem Keyboard wirkt wie Product-Placement. Tja, und dann sollte man Bedienfehler wie das falsche Intro bei ´Sign Of A Madman´ unbedingt vermeiden...
HIGH SPIRITS, noch immer so etwas wie die Band der Stunde, spielen zum zweiten Mal auf dem Brofest. Im Vergleich zum vorangegangenen Auftritt hat sich indes die Besetzung geändert: Alleskönner Chris Black bedient diesmal ausschließlich das Mikro und hat dadurch wesentlich mehr Bewegungsfreiheit – die er auch nutzt. Mittlerweile sind High Spirits eine feste Größe, das Publikum singt nahezu jede Textzeile mit, im Grunde genommen befinden sich sowieso ausschließlich Hits im Repertoire, aber spätestens beim Smasher ´High Spirits´ tobt der komplette Saal. Ohne Frage: High Spirits erzielen die besten Publikumsreaktionen des gesamten Festivals.
Der Comic-hafte Gore-Core von GHOUL ist dagegen nicht unbedingt jedermanns Sache. Während sich die Theke im zweiten Stock füllt, ziehen die illegitimen Nachkommen von Gwar ihre Splatter-Show auf: Kunstblut-Fontänen spritzen ins Auditorium, ein NS-Zombie patrouilliert über die Bühne. Achtung: Strumpfmasken-Alarm. Schockrock 2.0. Es ist am Ende des Tages eben alles eine Frage des (schlechten) Geschmacks.
Wenn man bedenkt, dass TOKYO BLADE Anfang bis Mitte der Achtziger als die Nachfolger von Iron Maiden gehandelt wurden, dann muss man sich beim Blick auf die große Brofest-Bühne doch einigermaßen verwundert die Augen reiben. Die gestandenen Herren aus Salisbury wirken körperlich wenig durchtrainiert und agieren auf ihre alten Tage allerhöchstens auf semiprofessionellem Niveau. Selbstredend treffen NWOBHM-Gassenhauer wie ´Death On Main Street´ oder ´If Heaven Is Hell´ auch anno 2017 immer noch voll ins Schwarze, aber man merkt Tokyo Blade ihr Alter mittlerweile doch mehr an als anderen Bands ihrer Generation...
Fortsetzung folgt. Brofest 6 soll 2018 (mit einigen strukturellen Änderungen) wie gewohnt über die Bühne gehen.

Pic: John Tucker

Bands:
TOLEDO STEEL
DEMON
GHOUL
BATTLEAXE
HIGH SPIRITS
TOKYO BLADE
Autor:
Matthias Mader

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