Interview


Pic: Despotz PR

Interview 08.12.2021, 13:37

NEKROMANT - Jenseits der Zwillingsberge

Die Schweden von NEKROMANT waren von 2012 bis 2016 noch als Serpent in der Szene unterwegs, brachten in dieser Zeit aber bereits ihr später namensgebendes Album „Nekromant“ raus. „Temple Of Haal“ markiert jetzt die dritte Langveröffentlichung seit der Umbenennung der Heavy/Doom-Metaller aus der Kleinstadt Vargön. Die Heimatregion der Band – die südschwedische Gemeinde Vänersborg – hat die neue Scheibe dabei maßgeblich geprägt. Sänger/Bassist Mattias Ottosson nimmt uns mit auf eine Reise durch die bildgewaltigen Naturschauplätze, Geschichten und Legenden seiner Heimat.

Mattias, siehst du „Temple Of Haal“ eigentlich als euer drittes Album an? Ist eure Serpent-Phase für dich ein eigenes, abgeschlossenes Kapitel?
»Nein, überhaupt nicht. Wir haben den Namen geändert, weil es mehrere Bands mit dem Namen Serpent gibt. Das wussten wir, als wir anfingen, aber wir machten uns damals nicht wirklich Gedanken deshalb. Ich sehe das nicht als zwei unterschiedliche Ären an, wir machen immer noch dieselbe Musik. Der Namenswechsel hat daran nichts geändert.«

Die Schlange hat euren kreativen Kosmos nie komplett verlassen. Aktuelles Beispiel ist der Song 'King Serpent' auf „Temple Of Haal“. Steht die Schlange als mythologisches, mehrdeutig zu interpretierendes Tier symbolisch für eure Musik?
»Die Schlange ist natürlich eine sehr interessante, semi-mythologische Figur. Obwohl sie ein echtes Tier ist, ist sie in vielen Mythologien zu finden. Am Anfang dachten wir nicht in diese Richtung, uns gefiel einfach das Wort "Serpent". Als wir unseren Namen änderten, wollten wir uns dieses Wort aber ein bisschen erhalten. Wenn du bei unserem zweiten Album "Snakes & Liars" die CD-Version in die Hand nimmst, findest du das Skelett einer Schlange hinter der CD. Ich mag solche kleinen Easter Eggs. Der Song 'King Serpent' auf diesem Album handelt natürlich von der großen Schlange aus der nordischen Mythologie (die Midgardschlange – sb).«

Im Pressetext wird „Temple Of Haal“ mit den Schlagworten "Schwedische Dunkelheit und Trostlosigkeit" beschrieben. Wir haben gerade November und ich kann mir vorstellen, dass die Tage in Schweden ziemlich düster sind. Wirkt sich das auf deine kreative Grundeinstellung aus?
»Ich denke, jeder Musiker wird bis zu einem gewissen Grad von seiner Herkunft beeinflusst. Was den November betrifft, ist es natürlich sehr verlockend, zu sagen, dass eine Metal-Band vom Wetter und der Natur beeinflusst wird. Das ist bis zu einem gewissen Punkt auch so, ich werde aber viel mehr vom klassischen Heavy Metal inspiriert. Wenn wir mit Menschen aus anderen Ländern über unsere schwedische Herkunft sprechen, dann fragen sie uns oft Dinge wie: 'Habt ihr eine besondere Verbindung zur Natur?' Schweden ist ein modernes westliches Land, es gibt nicht so viele Menschen bei uns, die in Hütten leben und Bäume anbeten. Ich glaube nicht, dass die Leute hier noch in diesem Maß mit der Natur verbunden sind. Vielmehr zeichnet sie eine gewisse Grimmigkeit aus. Sie sind nicht unfreundlich, aber es dauert, jemanden kennenzulernen. Wenn du beispielsweise mit drei Leuten an einer Bushaltestelle wartest, wärst du für sie ein verdammter Wahnsinniger, wenn du in dieser Situation jemandem ansprichst. (lacht)«

Und doch habt ihr einen großen Teil von "Temple Of Haal" eurer Heimatstadt Vargön in Südschweden gewidmet.
»Es ist tatsächlich weniger unserer Heimatstadt gewidmet, sondern mehr den beiden Bergen, die dieses kleine Dorf umschließen. Man sollte Vargön eigentlich nicht "Stadt" nennen, dort leben nur etwa 7.000 Menschen. Diese beiden Plateau-Berge sind sehr geschichtsträchtig und mit urbanen Mythologien verknüpft. Ich betrachte diese Folklore-Legenden durch einen dicken Filter, so, wie ich sie sehen möchte und erzähle auf keinen Fall reale Geschichten unserer Heimatstadt. Wir sind alle drei hier geboren (neben Ottosson namentlich Gitarrist Adam Lundqvist und Schlagzeuger Joakim Olsson – sb), Adam und ich wohnen heute immer noch hier. Ich etwas außerhalb, in den Bergen. Dazwischen lebten wir an verschiedenen Orten in Schweden, aber ich denke, wir haben alle eine ziemlich starke Verbindung zu dem Ort, an dem wir aufgewachsen sind. Unser Drummer Joakim lebt seit ungefähr zehn Jahren in Göteborg. Er kommt gerne zu Besuch vorbei, aber ich denke, er würde nicht mehr hier leben wollen.«

Wie war es für dich, in Vargön aufzuwachsen? Gibt es besondere Orte, die dich in deinen jungen Jahren geprägt haben?
»Ich zog von dort weg, als ich sieben Jahre alt war. Deshalb erinnere ich mich an nicht allzu viel aus dieser Zeit. Es ist eine kleine Stadt, aber nicht so klein, dass jeder jeden kennt. Grundsätzlich will man hier nicht sein gesamtes Leben verbringen. Besonders nicht in unserer Generation. Aber es ist schön hier! Es gibt überall unglaublich tolle Natur und diese beiden Berge. Da geht man schon im Kindergarten immer an den Wandertagen hinauf.«

Sind die Legenden, die man sich über den Halleberg und den Hunneberg sowie die umliegende Natur erzählt, allgemein bekannte Geschichten in deiner Heimat?
»In gewisser Weise bekommst du diese Geschichten erzählt, wenn du hier aufwächst. Jeder kennt die besagten Orte aber wahrscheinlich nicht jede Legende im Detail. Auf unserem Album gibt es einen Track namens 'Häckle Klint'. Das ist ein Berghang, von dem sich Krieger, die nicht die Chance bekamen, im Kampf zu sterben, herunterstürzten. Die Legende besagt, dass sie dadurch trotzdem nach Valhalla kommen konnten. Diese Sagen sind aber nicht wirklich etabliert und stehen auch nicht in Geschichtsbüchern, sie sind durch Mundpropaganda überliefert. Das war gut für mich, denn so fühlte ich mich bei meinen Interpretationen sehr frei.«

Wie würdest du als Einheimischer die Atmosphäre rund um die Zwillingsberge beschreiben?
»Das sind keine Berge im klassischen Sinne, es sind mehr Plateaus. Sie sind auch nur einige hundert Meter hoch, dafür aber ziemlich breit. Ich lebe an den Hängen, es gibt aber auch Leute, die ganz oben wohnen. An einigen Stellen ist es wunderschön malerisch, mit vielen rot-weißen Hütten. In gewisser Weise ein romantisiertes Schweden. Andernorts hingegen hast du einen ziemlich dramatischen und weitreichenden Ausblick über den See Vänern. Auf einem der Berge gibt es auch einen alten Wald, kein niedliches kleines Fantasieland, sondern eine sehr düstere und unzugängliche Gegend mit Mooren. Dort leben viele Tiere, vor allem Elche. Du kannst auf den beiden Bergen immer das finden, was du in der Natur sehen willst.«

Der Vänern ist der größte See Schwedens und einer der größten in Europa. Er scheint vielen schwedischen Bands als Inspirationsquelle zu dienen, beispielsweise haben Monolord aus Göteborg ihr zweites Album "Vænir" danach benannt.
»Das Gefühl habe ich auch. Für mich ist es sehr einfach, mich von Orten wie diesem inspirieren zu lassen. Ich vermute, wenn man dort aufgewachsen ist, baut man eine gewisse tiefere Verbindung auf und genießt nicht nur die schöne Natur. Ich interessiere mich allgemein sehr für lokale Legenden. Ich kenne Monolords Album "Vænir" tatsächlich sehr gut, auch wenn nicht einmal ich mir ganz sicher bin, ob ich den Titel richtig ausspreche. Das ist eine alte Bezeichnung für den See Vänern, die wir auch für den Track 'Vænir Dreams' auf unserem Album verwendeten. Bei "Temple Of Haal" ist es ähnlich, "Haal" ist ein sehr alter Ausdruck für den Halleberg.«

Ist das Gebilde auf dem Albumcover einem realen Ort oder Bauwerk nachempfunden?
»Ich wünschte, es wäre real! Für einen kurzen Moment war es das auch, als wir es für das 'Behind The Veil Of Eyes'-Video nachbauten und anzündeten. Der größere der beiden Berge, der Hunneberg, ist als der Elchberg bekannt. Der schwedische König reist jedes Jahr dorthin, um auf Elchjagd zu gehen. Ich stelle mir vor, dass die Menschen vor tausenden von Jahren diese Struktur zu Ehren des größten Tiers auf dem Berg errichteten. Wenn du dir das Gebilde genau ansiehst, dann erkennst du auf der linken Seite eine kleine Rune, die für das Tier Elch steht.«

In der Single 'The Woods' bringst du zum Ausdruck, dass du mit einigen Lebensweisen der modernen Welt nicht gerade glücklich bist und dass sich viele Menschen nicht mehr auf das konzentrieren, was im Leben wirklich zählt. Wie äußert sich das für dich?
»Dieses Gefühl ist für mich tatsächlich nur das: Ein Gefühl. Ich genieße die moderne Gesellschaft genauso wie jeder andere. Ich fahre ein schickes Auto, ich habe ein schönes Haus, eine Heizung und Essen auf dem Tisch. Ich möchte niemandem zu verstehen geben, dass ich draußen im Wald lebe. Aber wenn du viel Natur um dich hast, bekommst du dieses Gefühl, dass du dir nicht zu viele Gedanken etwa über das verdammte Instagram machen solltest. Deshalb habe ich auch vor ungefähr sechs Monaten alle meine Social-Media-Kanäle abgemeldet. Ich zitiere an dieser Stelle gerne aus dem Film "Natural Born Killers": Das ist "Junkfood für das Gehirn". Ich wurde wütend auf mich selbst, weil ich so viel Zeit mit absolut gar nichts verschwende. Oh, sieh nur, ein süßer Hundewelpe! What the fuck?! Außerdem geht es mir in dem Song darum, dass in unserer modernen Gesellschaft alles verfügbar und einfach ist. Zumindest wenn du privilegiert geboren wirst, was ich wohl auch von mir behaupten kann. So soll es natürlich sein, eine Gesellschaft sollte gut sein. Ich bekomme nur manchmal das Gefühl, dass ich aus den Augen verliere, was es wirklich bedeutet, am Leben zu sein. Aber wie gesagt, ich lebe nicht im Wald und distanziere mich nicht von der modernen Welt. Das ist einfach ein Gefühl, eine Beobachtung.«

Andererseits muss man aber auch die positiven Seiten der modernen Gesellschaft sehen, schließlich haben ihre Errungenschaften etwa zum Fortschritt einer verbesserten Medizin und Wissenschaft beigetragen.
»Alle diese Dinge sind wunderbar! Die Fortschritte in der Medizin sind natürlich großartig und ich profitiere davon wie jeder andere auch. Es kann aber auch frustrierend sein, wenn die Menschen keine wirklichen Probleme haben – da zähle ich mich auf jeden Fall mit dazu – und sich deshalb ihre Probleme selbst suchen. Wie bei einem Immunsystem: Wenn du keinen Dreck in deinen Körper bekommst, den dein Immunsystem verarbeiten kann, dann entwickelst du Allergien. Ich bin selbstverständlich kein Arzt, aber so stelle ich mir das vor. Man muss sein Immunsystem unterhalten, damit es gesund bleibt. Andere Leute wiederum verabschieden sich einfach in den Wald, um dort zu leben. Ich werde das nicht machen. Ich bin ein verdammter Musiker, ich würde innerhalb einer Woche draufgehen! (Lacht)«

www.facebook.com/Nekromantband

www.nekromant.bandcamp.com

Bands:
NEKROMANT
Autor:
Simon Bauer

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