Interview


Pic: Nidhal Marzouk

Interview 02.05.2019, 14:51

MYRATH - Der Ruf des Wüstenwinds

Mit ihrem orientalischen Power-Metal, den sie selbst als "Blazing Desert Metal" bezeichnen, haben die tunesischen Metaller MYRATH auch 2019 noch eine Menge zu sagen. Sowohl auf musikalischer als auch auf inhaltlicher Ebene setzt sich die Band um Frontmann Zaher Zorgati für die grenzenlose Vermischung von Genres, Kulturen und Glaubensrichtungen ein. Grund genug also, den Sänger zu einem Gespräch über die neueste akustische Vision aus dem Hause MYRATH, den titelgebenden Wüstenwind "Shehili" und den politischen Einsatz seiner Band in ihrer nordafrikanischen Heimat zu bitten. Dabei präsentiert sich der 36-Jährige als enorm selbstreflektierter und idealistischer Mensch, der sich klare Ziele gesetzt hat.

Hallo Zaher, danke, dass du dir die Zeit nimmst. Wie geht es dir?

»Ich sitze zu Hause und sehe meinem Lieblings-Fußball-Verein beim Gewinnen zu. Es geht mir also sehr gut (lacht)!«

Glückwunsch zu "Shehili"! Kannst du das Album schon aus einer gewissen Distanz betrachten oder sind die Emotionen noch zu stark?

»Nun, ich hoffe wirklich, dass wir all den Metalheads dort draußen unseren "Blazing Desert Metal" durch dieses Album noch näherbringen können. Ich muss allerdings auch ehrlich sagen, dass ich mit "Shehili" nicht zu einhundert Prozent zufrieden bin. Hinsichtlich seiner Reife, der Produktion und des Klangs ist es aber bei weitem unser bestes Album. Wir arbeiteten mit drei verschiedenen Produzenten zusammen, also musste das Ergebnis gut ausfallen. Auf musikalischer Ebene hätten wir es jedoch noch deutlich besser machen können, ich mag das Album in seiner Gesamtheit tatsächlich nicht so sehr, obwohl es gut geworden ist. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit gehabt, um noch ein paar andere Songs darauf unterzubringen.«

Es überrascht mich, das zu hören. Normalerweise ist das neue Album für einen Musiker automatisch immer das beste der Band, des Genres im Allgemeinen und sowieso der letzten zehn Jahre.

»Ich meine, es ist ein gutes Album. Aber ich bin nicht komplett zufrieden damit. Vielleicht sehen das die anderen Bandmitglieder so, aber für mich befinden sich nur vier Songs auf "Shehili", die ich zu den besten des Jahres 2019 zählen würde.«

Welche sind das?

»Auf jeden Fall 'Born To Survive', weil es eine enorme Energie und Schlagkraft besitzt und 'Monster In My Closet', weil ich das Zusammenspiel der Strophen und des Refrains so gerne mag. Außerdem noch 'Darkness Rise' und 'Shehili'. Der Rest des Albums ist schlichtweg in Ordnung. 'No Holding Back' und 'Dance' beispielsweise sind doch sehr kommerziell ausgefallen.«

Eine sehr ehrlicher Standpunkt, Respekt! In meinen Ohren klingt eure Musik mit jedem neuen Album ein Stück organischer und aufrichtiger. Für "Shehili" habt ihr euch alle in einem Hotelzimmer zusammengefunden und die Songs nur mit einem Klavier und akustischen Gitarren geschrieben, ist das der Grund dafür?

»Es freut mich, dass du das so siehst. Ich werde dir die Wahrheit sagen: Schon vor zwei Jahren, nach der Tour mit unserem letzten Album "Legacy" sagten wir, dass jeder von uns alle seine Ideen sofort mit dem Handy aufnehmen sollte. Schlussendlich überspielten wir all diese Ideen auf einen Laptop und mieteten für zwei Wochen ein Hotelzimmer in Paris, in dem wir zusammen an unseren gesammelten Songideen feilten. Darunter befanden sich einige gute, aber natürlich auch einige schlechte. Die guten Ideen behielt Kevin (Codfert, Produzent- sb) auf seinem PC, nahm daraufhin das Orchester auf und kümmerte sich um die Arrangements und das Mixing, das rund zwei Wochen dauerte. Es war ein gewaltiger Aufwand, alleine die Aufnahmen des Hintergrundgesangs. Das Ergebnis spielten wir dem Boss unseres Labels earMUSIC vor und er sagte uns, dass er durch unsere Musik seit zehn Jahren das erste Mal wieder eine echte Gänsehaut bekommen hätte. Lediglich mit dem Sound des Schlagzeugs war er nicht einverstanden. Also bekamen wir die Möglichkeit, das Schlagzeug erneut und diesmal sehr professionell in Hamburg mit Produzent Eike Freese aufzunehmen. So bekamen wir diese sehr organischen Rock-Drums. Schlussendlich hatten wir also drei verschiedene Produzenten (Nummer drei ist Jens Bogren - sb) und drei sehr unterschiedliche Herangehensweisen, die zusammen eine Vision Realität werden ließen.«

Diese Vision zeichnet sich auch dieses Mal wieder durch die grenzenlose Vermischung von Musikstilen, Kulturen und Glaubensrichtungen aus. Ist und bleibt es die Leidenschaft und Pflicht von MYRATH, Musik und Menschen zusammenzubringen?

»Da hast du zu einhundert Prozent ins Schwarze getroffen, das ist die Essenz von MYRATH! Metalheads können manchmal ziemlich engstirnig sein und sagen, dass sie nur Bands wie Metallica oder Dream Theater mögen. Wir wollen erreichen, dass diese Metalheads auch andere Kulturen, Länder und Musikstile für sich entdecken. In dieser Industrie kann es für Bands wie uns oft sehr schwierig sein, in Europa und den USA bekannt zu werden. Wir verbrachten fünfzehn lange Jahre damit, unser eigenes Geld für unseren Traum zu opfern. Ich kann heute überhaupt nur deshalb mit dir sprechen, weil wir einen Vertrag mit einem Label unterzeichnet haben, das an uns glaubt. Trotzdem vergessen wir niemals, woher wir kommen. Wir produzieren keine Musik am Fließband, wir erschaffen Musik, die aus Liebe gemacht ist.«

Würdest du MYRATH als politische Band bezeichnen?

»In unserem Heimatland Tunesien ja. Wir haben unsere eigene Ideologie und bringen diese auch zum Ausdruck. Vor der Revolution hatten wir eine Metal-Szene in unserem Land, was mittlerweile leider nicht mehr der Fall ist. Jetzt haben wir eine radikale islamistische Partei in unserer Regierung, die unsere Musik verteufelt und als satanistisch darstellt. Deshalb erlaubt die Regierung auch keine Festivals. Sie haben konstant ihre Augen auf uns. Dabei sind wir aber alles andere als Satanisten. Ich wünsche mir so sehr, dass wir in Zukunft mehr Einfluss auf die Geschehnisse in unserem Land haben werden. Deshalb ist es unser Ziel, als Band immer größer zu werden. Wir kämpfen für unsere Ideologie und wollen der Jugend in Tunesien Hoffnung geben, Idole für sie sein. Das letzte Mal, als ich im tunesischen Fernsehen auftrat, sagte ich den Leuten, dass wir weder Satanisten sind, noch die Menschen in unserem Land zum Satanismus bekehren wollen. Wir wollen sie bekehren, doch wir wollen sie zur Musik bekehren. Letztes Jahr spielten wir im Amphitheater von Karthago vor 7.000 oder 8.000 Leuten. Alle waren dort, alte Menschen, junge Menschen und sogar verschleierte Frauen. Verschleierte Frauen, kannst du dir das vorstellen? Wir kämpfen dafür, dass jeder das Glück der Musik erfahren kann und mehr über unsere Kultur lernt. Das ist einer unserer großen Träume.«

Du hast eben schon die Revolution in Tunesien angesprochen, die 2010/2011 deutliche politische Veränderungen in dein Land brachte. Wie hast du dieses Ereignis erlebt?

»Eigentlich war die zunehmende Unabhängigkeit und Redefreiheit das einzig Gute, was die Revolution mit sich brachte. Denn sie sorgte auch für den Aufstieg der radikalen islamistischen Partei, obwohl ein Großteil der Menschen im Land eigentlich gegen sie ist. Deshalb sehen wir heute auch keinen Jazz, Rock oder Metal im Fernsehen, diese Musik wird als sehr schlecht für die Bevölkerung bezeichnet. Hinsichtlich der kulturellen Freiheiten mochte ich das System vor der Revolution also lieber. Davor gab es eine Metalszene hier in Tunesien! Jetzt haben wir nichts. Aber wir werden auch weiterhin dafür kämpfen!«

Der Albumtitel "Shehili" bedeutet so viel wie "heißer Wüstenwind". Was bringt dieser Wind mit sich?

»"Shehili" kommt ursprünglich von dem italienischen Wort "Scirocco", ein antiker, einheimischer Begriff. Er beschreibt den brennenden Wind in der Wüste und funktioniert als Metapher für unsere Musik: Eine Mischung aus tunesischer Folklore und Metal, der Wind bringt also etwas Frisches, für das MYRATH stehen. Es gibt so viele Bands mit orientalischen Einflüssen, aber viele von ihnen klingen sehr ähnlich. Wir sind auf eine bestimmte Art und Weise einzigartig, denn wir können nicht in einen bestimmten Rahmen eingepasst werden. Wir haben 3000 Jahre Geschichte und Kultur hier in Tunesien, außerdem finden sich auch Einflüsse von afrikanischen, ägyptischen, libanesischen und jüdischen Maßstäben in unserer Musik. Auch türkische und andalusische Merkmale haben wir eingefangen. Aber das alles ist auch kein Wunder, schließlich sind wir alle mit dieser Mixtur aufgewachsen, wir haben sie in unserem Blut. Das lernt man nicht in der Musikschule. Tunesien ist eines der weltoffensten Länder in Nordafrika. Wir vermitteln eine Botschaft des Friedens, der Bruderschaft und der Liebe durch unsere Musik – das ist es, was uns so einzigartig macht.«

Stell dir vor, du könntest von allen Menschen, die jemals auf der Erde gelebt haben, eine Person treffen und mit ihr sprechen. Wen würdest du auswählen und was würdest du ihr/ihm sagen?

»(Er denkt eine Weile nach.) Ich werde einen Menschen aus der Musik und einen aus der Politik auswählen, ok? Die musikalische Person ist Ronnie James Dio (R.I.P.! - sb). Ich möchte ihm gerne sagen, dass er mein Held, mein Idol ist und ihm für alles danken, was er getan hat. Für mich ist er der am besten klingende Sänger aller Zeiten. Auf politischer Ebene würde ich sehr gerne Ghandi treffen. Er war ein solch politisch bedeutender, friedvoller und bescheidener Mensch... er hätte den Friedensnobelpreis so sehr verdient gehabt. Ich möchte mit ihm darüber sprechen, wie es ihm gelungen ist, Unterdrückung mit Frieden zu bekämpfen.«

www.myrath.com

www.facebook.com/myrathband

Bands:
MYRATH
Autor:
Simon Bauer

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