My Hometown

My Hometown 28.09.2016, 15:59

PAUL DI'ANNO - My Hometown: London mit Paul Di'Anno

Paul Di'Anno verrät uns die Licht- und Schattenseiten seiner Heimatstadt London.

Paul, du bist in London aufgewachsen. Wo genau?

»Ich habe bis ca. 1980, also bis ich Anfang 20 war, in Westham im Osten Londons gelebt. Später hat mich das Leben u.a. nach New York, Dallas und Sao Paulo verschlagen. Inzwischen ist mein Wohnsitz wieder in England, in Salisbury, Wiltshire.«

Wie war deine Kindheit im Osten Londons?

»Hart. Das Londoner East End glich einem Ghetto, in das die Stadt kein Geld investierte und dessen Erscheinungsbild runtergekommene Gebäude prägten. Es gab viele Arbeitslose. Du hattest die Wahl, kriminell zu werden und dich irgendwelchen Gangs anzuschließen oder zu versuchen, Fußballer oder Musiker zu werden. Ich habe alles gleichzeitig gemacht (lacht).«

Du bist ein Sohn italienischer Immigranten und in einem Haushalt mit acht Kindern aufgewachsen.

»Meine Mutter stammt aus Mailand. Mein leiblicher Vater war ebenfalls Italiener. Er starb drei Monate, bevor ich auf die Welt kam. Ich war das älteste Kind. Meine sieben jüngeren Geschwister sind meine Stiefschwestern und -brüder. Es hat mir nichts ausgemacht, der Älteste zu sein. Wir waren im Grunde schon eine glückliche Familie, die aber ein sehr hartes Leben hatte. Vor allen Dingen für meine Mutter war es nicht leicht, weil sie neben dem Haushalt gelegentlich auch noch arbeiten gehen musste. Mein Stiefvater war leider ein Bastard, der manchmal arbeiten ging und manchmal nicht. Auf ihn war kein Verlass. Da uns ständig an allen Ecken und Enden das Geld fehlte, ging ich schon mit elf Jahren neben der Schule vier verschiedenen Jobs nach. Morgens vor dem Unterricht lieferte ich Zeitungen und Milch aus, und nachmittags arbeitete ich in einer Metzgerei, in der ich später auch eine Ausbildung machte. Drei Tage in der Woche arbeitete ich zudem auf einem Markt. An diesen Tagen schaffte ich es immer erst gegen zehn Uhr zur Schule. Ich habe jede Gelegenheit beim Schopfe gepackt, um irgendwie an Geld zu kommen.

Nichts ist mir wichtiger als die Familie. Ich möchte nicht, dass meine Kinder das mitmachen müssen, was ich mitmachen musste. Und ich will nicht, dass meine alte Mutter noch irgendwie arbeiten muss. Sie soll alles haben, was sie braucht. Heutzutage lebt sie in einem kleinen Häuschen, aber sie kocht immer noch so, als würden acht Kinder am Tisch sitzen. Die Mengen kann kein Mensch verdrücken (lacht).«

Was sind deine schönsten und schlimmsten Kindheitserinnerungen?

»Es gibt nicht viele schöne Erinnerungen. Die beste Sache, die mir je passiert ist, war das Entdecken der Musik im Alter von etwa zehn Jahren. Über meine Mutter lernte ich David Bowie, T. Rex und Slade kennen. Die Musik war für mich eine Flucht aus der beschissenen Realität. Wenn ich von meinem Metzger-Job nach Hause kam, saß ich in meinem Zimmer und hörte Musik.«

Was war als Kind dein Lieblingsort?

»Jenseits der Innenstadt und Autobahn gab es ein wildes Stück Land mit Gras und Hügeln. Es war nicht wirklich schön, weil sich ein stinkender Fluss durch die Landschaft zog und kaputte Autos und Reifen rumlagen, aber dennoch zog ich mich mit meinen Freunden gerne dorthin zurück. Auf einem der höchsten Hügel stand ein massiver Felsen, auf den ich mich gerne setzte, um nachzudenken.«

Hattest du eine Lieblings-Bar?

»Ja, da war ich aber schon älter. Mit 14, 15 Jahren besuchte ich erstmals Bars. Meine Lieblingsläden hießen The Lion & Key und The Royal Standard. Letzterer war ein toller Musik-Club. Den müsste es heute noch geben.«

Wo hast du dir am liebsten Konzerte angeschaut?

»In Leyton im Green Man. Es gab in dem Laden zwar auch Disco-Abende, aber im Grunde lief dort schon eine Menge Rock. Nach der Arbeit und am Wochenende hing ich da gerne ab. Punkmusik wurde im Green Man zwar nicht gespielt, aber dafür so Sachen wie Fleetwood Mac und Pink Floyd.«

Wo bist du am liebsten essen gegangen?

»Gegen die Kochkünste meiner Mutter kam niemand an (lacht).

Es gab ein Restaurant im Osten Londons, das seit 1700 existierte und in dem sehr leckeres Kartoffelpüree mit einer einzigartigen Erbsensauce aufgetischt wurde. Erbsen-Kartoffelpüree ist ein typisches East-End-Gericht. Dieses Püree war recht billig und machte dich sehr satt. Danach musstest du nichts anderes mehr essen.«

Wo war dein erster Proberaum?

»In einem miefigen, kalten Raum über einem Pub namens The Lord Palmerston. Dort probten wir mit meiner ersten Band. Wir spielten ´Gimme Back My Bullets´ von Lynyrd Skynyrd und noch ein paar Punk-Songs und klangen fürchterlich (lacht). Wir waren nicht gut genug für Rockmusik. Das traf sich aber mit der Tatsache, dass drei von uns sowieso lieber Punk zocken wollten. Wir benannten uns um, und dann ging es los.«

Wo hast du deine allererste Show gespielt?

»Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber vermutlich fand mein erster Auftritt in dem Pub statt, über dem wir unseren Proberaum hatten.«

Wie war die Musikszene in deiner alten Heimat?

»Fantastisch! Die New Wave Of British Heavy Metal legte gerade los. Und auch der Punk. Wir haben die Revolution gestartet! In Teilen der Stadt war die soziale Lage sehr schwierig. Es gab viele Streiks. Manchmal hatten wir den ganzen Tag und die folgende Nacht keinen Strom. Die Musik und die Punk-Clubs waren unsere Fluchtorte vor der grauen Realität. Die Wut über die Missstände in unserer Heimat feuerte uns an. Manchmal sahst du bei einem Spaziergang durch zwei Blocks zehn Straßenkämpfe. Überall hingen Gangster rum. Und ich sah anders aus als die anderen. Ich war Punk und trug einen Iro.«

Wo hast du die wildeste Party gefeiert?

»In Leyton in der Church Road gab es einen Friedhof, wo wir oft saßen und Bier tranken. Wir kletterten die Bäume hoch, sprangen runter und erschreckten die Mädchen. Einmal haben wir dort im Spaß auch einen unserer Kumpels geopfert. Wir banden ihn an einen Friedhofsaltar und opferten ihn dem Gott des Bieres. Die Girls, die in der Nähe waren, mussten lachen, und er brüllte. Das war großartig und bescheuert zugleich. Ich hatte auf demselben Altar auch einmal Sex mit einem Mädchen. Sie wollte hinter einen Busch, aber ich bestand auf den Altar. Vermutlich ist mein Leben deswegen verflucht. In der Nacht bin ich auf die dunkle Seite gewechselt (lacht).«

Kehrst du manchmal in deine alte Heimat zurück?

»Weil ich mit meinem kaputten Knie selbst nicht fahren kann, setze ich mich gelegentlich in Salisbury in ein Taxi nach London und bleche hunderte von Euro, um meine Mutter zu besuchen, die immer noch in der Gegend lebt. Meistens kommen meine Schwester und meine Tante dann auch vorbei, und wir trinken zusammen Kaffee. Abends fahre ich wieder mit dem Taxi zurück.«

Stell dir vor, jemand besucht deine alte Heimat. Was würdest du ihm als Erstes empfehlen?

»Den ersten Zug zurück zu nehmen (lacht)!«

www.pauldianno.com

Bands:
PAUL DI'ANNO
Autor:
Conny Schiffbauer

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