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My Hometown 22.04.2015, 15:06

KREATOR - My Hometown: Essen mit Miland "Mille" Petrozza

Essen im Herzen des Ruhrgebiets ist viel besser als sein Ruf. Sagt KREATOR-Mastermind Mille (v./g.), der 1966 in der mittlerweile neuntgrößten Stadt Deutschlands – im Jahr 2000 lag man mit knapp 600.000 Einwohnern noch auf Rang sechs – geboren wurde und seitdem dort lebt.

Mille, was bedeutet dir Essen?

»Mich verbindet mit Essen eine Art Hassliebe. Einerseits ist Essen für seine Größe eine relativ provinzielle Stadt, andererseits wohnen da viele meiner Freunde. Außerdem hat meine ganze Geschichte dort stattgefunden. Deshalb bin ich ein großer Fan dieser Stadt und finde sie sehr unterbewertet. Essen hat ultraschöne Ecken und ist viel, viel besser als sein Ruf. Ich habe schon mit Leuten aus Süddeutschland gesprochen, die dachten, dass Essen total kaputt und grau sei, aber das war vielleicht mal in den Sechzigern so. Essen ist eine sehr grüne Stadt mit einmaligen Freizeitangeboten für Sportler, und Stadtteile wie Altenessen und Karnap sind eigentlich unheimlich schön.«

Wo genau lebst du in Essen?

»Ich lebe mittlerweile in Essen-Rüttenscheid, das ist ein eher alternativer Stadtteil im Süden der Stadt mit guter Anbindung an die Grugahalle, vielen Grünflächen und einer großen Kneipen- und Restaurantszene. Eigentlich ist Rüttenscheid die heimliche Innenstadt von Essen. Die eigentliche Innenstadt ist nämlich mehr eine Einkaufspassage, also völlig gesichtslos und langweilig, während es in Rüttenscheid schöne kleine Straßen mit vielen Altbauten gibt. Und wenn man weiter Richtung Süden fährt, ist da gleich der Baldeneysee.«

Stichwort Gastronomie: Hast du ein Lieblingsrestaurant in Rüttenscheid?

»Leider nicht, weil es in ganz Essen noch kein rein veganes Restaurant gibt, sondern nur vegetarische. Es gibt aber zwei Punkrockkneipen, die veganes Essen anbieten und gar nicht mal schlecht sind. Ansonsten mag ich vor allem italienische Restaurants. Außerdem haben wir sehr schöne Cafés und sehr nette Kneipen. Ich bin meistens in einer Kneipe namens „Banditen wie wir“ oder in der „Goldbar“. Beide Bars sind in Laufweite von mir. Da kann man sich im Sommer schön draußen hinsetzen und abhängen.«

Was trinkst du bei der Gelegenheit?

»Wenn ich abends ausgehe, trinke ich meistens Weißwein, tagsüber Mineralwasser. Wenn ich trinke, dann trinke ich richtig, d.h. dann bleibe ich auch die ganze Nacht. Ich gehe gerne ins „Hotel Shanghai“, das einem Freund von mir gehört. Das ist aber keine Metalkneipe, sondern ein ultrabrutaler Elektroschuppen. Dann gibt es natürlich noch das „Turock“ und das „Cafe Nord“. Da bin ich auch ab und an mal zu Gast. Das „Endzeit“ ist ja leider seit letztem Jahr zu. Außerdem haben wir noch das „Soul Hellcafe“, eine Art Rockabilly-Bar. Die ist auch ganz nett, aber ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich mittlerweile meistens in Kneipen gehe, wo es etwas ruhiger ist. Zum Beispiel in die Weinbar „Jacques Noir“. Da kann man lecker Weiß- und Rotwein trinken. Die ist aber eher was für abends zum Freunde treffen. Das „Unperfekthaus“ ist auch noch sehr gut. Das ist ein kreatives Zentrum, in dem sich Leute einmieten und künstlerisch arbeiten können. Woran es Essen momentan etwas mangelt, ist die Stadtteilarbeit. In den meisten Stadtteilen gibt es keine Jugendzentren mehr, und das hat ein großes Loch in die Kulturszene gerissen. Jetzt weiß man nicht mehr, wo die Kiddies aufwachsen. Wahrscheinlich hängen die jetzt wie Mallrats in Shopping-Centern rum, und das finde ich ätzend. Leider ist das auch im Zuge der Kulturhauptstadtsache (Essen war 2010 unter der Bezeichnung „Ruhr.2010“ Kulturhauptstadt Europas - buf) nicht besser geworden, da gibt es noch einiges zu tun. Zumal wir hier viele Leute haben, die kunst- und kulturschaffend sind, aber die sind alle nicht miteinander verbunden. Darüber habe ich erst letztens mit dem Schauspieler Henning Baum (spielt u.a. die Hauptrolle in der SAT.1-Serie „Der letzte Bulle“ - buf) geredet. Der sieht das ähnlich. Dann haben wir mit Hagen Rether noch einen großartigen Kabarettisten. Das sind alles Leute, die von Essen aus arbeiten und auch sehr gerne hier leben.«

Ist der Comedian Atze Schröder nicht auch aus Essen?

»Ich hoffe nicht (lacht). Da bin ich raus, ich bevorzuge Hagen Rether.«

Wo probt ihr?

»In der „Zeche Carl“. Da proben wir schon seit 1987. Mittlerweile ist der Metal-Bereich dort aber nicht mehr ganz so ausgeprägt. Der hat sich aufs „Turock“ verlagert. Trotzdem bedeutet uns die „Zeche Carl“ natürlich noch viel. Das ist ein historischer Ort. Ich bin da aber mittlerweile meistens nur noch zum Proben, weil die Leute, mit denen ich aufgewachsen bin, nicht mehr dort sind.«

Gibt es in Essen noch einen gescheiten Plattenladen?

»Ja, „Yeah Records“. Da arbeitet der Bony von der Band Japanische Kampfhörspiele, und der Besitzer Sascha ist ein Freund von mir. Dann gibt es da noch einen Punkrockladen namens „New Lifeshark Records“ direkt am Hauptbahnhof. Die haben auch Metal-Sachen. Ansonsten gibt es noch einen legendären Laden in Essen-Steele. Ich weiß aber nicht mehr genau, wie der heißt. Das ist noch ein Ur-Plattenladen mit richtiger Beratung.«

Mit welchen anderen Bands aus Essen verstehst du dich besonders gut?

»Wir haben natürlich alle Freunde, die auch in Bands spielen. Zum Beispiel besagte Japanische Kampfhörspiele, und dann gibt es noch eine türkische Band, die im Übungsraum nebenan probt. Ansonsten habe ich wenig Kontakt zu Essener Lokalbands. Caliban sind aber natürlich noch gute Kumpels von mir. Mit Marc (Görtz, Leadgitarrist - buf) bin ich sehr gut befreundet. Wenn ich Demos aufnehme, dann mache ich die immer in Marcs Studio.«

Bei Heimspielen von Rot-Weiß Essen in der Hafenstraße bist du nicht anzutreffen, oder?

»Ich war noch nie im Stadion, außer mal als Kind mit der Schule. Aber kürzlich hat der Verein einen Werbefilm gedreht, um sein Image ein bisschen aufzupolieren, und da wurde ich gefragt, ob ich mitmachen möchte. Nachdem ich zugesagt habe, wurde ich ins Eulenspiegel-Kino eingeladen, das zu meinen Lieblingskinos gehört – wir haben in Essen übrigens eine der besten Kinolandschaften Deutschlands mit bestimmt fünf Independentkinos –, und sollte dort über Fußball reden. Da saß ich dann gemeinsam mit dem Manager von Rot-Weiß und einem Theater-Typen auf einer Couch der Stauder-Brauerei und sollte was über RWE erzählen, obwohl ich überhaupt keine Ahnung von Fußball habe. Daraufhin habe ich gesagt, dass ich es gut finde, dass die Leute beim Fußball so zusammenhalten. Mehr konnte ich ehrlich gesagt nicht sagen, obwohl RWE derzeit angeblich auf dem aufsteigenden Ast ist, aber das weißt du sicher besser als ich.«

Essen ist derzeit Tabellenführer in der Regionalliga West, einer von insgesamt fünf vierten Ligen.

»Erster in der vierten Liga – das ist ja nicht ganz so glorreich (lacht).«

Kannst du dir vorstellen, Essen zu verlassen?

»Es war mal kurzzeitig geplant, dass ich nach Berlin ziehe. Da hätte ich mir das auch sehr gut vorstellen können, weil dort inzwischen etwa ein Viertel meiner Freunde wohnt. Berlin wäre die einzige Stadt, wo ich jemals hinziehen würde. Aber wie gesagt: Ich habe ein gutes Verhältnis zu Essen. Außerdem ist die Stadt provinziell genug, um dort in Ruhe zu arbeiten. Als Musiker bzw. Künstler brauchst du ein bestimmtes Level an Langeweile, um überhaupt kreativ sein zu können. Wenn du in Berlin wohnst, bist du jeden Tag auf einer Premiere, einem Konzert oder einer Party, und das ist mir zu viel. Ich fahre drei oder vier Mal im Jahr für eine Woche nach Berlin und bin dort immer nur abgelenkt. In Essen habe ich schnell mal Langeweile, und dann sage ich zu mir: „Komm, jetzt schreibe ich neue Lieder.“«

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Bands:
KREATOR
Autor:
Buffo Schnädelbach

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