My Hometown


Foto: Rosa Merino Claros

My Hometown 27.01.2021, 08:10

KADAVAR - My Hometown: Berlin mit Christoph „Lupus“ Lindemann

Zum Thema Berlin könnte man im Gespräch mit den Jungs von Kadavar ein ganzes Buch füllen. Einen kleinen Einblick, was günstige Kneipen, Tonstudios und Heimweh angeht, gewährte uns Frontmann Lupus.

Lupus, du kommst ursprünglich gar nicht aus Berlin.

»Das ist richtig. Ich stamme eigentlich aus der Nähe von Eisenach in Thüringen, wohne aber jetzt seit 13 Jahren hier.«

Warum hast du diesen Schritt damals gewagt?

»Ich bin in der Thüringer Provinz aufgewachsen, und da war wirklich nicht viel los. Meine Freunde sind alle bei Opel oder BMW am Fließband gelandet, und ich hab mir gedacht: „Das ist nicht das, was ich machen will.“ Ein Freund von mir wohnte damals in Berlin, also fragte ich ihn, ob man einfach so dort hinziehen könne. Ich hatte zu dem Zeitpunkt Abitur und Zivildienst absolviert, aber noch keinen Beruf gelernt. Er meinte allerdings, das würde man schon hinbekommen. Daraufhin hab ich meine Sachen gepackt und bin nach Berlin umgezogen.«

Wie war deine erste Wohnung?

»Damals herrschten noch andere Verhältnisse. Man glaubt das kaum, wenn man heute über Berlin redet, aber ich bin einfach hingefahren, hab mir zwei Wohnungen angeschaut und eine davon genommen. Mit 19 Jahren brauchte ich nichts vorzuweisen, um den Mietvertrag zu unterschreiben. 70 Quadratmeter kosteten 500 Euro, und das konnte ich mit meiner damaligen Freundin gut stemmen.«

Was zeichnet Berlin insbesondere aus?

»Auf jeden Fall das Chaotische und Schnelllebige. Früher hätte ich gesagt, das Billige, aber das gilt ja heute nicht mehr. Ich denke, dass der Einfluss der verschiedenen Kulturen ein wichtiger Punkt ist, da ich nicht nur die deutsche Kultur sehen will, sondern auch andere. Dadurch ist das einfach eine spannende Stadt, in der man sich treibenlassen kann und nicht weiß, was hinter der nächsten Ecke steckt.«

Was zeigst du Bekannten, die dich besuchen, auf jeden Fall?

»Falls sie noch nie in Berlin waren, sind für mich die Reste der Mauer an der Bernauer Straße auf jeden Fall mit dabei. Das ist eine Gedenkstätte, die genauso aussieht wie früher, also nicht die Touristenmauer mit den Pink-Floyd-Graffiti. Dort kann man von einem Turm aus noch auf den Todesstreifen schauen und wirklich begreifen, was diese Stadt ausmacht. Zum anderen gehen wir noch zum Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor, weil das für uns Deutsche einfach ein Teil der Geschichte ist, mit dem man versuchen kann, Leute zu sensibilisieren.«

Gibt es bei euch gute Plattenläden?

»Empfehlen kann ich „Bis aufs Messer“, „Heiße Scheiben“ und „Space Hall“. In Friedrichshain haben wir außerdem „Übel & gefährlich“, wo ich mir billige Scheiben für ´nen Fünfer hole. Es wird jedoch schwieriger, weil die Geschäfte wegbrechen; vielleicht entstand vor ein paar Jahren mal ein kurzer Vinyl-Hype, aber seit Media Markt und Saturn auch wieder Platten verkaufen, geht es in dieser Hinsicht bergab, glaube ich.«

Hast du bevorzugte Locations für Konzerte?

»Puh, auch da haben viele zugemacht, vor allem im Zentrum. Mein Lieblingsladen heißt Zukunft am Ostkreuz. Das ist ein kleiner, netter Club mit eigener Brauerei, einem Biergarten und einem Freiluftkino. In zwei Räumen werden Konzerte veranstaltet, und die Miete kostet nicht so viel. Dort ist es halt etwas fairer, obwohl auch kommerzielle Interessen bestehen, wie das bei einem Unternehmen einfach sein muss, aber gleichzeitig machen sie das sehr charmant und einladend. Du musst keine 100 Euro einstecken, um dich da gut zu unterhalten. Kleine Bands können daher dort auftreten, und das unterstützt natürlich die Szene. Dann gibt´s noch das Urban Spree in Friedrichshain, ebenfalls ein kleiner, entspannter Laden, von dem ich glaube, dass sich die Betreiber die kommerziellen Interessen selber mit Bier ausgespült haben (lacht). Dort geht es leicht chaotisch zu; manchmal bekommt man nichts zu trinken, oder hier und da fehlt was, doch ich finde es immer sympathisch.«

Ihr habt euch kürzlich einen Proberaum mit eigenem Studio in Berlin eingerichtet.

»Unser Schlagzeuger Tiger hatte schon zuvor ein Studio, in dem die Band auch gegründet wurde. Wir beide haben Soundengineering studiert, also lag das auf der Hand; wenn ich mich nicht irre, lernten wir uns sogar darüber kennen. Jedenfalls hatten wir das alte Studio im Norden der Stadt und sind fast alle in den Süden gezogen. Die Entfernung war dann zu groß, und der Raum fing zu schimmeln an, weil er in einem Keller lag. Wir haben etwas gutes Neues gefunden, obwohl das in Berlin schwerfällt. Ich bin mit dem Fahrrad in fünf Minuten dort, was hier quasi bedeutet, dass es im Haus nebenan ist. Nur unser Bassist Simon lebt noch im Norden und muss länger fahren.«

Wie oft seid ihr dort?

»Jeden Tag. Das ist ein durchaus großes Teil mit vier oder fünf Räumen. Wir haben ja auch kein Management und dort deshalb sowohl unser Büro als auch das Lager für unseren Onlineshop. Man hat auf jeden Fall täglich was zu tun. Klar, wir gehen da nicht von neun bis 17 Uhr hin, schauen aber schon jeden Tag vorbei.«

Euer drittes Album heißt auch „Berlin“. Vielleicht kannst du noch mal umreißen, warum ihr euch für diesen Titel entschieden habt.

»Ich schätze, zum Aufarbeiten der Zeit, weil wir nach unseren ersten zwei Platten bei Nuclear Blast unterschrieben haben und auf einmal diese Riesenlawine losgetreten wurde. Wir brachten es auf über 100 Shows im Jahr, waren überhaupt nicht mehr vor Ort und vermissten es. Obwohl wir in die größten Städte der Welt reisten, bleibt Berlin mit seinen vielen Grünanlagen eine der schönsten. Zudem hat man viel Platz, um künstlerisch aktiv zu sein, und anders als in London oder New York ist es nicht superteuer; zumindest traf das noch zu, als die Scheibe rauskam, doch ob´s heute noch so ist, wage ich zu bezweifeln. Na ja, es sollte eine Liebeserklärung an unsere Heimat sein. Den Großteil des „Berlin“-Albums haben wir in Austin im US-Bundesstaat Texas geschrieben, wo wir vielleicht ein bisschen Heimweh hatten.«

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Bands:
KADAVAR
Autor:
Stefan Hackländer

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