Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 20.07.2011

GHOST , GRAVEYARD - Muskelrock 2011

Ca. 1.500 Fans besuchten die dritte Auflage des Muskelrock-Festivals in der wohl kultigsten Location, die ein Open Air zu bieten hat. Das Tyrolen, ein erhalten gebliebener Tanzpark aus den sechziger Jahren im südschwedischen Alvesta, lieferte auch in diesem Jahr wieder den perfekten Rahmen für erstklassigen Hardrock und Heavy Metal sowie allerlei Skurrilitäten auf und vor der Bühne.

An die 500 Zuschauer waren es bei der Premiere des Muskelrock 2009. Innerhalb von zwei Jahren hat sich diese Zahl verdreifacht, und obwohl das Gelände eigentlich ein offizielles Fassungsvermögen von 2.200 Besuchern hat, überlegt man von Seiten des Veranstalters, es bei der jetzigen Größe zu belassen. Vom äußerst geschmackvollen Festival-Billing abgesehen, ist es neben dem besonderen Flair der Location in ihrem Sechziger-Jahre-Look mit den farbenfrohen Wand- und Deckenmalereien vor allem die gemütliche Atmosphäre, die das Muskelrock zum kultigsten und gleichzeitig angenehmsten Festival macht. Darüber kann auch nicht die Tatsache hinwegtäuschen, dass das Bier in Schweden teuer ist (ca. 5,50 Euro für einen 0,5-Liter-Becher) und es die seltsamen schwedischen Gesetze verlangen, dass Alkohol nur in einem abgegrenzten Bereich ausgeschenkt und auch nur dort verzehrt werden darf. Aber weil jedes Gesetz wie jede Regel seine Ausnahme hat, darf man bis 20 Uhr Alkohol mit aufs Gelände bringen, auf dem sich dann auch kein Mensch darum schert, wo dieser vernichtet wird. Seltsame Angelegenheit...

Der Donnerstag startet mit Vorführungen der Thor-Filme „Thor - The Rock Opera“ und „Anthorlogy 2“, zwischen denen sich WTICHGRAVE aus dem benachbarten Växjö durch eine sympathische Old-School-Death-Thrash-Show rumpeln. Anschließend befriedigen die reanimierten ENTRAILS die Gelüste der Death-Metal-Fraktion, bevor die von einer Psychobilly- zur Rotzrock-Kapelle mutierten und ebenfalls aus Växjö stammenden THE SCAMS die erste Rock´n´Roll-Einlage des Festivals auf die Bretter legen. Die AC/DC-Klone ´77 aus Spanien kommen auf Konserve nicht über den Status „ganz nett“ hinaus. Live ist das allerdings allererste Sahne und bereitet mit einigen Bieren im Schädel einen Heidenspaß. Vor zwei Jahren bestritten ANTICHRIST an gleicher Stelle ihren allerersten Auftritt überhaupt und rumpelten sich zwar charmant, aber mehr schlecht als recht durch ihren Set. Heute ballert der Växjö-Fünfer vollkommen tight auf die Zwölf, und vor allen Dingen weiß das herrlich aggressive Organ von Sänger Anton zu gefallen. Keine Frage: Von diesen Thrashern wird man auch sehr bald in Deutschland Notiz nehmen.

Herrliches Wetter am zweiten Tag lässt den Großteil der Zuschauer zunächst in den Außenanlagen des Tyrolen verweilen, so dass sich die Bands, die im Pavillon auftreten, mit dem Zuschauerzuspruch schwertun. Deshalb können sich die Doom-Rocker RISE AND SHINE mit Frontfrau Josabeth über deutlich mehr Aufmerksamkeit freuen als NOCTUM und BLACK OATH, die für die Doom-Fraktion musikalisch eigentlich mehr zu bieten haben.

Nachdem sich HELVETETS PORT-Drummer Oscar am Vortag als Nervqualle allererster Güte outete, klemmen wir uns die musikalischen Stümpereien des Quartetts und folgen lieber der Einladung von Griftegård und Year Of The Goat, um in deren Camp unseren Beitrag zu einer alkoholfreien schwedischen Gesellschaft zu leisten. Auch wenn es die Griftegårds ob des bevorstehenden Auftritts eher ruhig angehen lassen, zieht sich die Aktion länger als geplant, so dass wir laut Augen- und Ohrenzeugen einen gelungen Gig von PROCESSION verpassen. Mit DRAKAR folgt eine objektiv gesehen ziemlich miese Metal-Skurrilität aus Tschechien, die mit ihrem Song ´Crazy Boy´ allerdings durchaus ein paar Leute zum Mitsingen animiert. Obwohl es an der Performance selbst nichts auszusetzen gibt, tun sich auch GRIFTEGÅRD anschließend schwer, den Pavillon richtig in Schwung zu bringen, und selbst BULLET erwischen trotz des Heimspiels und der Unterstützung von einigen Pyros heute nicht gerade ihren besten Tag. Zumindest, wenn man die etwas lahmen Reaktionen des Publikums als Bewertungsgrundlage heranzieht, das seine Jungs bei der Release-Party im Februar noch nach allen Regeln der Kunst abfeierte. Vielleicht liegt´s aber auch an der ebenso schrulligen wie einschläfernden Performance des mutmaßlich ältesten und mit Sicherheit erfolglosesten Fakirs von Schweden, den die Band in ihr Vorprogramm gepackt hat. Dafür räumen WOLF anschließend ab und holen für die Deep-Purple-Coverversion ´Black Night´ Ex-Candlemass-Sänger Messiah Marcolin auf die Bühne. Während GIRLSCHOOL sich auf der Außenbühne sympathisch und solide durch ihren Gig rocken, sammeln sich im Pavillon schon die ersten Fans, die sehnlichst auf PORTRAIT warten. Und sie werden nicht enttäuscht, denn gerade Sänger Per Karlsson legt sowohl optisch als auch musikalisch eine wirklich fantastische Leistung an den Tag, an die selbst Messiah Marcolin bei seinem zweiten Gastauftritt des Tages nicht mal annähernd heranreicht, als er für das Mercyful-Fate-Cover ´Black Funeral´ von Per das Mikro übernimmt. Wie schon bei den bisherigen Auftritten in diesem Jahr überzeugen PENTAGRAM anschließend auf ganzer Linie, und lediglich ein paar technische Probleme gegen Ende des Sets lassen bei Gitarrist Victor Griffin die Stimmung kurzzeitig gen Gefrierpunkt sinken, und er ist kurz davor, mit der Gitarre sein Effektboard zu zerdeppern.

Als am nächsten Morgen die Sinnesorgane ihre Funktionen lustig untereinander austauschen und sich zudem ein Versorgungsengpass bei den eigenen Alkoholvorräten ankündigt (dem natürlich vorgebeugt werden muss), erreichen wir das Tyrolen verspätet. WARRANT aus Düsseldorf tönen auf der Außenbühne überraschend gut, sorgen allerdings auch für den Running-Gag des Tages, als sie das Trust-Cover ´Antisocial´ mit den Worten „We love this song so much, it´s impossible!“ beenden. Anschließend stürmt eine Horde von drittklassigen Wrestlern über das Gelände und benutzt auch Mülltonnen, Bänke, Tische und alles andere, was nicht niet- und nagelfest ist, für ihre Kämpfe. Bei einem ziemlich großen Teil des Publikums kommt diese Einlage erstaunlich gut und auch deutlich besser an als SILVER MOUNTAIN, die anschließend mit ihrem melodischen Hardrock nicht so recht aufs Billing passen wollen. Das sieht bei IMPERIAL STATE ELECTRIC schon anders aus. Auch wenn die neue Band von Nicke Andersson seiner Ex-Combo The Hellacopters nicht ganz das Wasser reichen kann, sorgt nicht zuletzt der Gastauftritt der ´77-Brüder Armand (g./v.) und LG Valeta (g.) für ordentlich Stimmung in der Hütte, als man gemeinsam den AC/DC-Klassiker ´Touch Too Much´ raushaut. Ähnlich wie Silver Mountain will auch BLAZE nicht so ganz aufs Billing des Festivals passen und erreicht mit seinen sich mehrfach wiederholenden Ansagen, dass er kein Rockstar sei und man ihn später am Merchstand treffen würde, den er nicht verlassen wird, bis jeder sein Autogramm bekommen hat, genau das Gegenteil von dem, was er gerne möchte. Nicht wenige wenden sich genervt ab.

Was geht denn jetzt ab? Als GRAVEYARD vor zwei Jahren auf der Außenbühne spielten, interessierten sich vielleicht gerade mal hundert Nasen für den erstklassigen Retrosound der Südschweden. Jetzt platzt der Pavillon aus allen Nähten, und man hat den Eindruck, dass kein einziger Besucher die Show des zur Zeit wohl hoffnungsvollsten und angesagtesten schwedischen Newcomers verpassen will. Das Wort Hype macht mehr als einmal die Runde, denn in ihrem Heimatland sind Graveyard beim Major Universal unter Vertrag, der die Veröffentlichung von „Hisingen Blues“ wohl mit einer massiven Marketingkampagne angekurbelt hat. Leider scheint der Soundmensch keine Ahnung von der Funktion des Volume-Reglers zu haben, denn der erstklassige und vom Publikum vollkommen zu Recht abgefeierte Auftritt findet bei so geringer Lautstärke statt, dass man seinem Nachbarn am liebsten alle paar Sekunden ein „Pssssst!“ zuraunen würde, sobald er auch nur die Lippen bewegt. Anschließend legt THOR draußen eine Performance hin, bei der die Musik zur Nebensächlichkeit degradiert wird. Das Ganze besteht hauptsächlich aus kauzigen Show-Elementen, die schon ein gesundes Maß an schrägem Humor erfordern, damit man sich davon unterhalten fühlt. Die deutsche Delegation zieht es vor, an der Tränke die verbliebenen Kronen zu verprassen und sich einen Platz im Pavillon zu sichern, wo es bei GHOST wieder genauso voll und leider auch genauso leise wie bei Graveyard wird. Mit der Beatles-Coverversion ´Here Comes The Sun´ findet sich im Vergleich zu den bisherigen Shows ein zusätzlicher Song in der Setlist, und spätestens bei ´Ritual´ haben die namenlosen Ghouls das Publikum auf ihrer Seite. Allerdings mehren sich im Verlauf der Show nicht nur unter den zahlreich anwesenden Musikern der anderen Bands kritische Stimmen, dass die Geister sich doch ein bisschen zu häufig bei ebenso profaner wie vollkommen irdischer Unterstützung aus der Konserve bedienen, was vor allen Dingen die Backing Vocals betrifft. Egal, die Stimmung ist erstklassig, und es ist proppenvoll im Pavillon, genauso wie der Verfasser dieser Zeilen, dem die das Festival abschließenden OZ noch „Turn the cross upside down and burn the churches to the ground“ mit auf den Heimweg geben. Na ja, vielleicht im nächsten Jahr, wenn wir mit Sicherheit wieder dabei sind, hier beim coolsten und gemütlichsten Festival des Planeten.

»Gar nicht so einfach«

Interview mit Muskelrock-Veranstalter Jacob Hector

Jacob, kannst du uns erzählen, welche Idee hinter dem Muskelrock steckt und was der Name zu bedeuten hat?

»Wir wollten das Beste verschiedener Festivals miteinander verbinden und das ultimative Heavy-Metal-Open-Air veranstalten. Als wir vor fünf Jahren das Tyrolen gefunden und gekauft haben, war klar, dass wir das Festival dort machen müssen. Zunächst mussten wir den Park renovieren und das Geschäft aufbauen, wozu wir Autotreffen, Flohmärkte und einige Rockabilly-Meetings organisierten, um etwas Geld zu verdienen. Im Herbst 2008 haben wir dann angefangen, die ersten Bands zu buchen, und das Festival sollte eigentlich „Heroes Of Swedish Metal“ bzw. „Svenska Metallens Hjältar“ heißen. Weil wir kein Geld hatten, buchten wir erst mal alle mit uns befreundeten Bands, die die Idee gut fanden und die es nicht so viel kosten würde, zu uns zu kommen. Das waren Bullet, The Scams, Portrait, Enforcer, Ram, In Solitude, Backdraft, Antichrist und Helvetets Port. Als man sah, dass es ein Erfolg werden würde, haben wir angefangen, teurere und bekanntere Bands zu buchen, und wir wollten unbedingt einen Headliner haben, der noch nie in Schweden gespielt hat. Das war gar nicht so einfach, weil das Sweden Rock im Laufe der Jahre nahezu alle guten Bands dieses Planeten gebucht hatte. Beim Durchstöbern unserer alten Platten stießen wir auf Thor und waren uns sicher: „Den brauchen wir für unser Festival!“ Wir fingen an, mit ihm zu verhandeln, und schließlich sagte er zu, was uns aber doch Kopfzerbrechen bereitete, weil das für uns schon ziemlich viel Geld war. Jetzt wurde daraus ein internationales Festival, und der Name passte nicht mehr so ganz. Also haben wir es Muskelrock genannt, weil wir so stolz darauf waren, Thor bei uns zu haben.«

Hast du eine Ahnung, wie viele Zuschauer dieses Jahr aus dem Ausland da waren?

»Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich denke, es müssten an die 300 gewesen sein, von denen die meisten aus Deutschland, Dänemark, Norwegen und dem Vereinigten Königreich kamen. Aber es gab auch ein paar Leute aus Südeuropa, Amerika und Asien.«

Was waren bisher die größten Probleme?

»Es ist schwierig, das Ganze von der wirtschaftlichen Seite her hinzubekommen. Aber wir lernen ständig dazu, und es wird besser und besser. Es ist auch schwierig, Bands zu buchen, solange man keinerlei Reputation hat, aber auch das funktioniert besser, es möchten mittlerweile mehr Bands bei uns spielen, und die, die wir bereits hatten, wollen alle wiederkommen. Während des Festivals ist es schwierig, sich um den ganzen Müll zu kümmern und genügend Wasser zu bekommen. Alle Mitarbeiter auf dem Festival arbeiten ehrenamtlich, und es ist nicht ganz einfach, genügend Leute zu finden, die mithelfen wollen, also ist es machmal während des Festivals schon ziemlich anstrengend für uns. Aber wir lernen ständig dazu, und ich denke, es wird von Jahr zu Jahr besser.«

Bands:
GRAVEYARD
GHOST
Autor:
Andreas Himmelstein

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