ToneTalk

ToneTalk 26.10.2022, 08:00

STRATOVARIUS - »Musik jeglicher Art ist in erster Linie Emotion«

Bassist Lauri Porra stammt aus einer musikalischen Familie und spielt seit seinem fünften Jahr Cello. Als Nachfahr des bedeutenden finnischen Komponisten Jean Sibelius wuchs der heute 44-Jährige vorwiegend mit Orchestermusik auf, ehe er verzerrte Gitarren für sich entdeckte. Davon abgesehen, dass er seit 2005 den Power-Metallern Stratovarius angehört, besteht sein umfangreiches eigenes Werk aus sinfonischen Stücken und Suiten, Filmsoundtracks, Theater- und Programmmusik. Wir schalten uns zu einer Videokonferenz in sein Heimstudio.

»Ich fing mit 14 mit dem Bassspielen an, hatte aber auch Unterricht am Kontrabass und Piano. Singen habe ich ebenfalls gelernt, und es gab eigentlich nie einen alternativen Lebensweg für mich; die musikalische Laufbahn war mir quasi vorherbestimmt, ich konnte mir zu keiner Zeit vorstellen, irgendetwas anderes zu tun. Als Kind ging ich spielerisch mit Musik um, so wie es Kinder eben tun, ohne zu irgendetwas gezwungen zu werden. Auf dem Cello war ich zunächst eine Niete, weil ich nicht gerne übte. Den Bass wählte ich, als ich Heavy Metal, Punk und Avantgarde-Musik für mich entdeckte; er war das erste Instrument, in dessen Beherrschung ich mich so richtig reinkniete. Da es genauso viele Saiten hat wie ein Cello und ich ja schon Notationen im f-Schlüssel lesen konnte, dachte ich, es sei leicht, was aber natürlich nicht der Fall war, zumal die Stimmungen jeweils anders sind; Cellosaiten sind jeweils im Abstand einer Quinte voneinander gestimmt, Bässe wie Gitarren normalerweise in Quarten. Weil ich zudem immer ein Faible für das hatte, was abseits der Hauptmelodie passierte, kam mir der Bass als Begleitinstrument entgegen. Ich überlegte mir schon früh Zweit- und Drittstimmen zu den Leitmelodien von Liedern.«

Du hast also gar nicht erst angefangen, bloß die Grundtöne zu zupfen und die Gitarrenlinien zu doppeln.

»Nein, als ich in meinen ersten Bands spielte, hatte ich bereits einiges an klassischem Repertoire verinnerlicht – zum Beispiel Johann Sebastian Bachs Cellosuiten – und kannte im Grunde nichts anderes als gegenläufige Melodien beziehungsweise Rhythmen. Darüber hinaus ist der E-Bass ein relativ junges Instrument, wenn man von Leo Fenders erstem Precision Bass im Jahr 1951 ausgeht. Man kann darauf also auch heute noch Neuland erschließen, und damit zu experimentieren, gefiel mir von Anfang an.«

Wie unmittelbar hat dich dein Urgroßvater beeinflusst?

»Er war irgendwie immer präsent. Meine Mutter arbeitete an der Oper, also verbrachte ich viel Zeit dort und bekam ständig Sachen von Sibelius zu hören, während mein Vater in einer Jazzband spielte, von der ich ganz andere Sachen mit auf den Weg bekam. Da ich ununterbrochen von Musik umgeben war, suchte ich nie nach etwas Bestimmten, sondern saugte wahllos alles in mich auf. Durch Songs der Scorpions oder Europes ´The Final Countdown´ erkannte ich, dass Rockmusik eine mit Klassik vergleichbare Energie erzeugen kann. Hinzu kam eine Vorliebe für Videospielmusik, weil ich in den Neunzigern Graphic Adventures wie „Monkey Island“ zockte.«

Manche Klassikhörer behaupten, man könne diese Musik umso besser genießen, je mehr man über ihre historischen und theoretischen Hintergründe weiß. Siehst du das auch so?

»Überhaupt nicht. Man braucht gar nichts zu wissen, sondern muss lediglich offen sein und die Muße aufbringen, aufmerksam zuzuhören. Einige Orchestermusiker, mit denen ich arbeitete, rümpften die Nase, wenn es um Metal ging, das finde ich genauso engstirnig. Musik jeglicher Art ist in erster Linie Emotion, nur der Weg und die Mittel zum Ausdruck dieser Emotion sind jeweils unterschiedlich. Als Komponist musst du selbstverständlich dein Handwerkszeug, Unterschiede zwischen Stilen und die Prinzipien kennen, nach denen Genres funktionieren, um Ideen umsetzen und die Wirkung erzielen zu können, die dir vorschwebt. Rock erfordert beispielsweise eine Ahnung von Blues, Spirituals und so weiter, der kulturelle Aspekt ist also auch wichtig.«

Und woraus ergibt sich eine individuelle Handschrift?

»Daraus, dass du alles zusammenschmeißt, was du dir im Laufe deiner Sozialisierung und Ausbildung einverleibt hast. Es gibt Leute, die sich nicht weiterbilden wollen, weil sie befürchten, dadurch ihren eigenen Stil zu verlieren, doch das ist unsinnig. Lernen erweitert den eigenen Horizont und baut Vorurteile ab.«

Welche Bässe spielst du bevorzugt?

»Mein erster war ein günstiger Aria Pro II, weil Cliff Burton von Metallica auch einen spielte und ich zu ihm aufschaute. Heute verwende ich am häufigsten Bässe von ESP, mit denen ich seit 17 oder 18 Jahren arbeite und mehrere Custom-Modelle entwickelt habe. Die meisten orientieren sich an den alten Fender-Instrumenten: Schraubhals, Pailsandergriffbrett und zwei Jazz-Tonabnehmer, also ziemlich geradlinig statt extravagant, aber die Mensur ist meiner Statur wegen extralang. Wer in etwa das spielen will, was ich benutze, ist mit der in Fernost hergestellten Serie ESP Amaze gut beraten. Von Fender besitze ich einen Telecaster Bass von 1967, einen ´68er Precision, ´71er Musicmaster und ´77er Jazz, die sind aber alle zu wertvoll für den Bühneneinsatz.«

Du hast da auch Akustikbässe stehen.

»Davon habe ich einige ohne Bünde vom Hersteller Takamine und von dem finnischen Bassbauer Olavi Linden. Wenn ich drei Instrumente mit auf eine einsame Insel nehmen dürfte, dann einen davon, meinen ESP-Hauptbass und den ´68er Preci, der super für Studioaufnahmen geeignet ist. Die Saiten wurden zum letzten Mal Mitte der Neunziger gewechselt, glaube ich (lacht). Das ist wie bei dem Motown-Bassisten James Jamerson, der mit uralten, abgespielten Saiten seinen charakteristisch dumpfen Sound erzeugt hat.«

Stehst du auf Effekte?

»Mein Metal-Sound entsteht mithilfe eines Boss SD-1 Super Overdrive; das ist eigentlich ein erschwingliches Gitarrenpedal und meine allererste Wahl, ich besitze rund zehn Exemplare davon (lacht). Generell spiele ich zweikanalig, um je nachdem, welchen Sound ich benötige, die tiefen Frequenzen des Clean-Kanals mit den Mitten und Höhen des Zerr-Kanals zu mischen. Ich brauche viel Distortion, weil Stratovarius nur einen Gitarristen haben, also kann ich während der Soli die Rhythmusparts übernehmen und unterstützende Akkorde spielen. Weitere Tretminen, die ich einsetze, sind das Multieffektgerät Neural DSP Quad Cortex und mehrere Entwicklungen des finnischen Herstellers Mad Professor: BlueBerry Bass Overdrive, Snow White Auto Wah und Silver Spring Reverb.«

Hast du Verstärkerpräferenzen?

»Nein. Ich habe einen sehr leistungsstarken Ampeg SVT aus der Zeit, als sie noch in den USA hergestellt wurden, einen alten Warwick Quad VI, den ich gerne mag, und ein paar Combos von Aguilar sowie Markbass, doch solange die Dinger funktionieren, ist mir die Marke egal. Wenn man auf großen Bühnen spielt, hört man davor sowieso nicht die Amps, sondern das, was aus der P.A. kommt, während man für kleine Clubgigs unbedingt einen transparenten Sound anstreben muss; der SVT würde sich da nicht eignen, aber ich persönlich stelle so oder so alle Klangregler zunächst möglichst neutral ein, es gibt keine Frequenzanhebungen oder -beschneidungen. Dann muss man die Raumakustik berücksichtigen und kann entsprechende Anpassungen vornehmen.«

Man sollte doch eh meinen, teure Instrumente klängen von sich aus geil.

»So ist es. Ich verwende auch nicht die Cinnamon-Aktivschaltung der ESP-Bässe, mit der man den Sound sehr stark manipulieren kann. Die stärksten Auswirkungen auf den Ton haben ohnehin die Finger: ob du näher an der Bridge oder am Hals anschlägst und wie fest du es tust. Tatsächlich ist bei mir die Verzerrung durchgehend eingeschaltet, aber zur Übersteuerung kommt es nur, wenn ich mehr Kraft aufwende. Derzeit toben sich viele junge Spieler mit Effekten aus, die den Sound völlig verfremden, aber meine Herangehensweise tendiert eher zu Fingerstyle-Gitarristen wie Jeff Beck. Damit will ich nicht sagen, alles andere sei schlecht; es ist bloß das, was mir subjektiv am ehesten liegt. Ich übe auch meistens ohne Verstärker, denn das zwingt dich, genau hinzuhören und absolut sauber zu spielen. Es bringt dir auch bei, wie du bestimmte klangliche Nuancen herauskitzeln kannst, andernfalls klingt auch die Zerre oft nur nach Matsch.«

Wie übst du, falls überhaupt noch?

»Ich wärme mich gründlich auf, wenn Aufnahmen oder Konzerte anstehen, habe aber keinen spezifischen Übungsplan. Vor etwa 15 Jahren setzte ich mich jeden Tag für drei bis zehn Stunden hin, kein Witz. In der jetzigen Phase meiner Karriere will ich aber nichts weiter, als mein technisches Niveau zu halten. Ich würde sagen, wenn man seine 15.000 Stunden zielführendes Üben hinter sich hat, existiert eine gewisse Grundlage, um vorzeigbare Musik zu machen (lacht).«

Stichwort kuriose Arbeiten: Wie bist du dazu gekommen, Musik für die Mumin-Charaktere der Schriftstellerin Tove Jansson zu komponieren?

»Ich befasse mich seit einer Weile auch mit Audio Branding, also der Verknüpfung von Marken mit Klängen. In Deutschland etwa bekam die DekaBank Musik von mir, weil das angefragt wurde, wohingegen die Arbeit mit dem Mumin-Franchise ein Traum ist und richtig Spaß macht, ich bin halt auch Fan. Nächste Woche fliege ich nach Island, dort führen wir den Kram in einer großen Konzerthalle auf, kaum zu fassen (lacht).«

Auf deiner Webseite steht, du hättest auch schon etwas mit David Hasselhoff gemacht.

»Als es den den Beruf des Studiomusikers noch in Finnland gab, war ich ganz gut im Geschäft, doch damit einen Lebensunterhalt zu verdienen, ist ganz allgemein schwierig geworden. Jedenfalls hört man mich auf mehr oder weniger hundert Alben verschiedener Künstler. In diesem Job erhältst du eben Aufträge, deren Details erst mal nicht weiter erläutert werden. Da heißt es dann bloß: „Hast du Zeit, um hier in dieser Fernsehshow aufzutreten oder dort eine Woche lang in jenem Studio aufzunehmen?“ Einmal war es eben David Hasselhoff; das Ganze ging an einem einzigen Morgen über die Bühne, und wir haben viel gemeinsam gelacht. Solche Gelegenheiten bekommt man einfach, wenn man unvoreingenommen ist und breitgefächerte musikalische Interessen hat wie ich.«

Wo sollte man anfangen, um in deine Welt einzusteigen?

»Vielleicht bei meinem Soloalbum „Entropia: Concerto For Electric Bass And Orchestra“, das ich mit dem Sinfonieorchester Lahti aufgenommen habe. Es liegt mir besonders am Herzen, aber wer nicht gleich mit Klassik konfrontiert werden will, probiert´s mit „Dust“ oder „Flyover“. Die dürften auch Metal-Fans gefallen.«

www.lauriporra.com

www.facebook.com/lauriporraofficial



DISKOGRAFIE (Auszug)



Solo:

Lauri Porra (2005)

All Children Have Superpowers (2008)

Flyover (2015)

Entropia (2018)

Dust (2019)

Myriad (2022)



Mit TunnelVision:

While The World Awaits (1999)

Tomorrow (2002)



Mit Warmen:

Beyond Abilities (2001)

Accept The Fact (2005)



Mit Kotipelto:

Serenity (2007)



Mit Stratovarius:

Polaris (2009)

Elysium (2011)

Nemesis (2013)

Eternal (2015)

Intermission II: Enigma (2018)

Survive (2022)







Bands:
STRATOVARIUS
Autor:
Andreas Schiffmann

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