Interview

Interview 14.03.2019, 16:07

MONO - Einsam in Tokio

Zum 20-jährigen Bestehen hat das japanische Instrumental-Quartett MONO kürzlich das neue Album „Nowhere, Now Here“ veröffentlicht. Die durchgelegene Post-Rock-Hängematte ist ihnen mittlerweile zu bequem geworden, sodass es neben dem ersten Line-up-Wechsel der Bandgeschichte nun auch einen Song mit Vocals, sowie einen begleiteten Kurzfilm gibt. Wir sprachen im Vorfeld der Europatour mit Gitarrist und Songwriter Taakakira „Taka“ Goto über die Kreativität und Leidenschaft, welche die Band antreiben.

Von außen scheint es, als ob MONO zuletzt mehr Veränderungen durchgemacht haben, als es in den letzten 20 Jahren jemals der Fall war. Mit Dahm Majuri Cipolla ist ein neuer Schlagzeuger in die Band gekommen und auf „Nowhere, Now Here“ kommen zum ersten nal Vocals zum Einsatz. Wie habt ihr diese Veränderungen aus eurer Perspektive erlebt?

»2017 war wirklich ein hartes Jahr. Während die Band größer wurde, begannen sich viele Dinge langsam zu verändern. Aufgrund von Problemen und der Trennung von unserem japanischen Management und dem Ausstieg unseres Drummers, waren wir nicht in der Lage den nächsten Schritt zu gehen. Ich habe mir gesagt, „die dunkelste Stunde ist die vor dem Sonnenaufgang“ und wir haben mit unseren weltweiten Kontakten und Partnern Lösungen gefunden. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, war es wohl notwendig, damit die Band ihr 20. Jubiläum feiern konnte.
Nun ist die Band voller neuer Energie und wir fühlen, dass ein neues Kapitel begonnen hat. Wir sind immer stärker geworden, indem wir gegen den Strom geschwommen sind und das Wichtigste im Leben ist, sich zu entscheiden welchen Traum du leben möchtest.«

Dahm lebt in den Vereinigten Staaten. Wieso habt ihr euch für ein neues Bandmitglied entschieden, das auf einem anderen Kontinent lebt?

»Wir haben Jeremy (de Vine, Temporary Residence Ltd., US-Label von Mono - mes) Ende 2017 über den Ausstieg unseres Drummers informiert und ihn gefragt, ob er jemanden wüsste, der zu uns passen könnte. Er stellte uns Dahm als einen herzlichen Menschen und erfahrenen Tourmusiker vor. Kurz darauf schickte ich Dahm zwei neue Demos und wir planten, diese im Februar 2018 in unserem Studio in Tokio zu spielen.
In dieser Zeit erreichten uns viele Mails von Schlagzeugern aus der ganzen Welt, aber am Ende haben wir uns bei niemandem zurückgemeldet. Es war ein mysteriöses Gefühl, aber die Vorahnung war stark, dass es mit Dahm klappen würde. Wir sind seit 20 Jahren mit Jeremy befreundet und er wusste daher, was für einen Schlagzeuger wir brauchen. Als wir uns trafen, stellte er sich als langjähriger Fan von MONO heraus, der uns schon oft in den USA live gesehen hatte und mit vielen Songs vertraut war. Die neuen Lieder wurden zwar vor seinem Einstieg geschrieben, aber es fühlte sich an, als warteten sie auf ihn. Die Vitalität und Power des Albums wären definitiv nicht ohne ihn möglich gewesen.«

Bei der Transformation des Wortes „nowhere“ zu „now here“ entsteht eine lyrische Lücke, die euren Worten nach mit Liebe und positiver Energie gefüllt werden soll. War es euer wichtigstes Ziel, emotional verlorenen Menschen eine neue Hoffnung zu geben, wenn sie das Album hören?

»Ich möchte von Geschichten bis zu Gefühlen alles durch Musik ausdrücken. Wenn du unsere Alben mit Filmen vergleichst, funktioniert jeder Song als ein Kapitel. Durch die Verbindung dieser Songs möchte ich eine Geschichte erzählen. Das klingt vielleicht ein bisschen arrogant, aber als Songwriter möchte ich Musik schreiben, die mir selbst hilft. Ich schreibe Musik nie für jemand anderen oder zur Unterhaltung anderer Personen. Durch die vielen Mails und Nachrichten von Fans, die besagen, dass die Musik von MONO sie gerettet hat und sie dadurch neue Hoffnung gewinnen konnten, habe ich bemerkt, dass die Musik, die mich rettet und schützt, auch anderen Menschen in der Welt helfen kann. Kurz: Wir teilen etwas Wichtiges, das wir zum Leben brauchen, durch Musik.«

Seit die Band existiert, konzentrierten MONO sich auf Instrumentalmusik. Hat die sogenannten Post-Rock-Szene ihren Blick für neue Visionen verloren und wiederholt nur noch das gleiche musikalische Rezept?

»Es hat mich nie interessiert, was in der Post-Rock-Szene passiert, also weiß ich es ehrlich gesagt nicht. Als wir MONO gegründet haben, existierte der Begriff Post Rock nicht. Besonders in Japan war es schwierig für uns Shows zu spielen, also sind wir in den Vereinigten Staaten getourt. Wir glauben, dass unsere Musik nicht nur Klang ist, sondern eine Kunst, die Dinge ausdrückt, die nicht durch Worte formuliert werden können. Über Genres haben wir uns nie Gedanken gemacht.«

Nun, wo eure Bassistin/Keyboarderin Tamaki auf dem Song 'Breathe' singt, habt ihr neues Territorium betreten. Wie hat sich dieser Song und besonders der Gesangspart entwickelt?

»'Breathe' war etwas, das ich wirklich mit Worten ausdrücken wollte. In den letzten Jahren waren immer mehr Menschen in die Arbeit bei MONO involviert und wir mussten uns um mehr Business-Probleme kümmern als um Kreativität. Wir waren die Egos von manchen beteiligten Personen wirklich satt und konnten nicht mehr atmen. Aus dieser Situation wollten wir uns mit einem harten Schnitt befreien und es entstand ein Song mit Lyrics. Tamaki war sehr überrascht, als ich sagte, dass ich sie den Song gern singen lassen möchte. Aber ich war überzeugt, dass sie als einzige den Ausdruck der Worte beim Singen rüberbringen kann. Das Ergebnis war, dass ihr Gesang noch schöner war, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe das Gefühl, dass es etwas ist, das in den Herzen der Menschen widerhallt.«

Die Lyrics wirken abstrakt und nebulös. Ich würde sie als Ode an die Balance zwischen Dunkelheit und Licht verstehen, oder in Relation zum Musikvideo als Hingabe an Menschen, die die Magie der Nacht und ihre Lichter in der Großstadt lieben.

»Großartig! (lacht).«

Für 'Breathe' und den Song 'After You Comes The Flood' habt ihr mit dem französischen Videokünstler Julien Levy zusammengearbeitet. Habt ihr euch kennengelernt, weil Levy in Japan arbeitet?

»Ich bin eng mit Julien befreundet, seitdem wir uns auf einem Festival in Tokio getroffen haben. Wir haben eine ähnliche Art zu Empfinden. Zur Zeit wohnt er in Tokio und wenn wir können, gehen wir gern was trinken und reden endlos über Kunst. Es ist sehr schön mit ihm zusammenzuarbeiten und einander Inspirationen zu geben. Bei diesem Album gaben wir ihm die Titel zu jedem Song und schrieben den Text für 'Breathe' zusammen. Bei 'After You Comes The Flood' haben wir entschieden, es nicht als Single mit Video herauszugeben, sondern als unser gemeinsamer Kurzfilm.«

Dieser Kurzfilm, der teilweise vom gleichnamigen Song untermalt wird, erzählt eine Geschichte von drei jungen Frauen, die sich nachts in einem Waschsalon treffen. Eine von ihnen weint und ist verzweifelt, da sie von ihrem Freund verlassen wurde. Ihre Verzweiflung wird zu einer Psychose und sie zieht einen Dolch hervor. Die anderen beiden Frauen fliehen und eine surreale Jagd durch die Stadt beginnt. Dialoge wechseln sich mit der Musik ab. Wurde das ganze Konzept von Levy entworfen und MONO lieferten den Soundtrack?

»Das Konzept habe ich Julien überlassen, da ich ihm vertraue. Ich mag, wie er Tokio empfindet und porträtiert. Das Gefühl ist chaotisch, einsam, als gäbe es keinen Platz für dich selbst und du kannst nicht finden, woran du glaubst, während dein Herz in dir schreit.«

Im Jahr 2017 hast du ein Soloalbum unter dem Namen Behind The Shadow Drops veröffentlicht. Darauf gibt es cineastische Soundscapes mit verhallten Gitarren zu hören, aber auch viele elektronische Experimente. Was hat sich aus dieser Phase auf MONOs Musik ausgewirkt?

»Ich denke die elektronischen Experimente sind tatsächlich von meiner Arbeit mit John McEntire von Tortoise und The Sea And The Cake inspiriert. Ich wollte eine einzigartige Weltsicht erschaffen, wie auf den frühen Werken von Philipp Glass, die ich seit langem sehr schätze.«

Zum 20. Jubiläum werdet ihr wieder in Europa unterwegs sein, nachdem ihr vor wenigen Monaten bereits hier wart. Dabei werdet ihr von der britischen Cellistin Jo Quail begleitet, die für ihre zahlreichen Kollaborationen über Genregrenzen hinaus bekannt ist. Werdet ihr gemeinsam Songs auf der Bühne präsentieren?

»Jo ist eine fantastische Künstlerin und Musikern. Wir werden mit ihrem Quartett beim Roadburn Festival in den Niederlanden die 10-Jahre-Jubiläumsshow für unser Album „Hymn To The Immortal Wind“ spielen. Außerdem planen wir ein paar gemeinsame Auftritte während der normalen Tour. Wir freuen uns wirklich sehr darauf! Vielen Dank für das Interview und bis bald!«

Bands:
MONO
Autor:
Meredith Schmiedeskamp

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.