Kolumne

Kolumne 24.10.2012

ORPHANED LAND - MOMENT MAL!

Betrifft: „Heavy-Metal-Diplomatie“

„Der Spiegel“ ist nach wie vor eine Institution, wenn es um Themen aus Gesellschaft und Politik geht. Nur in ganz seltenen Fällen schleichen sich Metalbands in das Blatt, und meistens wird es dann eher peinlich für die Szene, weil entweder Amateurgruppen Satansmorde begangen haben oder völlig humorlos Rammstein-Texte seziert werden. Rammstein in der Öffentlichkeit in jedem Detail vollkommen ernst zu nehmen, ist schon recht mutig, und manchmal denkt man, dass es mit der Sachkenntnis der Autoren doch nicht so weit her ist, wenn es um Musik geht, auch wenn sie für die renommierteste Publikation der Republik schreiben. Als Leser hofft man dann einfach, dass die Berichte aus Afghanistan besser recherchiert sind.

Positive Schlagzeilen hingegen sind meist gar keine Meldung mehr wert, und wenn doch, dann bemüht sich die junge (?) Generation von „Spiegel“-Autoren nicht selten, krampfhaft eine ironische Distanz zum Geschehen aufzubauen. Man erfährt gar nichts mehr über die Menschen hinter der Geschichte oder welche Perspektiven eine Neuigkeit hat, alles versinkt in einem Zuckerguss aus Ironie und niedlichen Fakten.

Die Story über Kobi Farhi von Orphaned Land in Ausgabe 36/2012 ist so ein Musterbeispiel. Unter der Überschrift „Heavy-Metal-Diplomatie“ beschreibt Juliane von Mittelstaedt die Bemühungen von Farhi, die türkische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Natürlich ist es knuffig, wenn der tätowierte Metalsänger mit schnauzbärtigen türkischen Regionalpolitikern zusammentrifft, Andenkenteller überreicht und, obwohl er kaum Türkisch spricht, dieses - oberflächlich gesehen - bescheuerte Vorhaben mit aller Konsequenz durchzieht. Natürlich klingt es naiv, wenn man Erwartungen daran knüpft, dass sich die türkisch-israelischen Beziehungen dadurch ernsthaft verbessern könnten. Aber darum geht es Farhi gar nicht. Es geht um Symbole. Um eine Vorbildfunktion als Rockstar (der er in der Region tatsächlich ist). Und die ernsthaft gelebte Philosophie, nicht auf Politiker oder andere Pseudo-Weltverbesserer zu warten, sondern selbst tätig zu werden, und sei es nur in der nicht mehr ganz so kleinen Community der Musikszene. Farhi ist keinesfalls dumm oder gar naiv, er hat nur die Herangehensweise seiner Idole von Gandhi über Rabin bis Jesus verinnerlicht. Doch soviel Grips traut man einem tätowierten Metal-Rocker natürlich nicht zu.

Das Terrain, auf dem Farhi sich bewegt, ist von Minen umsäumt. Jeder Fehltritt kann fatale Folgen haben. Die meisten Menschen hätten wohl Angst, sich zur Zielscheibe zu machen. Spott der Presse-Schreibtischtäter ist da wohl noch das Harmloseste, was man erwarten kann, wenn man in Israel öffentlich für ein friedliches Miteinander der Kulturen eintritt. Israels Ministerpräsident Jitzchak Rabin bezahlte dafür 1995 mit dem Leben.

Mir nötigt Farhis Haltung Respekt ab. Wir haben schon nächtelang über dieses Thema diskutiert, und ich bewundere seinen Mut, sich nicht ausschließlich auf die „Musik zu konzentrieren“, wie es andere tun würden. Farhi betont, dass Orphaned Land keine „politische Band“ seien (ihr charmantes Motto „Music Is The Best Religion“ überwindet spielerisch tiefste Gräben), aber letztlich sind sie es. Fast jeden Tag gibt Farhi auf Facebook Meldungen on the road ab und lädt unermüdlich Tourbilder von Fans hoch, die friedlich miteinander feiern und gegenseitig ihre Flaggen küssen, obwohl ihre Länder sich in einem Quasi-Kriegszustand befinden - eine Öffentlichkeit, die auch für Fans schmerzhaft werden kann, soweit sie sich auch nur halbwegs in der Nähe von Folterkammern und korrupten Polizeibeamten aufhalten, was im Nahen Osten immer noch eher die Regel als die Ausnahme ist. Aber das ist es den Beteiligten allemal wert, und deshalb wird die Band in den arabischen Ländern in erster Linie verehrt. Die Sehnsucht nach Frieden und Freiheit ist groß, besonders in der gebildeten Mittel- und Oberschicht, aus der der Großteil der dortigen Metalfans stammt. Im Westen sollte man froh sein, wenn diese Generation einmal Einfluss auf die Geschicke ihrer Länder nehmen kann, und sei es nur, indem sie in einer extremen Lebenssituation nicht auf Extremisten hereinfällt oder bei den ersten halbwegs demokratischen Wahlen das Kreuz an der richtigen Stelle macht. Zudem ist der Widerhall in israelischen Medien nicht zu unterschätzen, vor allem vor dem Hintergrund, dass zuletzt eher Scharfmacher die Debatte bestimmt haben. Ähnliches gilt für die Türkei. Vielleicht also doch nicht das richtige Thema fürs vorwitzige „Global Village“-Kuriositätenkabinett des „Spiegel“. Dass die Band kurz zuvor einen türkischen Friedenspreis erhalten hatte (nach Abbruch der diplomatischen Beziehungen beider Länder unter Anordnung von Ministerpräsident Erdogan persönlich), lässt die Autorin erstaunlicherweise vollkommen unter den Tisch fallen. War entweder nicht wichtig, nicht bekannt oder passte nicht zum Andenkenteller und dem Schnauzbart. Egal.

Wichtig ist: Farhi ist clever genug, eine weitere Meldung zu produzieren, die sein Engagement weltweit bekannter macht. Und der „Spiegel“ wird nicht das letzte Medium sein, das darauf anspringt. So oder so.

Bands:
ORPHANED LAND
Autor:
Holger Stratmann

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