Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 22.03.2017

OVERKILL , DEMOLITION HAMMER , CARCASS , DEATH ANGEL , ORPHANED LAND - Mit nacktem Hintern durch Miami

Alles begann mit einer vermeintlichen Schnapsidee von Veranstalter Andy Piller, der vor zehn Jahren von seinem Balkon in Vancouver aus ein Kreuzfahrtschiff ablegen sah und sich dachte, dass ein Metal-Festival auf so einem Kahn eine geile Sache wäre. Inzwischen ist das schwimmende Heavy-Event „70000 Tons Of Metal“ eine feste und besondere Größe im Festival-Zirkus und stets ausverkauft. Zum siebten Mal geht es von Florida in die Karibik, während in Deutschland noch ungemütlicher Winter herrscht. An Bord des schicken Dampfers „Independence Of The Seas“ sind 3.000 Metal-Fans aus 74 Nationen im Alter von fünf bis 78 Jahren sowie 60 Bands, angeführt von den Headlinern OVERKILL, ANTHRAX, TESTAMENT, KAMELOT, ARCH ENEMY, ANNIHILATOR und AMORPHIS.

Mittwoch, 1. Februar, Miami South Beach

Schon Tage, bevor das Schiff ablegt, bringen sich die Fans mit Vorab-Partys in Miami Beach in Stimmung. Täglich bevölkern mehr Cruiser die stylishe Art-Deco-Touristenmeile am Ocean Drive. Wo sonst knallbunte Neonschriftzüge, Bonbonfarben und Pastelltöne das Straßenbild beherrschen, sieht man auf einmal schwarze Metal- und Gothic-Klamotten, und R&B, HipHop und Dance sind nicht mehr die einzigen Musikstile, die durch Miamis bekannteste Ecke schallen. Bei den Warm-up-Events dröhnen Heavy-Sounds aus den Boxen, was so manchen lächelnden Einheimischen daran erinnert, dass wieder „that time of the year“ ist.
24 Stunden, bevor die „Independence Of The Seas“ in See sticht, steigt die große Beach-Party. Hunderte von Metalheads bevölkern als schwarzer Pulk den weißen Strand, trinken, plaudern in diversen Sprachen, sonnen sich oder springen ins Meer. „Ich bin wieder im Paradies!“, brüllt ein blasser Nordeuropäer, in dessen Heimat es vermutlich gerade 30 bis 40 Grad kälter ist als im sonnigen Florida, als er sich mit einem Bier in der Hand in die Fluten stürzt. Immerhin trägt der Herr eine Hose – im Gegensatz zu einem anderen Cruiser, der in der Nacht vor der Kreuzfahrt mit nacktem Hintern und nur mit T-Shirt und Socken bekleidet auf Miami Beachs Straßen gesehen wird, nachdem er sich aus seinem Hotelzimmer ausgeschlossen hat (besoffen Klotür mit Zimmertür verwechselt – kann vorkommen) und sich die Rezeption mit dem rettenden Ersatzschlüssel dummerweise einige hundert Meter entfernt in einem anderen Gebäude befindet.

Donnerstag, 2. Februar, Port Everglades, Fort Lauderdale

Schon morgens um zehn Uhr ist viel los am Pier, wo die „Independence Of The Seas“ mit ihren 15 Decks wie eine schwimmende Stadt thront. Inklusive Schiffs-Crew und Bands bevölkern den ausverkauften Luxuskahn während der nächsten fünf Tage mehr als 5.000 Personen. Als sich die Tore öffnen, stürmen die Besucher für die ersten Drinks in die Bars, entspannen in ihren Kabinen oder gehen futtern. Inmitten des Gewusels trifft man immer wieder Musiker, denn einen gesonderten Backstage-Bereich für die Stars gibt es hier nach wie vor nicht, was der „70000 Tons Of Metal“ ein besonderes Flair verleiht. Niemand wundert sich, wenn Uli Jon Roth am Nebentisch sitzt, ORPHANED LAND gut gelaunt durch die Gänge streunen, Gene Hoglan im gleichen Aufzug steht und Dez Fafara vor einem der Pubs mit Fans plaudert.
Das erste Highlight ist, wenn der Kahn majestätisch aus dem Pier aufs offene Meer gleitet und die Skyline von Fort Lauderdale im Abendrot am Horizont verschwindet. Musiker wie Fans genießen das Naturschauspiel, das dazu noch einen perfekten Regenbogen über dem Meer in petto hat.
Jede der 60 Bands spielt während der Kreuzfahrt zwei Shows. Zu den insgesamt 120 Konzerten kommen Autogrammstunden, Clinics mit Musikern und Listening-Sessions.
„I love them“, grinst ORPHANED LAND-Gitarrist Chen Balbus, der beim GRAVE DIGGER-Konzert in den vorderen Reihen steht. Tatsächlich darf man dem Gespann um Metal-Ikone Chris Boltendahl, das als eine der ersten Bands im Alhambra-Theater spielt, einen guten Gig attestieren. Die Zuschauerränge sind voll, Fan-Chöre erklingen, und der Sound knallt laut aus den Boxen.
Auch MOONSORROW, die auf einer zum Konzertsaal umfunktionierten Eisbahn spielen, können sich über ordentlich Zulauf und Fans freuen, die ihren hymnischen Black Folk mitsingen. TESTAMENT sind ein fetter Headliner, und ARCH ENEMY, die vor zwei Jahren eine ihrer ersten Shows mit Alissa White-Gluz auf dem Schiff spielten, sind mit Gitarrist Jeff Loomis (ex-Nevermore) eine noch festere Größe, als sie es vorher schon waren.
Gegen Mitternacht entwickeln sich das Schiffs-Casino und die Schooner Bar zu den Party-Ecken des Schiffs. Hier trinken Musiker ihre letzten Absacker nach den Shows, und so mancher Cruise-Gast wankt von hier erst in den frühen Morgenstunden gen Kabine.

Freitag, 3. Februar, Karibisches Meer

Noch im Bett liegend, hört man leise die erste Band des Tages – STAM1NA – die Pool-Deck-Bühne eröffnen. Der Sound vermischt sich mit dem Meeresrauschen.  Wer nach dem Frühstück, das natürlich mit Metal-Klängen beschallt wird, immer noch nicht wach ist, den wecken SUFFOCATION, die in der gleißenden Mittagssonne auf dem Pool-Deck vor vielen Leuten losknüppeln. Optional kann man sich dazu das erste Bier im an die Bühne angrenzenden Whirlpool reinzwitschern. Nicht weniger los ist bei ORDEN OGAN. Der melodische Metal des deutschen Quartetts kommt gut an, und Frontmann Seeb hat wie immer seine ganz eigenen Ansagen auf Lager („Wir waren mal auf einem anderen Schiff. Dort ging es unserem Schlagzeuger Dirk plötzlich schlecht. Er wurde krank und bekam Fieber. Und jetzt spielen wir den Song ´Fever´). Ebenfalls melodiös und mit vollen Reihen geht es bei ORPHANED LAND weiter, die zudem noch eine Bauchtänzerin auf der Bühne haben. Danach hat man die Wahl, sich in der Mittagssonne ganz Classic-rockig ULI JON ROTH auf dem Pool-Deck anzugucken oder den schrägen Nintendo-Metallern POWERGLOVE zu lauschen, die Videospiel-Mucke in Power-Metal-Cover verwandeln. Am Abend folgt ein Highlight auf das andere. Von CARCASS geht es zu AMORPHIS, die in der immer milder werdenden Karibikluft auf dem Open-Air-Deck eine starke Show spielen, und zurück zu AXXIS, deren temperamentvoller Sänger Bernhard wie ein Gummiball über die Bühne titscht und zusammen mit einer wild Air-Drums zockenden Peruanerin eine Akustikversion von ´Touch The Rainbow´ performt. ANTHRAX legen wenig später eine derart geile Show auf dem Pool-Deck hin, dass selbst zwei hochrangige Schiffsoffiziere begeistert mit den Köpfen nicken und Fotos schießen. Der Bereich um die Open-Air-Bühne ist inzwischen komplett nass vom Wasser, das von den enthusiastisch feiernden Metalheads aus den Whirlpools gespritzt wird. Auch bei ANNIHILATOR lauschen viele Fans mit Drinks im Pool sitzend der Mucke von Festival-Dauergast Jeff Waters. Die Headliner-Position im Theater belegen KAMELOT, bei denen auch AMARANTHE-Sängerin Elize Ryd und ARCH ENEMY-Frontgrunzerin Alissa als Gäste vor dem Mikro stehen.

Samstag, 4. Februar, Labadee

Am Morgen ankern wir vor der zu Haiti gehörenden Halbinsel Labadee. Der Landgang steht an, und Fans wie Musiker strömen an die Strände oder machen sich auf zu Schnorchel-Trips, Kajak-Touren oder Ausflügen zu Inselecken mit noch mehr Karibik-Porno für die Augen. Über den Hauptstrand führt ein langes Hochseil, und alle paar Minuten düsen mutige Cruiser in luftiger Höhe über das Panorama hinweg. Am Strand sieht man DEATH ANGEL-Frontmann Mark Osegueda stilecht in ´ner Art Hawaii-Hemd rumrennen, OVERKILL-Sänger Blitz relaxt auf einer Liege im Schatten, Ex-Amon-Amarth-Drummer Fredrik Andersson, der bei THERION am Schlagzeug sitzt, ist gerade von der ersten Runde im Meer zurück, während Uli Jon Roth noch gemächlich durch die paradiesische Bucht schwimmt.
Am Abend lassen es OVERKILL auf dem Pool-Deck krachen, während DEMOLITION HAMMER in der kuscheligen Pyramid Lounge zocken und mit Michael Amott, Jeff Walker, Mark Osegueda, Uri Zella und Dirk Meyer-Berhorn von ORDEN OGAN eine ganze Armada an Musikern anlocken, die sehen wollen, wie sich die reformierten New-York-Thrasher schlagen. Die Stimmung ist energiegeladen, Fans wirbeln durch den Moshpit, und seinem Gitarristen Derek Sykes, der Geburtstag hat, widmet Sänger Steve Reynolds den Song ´Hydrophobia´.
Dass auch pazifistische Musiker mit Friedens-Message sich gerne mal die musikalische Kante geben, beweist ORPHANED LAND-Schlagzeuger Matan, der der Panzerdivision MARDUK lauscht, während sein Kollege Chen bei der Karaoke-Party den Guns-N´-Roses-Smasher ´Don´t Cry´ schmettert. Ein Highlight des Abends sind AMORPHIS, die zur Freude ihrer Fans das komplette „Eclipse“-Album zocken.

Freitag, 5. Februar, Karibisches Meer

Ich wache auf vom dezenten Schaukeln des Schiffs und AXXIS, die zur Frühstückszeit die Pool-Deck-Bühne eröffnen. Nachmittags folgt die traditionelle „Jamming With Waters In International Waters“-All-Star-Jam, angeführt von ANNIHILATOR-Boss Jeff Waters, bei der u.a. Scott Ian von ANTHRAX, Gene Hoglan und Alex Skolnick von TESTAMENT, Esa Holopainen von AMORPHIS, Blitz von OVERKILL und Mark von DEATH ANGEL Metal/Hardrock-Klassiker zocken. Etwas später wirbelt Peter Tägtgren mit PAIN über die gleiche Bühne und liefert eine zackige Show ab, während es AVATARIUM in der Pyramid Lounge etwas ruhiger angehen lassen. Optischer Mittelpunkt der Gruppe ist wie immer die charmante Frontlady Jennie-Ann Smith, die erzählt, dass die Band nach dem finalen Mix ihres anstehenden dritten Albums gerade einmal 20 Minuten Zeit für ein Nickerchen hatte, bevor es zum Flieger gen Florida ging.
Am Ende des THERION-Gigs, die als letzte Band in der warmen Karibikluft auf dem Pool-Deck spielen, springt Skipper Andy Piller auf die Bühne, bedankt sich bei den 74 auf dem Schiff anwesenden Nationen und verkündet, dass es nächstes Jahr von Fort Lauderdale nach Grand Turk Island gehen wird. Danach mobilisieren die 3.000 Cruiser ihre letzten Kräfte für DEATH ANGEL, die das Festival im Theater beenden, und die finale Party-Nacht, die erst endet, als das Schiff im Morgenlicht in den Hafen einläuft.

www.facebook.com/70000tons

Pic: Eus Straver

Bands:
ORPHANED LAND
DEATH ANGEL
OVERKILL
DEMOLITION HAMMER
CARCASS
Autor:
Conny Schiffbauer

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