Schwatzkasten

Schwatzkasten 23.11.2005

SOCIAL DISTORTION - MIKE NESS (Social Distortion)

Es läuft gut für SOCIAL D. Die Kalifornier haben 2004 mit 'Sex, Love & Rock´n´Roll' eine super Scheibe veröffentlicht, die ihnen weltweit Bombenkritiken eingefahren hat, und touren jetzt - immerhin acht Jahre nach der letzten Rundreise! - um den Globus. Bei uns in Deutschland: alles ausverkauft und ganz schön hektisch... Trotzdem findet Mike Ness, der charismatische Sänger der Truppe, die Zeit, sich nach dem Soundcheck in Bielefeld unserem 'etwas anderen Interview' zu stellen.

Mike, was war das Dümmste, was du jemals getan hast?

»Ich bin mal mit einem Fußball weggerannt - während eines Spiels... Das ist das Erste, was mir einfällt. Und einmal hab ich mir selber eine Entschuldigung für die Schule geschrieben: 'Bitte entschuldigen Sie die Abwesenheit meines Sohnes Mike gestern, er hatte 49 Grad Fieber.' War nicht sehr effektiv.«

Hast du schon mal jemandem einen richtig üblen Streich gespielt?

»Ahhhhhhhhh... Jesses! Ich muss ja voll nachdenken hier. Das wird was dauern. Vielleicht fällt mir später noch was ein, frag erst mal was anderes.«

(Zu diesem Zeitpunkt - wir sitzen draußen auf einer Bank - schieben sich bereits diverse zutätowierte Rock´n´Roll-Fans in zehn Meter Abstand gegenseitig herum, mit Postern und Tickets fuchtelnd, die sie gerne von Mike signiert haben wollen.)

Hat dich ein Fan mal dermaßen genervt, dass du ihm fast eine reingehauen hättest?

»Oh ja, Mann, das passiert öfter. Da gab´s mal so einen Typen, der total auf Drogen war, der hat sich richtig an mir festgekrallt, ließ mich nicht mehr los und starrte mich dabei irre an. Die männlichen Groupies sind manchmal schlimmer als die weiblichen. Einer wollte unbedingt, dass ich mit seiner Ehefrau schlafe, und bot sie mir regelrecht an. Bizarr!«

Was macht dich stolz?

»Ich hab lange gebraucht, bis ich wirklich auf etwas stolz war. Ich hab mich immer gefragt: Ist dies oder das nun einfach eine Ego-Sache, oder kann ich wirklich stolz darauf sein? Wenn ich zurückschaue, bin ich auf Social Distortion stolz - aber am meisten auf meine Kids.«

Hast du irgendwelche Minderwertigkeitskomplexe?

»Ich hasse es, meine Stimme zu hören, wenn ich spreche. Wenn ich singe, ist es okay, aber ich hasse meine Sprechstimme. Und manchmal wünschte ich, ich hätte alle diese Tattoos nicht. Früher fand ich sie klasse, da war es okay, aber mittlerweile ist es fast cooler, keine zu haben. Ich hab sie mir damals nicht stechen lassen, um irgendwo dazuzugehören, sondern um aus dem Rahmen zu fallen.«

»Mit wem würdest du gerne den letzten Tag deines Lebens verbringen?

(Sichtlich verzweifelt:) »Darf ich mir nur eine Person aussuchen? Das ist hart. Wenn ich jetzt 'meine Frau' sage, regen sich die Kids auf, und wenn ich 'die Kinder' sage, regt sich meine Frau auf. Das geht nicht.«

Wenn du die berühmten drei Wünsche frei hättest, würdest du wohl...

»...Gesundheit, Reichtum und Glück nennen, diese einfachen Sachen. Das will bestimmt jeder - wobei Glück auf jeden Fall Liebe beinhalten sollte, denn ohne Liebe geht´s nicht.«

Wo willst du später mal leben - oder bist du schon 'angekommen'?

»Nicht wirklich. Wir haben zwar gerade ein Haus gekauft, aber eigentlich würde ich gerne in Santa Barbara leben, einem der schönsten Plätze in Kalifornien. Eines Tages können wir es uns vielleicht leisten... Da hat man Platz und schöne Natur. Da, wo ich jetzt lebe, kann man nicht beides auf einmal haben, und so ist das erst mal ein Kompromiss.«

(Die Fans haben sich in der Zwischenzeit näher rangeschoben - Mike unterbricht das Interview und bittet unseren Simon, die Leute wegzuschicken. Er wolle das hier in Ruhe abschließen, die Leute möchten doch bitte Verständnis haben. Haben sie auch.)

Bist du eher ein CD- oder ein Vinyl-Freak?

»Ich hab zwar eine ganz gute Vinyl-Sammlung, aber ehrlich gesagt schon seit fünf Jahren keinen Plattenspieler mehr bei mir angeschlossen. Also doch eher CD.«

Was ist mit iPods? Stehst du auf solche technischen Kleinwunder-Erfindungen?

»Nee, ich hab keinen. Ich finde die nicht so klasse, ich weiß nicht...«

Apropos: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Erfindung, die jemals gemacht wurde? Und komm mir nicht mit dem Rad...

»Hm, ja dann... (grinst). Ich würde sagen: Elektrizität, ist doch klar! Gitarren, Licht, Aufnahmen, das ginge ohne ja gar nicht. Und danach: Feuer.«

Feuer? Das bringt mich aufs Kochen. Kannst du gut kochen?

»Ich hasse es! Meine Frau regt sich immer über mich auf, ich wäre nur zu faul. Die ganze Woche kocht sie für uns, und am Sonntag, wenn sie mal was anderes machen will, soll ich kochen: 'Mach uns doch ´ne Kleinigkeit fertig.' Also in absoluten Notlagen: ja, aber zähneknirschend.«

Hast du ein Idol?

»Ja, meinen Vater. Manchmal hilft es aber auch, das Idol nicht persönlich zu kennen. Wenn man zum Beispiel eine Band gut findet und sie dann näher kennen lernt und feststellt, dass das alles doch nicht so dufte Typen sind, ist das natürlich nicht so doll. Eines meiner Idole ist auf jeden Fall Tom Petty. Ich hab ihn noch nicht getroffen, und vielleicht passiert das auch nie, aber ich halte ihn für einen sehr guten und talentierten Songwriter.«

Musstest du jemals einen Manager feuern?

»Nee, ich hatte in meiner ganzen Karriere eigentlich nur zwei Manager, und der erste war mehr eine Art Babysitter und Partyorganisator - das war in meiner wilden Zeit. Aber ansonsten hab ich seit 20 Jahren denselben. Bei Tourmanagern ist das allerdings anders, da hab ich schon einige gehabt.«

(Wir werden wieder von Fans unterbrochen, die ein Poster signiert und ein Foto haben wollen. Mike lehnt höflich ab - er sei jetzt hier beruflich beschäftigt...)

Bei euch gab´s immer ein bisschen Unruhe im Plattenfirmen-Bereich - wieso?

»Eigentlich ist es bei uns immer der Kampf zwischen Major und Indie gewesen. Wir haben diese Major-Kiste ausprobiert und festgestellt, dass das nix für uns ist.«

Manche sagen, dass ein größeres Label mehr für dich tun kann, Promo und Verkäufe zum Beispiel sollen dann besser laufen.

»Mag sein, aber meiner Meinung nach - und wir waren ja eine Zeit lang bei einem Major - ist eine große Firma schon eine Art letzte Bastion der Sklaverei: Irgendwie hast du immer Schulden bei denen.«

Na, die Dinge haben sich offensichtlich auch ohne Major gut für euch entwickelt. (Mittlerweile kann man im Hintergrund schon extrem viele Leute vor der Halle sehen -und es ist erst halb fünf nachmittags.)

Was ist deine schlechteste Angewohnheit?

»Morgens zu viel Zucker in den Kaffee - und nach der Show krieg ich manchmal Hunger und hau mir nachts noch irgendwelche Sachen rein.«

Du willst mir doch nicht erzählen, dass DAS deine wilden Laster sind?

(Verschämt:) »Und ich rauche manchmal ´ne Zigarre.«

Auch das sei dir gegönnt, ist ja alles nicht skandalös. Und deine größte Stärke? Weshalb mögen dich deine Freunde?

»Hmmm, vielleicht weil ich extrem beständig bin, sehr treu, ich hab bestimmte Werte wie Loyalität. Ich bin sehr beschützend und kann ein guter Führer sein, kann mich aber auch zurücknehmen.«

Hast du jemals einen Gig abgebrochen, weil der Sound oder das Publikum daneben waren?

»Wollte ich schon oft machen, hab ich aber nie. Der Sound kann manchmal so mies sein... Ich habe einige Shows abgesagt, weil ich krank war, aber das ist vor 2004 nie passiert. Ich hab immer auch total krank gespielt. So ist das eben, da muss man durch.«

Welches Instrument ist so mies, dass du es verbieten würdest?

»Maultrommel - die hasse ich.«

Dein übelster Proberaum?

»Uaah, da gab´s einige. Damals gab es in L.A. diese Proberäume, die man stundenweise mieten konnte, und die waren so mies isoliert, dass du die Band neben dir fast besser hören konntest als deine eigenen Jungs. Nicht sehr effektiv.«

Und die übelste Bühne, auf der du je standest?

»Ach je, erinnere mich nicht daran - da müssen wir noch mal spielen! Diese Eishalle in Pittsburgh, mit einer Akustik und einem Sound wie eine Kloschüssel!«

Singst du unter der Dusche?

»Ja, ich bin ein Unter-der-Dusche-Sänger. Meist singe ich alte Sachen, Bluegrass oder so.«

»Hat deine Frau dich jemals vor die Wahl gestellt: Die Musik oder ich?

(Entsetzt:) »Natürlich nicht!«

Wie würdest du einem Alien unseren Globus schmackhaft machen?

»Ich würde ihn erst mal ausquetschen, wie´s so bei denen wäre, gemütlich, schön oder gefährlich, und ob sie Probleme hätten. Und vielleicht würde ich ihn dann fragen, ob ich mit zu ihm gehen könnte.«

Stell dir vor, du bist auf einem fremden Kontinent gestrandet - ohne Sprachkenntnisse und Kohle. Was würdest du tun, um zu überleben?

(Bittend:) »Könnte ich vielleicht ´ne Gitarre kriegen? Denn wenn ich eine hätte, könnte ich für warme Mahlzeiten spielen. Aber ich bin eh ein Überlebenskünstler, mir würde schon was einfallen.«

Wie sieht´s bei dir in der Sportecke aus? Mehr Athlet oder Couch Potato?

»Ich boxe ein bisschen, und ich mache Bikram Yoga, wenn ich Zeit habe. Ich habe mich auch nach Gewichtheben und Boxen nie so stark wie nach dem Bikram Yoga gefühlt. Bei mir macht es die Kombination: Boxen und Yoga, dann fühle ich mich gut.«

Welche drei Alben würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen?

(Wie aus der Pistole geschossen:) »Ramones, 'Road To Ruin', Rolling Stones, 'Exile On Main St.', und was von der Carter Family.«

Wenn du einen Tag lang unsichtbar wärest, würdest du...

»...mal schauen, was unsere Regierung so macht.«

Künstler und Politik - wie stehst du dazu? Sollte sich ein Künstler politisch äußern?

»Es ist wichtig, überhaupt eine Meinung zu haben. Das ist schon mal das Erste, damit fängt´s an. Da, wo ich wohne, in Orange County, sind die Leute ziemlich faul und selbstsüchtig: 'Ach, das betrifft mich ja nicht, ich mach, was ich will.' Und mich regen diese Aufkleber mit 'God bless America' auf. Da denke ich immer: Du arrogantes Arschloch, und was ist mit dem verdammten Rest der Welt? Keine Meinung zu haben, ist ein Verbrechen. Social Distortion sind keine sehr politische Band. Aber ich denke schon, dass Künstler, Musiker und jeder, der im Licht der Öffentlichkeit steht, Einfluss auf Leute, besonders auf junge, hat. Ich fühle mich also durchaus verantwortlich.«

Und bei Konzerten hast du dich auch ganz klar zu G.W. Bush geäußert.

»Ja, ich sage da ganz offen meine Meinung. Ich wedele nicht mit irgendeiner Flagge, aber ich sage ganz offen, dass die Leute wählen sollen. Sie sollen sich nicht von den Medien beeinflussen lassen, sondern sich ihre eigene Meinung bilden, Bücher lesen und dann wählen gehen, egal ob Demokraten oder Republikaner. Hauptsache, sie haben eine Meinung zu dem Thema!«

Viele der US-Bands, die nach Europa kommen, sagen das ungefähr genauso und finden den Hurra-Patriotismus ihrer Landsleute auch nicht so dufte.

»Zurzeit ist es in den USA so, dass man als total unpatriotisch gilt, wenn man die Regierung hinterfragt oder nicht blind allen Autoritäten folgt - was total gegen unsere Verfassung ist. Eine sehr beschämende Zeit.«

Welches Buch liest du gerade? Du rätst ja, mehr zu lesen.

»Ich bin ein mieser Leser. Ich wünschte, ich wäre etwas länger zur Schule gegangen und hätte mir da bessere Lesegewohnheiten angeeignet. Manchmal fange ich ein Buch an und lese es gar nicht bis zum Ende. Momentan lese ich zwei: eines über die Manipulation, die die Medien auf uns ausüben, und ein erzieherisches Buch über Elternschaft - vielleicht hilft´s ja meinen Kids...«

Es muss cool für sie sein, einen Rock´n´Roll-Daddy zu haben - vielleicht bist du etwas geduldiger mit ihnen als der Durchschnittsvati.

»Ja, einerseits schon, aber andererseits bin ich auch sehr konservativ. Gerade stellen sie fest, dass ich zwar der coolste Alte auf der Welt sein kann, aber nur, wenn sie tun, was ich ihnen gesagt habe. Sie brauchen Regeln. Bei uns gab´s keine, meine Mom war eine Liberale und mein Dad ein Redneck. Musikalisch war das natürlich gut: Ich habe die Stones UND Johnny Cash mitbekommen. Zwei Extreme - ich musste meinen Weg selber finden. Ich bin in einem Alkoholiker-Haushalt aufgewachsen. Meine Kinder sollen es anders haben.«

Bist du religiös?

»Nein, aber ich würde schon sagen, dass ich spirituell bin. Ich habe Probleme mit organisierten Religionen - aber Spiritualität ist gut.«

So, Mike, wir sind durch...

»Mist, mir fällt jetzt noch immer nicht diese Streich-Sache ein. Ich denk noch mal drüber nach, versprochen! Vielleicht spiele ich dir ja auch noch einen Streich, haha, man weiß nie... «

Bands:
SOCIAL DISTORTION
Autor:
Onlineredaktion

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos