ToneTalk

ToneTalk 22.04.2015

MICHAEL SCHENKER - »Beim Digitalen fehlt die dritte Dimension«

NAME: Michael Schenker
BAND: Michael Schenker´s Temple Of Rock
INSTRUMENT: Gitarre

Michael Schenker ist eine Gitarren-Legende. Schon als Teenager spielte er bei den Scorpions, wurde später zum Leadgitarristen bei UFO und schließlich zum Mastermind der Michael Schenker Group. Inzwischen tourt er unter dem Banner Michael Schenker´s Temple Of Rock durch die Welt. Zu Pfingsten wird man den 60-Jährigen auf dem Rock Hard Festival sehen können.

Michael, wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen, und was war der Auslöser?

»Schon als Drei- bis Vierjähriger war ich sehr an Musik interessiert. Ich habe oft gesungen und auf Töpfen rumgeschlagen. Mit 16 Jahren hat mein Bruder Rudolf eine Gitarre zum Geburtstag geschenkt bekommen. Da war ich gerade neun Jahre alt. Damit begann alles. Ich habe Schritt für Schritt entdeckt, was man mit einer Gitarre machen kann. Mein Bruder musste schon arbeiten gehen, aber wenn er nach Hause kam, dann habe ich ihm die Sachen gezeigt, die ich tagsüber geübt hatte. Dafür hat er mich sogar bezahlt. So habe ich schon mit neun Jahren Geld als Gitarrenlehrer verdient.«

Bist du ein Autodidakt, oder hast du Gitarrenunterricht genommen?

»Ich hatte keinen Unterricht. Für mich bestand schon immer die Faszination darin, beim Spielen selbst neue Dinge auszuprobieren und zu entdecken. Das macht für mich den Reiz aus. Ich mache gerne alles selbst. Vielleicht gehe ich damit den härteren Weg, aber für mich ist es schöner, etwas selbst zu entdecken, als es gezeigt zu bekommen.«

Hattest du damals Idole?

»Ich habe mit neun Jahren begonnen, Gitarre zu spielen. Mit elf war ich in der ersten richtigen Band. Auch mit den Scorpions habe ich als Elfjähriger schon gezockt. Als ich 15 Jahre alt war und es mit Black Sabbath, Deep Purple und Led Zeppelin losging, wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Da wurde es richtig spannend. Cream, Black Sabbath, Deep Purple, Jeff Beck und Leslie West waren Bands und Musiker, die mich begeisterten. Die ganzen Gitarristen aus den späten sechziger Jahren. Mir gefiel nur Musik mit richtig gutem Gitarrenspiel. Alles andere hat mich nicht interessiert. Mit 17, 18 Jahren hatte ich instinktiv das Gefühl, dass ich aufhören muss, mir anderer Leute Kompositionen anzueignen, und stattdessen beginnen muss, mich selbst auszudrücken. Mein Instinkt leitete mich auch, sparsam mit der Musik umzugehen, um ihrer nicht überdrüssig zu werden und sie besser genießen zu können. Wenn man so etwas bis zu seinem Lebensende macht, sollte man darauf achten, sich selbst nicht zu überfüttern, weil dann die Freude daran schlimmstenfalls verschwindet. Ich kann die Musik bis zum heutigen Tag genießen.«

Übst du regelmäßig?

»Ich spiele und entdecke. Dadurch habe ich auf jeder meiner Platten neue Dinge entdeckt. Das hält einen frisch.«

Kann es vorkommen, dass du die Gitarre eine Woche lang nicht anpackst?

»Für mich gehört die Gitarre zum Tagesablauf. Ich fühle mich sehr wohl, wenn ich mich mit ihr beschäftigt habe, weil es auch eine therapeutische Wirkung hat. Man geht in eine Welt und das Hier und Jetzt hinein. Morgens ist dafür die beste Zeit, weil ich dann die beste Energie habe.«

Treibst du Sport, um dich für die Bühne fit zu halten?

»Nein. Ich bin mal eine Weile joggen gegangen, aber irgendwie ist das für mich nicht so wichtig. Ich spaziere viel und bewege mich ständig, aber nicht in einer extremen Form.«

Wie viele Gitarren besitzt du?

»Ich hatte eine ganze Menge Gitarren, bis mir einige geklaut wurden. Aktuell dürften es etwas mehr als 25 Stück sein. Ich sehe mich aber auch nicht als Gitarren-Sammler, sondern als Gitarren-Spieler. Früher hatte ich immer nur eine Haupt- und eine Back-up-Gitarre. Mehr brauchte ich nicht. Seitdem ich mit Dean Guitars kooperiere, bekomme ich regelmäßig Gitarren gebaut. Dadurch sammeln sich einige an.«

Welches ist die teuerste bzw. wertvollste Gitarre in deiner Sammlung?

»Am teuersten sind die Gitarren, die ich am längsten gespielt habe und die auf den meisten Platten zu hören sind. Zwischen 2000 und 2003 habe ich mal zwei Gitarren für jeweils 25.000 Dollar verkauft. Heutzutage würden sie für mehr weggehen. Das waren Gibsons, die ich nicht mehr brauchte, weil ich zu Dean gewechselt war.«

Welche deiner Gitarren hat einen besonderen ideellen Wert für dich?

»Ich hatte mal eine Retro-Gitarre, die ich auf meiner ersten MSG-Platte gespielt habe und die ständig kaputtgegangen ist. Kurz vor einem Auftritt in Japan brach der Hals ab. Da meine Backup-Gitarre nicht gut genug war, war ich gezwungen, auf diesem kaputten Instrument zu spielen. Die Japaner haben zwei Stunden vor dem Auftritt das abgebrochene Teil vorne und hinten mit Metall zusammengeschraubt. Die Gitarre ist mir später an einem Flughafen beim Abholen meiner Kinder abhandengekommen. Ich hatte sie stehen gelassen, um meine Kinder zu empfangen, und dann war sie weg.«

Wie wichtig ist dir das Aussehen einer Gitarre?

»Zur Flying V bin ich durch Zufall gekommen. Rudolf hatte sich eine gekauft. Er ist auf das Aussehen abgefahren, mir hingegen war es wichtiger, wie sie sich spielen lässt und klingt. Auf der „Lonesome Crow“-Platte habe ich eine Les Paul gespielt. Da war ich 15 Jahre alt. Rudolf hingegen spielte eine Flying V. Durch irgendeinen Umstand kam ich nicht an meine Gitarre heran, als ich spielen musste, und lieh mir deshalb Rudolfs Flying V aus. Dabei stellte ich fest, dass sie mit meinem 50er-Marshall-Verstärker sehr gut klingt. Es war sogar genau der Klang, den ich haben wollte. Rudolf verkaufte mir die Gitarre, und ich gewöhnte mich an ihre Form. Nach einer Weile wurde sie zu meinem Erkennungszeichen. Das war nicht geplant. Auch die schwarz-weiße Farbgebung hat sich von selbst entwickelt. Ursprünglich habe ich auf einer schwarzen und auf einer weißen Gitarre gespielt. Ich musste mir immer überlegen, welche ich zur Hand nehmen will. Irgendwann überlegte ich, mir einfach eine schwarz-weiße Gitarre als Kombination aus beiden Versionen zu machen.
Rudolf und ich sind entgegengesetzte Pole. Im chinesischen Horoskop sind wir Ratte und Pferd. Das sind sich genau gegenüberstehende Sternzeichen. Schwarz-Weiß ist ebenfalls das Entgegengesetzte. Anfang der achtziger Jahre hat mich Rudolf gefragt, ob er seine Gitarre auch schwarz-weiß designen dürfe. Ich hatte damals die Schnauze vom Business voll und wollte nicht mehr weitermachen. Ich sagte ihm, dass er übernehmen könne. Und dann stand er auch mit einer schwarz-weißen Gitarre auf der Bühne. Als er sich außerdem noch die Haare blond färbte, waren die Leute vollends verwirrt.«

Welche deiner Songs sind heutzutage noch eine Herausforderung für dich?

»Wenn wir einen Live-Set zusammenstellen, sind manchmal Stücke dabei, die ich lange nicht mehr gespielt habe und in die ich mich wieder reinfuchsen muss, bis sie wieder richtig gut laufen. Aber ansonsten gilt, dass ich nur eigenes Zeug spiele, das ich selbst entdeckt habe. Musik ist für mich kein Konkurrenzkampf oder eine Art Test. Sie ist einzig und allein künstlerischer Ausdruck, und dabei gibt es kein richtig oder falsch. Entweder man drückt sich selbst aus oder kopiert jemanden, der etwas ausgedrückt hat. Jeder Mensch, der sich ausdrückt, bringt eine Farbe in die Welt, die kein anderer hervorbringen kann. Wenn ich mich darauf konzentriere, mich auszudrücken, stülpe ich quasi mein Innerstes nach außen und mache dadurch eine Farbe verfügbar, die es so auf der Welt bisher nicht gibt.«

Gibt es Stücke von dir, auf die du besonders stolz bist?

»Für mich gibt es keine besseren und schlechteren Stücke. Man gibt in einem Moment etwas von sich, das im nächsten Moment vielleicht gar nicht mehr so wichtig ist. Es geht um die Einzigartigkeit des Moments, der sich nicht wiederholen lässt. Generell sind mir die kompletten Lieder auch nicht so wichtig. Mir geht es um die Soli. Die Leadgitarre ist das Wichtigste. Für mich besteht der Reiz darin, das Stück zu unterbrechen und mit meiner Gitarre so lange auf eine Abenteuerreise zu gehen, bis man schließlich zum Gesang zurückkehrt.
Auf einem Album gibt es keine Lieder, die mir besser oder schlechter gefallen. Für mich ist es eine Reise, die vom Anfang der Platte bis zum Ende geht.«

Gehst du in Gitarrenläden oder liest Gitarren-Magazine, um dir Inspiration zu holen?

»Nein. Ich will nicht inspiriert werden. Die Inspiration ist in mir drin«.

Und wenn es um technische Neuerungen geht?

»Was Technik betrifft, bin ich total schlecht informiert. Ich habe aber auch gar keine Lust auf Technik. Sie interessiert mich nicht. Mir geht es ausschließlich um Gehör, Musik, Sound und Schwingungen.
Kürzlich bin ich mal in einen Laden gegangen, weil mein Slide kaputtgegangen ist, und ich habe mir auch mal ein Boss-Pedal geholt, weil ich eins brauchte, aber ich gehe nie in ein Geschäft, um zu sehen, was es so gibt. Ich weiß genau, was ich haben will, wenn ich so einen Laden betrete. Ich habe schon alles, was ich brauche.
Meinen Computer brauche ich nur für das Schreiben und Beantworten von E-Mails. Mehr mache ich damit nicht. Ich gehe nie auf Internetseiten. Das ist mir nicht wichtig. Mein Bauchgefühl warnt mich, damit auch gar nicht erst anzufangen, weil ich mich darin verlieren könnte.«

Mit welchem Gitarristen würdest du dich gerne einmal unterhalten?

»Mit den Leuten, die damals fantastische Musik gemacht haben, bei der es mir Spaß gemacht hat zuzuhören. Dazu zählen  Rory Gallagher, Johnny Winter, Jeff Beck, Leslie West und Eric Clapton.
Jimmy Page habe ich mal bei einer Preisverleihung kurz getroffen. Ich ging schnell zu ihm hin, begrüßte ihn, musste dann aber auch schon weiter zu einer Fotosession.«

Spielst du auf der Bühne mit Kabel oder per Funk?

»Mit Kabel, weil da mehr Leben drin ist. Wenn ich mit Kopfhörer und Funk spielen muss, wird es für mich zum klinischen Auftritt. Dann habe ich überhaupt keinen Bezug mehr zum Sound.«

Analog oder digital?

»Auf jeden Fall analog! Der zweidimensionale, digitale Weg ist zwar schnell, aber er hat keinen Geist. Es fehlt die dritte Dimension, die man beim Analogen hat. Natürlich kann man inzwischen auch analoge Sounds am Computer nachmachen, aber beim Analogen ist eine Wärme im Spiel, die man nur schwer auf digitalem Wege hinbekommt. Es funktioniert nur hier und da – vielleicht auch, weil man sich daran gewöhnt.«

Was waren deine bisher größten Momente auf der Bühne?

»Die tollsten Momente auf der Bühne erlebe ich immer dann, wenn der Sound gut ist, unabhängig davon, ob das Publikum gut oder schlecht drauf ist. Es kann vorkommen, dass ich total super gespielt habe, aber das Publikum nicht richtig dabei war, und umgekehrt. Ein Gitarrenton inspiriert mich für den nächsten Ton. Wenn dieser erste Ton grausam klingt, werde ich schwer oder gar nicht inspiriert. Aber wenn es gut klingt, läuft es wie Butter, und ich empfinde Freude. Auf großen Bühnen macht es am meisten Spaß, weil man dort atmen kann. Bei kleineren Bühnen ist man stärker auf die vorhandene Akustik angewiesen. Das kann brutal sein, aber man gewöhnt sich dran. Ich habe das auch lange Zeit gemacht. Ich bin routiniert im Akzeptieren von Umständen. Wenn man auf einer großen Bühne steht, dann merkt man den Unterschied.«

Was möchtest du als Gitarrist noch erreichen?

»Die erste Phase meines Lebens war geprägt von meiner Entwicklung. Ich habe mit den Scorpions noch „Lovedrive“ aufgenommen und mich dann zurückgezogen, was für Rudolf die Türen nach Amerika geöffnet hat.
Die zweite Phase war mehr die Schule des Lebens. Ich habe experimentiert und Dinge getan, die aus meinem System mussten, wie z.B. die Akustik- und Elektro-Instrumentals, die ich aber nie mit Leuten wie Ozzy Osbourne oder Deep Purple hätte machen können. Ich musste in meiner eigenen Geschwindigkeit gehen. Experimente hätte ich in irgendwelchen Bands nicht machen können. Mir war es wichtig, mich weiterzuentwickeln – auch auf einer persönlichen Ebene. Das hat Spaß gemacht.
Jetzt, in der dritten Phase meines Lebens, feiere ich ab, was ich gelernt habe. Das bereitet mir viel Freude. Es geht dabei um den Rock, in den ich mich verliebt habe und der anfängt mit Led Zeppelin, Deep Purple und Black Sabbath. Das ist meine Generation Rock. Und genau diese Zeit möchte ich noch einmal nach vorne bringen und feiern, denn einer nach dem anderen verlässt den Planeten: Gary Moore, Ronnie James Dio, Jon Lord. Es wird nicht mehr lange dauern, bis diese Ära nur noch eine Erinnerung ist. Deswegen möchte ich sie im Hier und Jetzt noch so lange am Leben erhalten wie möglich und diese Zeit in vollen Zügen genießen.«


www.facebook.com/MichaelSchenkerRocks

Pic: Steve Johnston (Promo)

Bands:
MICHAEL SCHENKER
Autor:
Conny Schiffbauer

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